Die Pfeffermühle heute: Ein Text über das Vergessen | #ErikaMann

„Und ich glaube, daß das das beste war an uns, daß wir antifaschistisch wirkten ohne je belehren zu wollen.“

Dieses Resümee zog Erika Mann im Gespräch mit Fritz Raddatz 1968 rückblickend auf das von ihr gegründete Kabarett die „Pfeffermühle“. Ihre Texte inspirierten bis heute Künstlerinnen. Katrin Freiburghaus, die mit ihren Künstler-Kolleginnen in der Monacensia „Erika, die Kronprinzessin“ aufführte, schickt uns diesen berührenden Text zur Vernetzungsaktion #ErikaMann

Die Drei Erikas Backstage in der Monacensia. Pfeffermühle im Heute. Foto: Andreas Sebastian Müller.
Die Drei Erikas Backstage in der Monacensia. Pfeffermühle im Heute. Foto: Andreas Sebastian Müller.

Die Pfeffermühle und ihr Einfluss bis heute

Am 1. Januar 1933 hatte Erika Mann in der Münchner Bonbonniere – in unmittelbarer Nähe des Hofbräuhauses – ihr politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ eröffnet. Erstmals in der Geschichte des Kabaretts lag hierbei jede Verantwortung in den Händen einer Frau und es war zudem ein antifaschistisches Kabarett. Erika Mann trat mit der „Pfeffermühle“ für Freiheit und Demokratie ein und ging frontal in den kabarettistischen Widerstand gegen die Nationalsozialisten.

Im Rahmen des Begleitprogramms zur Erika Mann-Ausstellung haben wir uns die Frage gestellt: Wie sieht es mit jungen Kabarettistinnen heute – knapp 90 Jahre nach Erika Manns Gründung der „Pfeffermühle“ aus? Was sind die Themen? Mischen sie sich politisch ein? Engagieren sie sich ähnlich für Werte der Freiheit und Demokratie?

Und wir können sagen: Es sieht gut aus! Exklusiv für das Erika Mann-Begleitprogramm konnten wir drei großartigen Autorinnen, Kabarettistinnen und Poetry-Slammerinnen gewinnen: Fee Brembeck, Meike Harms und Katrin Freiburghaus.

In ihrem Kabarett-Programm „Erika, die Kronprinzessin“ (19.02.2020 Premiere in der Monacensia, 20.05.2020 in der Stadtbibliothek Neuhausen) setzen sie sich mit Erika Manns konsequenten Eintreten für Freiheit und Demokratie auseinander, zeigen aber zugleich wie erschreckend aktuell Erika Manns Texte und Anliegen heute wieder sind. 

Die Premiere des Kabarett-Abends am 19. Februar fiel mit dem rassistischen Anschlag in Hanau zusammen. Wir gedenken der Opfer und ihrer Angehöriger. Auch ihnen möchten wir diesen bewegenden und wichtigen Text von Katrin Freiburghaus widmen.

"Erika, die Kronprinzessin" - Kabarettaufführung von Katrin Freiburghaus, Fee Brembeck und Meike Harms - die Pfeffermühle heute neu interpretiert.
„Erika, die Kronprinzessin“ – Kabarettaufführung von Katrin Freiburghaus, Fee Brembeck und Meike Harms – die Pfeffermühle heute neu interpretiert.

Es kann niemand behaupten, es ginge ihn nichts an“

Als ich neulich ein Hotelzimmer betrat, roch es darin nach Parfum. Frühlingsblumen.
Es war nicht mein Parfum. Ich bin allergisch auf alle Frühlingsblumen und auf fast alle Parfums.

Als ich am Abend einschlief, war der Geruch verschwunden
und mit ihm der Gedanke daran, wer wohl vor mir in diesem Zimmer gewohnt haben mochte.
Es war erstaunlich, wie schnell das ging.
Und ich frage mich, wovon es abhängt, wie schnell das geht.
Und ob es sein kann, dass vom Gewesenen dann gar nichts übrigbleibt.

Vielleicht ging es so schnell, weil ich die Person aus meinem Hotelzimmer nicht kannte. Womöglich war sie mir deshalb nicht wichtig.
Womöglich ist es momentan deshalb auch vielen Menschen nicht wichtig, wenn vor der Grundschule Wahlplakate hängen, auf denen ein Mädchen Kopftuch trägt, darunter ein Slogan: Derart bekleidet habe sie in deutschen Schulen nichts verloren.

