Erich Maria Remarque – Weltbürger wider Willen | #ErikaMann

Erich Maria Remarque, Autor von „Im Westen nichts Neues“ und Weltbürger wider Willen, setzte sich zeitlebens für die Ideale Unabhängigkeit, Frieden und Toleranz ein. Darin berührt er sich mit Erika Mann. Diese Verbindungslinien bespricht Alice Cadeddu in ihrem Gastbeitrag zur Vernetzungsaktion #ErikaMann. Ein Ping Pong auf Instagram zwischen uns und der Mitarbeiterin des Erich Maria Remarque-Friedenszentrums führte zu diesem großartigen Artikel. Es lebe das Netz – aber lest selbst!

Sehr passend zur Vernetzungsaktion #ErikaMann: Unabhängigkeit – Toleranz – Humor von Erich Maria Remarque - Weltbürger wider Willen.(Faksimile. Aus einem Brief an seinen Freund Hanns-Gerd Rabe vom 09.05.1957
Sehr passend zur Vernetzungsaktion #ErikaMann: Unabhängigkeit – Toleranz – Humor von Erich Maria Remarque – Weltbürger wider Willen.(Faksimile. Aus einem Brief an seinen Freund Hanns-Gerd Rabe vom 09.05.1957 (© Niedersächsisches Staatsarchiv Osnabrück, Sammlung Rabe, Dep. A 23, Bd. 18, Nr. 281)

Mein Thema ist der Mensch dieser Zeit.
Die Frage der Humanität.
Und mein Credo ist das des Individualisten.
Unabhängigkeit – Toleranz – Humor.

Erich Maria Remarque, 1962

Erich Maria Remarque – Weltbürger wider Willen

Nachdem Erich Maria Remarque (1898-1970) seinen Roman Im Westen nichts Neues zunächst 1928 in der Berliner Vossischen Zeitung als Vorabdruck und im Januar 1929 in Buchform veröffentlicht hat, wird der 1898 im niedersächsischen Osnabrück geborene Schriftsteller über Nacht weltberühmt. Ein bis dahin ungekannter Erfolg, der jedoch auch viele Probleme nach sich zieht: der bis heute in über 60 Sprachen übersetzte Antikriegsroman ist den Nationalsozialisten von Beginn an ein Dorn im Auge. 

1931 sieht sich Remarque unter dem Druck der Nazis schließlich gezwungen, aus Deutschland zu fliehen. Er lebt zunächst im Schweizerischen Porto Ronco im Exil, wo er bedingt durch den finanziellen Erfolg mit seinem Roman eine Villa am Lago Maggiore erwerben kann. 1933 werden seine Bücher verbrannt und fortan verboten. 1938 wird er ausgebürgert, nachdem der damalige Staatssekretär Paul Körner erfolglos versuchte, Remarque bei einem persönlichen Besuch in Porto Ronco zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen. Ende August 1939 ergattert Remarque kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen Platz auf dem letzten Passagierschiff, das Europa in Richtung der Vereinigten Staaten verlässt. 1947 erhält er die amerikanische Staatsbürgerschaft. Es sind Jahre eines Zustandes, welchen er in der Retrospektive jedoch nicht als »Verbannung« bezeichnet, sondern wie folgt beschreibt: 

»Man nahm mir meine deutsche Staatsangehörigkeit. Das war damals eine große Ehre, aber professionell natürlich ein Schock. Ein Schriftsteller ohne Vaterland? Worüber sollte er denn schreiben? Woher seine Nahrung nehmen? Als Hitler mich aus Deutschland vertrieb, war mein dritter Roman Drei Kameraden beinahe fertig. Es war ein solcher Schock für mich, Deutschland verlassen zu müssen, daß ich vier Jahre brauchte, um das Buch zu Ende zu schreiben. Ich war, ohne eigenes Land, wie ein Tier, das nichts mehr zu fressen bekam. Jetzt lebe ich seit über dreißig Jahren nicht mehr in Deutschland. Ich bin damals zum Weltbürger gemacht worden – gegen meinen Willen. Jetzt bin ich ein Weltbürger – mit Willen.« 

Fotografie von Erich Maria Remarque in seiner Villa in Porto Ronco, 1963 (© Erich Maria Remarque-Friedenszentrum)
Fotografie von Erich Maria Remarque in seiner Villa in Porto Ronco, 1963 (© Erich Maria Remarque-Friedenszentrum)

