Die fast „allumfassende Frauenfrage“ – Themen der organisierten Frauenbewegung um 1900 | #FrauenDerBoheme

Was zeichnet die Diskussion um die historische „Frauenfrage“ aus? Wer führt diese? Wie spielen Bildung, Beruf und Bürgerinnenrechte darin ein? Und wie wirkt sie sich auf Selbstorganisation und Sozialreform von und für Frauen* aus? Mirjam Höfner vom AddF zeigt, wie die „Frauenfrage“ um 1900 den Emanzipationsgrad von Frauen* und ihren gesellschaftlichen Rollen verhandelt – ein Beitrag für das Online-Magazin mon-boheme* der Monacensia. 

Es ging um alles. Oder, rückblickend präziser formuliert: Es ging um fast alles. Die „Frauenfrage“ um 1900 war der Oberbegriff für zahlreiche zeitgenössische Themen und Praktiken, die die patriarchalen Geschlechterverhältnisse problematisierten. Denn während im Laufe des 19. Jahrhunderts gesellschaftliche Männerrollen umfassende gesetzliche Privilegien erfuhren, wurden die entsprechenden Rechte Frauen* aufgrund ihrer Geschlechtszuweisung vorenthalten.[1] Das Schlagwort der „Frauenfrage“ verhandelte den Emanzipationsgrad von Frauen* und ihren gesellschaftlichen Rollen. Insbesondere in Zeiten, in denen Frauenfeindlichkeit sogar wissenschaftlich etabliert und legitimiert worden war, waren feministische Forderungen brisant. 

Marie Stritt: Das bürgerliche Gesetzbuch und die Frauenfrage, Vortrag im Oktober 1898, online veröffentlicht in der Digitalen Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek, München. Frauenfrage #FrauenDerBoheme
Marie Stritt: Das bürgerliche Gesetzbuch und die Frauenfrage, Vortrag im Oktober 1898, online veröffentlicht in der Digitalen Sammlung der Bayerischen Staatsbibliothek, München. Frauenfrage #FrauenDerBoheme (c) https://www.digitale-sammlungen.de/de/view/bsb11127152?page=2,3 Das Digitalisat stammt aus: München, Bayerische Staatsbibliothek — Pol.g. 328 s-D 4

Mich interessiert:

  • Was thematisierte die inter-/national diskutierte sogenannte „Frauenfrage“? 
  • Gab es die eine „Frauenfrage“? 
  • War sie nicht zugleich eine „Männerfrage“ und damit eine grundlegende Problematisierung von Machtverhältnissen entlang der Kategorie Geschlecht?[2]

Die historische Frauenfrage“: (k)eine Definition

Ich beginne mit dem Versuch einer Definition der historischen „Frauenfrage“, die um 1900 erörtert wurde. Der Begriff ist eine Wortschöpfung aus dem 19. Jahrhundert.[3] Darunter diskutierten die frauenbewegten Zeitgenoss*innen – also Personen, die entweder selbst in der organisierten Frauenbewegung tätig oder an ihren Themen interessiert waren – die „ökonomischen Probleme[] des weiblichen Geschlechts“. Doch sie erhoben nicht nur eine „Brotfrage“. Die Aktivistinnen beanspruchten vielmehr, „alle Seiten der weiblichen Existenz, die rechtliche, wirtschaftliche, sittliche und politische“ gegen die von Männern* publizierten misogynen Traktate und frauendiskriminierenden Gesetzesvorgaben zu verteidigen.[4]

Louise Otto und die Frauenfrage, ca. 1885, AddF Kassel, Signatur: NL-K-08 ; 2-3/4, gemeinfrei. #FrauenDerBoheme https://www.meta-katalog.eu/Record/65374addf
Louise Otto und die Frauenfrage, ca. 1885, AddF Kassel, Signatur: NL-K-08 ; 2-3/4, gemeinfrei. #FrauenDerBoheme https://www.meta-katalog.eu/Record/65374addf

Das zeitgenössische Schlagwort zielte im weitesten Sinne auf die Frage, inwiefern der öffentliche Handlungsspielraum von Frauen* vergrößert werden könnte bzw. sollte – oder eben nicht. Ein Handlungsspielraum, der gemäß dem bürgerlichen Ideal spätestens seit der Aufklärung auf die Bereiche „Kinder, Küche, Kirche“ reduziert bleiben sollte. 