Die Passanten passieren – und vergessen. Weil sie vielleicht keine Mädchen kennen. Oder keine Schulen. Sie gehen vorbei und vergessen den modrigen Beigeschmack, der sich beim Anblick immerhin kurz auf ihre Zungen gelegt hat ob solch plakativen Verstoßes gegen das Recht auf Religionsfreiheit.

Der Geschmack löst sich auf.
So wie der Geruch von sechs Jahren Weltenbrand,
der durch alle Häuser dieses Landes zog und doch so leicht geworden ist, dass er vollständig verfliegt und ihn immer mehr unter uns immer gründlicher vergessen. Sind 80 Jahre genug, wie es sogar in Plenarsälen gefordert wird?

Vielleicht…
weil wir keinen kennen, der Soldat wurde, ob er das wollte oder nicht.
Keine kennen, die Soldaten gebären sollte, ob sie das wollte oder nicht.
niemanden kennen, der nicht leben durfte aus Gründen, die unbegreiflich bleiben.

Der Wind, der die Erinnerung von unseren Zungen und aus unseren Zimmern weht, ist rau. Er weht scharf von rechts. Er riecht nach Maßanzügen und aufgesetzter Bürgerlichkeit und ist doch kein frischer, wie er selbst behauptet; kein Wind des Wandels oder der Wende; sondern derselbe, der schon einmal hier wehte.

Dieser Wind bringt heute wie damals nichts mit. Er dreht nur die Dinge, die er vorfindet, in eine andere Richtung.
Die Wertevorstellungen in den Köpfen,
die Kameras auf den Podien,
die Fähnlein auf den Dächern der Amtsstuben.
Erika Mann hat 1938 ein ganzes Buch vollgeschrieben über die Macht dieses Windes: Darüber wie er zehn Millionen Kindern den Kopf verdrehte, bevor sie wussten, wer sie waren; auf das sie für ihren Führer marschieren und keine Gnade kennen würden.

Sie erzählt darin von der Geistlosigkeit, mit der die Jugend auf Linie gebracht wurde; einer Geistlosigkeit, von Hitler persönlich verfügt. Der junge Mensch solle „beim Verlassen seiner Schule nicht ein halber Pazifist, Demokrat oder sonst was“ sein, sondern „ein ganzer Deutscher“.

Kein Gutmensch also.
Kein Träumer, der flüchtende Menschen in Sicherheit statt auf dem Meeresgrund wissen will.
Und schon gar kein Schaf.

Denn er entscheide sich, Wolf zu sein! Sagt ein Landtagsabgeordneter des thüringer Landtages.
Ein Geschichtslehrer.
Einer, der weiß…
Einer, der weiß, wer dasselbe lange vor ihm schon einmal für ein ganzes Land entschied.

Im Literaturunterricht lief damals das Propagandablatt „Stürmer“ Heinrich Heine den Rang ab, Wissenschaft wich Lehren über Rasse und deutsches Übermenschentum. Mit denselben Methoden versucht sich der Wind heute an Erwachsenenbildung: Den Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und die Printmedien nennt er „Lügenpresse“. Er würde sie gerne abschaffen. Genau wie Migranten und politische Gegner, mit denen er „aufräumen“, die er „an die Wand stellen“, „entsorgen“ oder „erschießen“ will.
Er hofiert „alternative Medien“. Märchenerzähler also. Die von der jüdischen Weltverschwörung bis zur Fernsteuerung Angela Merkels durch außerirdische Reptiloide alles bereitstellen, solange es der Windstärke dient.

Und für jene, denen das Vergessen trotzdem nicht gelingt?
Die den beißenden Brandgeruch zwischen Bügelstärke und Aftershave bemerken?
Ihnen soll die Bagatellisierung dabei helfen, dass sie zumindest an verbrannte Kohlen denken statt an Körper. An Lagerfeuer statt Krematorien.

Wie schafft man das, dass es nicht mehr grausam klingt? Indem man die Nazis einen „Vogelschiss in 1000 Jahren deutscher Geschichte“ nennt.
Indem man sein Hausverbot im ortsansässigen Fitness-Center mit dem Holocaust vergleicht.
Indem man auf Großdemonstrationen von „Parasiten“ faselt, die „in Gräben geworfen“ gehörten, und damit Menschen meint.

