Frauenfriedensversammlung: Der Tag, der Erika Manns Leben veränderte | #ErikaMann

Der Pazifistenskandal, Beleidigungen, ein Prozess – die Ereignisse rund um die Frauenfriedensversammlung am 13. Januar 1932 politisierten Erika Mann. Darauf geht die Literaturwissenschaftlerin Dr. Kristina Kargl in ihrem Beitrag zur Vernetzungsaktion #ErikaMann ein.  

Ausstellungsansicht in der Monacensia: Erika Mann - Politisierung am 13. Januar 1932 auf der Frauenfriedensversammlung in München und Kabarettistin
Zwei Ausstellungsstationen in der Monacensia: Erika Mann Politisierung 1932 auf der Frauenfriedensversammlung in München und Erika Mann als Kabarettistin

„Erscheint in Massen“ – Appell zur Frauenfriedensversammlung

 „Erscheint in Massen!“ Mit diesem Appell an Frauen aller Parteien, Konfessionen und Klassen forderte Constanze Hallgarten, Pazifistin, Münchner Vorsitzende der „Frauenliga für Frieden und Freiheit“ und Generalsekretärin des „Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen“ auf großen orangefarbenen Plakaten zur großen Frauenfriedensversammlung zu kommen. Das Thema: Weltabrüstung oder Weltuntergang. Die Versammlung fand am 13. Januar 1932 im Münchner Hotel Union in der Barer Str. 8 statt. Der Termin war bewusst im Vorfeld der großen Weltabrüstungskonferenz in Genf, die am 2. Februar beginnen sollte, angesetzt worden. Dafür hatten die Frauen international neun Millionen Unterschriften gegen einen kommenden Krieg gesammelt.

Plakat zur Frauenfriedensversammlung am 13. Januar 1932 - Initialmoment zur Politisierung von Erika Mann.
Plakat: Einladung zur Frauenfriedensversammlung am 13. Januar 1932. urn:nbn:de:0302-75357: Münchner Stadtbibliothek / Monacensia, Nachlass Erika Mann / Biographische Dokumente, Sig. EM D 49

Als Rednerinnen für den Abend hatte Constanze Hallgarten zwei Gäste eingeladen: 

  1. die Französin Marcelle Capy, eine bekannte Schriftstellerin und Mitarbeiterin des Pazifisten Romain Rolland. Sie hielt den Vortrag „Die Welt am Abgrund“,
  2. die Schauspielerin Erika Mann, die den Text „Letzter Ruf“ aus der Zeitschrift „Deutsche Zukunft“ (Foto: Deutsche Zukunft) vortragen sollte. 
Erika Mann trug den Text "Letzter Ruf!" aus der Deutschen Zukunft auf der Frauenfriedensversammlung am 13. Januar 1932 vor.
Erika Mann trug den Text „Letzter Ruf!“ auf der Frauenfriedensversammlung am 13. Januar 1932 vor. Fernleihe über Staatsbibliothek München.

Mit eindringlicher Stimme schilderte Erika Mann in ihrem Vortrag die Vision eines kommenden, alles vernichtenden Gaskrieges. „Es gibt keine Verteidigung der Heimat mehr“, war das Resümee des unter die Haut gehenden Textes. 

Doch trotzdem ging die Veranstaltung als „Pazifistenskandal“ in die Münchner Stadtgeschichte ein! Was geschah an dem Abend und in den Tagen danach, das Erika Manns Leben nachhaltig veränderte und sie politisierte?

Friedenstaub als Knopflochabzeichen Dees "Welfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen"
Die Friedenstaube wurde als Knopflochabzeichen des „Weltfriedensbundes der Mütter und Erzieherinnen“ selbstbewusst gegen das Hakenkreuzabzeichen getragen. Es war vermutlich die erste Verwendung einer Friedenstaube als Symbol für den Pazifismus, lange bevor Picasso seine Friedenstaube entworfen hat.

Nazis vor der Türe

Noch während des mitreißenden Vortrags von Marcelle Capy hörte man einen Donnerschlag gegen die Eingangstür. Hinten im Saal wurde es unruhig. Was passierte da? Ein Trupp von 30 Nationalsozialisten mit Gummiknüppeln, Schlagringen und Schusswaffen versuchte, durch die Eingangstür einzudringen. Ein starkes Polizeiaufgebot, das Constanze Hallgarten in weiser Voraussicht extra bestellt hatte, konnte jedoch die Nazis am Eindringen hindern. Im Saal entstand eine kurze Unruhe. Dennoch konnte die Veranstaltung ungestört fortgesetzt werden, berichtet Constanze Hallgarten in ihrem Buch „Als Pazifistin in Deutschland“.

Constanze Hallgarten. Erinnerungen als Pazifisten in Deutschland
Erinnerungen von Constanze Hallgarten.