Die Diskutant*innen der historischen „Frauenfrage“ machten über die Problematisierung des (politischen) Partizipationsgrads von Frauen* deren soziale wie juridische Benachteiligung sichtbar.[5] Die teilweise stark emotionalisiert geführten Debatten entsprachen einem öffentlichen Bewusstmachungsprozess über die herrschenden geschlechtsbedingten Ungleichheiten.[6]

Insbesondere die – aus heutiger Sicht „alte“ – Frauenbewegung war eine wortführende, komplex auftretende Stimme in der „Frauenfrage“. Genauso unterschiedlich wie die Frauen* waren die Aktionen, mit denen sie die „Frauenfrage“ um 1900 bespielten: Die Zielrichtungen variierten entlang der Schwerpunktsetzungen der bürgerlichen wie proletarischen, liberalen, sozialdemokratischen, sozialistischen, kommunalfürsorgerischen, hausfraulichen, konfessionellen, kolonialen und weiteren Frauenvereine und -verbände. Diese organisierten sich seit 1865 in wachsendem und zunehmend ausdifferenziertem Maße. Eine Gemeinsamkeit aller Beteiligten war es, ihre jeweiligen aktuellen wie zukünftigen Geschlechterordnungen nach ihren je eigenen Vorstellungen und mithilfe konzertierter Aktionen und solidarisierender wie abgrenzender Bündnisse zu gestalten. 

Kurzum: Die historische „Frauenfrage“ war ein breit diskutierter wie umstrittener Oberbegriff um 1900. Unter diesem schufen die Aktivist*innen – im Rahmen der Frauenbewegung und aus ihr heraus – lebenspraktische Maßnahmen zugunsten von Frauen*. Geschichten über die sowie Analysen der „Frauenfrage“ verdeutlichen zwei Aspekte:

  • Sie machen Strategien und Möglichkeiten der zeitgenössisch benachteiligten Frauen* hin zu mehr Teilhabe sichtbar.[7]
  • Sie verweisen auf die historisch facettenreichen Konsequenzen, die (misogyne) Beharrungskräfte und ausgrenzend konzipierte Weiblichkeitskonstruktionen sowie generell hegemoniale Bestrebungen gegen das Recht auf eine selbstbestimmte(re) Lebensführung nach sich zu ziehen vermochten. 

Im Folgenden skizziere ich drei Themenschwerpunkte der historischen Debatte um 1900.

1. Bildung, Beruf & Bürgerinnenrechte. Die großen Themen der „Frauenfrage“

Der „Kampf der Geschlechter“ um 1900 wurde vor allem um die drei großen Lebensbereiche Bildung, Beruf und Bürgerinnenrechte für Frauen* geführt.[8] Aktivistinnen der Frauenbewegung forderten

  • eine gleichgestellte Mädchenschul- und Frauenbildung, 
  • adäquate Berufs- und Erwerbsmöglichkeiten für Bürgerinnen wie für Arbeiterinnen sowie
  • umfassende bürgerliche Teilhabe – zu dem aus ihrer Sicht das politische Stimmrecht und (erweiterte) Autonomierechte für Frauen* in modern konzipierten Gesellschaften dazuzählten.[9]
Grundsätze und Forderungen der Frauenbewegung, Flugblatt aus der Sammlung: Frauenfrage. Allgemeines. 1926-1932 des Deutsch Evangelischen Frauenbundes, AddF Kassel, Signatur NL-K-16 ; L-62, Rechte vorbehalten – freier Zugang. #FrauenDerBoheme
Grundsätze und Forderungen der Frauenbewegung, Flugblatt aus der Sammlung: Frauenfrage. Allgemeines. 1926-1932 des Deutsch Evangelischen Frauenbundes, AddF Kassel, Signatur NL-K-16 ; L-62, Rechte vorbehalten – freier Zugang. #FrauenDerBoheme Pdf Seite 80 https://www.meta-katalog.eu/Record/44494addf#?showDigitalObject=&c=&m=&s=&cv=&xywh=&r=

