„Beteiligt Euch, es geht um Eure Erde!“
Die Erika-Mann-Ausstellung in der Monacensia

Erika Mann wollte nie politisch werden – das sei ein Privileg der Experten, schreibt sie in „Ausgerechnet Ich“. Es kam anders. Die Bedrohung der Weimarer Demokratie durch die Nationalsozialisten politisierte die Tochter von Thomas und Katia Mann. Was aber löste diese Wende konkret aus? Welche Mittel ergriff sie im Namen der Demokratie und Freiheit? Das beleuchtet und vertieft die Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Sprecherin“ in der Monacensia im Hildebrandhaus. Es passiert aber noch viel mehr – unser Blick hinter die Kulissen!

Wir freuen uns sehr, Euch zur ersten Erika-Mann-Einzelausstellung überhaupt einzuladen. Diese setzt den Geist der zwei vorausgegangenen Ausstellungen – „Evas Töchter“ und „Dichtung ist Revolution“ – fort: die entschiedene Haltung zur Demokratie.

Ein Blick in die Ausstellung „Dichtung ist Revolution“

Allen Protagonistinnen und Protagonisten der drei genannten Ausstellungen ist gemein, dass sie selbst, ihre Werke und ihre Meinungen durch die Nationalsozialisten aus dem kollektiven Gedächtnis gelöscht werden sollten, weil sie den Mut hatten, zu streiten, Gegebenes zu hinterfragen und nicht hinzunehmen. Manche überlebten den Terror nicht, manche sind trotz hoher Popularität zu Lebzeiten tatsächlich heute so gut wie vergessen. Und doch gibt es Spuren von ihnen. Diese gilt es in der Monacensia und in vielen anderen Archiven und Bibliotheken zu entdecken. Darauf verwies Anke Buettner, Leiterin der Monacensia, in ihrer Rede zur Eröffnung der Ausstellung.

Und genau damit starteten die ersten Recherchen. Für die Erika-Mann-Ausstellung schöpfte die Kuratorin Irmela von der Lühe, begleitet von Monacensia-Expert_innen, aus der großen Fülle von Texten, Manuskripten, Briefen und Fotos. Sie wählte diejenigen Materialien aus, die Erika Manns konsequente Haltung zu Freiheit und Demokratie dokumentieren. Selbst das mit Erika Manns Wirken vertraute Team war von der erschreckenden Aktualität ihrer Aussagen überrascht. Mit diesen sehr gegenwärtigen Bezügen der Ausstellung zu aktuellen Debatten und Fragestellungen beschäftigt sich auf vielfältige Weise das umfangreiche Begleitprogramm vor Ort und digital.

Das Digitale ist zweifach präsent:

  1. in der Ausstellung via QR-Codes: Damit binden wir als Vertiefungsebene Dokumente aus monacensia-digital ein – unsere digitale Datenbank mit den Nachlässen der Geschwister Erika, Klaus und Monika Mann
  2. im Social Web über den Hashtag #ErikaMann, dazu weiter unten mehr.

Folgendes Zitat Erika Manns kann als Leitmotiv der Ausstellung betrachtet werden:

Meine Sicht der entscheidenden Themen der modernen Gesellschaft ist eher emotional als intellektuell – nicht dogmatisch, sondern menschlich. …
Das einzige „Prinzip“, an das ich mich halte, ist mein hartnäckiger Glaube an einige grundlegende moralische Ideale – Wahrheit, Ehre, Anstand, Freiheit, Toleranz.

Erika Mann, Ausgerechnet Ich, 1943.

Es erwartet Euch eine engagierte und kämpferische, vom Zeitgeschehen geprägte Frau, die fasziniert und Denkprozesse fürs Hier und Heute auslöst.

Erika Mann und die Monacensia

Eine Ausstellung zu Erika Mann in der Monacensia, dem literarischen Gedächtnis der Stadt München, ist konsequent. Die Monacensia ist eine vielbeachtete Forschungsstelle zur Familie Mann. Allein die Nachlässe von Erika und Klaus Mann umfassen rund 90.000 Seiten. 48 Archivkästen enthalten den literarischen Nachlass von Erika Mann, darunter:

  • 5640 Briefe,
  • annähernd 600 Manuskripte,
  • rund 100 biographische Dokumente,
  • über 500 Fotos,
  • 140 Bücher aus der Originalbibliothek.

Wie entsteht aus dieser schier unglaublichen Fülle an Dokumenten eine Ausstellung, noch dazu, wenn nur 75 Quadratmeter in einer denkmalgeschützten Villa als Ausstellungsfläche zur Verfügung stehen? Noch dazu, wenn Jugendliche für die Person und ihr Engagement begeistert werden sollen und zugleich Forscher_innen und Expert_innen bisher kaum bekannte Archivalien präsentiert bekommen sollen?