„Pazifistenskandal“ – Erika Mann im Visier der Nazis

Kurz danach verunglimpfte die rechtsgerichtete Presse die Veranstaltung auf das Heftigste. In unverschämter Art und Weise beleidigte sie Constanze Hallgarten und Erika Mann. Gegen die Verunglimpfung in den Nazi-Blättern Die Frontund Illustrierter Beobachter, in dem das Schmähgedicht „Pazifistinnen“ erschienen warwehrten sich die beiden Frauen und strengten gegen die Verantwortlichen einen Prozess an.

Die in der Klageschrift zitierten Ausdrücke „degenerierte Halbweltdämchen“, „perverse Halbweibchen“, „Zuhälterinnen der jüdischen Sklavenhalter“ oder „Irrenhaus-Anwärterinnen“ waren nur einige der Beleidigungen.[1] Erika Mann wurde aber auch persönlich angegriffen. In der NS-Zeitschrift Die Front war zu lesen:

„Als zweite Rednerin fungierte die berüchtigte Erika Mann, die Tochter ihres ebenso berüchtigten Vaters in enganliegendem Herrenjaquet, die Haare über einem nicht ganz kopfähnlichen Gebilde im Herrenschnitt frisiert, kurz, schon rein äußerlich die Verkörperung heilloser Begriffsverwirrung.“[2]

Auch im Völkischen Beobachter wurde Erika Mann persönlich beleidigt. Und es gab offene Drohungen an die Familie:

„Ein besonders widerliches Kapitel stellte das Auftreten Erika Manns dar, die als Schauspielerin, wie sie sagte, ihre „Kunst“ dem Heil des Friedens widmete. In Haltung und Gebärde ein blasierter Lebejüngling, brachte sie ihren blühenden Unsinn über die deutsche Zukunft vor… Das Kapitel „Familie Mann“ erweitert sich nachgerade zu einem Münchner Skandal, der auch zu gegebener Zeit seine Liquidierung finden muss.“[3]

Der Anwalt Philipp Löwenfeld gewann den Prozess für sie, einer der letzten Siege gegen die rechte Presse und indirekt auch ein Sieg gegenüber Hitler noch kurz vor seinem Machtantritt. 

Friedenspropaganda in Frankreich
Staatsbibliothek München

Politische Initialzündung: Kabarettistin und Politische Rednerin

Die Empörung über das versuchte Eindringen der Nazis in den Saal und die nachfolgenden Schmähungen in der rechten Presse waren für Erika Mann die Initialzündung, sich politisch zu betätigen.  Am Ende dieses Jahres 1932 begannen die ersten Überlegungen zur Gründung des politischen Kabaretts „Die Pfeffermühle“. Am 1. Januar 1933 in München eröffnete es in München, bevor es mit der Machtergreifung der Nazis zwei Monate später als erstes politisches Kabarett ins Exil gehen musste. Erika Mann absolvierte mit der „Pfeffermühle“ über 1000 Aufführungen im deutschsprachigen Europa des Exils. Der Versuch, das Kabarett als „Peppermill“ in Amerika fortzuführen, scheiterte. Dafür begann dort Erika Manns Karriere als politische Rednerin.

Die in Wirklichkeit noch gewaltlose, von der Polizei unter Kontrolle gehaltene Szene bei der Frauenfriedensveranstaltung benutzte Erikas in ihren 1000 „lecture-tours“ in Amerika immer wieder rhetorisch geschickt als hochdramatisches Beispiel einer von den Nazis gestörten Versammlung. In ihrem Vortrag „Peace“ beispielsweise, den sie 1937 vor Studenten des Vassar-Colleges, einer Elitehochschule in Poughkeepsie, hielt, beschrieb sie diese Szene als regelrechte Saalschlacht:[4] 

 „Kaum hatte ich mit meinem kleinen deutschen Friedensvortrag begonnen, gaben die Rowdies das Zeichen zum Skandal. Eine Horde von bewaffneten Nazis drang, die Türhüter überrennend, von der Strasse herein, – schreiend, johlend, mit Stühlen werfend,  – viel zu spät erschien die „liberale Polizei“. Als, nach längerer Saalschlacht, die Ruhe leidlich wieder hergestellt war, hatte ich, mitten im Getümmel, Zeit gehabt, mir zu überlegen: Was wollen diese Burschen? Warum zerstören sie diesen Abend? […]“[5]

In seinem Lebensbericht Der Wendepunkt[6] beschrieb Klaus Mann das Ereignis ebenfalls in ähnlich überzogener Form wie Erika Mann:

„Erst bei Erikas Auftritt macht die Nazi-Bande sich bemerkbar. Sie stand auf dem Podium. Schmal aufrecht, die schöne Flamme im Blick. Zunächst schien sie die heiseren Zurufe gar nicht zu hören, vermittels derer die Eindringlinge sie aus dem Konzept zu bringen hofften. Aber wie konnte ihre dunkle Stimme sich behaupten gegen den Urwaldschrei der Barbaren? „Schluß!“ brüllte der Urwald. „Hochverrat! Schmach und Schande! Wir protestieren im Namen der Nation!“