Unter letztere fiel die Forderung nach Abschaffung des § 218, der einen Schwangerschaftsabbruch (bis heute) illegalisiert, als ein Aspekt der großen „Sittlichkeitsfrage“.[10] Unter dem Schlagwort der „Sittlichkeit“ verlangten die Akteurinnen die politische Regulierung von Prostitution oder sogar das Verbot von Sexarbeit. In aller Kürze: Um 1900 war die „Frauenfrage“ Teil der durch die Industrielle Revolution entstandenen, generellen „Sozialen Frage“.[11]

Arbeiterinnen bei der Markenherstellung, Berlin um 1900, AddF Kassel, Signatur A-F2-00134, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme
Arbeiterinnen bei der Markenherstellung, Berlin um 1900, AddF Kassel, Signatur A-F2-00134, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme https://www.meta-katalog.eu/Record/7598addf

2. Selbstorganisation & Sozialreform. Frauenantworten in der Praxis

Klar ist, dass die historische „Frauenfrage“ – hier als Streben von Frauen* nach der „Macht, sich selbst zu definieren“[12] – von den beteiligten Personen unterschiedlich gestellt und beantwortet wurde. Die sozialistisch-kommunistische Wortführerin Clara Zetkin (1857–1933) kommentierte 1896, dass diese „je nach der Klassenlage […] eine andere Gestalt“ annehme.[13]

So unterschieden sich vor allem ab der Gründung des dezidiert bürgerlichen Bundes Deutscher Frauenvereine (BDF)1894 die feministischen Anliegen und Aktionen von Arbeiterinnen und Bürgerinnen. Trotz des auch streitbaren Tonfalls untereinander fanden über persönliche Beziehungen und inhaltliche Überschneidungen vielerlei gemeinsame und solidarische Aktionen der Gruppierungen – die ebenfalls je vielstimmige Ansätze zur „Frauenfrage“ formulierten – statt. Arbeiterinnen und Bürgerinnen unterschieden sich um 1900 insbesondere in ihrem lebensweltlichen Verhältnis zur Arbeit: 

  • Arbeiterinnen setzten sich gegen die grassierende Arbeitsüberlastung in ihren – meist (zu) niedrig entlohnten – Erwerbstätigkeiten zur Wehr. 
  • Bürgerinnen stritten „überhaupt erst [für] das Recht auf Arbeit.“[14]

Gemeinsam war allen Frauen das Ringen um politische Teilhabe. Ab 1850 in Preußen bzw. 1853 in Bayern war es Frauen* jeweils per Vereinsgesetz bis 1908 verboten, sich politisch zu engagieren. Frauen* durften nicht Mitglied einer politischen Vereinigung sein. Auch war die „Theilnahme von Frauen, Schülern und Lehrlingen“ an politischen Versammlungen untersagt, da „es nicht der Beruf der Frauen mit sich führe, sich mit politischen Dingen zu beschäftigen“.[15] Darum setzten die wortführenden Frauenbewegten seit den 1860ern auf eine angeblich apolitische, explizit „typisch weibliche“ und bis 1918 erfolgreiche Fürsorgestrategie, die sie unter dem Motto ‚Hilfe zur Selbsthilfe‘ in Frauenvereinen und -verbänden umsetzten. 

Alice Salomon, ca. 1900, Begründerin der Sozialen Arbeit, AddF, A-F1-00066, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme
Alice Salomon, ca. 1900, Begründerin der Sozialen Arbeit, AddF, A-F1-00066, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme https://www.meta-katalog.eu/Record/7059addf

Die „Frauenfrage“ wurde sowohl mündlich auf (öffentlichen) Vorträgen, in Diskussionen und Gesprächen als auch im schriftlichen Diskurs sowie darüber hinaus in der Praxis verhandelt. Zur historischen Jahrhundertwende schufen Frauenbewegte diverse solidarische bis sozialreformerische Frauenprojekte: In Zeitschriften, Vereinen und Verbänden bespielten die Aktivist*innen die Öffentlichkeit mit ihren Anliegen. Die Bürgerlichen entwickelten unter anderem die heutige Soziale Arbeit als angemessene „Frauenarbeit“ für eine weitgehend eigenständige Lebensführung ihrer Geschlechtsgenossinnen. Sie argumentierten mit der angeblich „sittlichen Kraft der Frau“,[16] die sie als Frauen besonders für die Arbeit in diesem Bereich qualifiziere. 

