Margarethe Faas-Hardegger – Schweizer Frauenrechtlerin und Anarchistin in München-Schwabing

«Schwabinger Geist», revolutionäres Potenzial der Psychoanalyse und Prostitution: Margarethe Fass-Hardegger und ihr Kampf als Gewerkschafterin gegen das Elend der Proletarierinnen. Welche Rollen nehmen Erich Mühsam und Gustav Landauer in ihren Forderungen für die Abschaffung der Ehe, der freien Liebe und freien Mutterschaft ein? Das untersucht die Historikerin Regula Bochsler für das mon_boheme-Magazin* der Monacensia zur Ausstellung #FrauenDerBoheme.

Die Sozialistin Margarethe Hardegger (1882–1963) fotografiert im Münchner Atelier Veritas, 1909, Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv. #FrauenDerBoehme
Die Sozialistin Margarethe Hardegger (1882–1963) fotografiert im Münchner Atelier Veritas, 1909, Quelle: Schweizerisches Sozialarchiv. #FrauenDerBoehme

Glaubt man den Zeitgenossen, so bezeichnete München-Schwabing vor dem Ersten Weltkrieg nicht einfach einen Stadtteil, sondern einen «Geisteszustand». Dem Anarchisten Erich Mühsam zufolge strömten hier Maler und Modelle, Dichter, Freigeister, Nichtstuer und entlaufene höhere Töchter zusammen: Sie bildeten eine «unsichtbare Loge des Widerstandes gegen die Autorität der herkömmlichen Sitten».

Margarethe Faas-Hardegger – Frauenrechtlerin und Gewerkschafterin

Im Sommer 1909 verbrachte auch Margarethe Faas-Hardegger einen Monat in der Münchner Boheme. Es war eine Zeit des Umbruchs für sie. Ihre bisherige Existenz lag in Scherben und sie war unendlich erschöpft.

Als erste Arbeitersekretärin des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes

  • gab sie seit 1905 mit Die Vorkämpferin und L’Exploitée (Die Ausgebeutete) zwei sozialistische Frauenzeitschriften heraus,
  • hatte sie unzählige Artikel für die Arbeiterpresse geschrieben,
  • fünf internationale und Dutzende nationaler Konferenzen besucht und
  • fast fünfhundert Vorträgen gehalten, um Industriearbeiterinnen, Heimarbeiterinnen und sogar Dienstmädchen zum Eintritt in die Gewerkschaft zu bewegen.

Als Rednerin war sie bei den Arbeiterinnen äußerst beliebt, und sogar ihre politischen Feinde attestierten ihr «ein sehr gutes Mundwerk». Doch vielen Genossen war die junge, gut gebildete Frau zu radikal. Sie war bekennende Antimilitaristin, wollte das «veraltete und schädliche System der Privat-Produktion», das aus Menschen «Ausbeuter und Schädiger» macht, durch den «Communismus» ersetzen. Sie verkehrte mit Anarchisten und russischen Blaustrümpfen, die in der Schweiz studierten und sich der «Emancipation» verschrieben hatten.

Je mehr Margarethe Faas-Hardegger über das Elend der Proletarierinnen erfuhr, desto mehr wurde ihr klar, dass es mit den klassischen Forderungen der Arbeiterbewegung nicht getan war. Stattdessen griff sie Themen auf, um welche die Genossen einen weiten Bogen machten, zum Beispiel

  • häusliche Gewalt oder
  • der Umstand, dass die Frauen «unter der ständigen Drohung eines weiteren Kindes» leben mussten und bei einer Schwangerschaft zu Abtreibungsmethoden griffen, «die immer wieder zum Tod unter grässlichsten Schmerzen führen.»

Die Gewerkschaften, so ihre Forderung, müssten Beratungsstellen einrichten, um die Genossinnen sexuell aufzuklären und ihnen Zugang zu Verhütungsmitteln zu verschaffen. Die anderen Gewerkschaftsfunktionäre waren empört:

Ein aufrechter Genosse will mit solchen Dingen nichts zu tun haben.[1]

Im September 1908 brachte ein Vortrag in Bern das Fass zum Überlaufen. Margarethe Faas-Hardegger sprach nicht nur über Empfängnisverhütung, zum ersten Mal propagierte sie die Abschaffung der Ehe:

Die heutige Frau braucht keine Ehe mehr. Sie kann für sich selber sorgen. Die Ehe bringt ihr nur Leiden und Knechtschaft.[2]

Die Presse überschlug sich vor Entrüstung, und die sozialistische Partei erklärte, Familienplanung sei «Selbstmord» der Arbeiterklasse:

Wenn es einzelnen Freude macht, sich selber zu Eunuchen zu degradieren, so mute man diese Feigheit wenigstens nicht der Klasse als Ganzem zu![3]

«Schwabinger Geist», Sozialistischer Bund und Prostitution

Im Vergleich zur Kleinstadt Bern weht in Schwabing ein freizügigerer Wind. Hier will Margarethe Faas-Hardegger zusammen mit Erich Mühsam eine Ortsgruppe des Sozialistischen Bundes gründen. Sie hat im August 1908 den Anarchisten Gustav Landauer nach Bern eingeladen, und sein Vortrag wurde für sie «ein heiliges Ereignis». Sie verliebte sich in den zwölf Jahre älteren, verheirateten Mann – und er erwiderte ihre Gefühle. Am nächsten Tag begleitete sie ihn nach Zürich, wo er ebenfalls einen Vortrag hielt, und lernte Mühsam kennen. Dieser war aus Ascona angereist, wo er im vegetarischen Sanatorium auf dem Monte Verità – er nannte es abschätzig «Salatorium» – eine Kur machte.