Es gäbe viele fesselnde Geschichten zu erzählen. Gerade deswegen ist die Kunst der Reduktion gefragt – das ist oft schmerzhaft, aber notwendig. Damit geht zwangsläufig eine Gewichtung einher. Klar war schnell, dass Erika Mann als die politische Stimme der Familie Mann präsentiert wird. Es geht ganz konkret um …

Erika Mann als Kabarettistin, Kriegsreporterin und politische Sprecherin

Erika Mann als Pierrot in der „Pfeffermühle“, 1934
Quelle: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia

Die Monacensia stellt Erika Mann als eigenständige Person der Zeitgeschichte vor und lässt sie in eigenen Worten sprechen. Gesellschaftliche und politische Umbrüche prägten ihr Leben und ihren beruflichen Werdegang. So war sie zum Beispiel die erste Frau, die ein Kabarett gründete und leitete, noch dazu ein antifaschistisches. Als Kriegsreporterin und politische Sprecherin kämpfte sie für Demokratie und Freiheit. Scharfsinnig beobachtete und schrieb Erika Mann über gesellschaftspolitische Entwicklungen und nahm aus der Perspektive der Exilantin den Alltag in Nazi-Deutschland ins Visier. Wie vehement sie für ihre Überzeugungen eintrat, zeigt Euch die Ausstellung.

Ihrer Persönlichkeit könnt Ihr anhand der Zitate und Hörstationen in der Ausstellung näherkommen. Es lohnt sich, mehrfach vorbei zu schauen, ein wenig Zeit mitzubringen, Puzzlesteinchen für Puzzlesteinchen zusammenzusetzen. Dazu möchten wir herzlich einladen. Das Begleitprogramm motiviert zu einem Brückenschlag in unsere Gegenwart.

Freche Kinderbande und Neue Frau

In sieben Stationen stellen wir den Werdegang der ältesten Tochter Thomas Manns vor. Es beginnt mit einem kompakten, aber eindrücklichen Abriss ihrer Kindheit. Die Mann-Kinder mit der „Herzogparkbande“ in München Bogenhausen sorgten für Unruhe und Empörung. Gerade so schaffte Erika das Gymnasium und widmete sich anschließend der Schauspielerei.

Ein Blick in die Ausstellung

Sie führte zunächst das Leben einer privilegierten und behüteten jungen Frau, die sich selbst zur „tanzenden Generation“ der 1920er Jahre zählte. Dabei verkörperte sie den Typus der Neuen Frau. Sie war umtriebige Rennfahrerin und Schauspielerin. Zum Schreiben kam sie wider eigener Erwartung. Mit ihrem jüngeren Bruder Klaus finanzierte sie so einen Teil ihrer gemeinsamen Reisen durch die Welt. Zwei Reiseführer gingen daraus hervor. In Amerika tourte das Geschwisterpaar erfolgreich als die „Mann-Twins“ – ein PR-Gag, der hervorragend funktionierte.

Die Gefahr des erstarkenden Nationalsozialismus und die Bedrohung der noch jungen Demokratie in Deutschland erkannten sie erst spät.

Im Rückblick schreibt Erika Mann in „Ausgerechnet Ich“:

Es ist ein alptraumhaftes Jahrzehnt [1933 – 1943] gewesen: …

Kurz, es war ein Jahrzehnt, das dazu ausersehen schien, den schändlichen Selbstmord unserer Zivilisation mitzuerleben – ihr apokalyptisches Ende in Wahnsinn und Anarchie -, aber das statt dessen in letzter Minute ein Wunder erlebte, kurz vor der Stunde Null: ein moralisches Erwachen auf der ganzen Welt; die Geburt eines neuen Willens zum Überleben und zur Läuterung.

Politisierung: Die Pfeffermühle

Für dieses moralische Erwachen „vor der Stunde Null“ setzte sich Erika Mann ab 1932 mit hohem Nachdruck ein. Vorausgegangen war dem ein einschneidendes persönliches Erlebnis mit der Aggression der Nationalsozialisten. Es wurde ernst. 1933 gründete sie in München das antifaschistische Kabarett „Die Pfeffermühle“. Das erste dieser Art und das einzige, das mit dem gesamten Ensemble ins europäische Exil ging, als es in Deutschland lebensbedrohlich wurde.

Erika Mann stand als Schauspielerin auf der Bühne und schrieb viele der Texte selbst. Politisches wurde nie direkt benannt, die Anspielungen waren jedoch offensichtlich. Sie erzählte scheinbar harmlose Alltagsgeschichten und Märchen, die sich monströs und düster entwickelten. Das Ziel der „Pfeffermühle“ war es, ein breites Publikum zu erreichen. Es ging nicht darum zu belehren. Das Publikum sollte unterhalten werden und sich gleichzeitig seine Meinung selbst bilden können.

Und ich glaube, dass das das Beste war an uns, dass wir antifaschistisch wirkten, ohne je belehren zu wollen.

Aus: Erika Mann: Selbstanzeige. Gespräch mit Raddatz (CD 14, Track 1, ca. 7:30)

Der Versuch, die „Pfeffermühle“ als „Pepper Mill“ in Amerika fortzuführen, scheiterte. Indes tat sich für Erika Mann etwas Neues auf …

Erika Mann als politische Rednerin und Kriegsreporterin

Sie entwickelte sich zur gefragten Rednerin. „Lecturer“ war ein typisch amerikanischer Berufszweig, von dem auch sie gut leben konnte. In ihren Reden sprach sie über die Verhältnisse in Nazi-Deutschland und die Konsequenzen für Europa und die Welt. Als Dokumentarin und Kriegsreporterin reiste sie in die Krisenregionen Europas, um über das Geschehen einer großen Öffentlichkeit zu berichten.