Das Publikum, das für seine Plätze bezahlt hatte, protestierte seinerseits – ohne Erfolg, wie sich denken läßt. Die heroischen Angreifer, nicht im Braunhemd übrigens, sondern als Zivilisten verkleidet – drangen, Gummiknüttel schwingend, gegen die pazifistischen Damen vor. Ein paar sozialistische Studenten suchten die Nazis aufzuhalten. Es gab ein wildes, blutiges Handgemenge mit panischer Massenflucht zum Ausgang, zerbrochenem Mobiliar, Weinkrämpfen und allem Zubehör.“[7]

Die Germanistin und Autorin Hiltrud Häntzschel analysiert in ihrem Aufsatz Pazifistische Friedenshyänen[8] genau, wie Erika Mann während ihrer zahlreichen Reden in Amerika diese Situation immer stärker dramatisierte. Damit wollte sie den Amerikanern klarmachen, dass es mit reinen Friedensreden nicht mehr getan sei. Kritisch merkte Häntzschel an, dass sich die Friedensbewegung der Frauen und anderer Organisationen schon wesentlich früher für den Frieden eingesetzt hatten. Sie stellten sich damit der in den Krieg führenden Politik der Nationalsozialisten entgegen, noch bevor sich Mitglieder der Familie Mann mit dem Thema beschäftigten. 

Hiltrud Häntzschel hat als erste den wichtigen Zusammenhang zwischen den Ereignissen bei der Frauenfriedensversammlung und der Politisierung Erika Manns erkannt.

Warum musst Du als Frau den Krieg bekämpfen

Wir danken Dr. Kristina Kargl herzlich für diese fundierten Einblicke in Erika Manns Leben. 

Der Text ergänzt bzw. ersetzt aktuell die im Begleitprogramm geplante Veranstaltung zum Thema, die aus gegeben Anlass nicht wie geplant am 2. April stattfinden kann.

Kristina Kargl, Dr. phil., geb. 1954 in München, Studium der Neueren Deutschen Literatur, Mediävistik und der Neueren und Neuesten Geschichte in München. Tätigkeit als freie Literaturwissenschaftlerin und assoziierte Wissenschaftlerin der „Arbeitsstelle für Literatur in Bayern“ der LMU München, Kuratorin, Organisatorin von Kunst- und Literaturreisen.

Dr. Kristina Kargl
Dr. Kristina Kargl. Foto: Aniela Adams

Weiterlesen:

„Pazifistische Gesinnungsgenossinnen“ – Constanze Hallgarten und Erika Mann im Spannungsfeld ihrer Familien, in: Jahrbuch der „Freunde der Monacensia“ 2019, hg. von Waldemar Fromm, Wolfram Göbel und Kristina Kargl, Dezember 2019. 


Vernetzungsaktion #ErikaMann (16. – 27. März 2020)

Ihr könnt bei der Vernetzungsaktion mitlesen und Euch mit den Teilnehmenden vernetzen und austauschen, gerne auch mitdiskutieren. Die Aktion dokumentieren wir mehrfach:

Der nächste Gastbeitrag zu #ErikaMann erscheint hier im Blog am 20. März 2020. Switcht rein – wir freuen uns auf Euch!

Bislang erschienen sind:


[1] Staatsarchiv München, AG 43 330.

[2] Die Front. Kampfblatt des Gaues München-Oberbayern der NSDAP vom 16.1.1932.

[3] Völkischer Beobachter vom 16. Januar 1932.

[4] Vgl. hierzu auch Hiltrud Häntzschel: „Pazifistische Friedenshyänen“. In: Jahrbuch der Deutschen 

  Schillergesellschaft. Hg. von Wilfried Barner/Walter Müller-Seidl/Ulrich Ott. Bd. 36. Stuttgart 1992. S. 307- 332, 1998. S. 327.

[5] Münchner Stadtbibliothek / Monacensia. Nachlass Erika Mann / Manuskripte, Sig. EM M 137, urn:nbn:de:0302-78589.

[6] Klaus Mann: Der Wendepunkt. Ein Lebensbericht. Mit Textvarianten und Entwürfen im Anhang, hg. v. Frederic Kroll, Reinbek bei Hamburg 22008. Der Wendepunkt endet mit einem Brief vom 28. September 1945. Kurz vor dem Tod Klaus Manns 1949 war die deutsche Übersetzung und gründliche Überarbeitung der amerikanischen Fassung „The turning point“ abgeschlossen.

[7] Mann: Der Wendepunkt, S. 354.

[8] Häntzschel: „Pazifistische Friedenshyänen“, S. 331.

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Kommentar zu “Frauenfriedensversammlung: Der Tag, der Erika Manns Leben veränderte | #ErikaMann

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