Anschließend reisten die Verliebten ins Berner Oberland und schmiedeten Pläne für eine neue politische Organisation. Sie kamen sich auch sonst näher. Wenig später schwärmte Landauer in einem seiner vielen Briefe, ihre Sinnlichkeit sei …

… der lebendigste, der stärkste Ausdruck für den Geist, der in uns eins ist, den wir in uns lieben. War es doch Sinn so gut wie Seele und Geist, was uns im ersten Moment zueinander geführt hat, im Halten unsrer Hände, im Blick unsrer Augen, in Deiner Stirn, die ich halten und streicheln durfte, auf unsern Wegen über die Berge.[4]

Die Mund-zu-Mund-Propaganda in Schwabing war erfolgreich. Als Erich Mühsam die Veranstaltung eröffnet und die Rednerin ankündigt – zum Schutz vor Polizeispitzeln unter ihrem Pseudonym Mark Harda –, füllen rund zweihundert Männer den Saal. Doch Margarethe Faas-Hardegger weigert sich zu reden, solange keine einzige Frau im Publikum anwesend ist. Rasch holt ein Anarchist aus einer nahe gelegenen Kneipe vier Prostituierte, indem er ihnen Freibier verspricht – und die Rednerin erklärt «das Gewerbe der Prostitution als notwendig». Sie versichert den Anwesenden, es stehe «auf derselben Höhe wie jede andere Lohnarbeit, die ja auch nichts anderes als Prostitution vor dem Kapitalismus ist.»[5]

Ihr Auftritt kommt gut an. Eine Woche später wird die Gruppe Tat aus der Taufe gehoben.

Psychoanalyse, freie Liebe und freie Mutterschaft

Margarethe Faas-Hardegger lässt sich vom Schwabinger Geist anstecken. Bald teilt sie mit Mühsam, der sie «ein blühendes, begehrenswertes Weib» findet, «Meinungen und Lager». Sie geht ein Verhältnis mit dem «Nervenarzt» Arthur Ludwig ein. Zudem lernt sie den kokainsüchtigen Freud-Schüler und bekennenden «Sexualimmoralisten» Otto Gross kennen. Dieser will mithilfe der Psychoanalyse das verhasste Patriarchat aus den Angeln heben. Laut einem seiner Jünger träumt Gross davon, dass die «komplexfreien Menschen» künftig «in Gruppen zu viert, zwei Männer, zwei Frauen, zusammenleben», um «jede Art von Verdrängung radikal zu beseitigen». Dann trete ein «paradiesischer Zustand» ein, «wo es weder ‹Vater› noch ‹Mutter›, weder ‹Söhne› noch ‹Töchter› gäbe, denn alle Kinder würden der Gemeinschaft gehören».

Erich Mühsam – und wohl auch Margarethe Faas-Hardegger – glaubt an das revolutionäre Potenzial der Psychoanalyse: Sie verursache «Chaos» im Geist, sodass man «auf dem umgepflügten Boden die Saat neuer Gedanken und Begriffe leicht einpflanzen» könne. Doch Landauer, der Gross für einen «verrückten Verbrecher» hält, will nichts davon wissen. Er lehnte es ab, im Organ des Sozialistischen Bundes einen Artikel zu veröffentlichen, in dem Margarethe Faas-Hardegger – inspiriert von Gross – das Recht der Frauen auf freie Sexualität und freie Mutterschaft forderte: Jede Frau soll so viele Kinder haben, wie sie wünscht, von Vätern, die sie sich frei aussucht.

Landauer fand den Artikel «ein Gemische aus sozialdemokratischem Proletarismus und zuchtlosem Dilettantismus». Er warf Margarethe Faas-Hardegger vor, sie habe sich von «ausschweifend verrückt gewordene Marxisten» anstecken lassen.» Besonders «widerwärtig» fand er die Vorstellung, die «Gesamtheit» werde für diese Kinder von unbekannten Vätern sorgen. Seither sind seine Briefe, wie sie später schreibt, voll von «Vorwürfen, Bestürmungen, Klarstellungen». Während ihrer Zeit in München fühlt sie sich «so tastend, so unsicher», dass sie ihm kaum noch schreibt. Trotzdem – oder vielleicht gerade deswegen – organisiert sie mit Mühsam eine Veranstaltung, an der Landauer reden soll. Er sagt in letzter Minute ab.