Die „geistige Mütterlichkeit“ entsprach um 1900 einer ermöglichenden Legitimationsstrategie für mehr Handlungsradius für Frauen* in einer bürgerlich-romantisierten und gesetzlich hierarchisierten Geschlechterordnung. Die Aktivistinnen erreichten sukzessive ihr Ziel: die Ausgestaltung eines öffentlichen, fachlich-spezifischen Wirkungsraums und Berufsfelds für Frauen* als Ausgangspunkt für eine selbstbestimmtere, „freiere“ Lebensführung. Mit Erfolg! 

3. Frauenantworten aus Kreisen der Boheme

Das Konzept der „geistigen“ bzw. „organisierten Mütterlichkeit“ im Bereich der Sozialen Arbeit war der Schlüssel zu mehr (politischer) Teilhabe.[17] Auch die Frauenbewegung in München erkannte die als „typisch-weiblich“ gelabelte Fürsorgepraxis als Erfolg versprechende Strategie. 

Ab 1894/96 entwickelte der Münchner Verein für Fraueninteressen unter dem Vorsitz von Ika Freudenberg (1858–1912) ein zunehmend professionalisiertes Bildungsangebot von und für Frauen* in sozialen Bereichen wie Volkswirtschaft, Krankenpflege, Kindererziehung usw.[18] Ähnlich dem Berliner Vorbild der Sozialen Frauenschule Alice Salomons brachte der zunehmend wachsende Verein die ersten bayerischen Armen- und Waisenfürsorgerinnen hervor.[19] Damit schuf er die Voraussetzungen dafür, dass Frauen* kommunale Ehrenämter, die bislang Männern* vorbehalten waren, annehmen konnten. 1910 konstatierte Freudenberg über die im reichsweiten Vergleich zwar spät initiierte, aber grundsätzlich erfolgreich organisierte bayerische Frauenbewegung:

[…W]ährend in der eigentlichen Bewegung noch immer um die primitivsten Zugeständnisse gerungen werden muß, vollzieht sich also hier in aller Stille […] der Eintritt der Frauen in den bürgerlichen Dienst, in die allgemeine Fürsorge, in die Verwaltung der öffentlichen Mittel.[20]

Das Ziel kommunalpolitischer Teilhabe erreichten auch die Münchnerinnen mit ihrer schrittweise vorgehenden Fürsorgestrategie weit vor dem nationalpolitischen Stimmrecht 1918.

Unter den Gründerinnen des Vereins für Fraueninteressen München waren neben Ika Freudenberg auch Anita Augspurg (1857–1943) und Sophia Goudstikker (1865–1924). Die beiden Lebensgefährtinnen führten das bis in die königlichen Kreise angesehene Fotostudio Elvira.[21] Sie waren für ihren ungewohnt freigeistigen und bunt-burschikosen Lebensstil auch in Kreisen der städtischen Boheme geschätzt. Künstler*innen wie Gabriele Reuter (1859–1941), Rainer Maria Rilke (1875–1926) oder Helene Böhlau (1856–1940) unterstützten ihr frauenbewegtes Vereinsprojekt.[22] Doch kurz nach Vereinsgründung verließ Augspurg die Stadt: Im Gegensatz zu Freudenberg fiel ihre damalige Antwort auf die „Frauenfrage“ weitaus lauter aus. Freudenberg dagegen lehnte Augspurgs öffentlichkeitswirksame Aktionen als zu „radikal“ ab. 