Erich Maria Remarque – Politisch wider Willen

Obgleich Remarque bis zu seinem Tod am 25. September 1970 in der Schweiz niemals wieder für einen längeren Zeitraum nach Deutschland zurückkehrt, sind es allem voran die deutschen Themen, mit denen er sich bis zuletzt in seinen Romanen auseinandersetzt. Diese haben ihn selbst berührt und stark beeinflusst: Der Erste und Zweite Weltkrieg, die Weimarer Republik, Flucht, Vertreibung, Verfolgung und das Dasein im Exil. Es ist das – wie er später selbst sagt –, was er am besten weiß, »das ewige Thema: der Deutsche unter den schwersten Belastungen. Der Deutsche, den ich kenne.«

Zeitlebens betont Remarque mehrfach und stets mit Nachdruck, dass er mit seinem Werk und auch als Privatperson keine politischen Absichten verfolgt – einige seiner Texte und Aussagen belegen jedoch eindeutig das Gegenteil. Für ihn ist es aber dennoch absolut natürlich und vor allem menschlich, eine Haltung gegen den Krieg einzunehmen, und friedensstiftende Grundwerte zu vertreten:

»Das man pazifistisch oder gegen den Krieg ist, fand ich, war ganz selbstverständlich. Dazu brauchte man gar kein Programm zu haben. Ich dachte immer, jeder Mensch sei gegen den Krieg, bis ich herausfand, daß es welche gibt, die dafür sind, besonders die, die nicht hineingehen müssen, die nicht ganz vorne stehen.«

Erich Maria Remarque - Zeitungsausschnitt.
Erich Maria Remarque – Zeitungsausschnitt. Foto: Erich Maria Remarque-Friedenszentrum

Erich Maria Remarque und Erika Mann: 
»Unabhängigkeit – Toleranz – Humor«

Erich Maria Remarque setzt sich zeitlebens für Ideale wie Unabhängigkeit, Frieden und Toleranz ein. In seinem Eintreten für die Humanität und die Freiheit des Menschen von Unterdrückung gilt er als glaubwürdiger Zeuge deutscher Sprache und Kultur. Die zentralen Themen seines Werkes zieht er aus den Erfahrungen, die er – wie viele anderer seiner Generation – selbst machen muss. Es sind Erfahrungen, die auch Erika Mann in ähnlicher Weise durchleben musste.  

Ob Remarque jemals persönlichen Kontakt zu Erika Mann pflegte, lässt sich nach heutigem Forschungsstand leider nicht nachvollziehen. Wir können den Tagebüchern Remarques jedoch entnehmen, dass er in der Zeit während des Exils in den USA mehrfach auf den ebenfalls dort wohnhaften Vater Erikas, Thomas Mann, sowie dessen Sohn Golo getroffen ist. Es sind Begegnungen, die er mit kurzen Vermerken in seinen Tagebüchern festhält, jedoch nicht tiefergehend ausführt. Eindeutig belegen, lassen sich im Leben Remarques und Erika Manns indes viele Parallelen, die, wie es scheint, in beiden Personen das Bedürfnis wecken, auf ihre jeweils eigene Art und Weise über die vorherrschenden Umstände in Deutschland zu informieren und etwas gegen eine Wiederholung der Geschichte zu unternehmen. 

Wie auch Remarque nutzt Erika Mann die Kraft des Wortes, um sich Ausdruck zu verschaffen, und auch ihr soll es zum Verhängnis werden. Nach der Machtergreifung der Nazis im Januar 1933 zögert sie nicht und flieht aus Deutschland. Hier hat sie bereits seit geraumer Zeit wegen ihres politischen Kabaretts ›Die Pfeffermühle‹ unter rigorosen Angriffen seitens der Nationalsozialisten zu leiden. Auch sie wählt die Schweiz als Fluchtort und lebt dort für einige Jahre in Zürich. Bereits zwei Jahre später wird ihr die Staatsbürgerschaft aberkannt. Sie gehört wie Remarque zu den über 39.000 für die Machthaber ›unbequemen‹ Personen, die bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges aus dem ›Dritten Reich‹ ausgebürgert werden. 