Ein Jahr später, am 22. Juni 1912, stehen Mühsam und mehrere Mitglieder der Gruppe Tat vor Gericht. Man wirft ihnen vor, einem «Geheimbund» anzugehören, der gegen Staat, Kirche und Polizei hetze und «Höllenmaschinen» gebaut habe, um «Attentate gegen die Polizei und gegen fremdes Eigentum zu verüben.»[6]

Gustav Landauer und Margarethe Faas-Hardegger treten als Zeugen auf. Während er sich distanziert und Mühsam als naiven Utopisten hinstellt, der den «Abschaum» der Gesellschaft für die Revolution rekrutieren wollte, hält sie standhaft zum Angeklagten. Sie beteuert, er verfolge seine politischen Ziele «nur mit friedlichen Mitteln». Die Prostituierten habe er «aus vollständig ernsthaften Motiven eingeladen», und diese hätten rasch gemerkt, «dass bisher niemand so anständig zu ihnen gesprochen und mit ihnen verkehrt hatte wie die Anarchisten».

Als der Staatsanwalt ihr vorhält, sie huldige doch der freien Liebe, entgegnet sie schlagfertig:

Ich denke, Herr Staatsanwalt, dass Liebe niemals unfrei sein kann![7]

Vor dem Gerichtsgebäude entlädt sich Landauers ganzer Unmut über ihre emanzipatorische Radikalität. Abends beklagt sich Mühsam in seinem Tagebuch über:

Landauers schulmeisterliches Benehmen gegen Margarethe Faas, die er vor soundsovielen Menschen […] ganz pedantisch über die Tonart zurechtwies, in der sie mit ihm zu reden habe.[8]

Margarethe Faas-Hardegger hat sich wortlos entfernt, und niemand hat sie zurückgehalten. Der Geist von Schwabing hat die ehemals Verliebten endgültig entzweit.

Autorin: Regula Bochsler

Die Historikerin Regula Bochsler. Foto: Julian Sarasin
Die Historikerin Regula Bochsler. Foto: Julian Sarasin

Regula Bochsler ist Historikerin, lebt und arbeitet in Zürich freiberuflich als Autorin und Ausstellungsmacherin. Sie war maßgeblich beteiligt an Entwicklung und Realisierung von: Einfach Zürich (2019); Wertes Fräulein, was kosten Sie? – Prostitution in Zürich 1875–1925 (SNM, 2004); Und führe uns nicht in Versuchung. 100 Jahre Schweizer Werbefilm (Museum für Gestaltung Zürich, 1998). Sie publiziert regelmäßig in NZZ Geschichte und schreibt für private Auftraggeber Familien- und Firmengeschichten.

Neben der Biografie von Margarethe Faas-Hardegger sind ihre wichtigsten Bücher:

  • The Rendering Eye. Urban America Revisited (2013).
  • Leaving Reality Behind. etoy vs eToys.com & other battles to control cyberspace (2002).
  • Dienen in der Fremde, Dienstmädchen und ihre Herrschaften in der Schweiz des 20. Jahrhunderts, Zürich 1988.

Im Oktober 2022 erscheint ihr Buch: Nylon und Napalm. Die Geschäfte der Emser Werke und ihres Gründers Werner Oswald.

Literatur

  • Regula Bochsler: Ich folge meinem Stern. Das kämpferische Leben der Margarethe Hardegger, Zürich 2004.
  • Erich Mühsam: Tagebücher, hrsg. v. Chris Hirte und Conrad Piens, Berlin 2011–2019, abzurufen unter www.muehsam-tagebuch.de/tb/index.php
  • Gustav Landauer: Sein Lebensgang in Briefen, hrsg. v. Martin Buber unter Mitwirkung von Ina Britschgi-Schimmer, Frankfurt 1929.

[1] Arnold Calame, Sekretär des Schweizerischen Gewerkschaftsbundes, Sitzungsprotokoll des Bundeskomitees.
[2] Margarethe Hardegger anlässlich des Vortrags «Die freie Liebe» vor dem Internationalen Arbeiterverein Bern, zitiert nach: Vortrag über «freie Liebe», in: Berner Tagblatt, 19. September 1908.
[3] «Der Malthusianismus», in: Berner Tagwacht, 26.9.1908.
[4] Gustav Landauer an Margarethe Faas-Hardegger, 2. September 1908.
[5] Anarchistische Narrheiten & Münchner Justiz, in: Grütlianer, 2. Juli 1910.  
[6] Der Münchner Anarchistenprozess, in: Berliner Tageblatt, 29. Juni 1910.
[7] Ein Anarchistenprozess, in: Vorwärts, 28. Juni 1910.
[8] Erich Mühsam, Tagebuch, 28.8.1910.


Die Artikel-Serie im Online-Magazin mon_boheme zu #FrauenDerBoheme verlängert die Ausstellung Frei leben! Die Frauen der Boheme 1890–1920 der Monacensia in den digitalen Raum hinein. Sie vertieft und ergänzt die Themen der damaligen Zeit um heutige literarische und wissenschaftliche Perspektiven.

Bisher erschienen sind:


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

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