Die als zu „radikal“ bezeichnete Anita Augspurg setzte weniger auf die „spezifisch weibliche“ Vorgehensweise ihrer Mitstreiterin, sondern pochte vielmehr auf naturrechtliche Argumente. Die Juristin schrieb 1895: 

Die Frauenfrage ist zwar zum großen Teile Nahrungsfrage, aber vielleicht in noch höherem Maße Kulturfrage[, …] in allererster Linie aber ist sie Rechtsfrage, weil nur auf der Grundlage verbürgter Rechte, nicht idealer[, …] an ihre sichere Lösung gedacht werden kann. Jede andere Bethätigung ist vorschnell und verfrüht, als diejenige, welche die Vollanerkennung der Frau als gleichwertiges und gleichberechtigtes Rechtssubjekt neben dem Manne bezweckt und die Beseitigung aller für sie bestehenden Ausnahmegesetze ins Auge faßt.[23]

Kurzum: Auch die Frauen*, die sich in den Kreisen der Münchner Boheme bewegten, entwarfen möglichst autonomieermöglichende Maßnahmen sowie eigene, auch neuartige Lebenswege für Frauen* und waren damit bemerkenswert erfolgreich. Mitunter, weil die Aktivistinnen die „Frauenfrage“ um 1900 annähernd ‚allumfassend‘ als „Brotfrage“, „Klassenfrage“, „Rechtsfrage“, „Soziale Frage“, „Sittlichkeitsfrage“ etc. deuteten und vielfältig anschlussfähig – theoretisch wie praktisch – beantworteten. 

Nicht alle Frauen. Die inter-/nationale Frauenfrage“ um 1900

Die „Frauenfrage“ wurde von Beginn an im inter-/nationalen Austausch mit Gleichgesinnten diskutiert. In Anlehnung wie in Abgrenzung zueinander galt es den Beteiligten, eine adäquate Gesellschaftsposition für Frauen* in der Moderne zu entwickeln. Dabei hatte die „Frauenfrage“ zwar einen explizit universalen Anspruch, die „weibliche Existenz“ zu fördern. Doch wurde dies zeitgenössisch nicht für alle Frauen* gleichermaßen angestrebt. So verschieden wie die Forderungen von Bürgerinnen, Arbeiterinnen, Sexualreformerinnen und Abolitionistinnen wurden auch die emanzipatorischen Forderungen von Frauen* berücksichtigt. 

Karikatur zur Geschlechterordnung, Frankreich, ca. 1840, Bestand: AddF Kassel, Signatur A-F2-00065, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme
Karikatur zur Geschlechterordnung, Frankreich, ca. 1840, Bestand: AddF Kassel, Signatur A-F2-00065, gemeinfrei. Frauenfrage #FrauenDerBoheme https://www.meta-katalog.eu/Record/7530addf

In den großen inter-/nationalen Frauenbewegungsorganisationen solidarisierten sich in erster Linie weißechristliche und able bodied Frauen* mit ihresgleichen.[24] Beispielsweise fochten weiße Frauen* unter dem Schlagwort des Abolitionismus gegen internationalen Mädchenhandel.[25] Die von ihnen auch mithilfe imperialer Rhetoriken aufgeworfene „Frauenfrage“ erwähnte dagegen die Rechtskämpfe Schwarzer Frauen* in kolonialen Machtverhältnissen kaum bis gar nicht.[26]

Vertreterinnen der internationalen Frauenbewegung um 1900, AddF Kassel, Signatur A-F1-00796, Rechte vorbehalten – freier Zugang https://www.meta-katalog.eu/Record/6197addf. Frauenfrage #FrauenDerBoheme
Vertreterinnen der internationalen Frauenbewegung um 1900, AddF Kassel, Signatur A-F1-00796, Rechte vorbehalten – freier Zugang https://www.meta-katalog.eu/Record/6197addf. Frauenfrage #FrauenDerBoheme

Schließlich hatten die Wortführerinnen mit der von ihnen lancierten „Frauenfrage“ um 1900 in ihren Gesellschaftskontexten durchschlagende – wenn auch stets prekäre – Erfolge. Ihre Geschichten ermöglichen das Markieren und die Sichtbarmachung von gesellschaftspolitischen Konsequenzen, die sich aus Nicht-/Solidarisierungen mit (auch mehrfach) Marginalisierten nach sich zu ziehen vermochten.[27] So übernehme ich abschließend Gertrud Bäumers (1873–1954) Einschätzung aus dem Jahr 1933: 