Es kann niemand behaupten, es ginge ihn nichts an, wenn Abgeordnete in den Parlamenten dieses Landes rassistische Anfragen stellen…
zur Nationalität von Schaupielern.
zur Fehlbildungsrate bei Zuwanderer-Kindern.
zu Vornamen von Straftätern.

Wenn dieselbe Partei, der diese Menschen angehören, Schüler dazu auffordert, Lehrpersonal zu denunzieren, wenn es sich gegen Rassimus positioniert.
Wenn sie Musliminnen pauschal als „Kopftuchmädchen“ diskriminiert und abqualifiziert,
und wenn sie über mehr als 40 Prozent der Münchner Bevölkerung den Stab bricht, indem sie erklärt, „Migration und Sicherheit pass[t]en nicht zusammen“.

Was all das mit mir zu tun hat, habe ich begriffen, als mich mein Kind fragte, was „die eigentlich wollen“.
„Dass du allein in deiner Klasse sitzt“, habe ich gesagt.
„Dass keiner deiner Freunde in diesem Land lebt“, habe ich gesagt.
„Das wollen die.“
Und sie sagen es jeden Tag offener. Sie beschwören eine deutsche Überlegenheit auf Grundlage von Stammbäumen und Herkunft, was genauso dumpf ist wie Rassenlehre – aber nicht verboten.

Wer widerspricht, wird beleidigt, bedroht, diffamiert. Das ist ermüdend.
Aber wer schweigt, lässt alle im Stich, die schon längst keine Wahl mehr haben, ob sie sich zu dieser Erosion verhalten wollen oder nicht.
Die sich verhalten müssen, obwohl ihnen das Grundgesetz das Gegenteil garantiert.
Die sich verhalten müssen – jeden Tag – weil sie gemeint sind:
mit den Angriffen auf ihre Herkunft,
ihre Unversehrtheit,
ihre Würde.

Wir haben der Generation, die Stück für Stück erlebte, was Stürme von rechts übrig lassen, etwas voraus: Ihre Erinnerungen.
Sie hat eine Orkanwarnung für uns hinterlassen, damit das Gewesene nicht verfliegt wie der Geruch von Frühlingsblumen in Hotelzimmern und brennenden Leichenbergen über Konzentrationslagern.
Diese Erinnerungen sind kein Ballast, sondern ein Vorteil. Nutzen wir ihn.

Autorin: Katrin Freiburghaus

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Wir danken Katrin Freiburghaus, die uns im Rahmen der Vernetzungsaktion #ErikaMann einen ihrer beeindruckenden Bühnen-Texte zur Verfügung gestellt hat. Der Text hat eine große politische Aktualität und Relevanz. 

Katrin Freiburghaus studierte Germanistik und Skandinavistik in München. Sie arbeitet als freiberufliche Journalistin – als Sportjournalistin im genau zu sein – unter anderem für die Süddeutsche Zeitung. Und wenn sie nicht über Sport schreibt, dann denkt sie sich eigene Geschichten aus und verfasst Gedichte, die Sie auf der Bühne vorträgt.

Das Ergebnis singt und liest die gebürtige Berlinerin seit 2015 auf Bühnen im deutschsprachigen Raum mit Schwerpunkt Bayern vor. Dabei wechseln sich Geschichten über linguistisch relevantes Obst, Rebellion und das schöne Gefühl, gut gelaunt schlechten Kuchen zu essen, mit Liedern zwischen Weltraum, Europa und Keksrezepten ab. Die Autorin hat Germanistik und Skandinavistik in München studiert, wo sie lebt und arbeitet. Die Kinder in ihren Liedern und Texten sind echt.

Sie ist auf auf Instagram (Keks_und_Frieden) und Facebook zu finden.


Vernetzungsaktion #ErikaMann (16. – 27. März 2020)

Ihr könnt bei der Vernetzungsaktion mitlesen und Euch mit den Teilnehmenden vernetzen und austauschen, gerne auch mitdiskutieren. Die Aktion dokumentieren wir mehrfach:

Gastbeiträge im Blog zum Thema:

Der nächste Blogpost erscheint am 29. März 2020.


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Kommentar zu “Die Pfeffermühle heute: Ein Text über das Vergessen | #ErikaMann

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