Weil ich die Wahrheit sagen wollte, mußte ich wissen, was wirklich in der Welt vorgeht: Ich konnte mich nicht auf die Geschichten anderer Leute verlassen, sondern mußte es selbst herausfinden.

Erika Mann, „Ausgerechnet Ich“

Nach dem Zweiten Krieg war sie die einzige Frau, die von den Nürnberger Prozessen berichtete. Ihr Leben blieb auch weiterhin von der Politik bestimmt. Im Amerika der Mc Carthy-Ära geriet sie ins Visier des FBI, ihre Karriere als politische Rednerin war endgültig beendet.

Ein Blick in die Ausstellung

Die letzte Station der Ausstellung thematisiert die Zeit ihrer Rückkehr nach Europa. Erika Mann findet ihre Aufgabe darin, den Nachlass des Vaters und Bruders Klaus zu verwalten. Zudem schreibt sie wieder Kinderbücher. Die politische Entwicklung der Nachkriegszeit beobachtete sie weiterhin kritisch, äußerte sich aber nicht mehr öffentlich.

Die Ausstellung zeigt also eindrücklich, dass Erika Mann eine Frau war, die sich ohne Rücksicht auf persönliche Verluste für Freiheit und Demokratie einsetzte und versuchte, andere dafür zu bewegen:Beteiligt Euch, es geht um Eure Erde!“ Erika Mann, „Die Kälte“, 1934

Beteiligt Euch, es geht um Eure Erde!

Erika Mann, „Die Kälte“, 1934

Kommt Euch das bekannt vor?

Vermittlung analog und digital: Neue Wege der Monacensia

Die Zitate von Erika Mann sind heute hochaktuell. Darauf richteten wir unser vielfältiges Begleitprogramm aus. Es ist integrativer Bestandteil der Ausstellung, vertieft die Themen und eröffnet die Diskussion mit Euch.

Ins intensive Gespräch über Erika Mann und die Zeitumstände ihr politisches Wirkens kann man zum Beispiel auch bei den Kuratorenführungen mit Irmela von der Lühe kommen.

Es gibt die Debattenreihe „Anstand, Freiheit und Toleranz“, eine Matinee zur „Pfeffermühle“, Kabarettabende, literarische Spaziergänge und mehr. Prof. Dr. Frido Mann, der Schirmherr der Ausstellung, spricht im Januar über seine Vortragsreise „Democracy will win“ durch die USA. Darüber schreibt er in seinem Blog – unser Lesetipp.

Ein Blick in die Ausstellung

Für Schulen entwickelten wir gemeinsam mit unseren Bildungspartnern – dem Museumspädagogischen Zentrum und dem NS-Dokumentationszentrum München – spezielle Führungen und Seminare:

– „Beteiligt Euch …“ – Starke Frauen mischen sich ein

– Die Familien Pringsheim und Mann in München

In der Ausstellung können die Besucherinnen und Besucher selbst an einem Rednerpult die Rolle Erika Manns als Lecturer nachempfinden. Dazu liegen drei ihrer Reden aus. Nehmt sie gerne mit! Mitnehmen könnt Ihr auch unsere Post-its mit Zitaten von Erika Mann. Tragt sie in die Stadt! Macht Fotos davon, teilt sie ins Social Web, markiert mit dem Hashtag #ErikaMann, gerne mit Euren Gedanken dazu. Wir sind gespannt, wo Ihr ihre Spuren hinterlasst. Wir wollen mit Euch in den Austausch treten!

Erika Mann im digitalen Raum

Im digitalen Raum setzen wir diesen Weg weiter fort. Vier QR-Codes führen in der Ausstellung direkt vom Exponat zum digitalisierten Objekt. Auf der Plattform monacensia-digital sind die Nachlässe von Erika, Klaus und Monika veröffentlicht: Schaut sie Euch, unsere Schätze, in Ruhe an, blättert durch die Briefe und vertieft Euch in die Manuskripte. Uns ist die Verschränkung der analogen und der digitalen Welt wichtig. Für unser digitales Publikum werden wir ausgewählte Veranstaltungen im Netz begleiten. Wir laden Euch herzlich ein, mit uns dort über Erika Mann zu sprechen.

Unter dem Hashtag #ErikaMann erzählen wir im Social Web weitere Geschichten und liefern dazu auch O-Töne. Das erwartet Euch:

Weiteres ist in Planung. Das Social Web verstehen wir als Medium für die Vernetzung und den Austausch zwischen Euch, uns und Partnerinstitutionen. Wir sind gespannt, was sich daraus alles ergibt. Fakt ist: Erika Mann verdient es, wieder gehört und gelesen zu werden. Das wollen wir gemeinsam mit Euch und anderen erreichen.

Wir freuen uns auf den Austausch mit Euch!


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

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