Es gibt keine einengende Formel [für die „Frauenfrage“, M. H.] – weit wie der Name ist die geschichtliche Erscheinung, die er bezeichnet.[28]

Autorin: Mirjam Höfner

Mirjam Höfner, M.A., (Foto: Sonja Rode)
Mirjam Höfner, M.A., (Foto: Sonja Rode)

Mirjam Höfner, M.A., Historikerin der Frauen- und Geschlechtergeschichte, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Forschung am Archiv der deutschen Frauenbewegung (AddF) in Kassel sowie Doktorandin an der Universität der Bundeswehr München bei Prof. Sylvia Schraut. Ihr Promotionsprojekt ist eine Biografie mit dem Arbeitstitel: „Frauengeschichte/n machen. Die Liberale Dr. Dorothee von Velsen (1883–1970)“.

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Weitere Artikel des AddF hier im Blog:


Die Artikel-Serie im Online-Magazin mon_boheme zu #FrauenDerBoheme verlängert die Ausstellung Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890–1920 der Monacensia in den digitalen Raum hinein. Sie vertieft und ergänzt die Themen der damaligen Zeit um heutige literarische und wissenschaftliche Perspektiven.

Bisher erschienen sind:


[1]    Das kleine Binnen-i im vorliegenden Text übernehme ich als Quellenterminus und Selbstbeschreibung der Akteurinnen um 1900. Dagegen markiere ich mit dem genderinklusiven Asterisk, dass Geschlecht – im Sinne von Gender – sozial konstruiert wurde bzw. wird und sich auch retrospektiv aus Zu- und Selbstbeschreibungen speist.
[2]    Vgl. Karin Hausen (1994): Die „Frauenfrage“ war schon immer eine „Männerfrage“: Überlegungen zum historischen Ort von Familie in der Moderne; Vortrag vor dem Gesprächskreis Geschichte der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn am 9. November 1994, Bonn.
[3]    Sylvia Schraut: Frauenfrage, Version 08.06.2022, 09:10 Uhr, in: Staatslexikon online, 27.07.2022, unter https://www.staatslexikon-online.de/Lexikon/Frauenfrage.
[4]    Gertrud Bäumer, zitiert in Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer. Eine politische Lebensgemeinschaft, Köln/Weimar/Wien 20102, S. 79; vgl. Sylvia Schraut: Bürgerinnen im Kaiserreich. Biografie eines Lebensstils, Stuttgart 2013, S. 9; Sylvia Schraut: Frauenfrage.
[5]    Vgl. Hans Sveistrup / Agnes von Zahn-Harnack (Hg.) (2005): Bibliothek der Frauenfrage in Deutschland nach Sveistrup /von Zahn-Harnack, Erlangen.
[6]    Ulla Wischermann (2016 [1983]): Frauenfrage und Presse. Frauenarbeit und Frauenbewegung in der illustrierten Presse des 19. Jh., München, hier S. 7.
[7]    Vgl. ebd.
[8]    Vgl. Vincent Streichhahn / Frank Jacob: „Frauenfrage“ und Arbeiterbewegung, hier S. 11.
[9]    Ute Gerhard: Frauenbewegung und Feminismus. Eine Geschichte seit 1789, München 2006.
[10]  Vgl. Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse, hier S. 73.
[11]  Vgl. Sylvia Schraut: Frauenfrage.
[12]  Kerstin Wolff (2003): Stadtmütter. Bürgerliche Frauen und ihr Einfluss auf die Kommunalpolitik im 19. Jahrhundert (1860–1900), Königstein, hier S. 25.
[13]  Zitiert in: Vincent Streichhahn / Frank Jacob: „Frauenfrage“ und Arbeiterbewegung, hier S. 11.
[14]  Ulla Wischermann: Frauenfrage und Presse, hier S. 7.
[15]  Hans Delius (Hg.) (1891): Das preußische Vereins- und Versammlungsrecht unter besonderer Berücksichtigung des Gesetzes vom 11. März 1850, Berlin 1891, hier S. 33.
[16]  Iris Schröder (1995): Wohlfahrt, Frauenfrage und Geschlechterpolitik. Konzeptionen der Frauenbewegung zur kommunalen Sozialpolitik im Deutschen Kaiserreich 1871–1914, in: Geschichte und Gesellschaft. Kommunale Sozialpolitik in vergleichender Perspektive, 21. Jg., H. 3, S. 368–390, hier S. 370; Sabine Hering / Richard Münchmeier (Hg.) (2014): Geschichte der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, Weinheim/Basel.
[17]  Vgl. Irene Stoehr (1983): Organisierte Mütterlichkeit. Zur Politik der deutschen Frauenbewegung um 1900, in: Karin Hausen (Hg.): Frauen suchen ihre Geschichte. Historische Studien zum 19. und 20. Jahrhundert, München, S. 221–249, hier S. 229.
[18]  Mehr zur Person Ika Freudenberg siehe bspw. Bianca Walther (2020): „Es ist so was Lebendiges drum“ – Ika Freudenberg (1858–1912) und die Münchner Frauenbewegung, 21.09.2022 unter https://biancawalther.de/ika-freudenberg.
[19]  Vgl. Mirjam Höfner (2018): Fürsorge und Frauenfrage um 1900. Mannheim und München im Vergleich, in: ZGO, H. 166, S. 407–426, hier S. 418–-419.
[20]  Ika Freudenberg (1910): Der Anfang einer Sozialen Frauenschule, in: Frauenstreben. Veröffentlichungen des Hauptverbandes Bayerischer Frauenvereine 7, S. 102–103, hier S. 102. 
[21]  Ingvild Richardsen (Hg.) (2022): Die modernen Frauen des Atelier Elvira in München und Augsburg 1887–1908, München; Elvira Steppacher (2020): Das Atelier Elvira, die feministische Frage und August Gemmings Antwort, #femaleheritage, 21.09.2022 unter http://www.elvira-steppacher.de/blog/de/2020/11/20/das-atelier-elvira-die-feministische-frage-und-august-gemmings-antwort-bloggerwalk-femaleheritage/.
[22]  Monika Schmittner (1995): Aschaffenburg, ein Schauplatz der Bayerischen Frauenbewegung: Frauenemanzipation in der „Provinz“ vor dem Ersten Weltkrieg, Aschaffenburg; vgl. Mirjam Höfner (2021): Erinnern – so wichtig. „Mütter für den Staat“ um 1900. Die „Bayerischen Suffragetten“ und der Münchner Verein für Fraueninteressen, in: Münchner Kammerspiele. Programm, 21.09.2022 unter https://www.muenchner-kammerspiele.de/de/programm/stuecke/44-bayerische-suffragetten/4944-erinnern-so-wichtig.
[23]  Anita Augspurg (1895): So lange noch Zeit ist, in: Die Frauenbewegung, 1. Jg., Nr. 1, S. 4.
[24]  Vgl. Susanne Hertrampf (2006): Zum Wohl der Menschheit. Feministisches Denken und Engagement internationaler Aktivistinnen 1945-75, Herbolzheim; Kerstin Wolff: Prostitution um 1900 – Anna Pappritz und der Abolitionismus | #femaleheritage, in: Blog Münchner Stadtbibliothek Monacensia, 02.08.2022, unter https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/anna-pappritz-abolitionismus-femaleheritage/.
[25]  Vgl. Kerstin Wolff (2017): Anna Pappritz (1861–1939). Die Rittergutstochter und die Prostitution, Sulzbach/Taunus.
[26]  Vgl. Natascha Vittorelli (2009): Wie Frauenbewegung geschrieben wird, in: dies. / Johanna Gehmacher: Wie Frauenbewegung geschrieben wird. Historiographie, Dokumentation, Stellungnahmen, Bibliographien, Wien, S. 103–134, hier S. 127.
[27]  Vgl. ebd., hier S. 120–121.
[28]  Gertrud Bäumer 1933 über die „Frauenbewegung“, zitiert in: Angelika Schaser: Helene Lange und Gertrud Bäumer, S. 79.


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

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