Bereits früh erkennt Erika die bevorstehende Bedrohung und emigriert 1937, wie viele andere deutsche Intellektuelle in dieser Zeit, in die USA. Dort setzt sie ihre Aufklärungsarbeit über das Unrecht im NS-Staat fort und publiziert ihr Werk Die Schule der Barbaren im niederländischen Exilverlag Querido, in dem auch Remarque seinerzeit einige Romane veröffentlicht. Sowohl Remarque als auch Mann und zahlreichen anderen emigrierten Schriftstellern bleibt es für lange Zeit verwehrt, in deutschen Verlagen zu publizieren. Um sich trotz des Exils nicht zum Schweigen bringen zu lassen, bleibt ihnen nur die Möglichkeit, ihre Werke in ortansässigen oder Exilverlagen zu veröffentlichen. 

Obwohl beide nach Kriegsende die Wahl haben, kehren sie nie wieder für einen längeren Zeitraum nach Deutschland zurück, sondern bleiben Exilanten auf Lebenszeit.

Logo des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum mit dem Schriftsteller
Logo des Erich Maria Remarque-Friedenszentrum.

Erich Maria Remarque heute

Die von Erich Maria Remarque und Erika Mann vertretenen Ideale wie Freiheit, Unabhängigkeit, Toleranz und Frieden ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben und Wirken beider Persönlichkeiten. Ihre Werke hinterlassen uns ein eindrucksstarkes Panorama der damaligen Gesellschaft, das auch heute noch erschreckend aktuell ist. Ihr Schicksal dient uns als humanistisches Beispiel und zugleich als Mahnung, die Fehler der Vergangenheit nicht erneut zu begehen. Die Romane Remarques und die politische Arbeit Erika Manns behandeln Themen, die leider auch heutzutage nichts an Aktualität verloren haben.

Aus diesem Grund informiert das 1996 in Osnabrück eröffnete Erich Maria Remarque-Friedenszentrum mit einer Dauerausstellung unter dem Titel »Unabhängigkeit – Toleranz – Humor« über Leben und Werk des Schriftstellers und ergänzt sie mit Sonderausstellungen im Themenbereich »Krieg und Kultur«. 

- Erich Maria Remarque-Friedenszentrum, Außenansicht (© Erich Maria Remarque-Friedenszentrum)
Erich Maria Remarque-Friedenszentrum, Außenansicht (© Erich Maria Remarque-Friedenszentrum)

Anfang dieses Jahres war es uns eine große Ehre, die vom Studienkreis Deutscher Widerstand 1933–1945 konzipierte Ausstellung »Nichts war vergeblich – Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus« hier bei uns im Haus ausstellen zu dürfen. Die sehr positiv angenommene und gut besuchte Ausstellung beleuchtet 18 Porträts von Widerständlerinnen gegen das NS-Regime, darunter auch das Engagement Erika Manns. Die Ausstellung befindet sich derzeit im Landratsamt Heppenheim.

Anlässlich des 50. Todestages Remarques wird in diesem Jahr die Sonderausstellung »WWR. Weltweit Worldwide Remarque« eine Bilanz der internationalen Wirkung des Schriftstellers ziehen. Welchen Stellenwert nimmt sein Werk heute in unterschiedlichen Kulturen ein? In welchen Zusammenhängen werden seine humanistischen Positionen und sein Einsatz für Frieden und Toleranz heute aktualisiert? Die Sonderausstellung wird sich dieser Frage aus unterschiedlichen Perspektiven nähern, darunter die weltweite aktuelle Verbreitung seiner Schriften, die Präsenz Remarques in unterschiedlichen Medien von Literatur und Film über Musik und Graphic Novel bis hin zu Blogs und Diskussionsforen. Zu sehen ist die Ausstellung vom 25. September 2020 bis zum 22. Juni 2021 im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum.

Wir bedanken uns sehr herzlich für diesen großartigen Artikel. Die Vernetzungsaktion #ErikaMann (16. – 27. März 2020) ermöglichte diesen Perspektivwechsel. Er bereichert die Sicht auf die Zeit Erika Manns und ihre Ideale Anstand, Freiheit und Toleranz.

Erich Maria Remarque-Friedenszentrum

Markt 6
49074 Osnabrück

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Porträt von Alice Cadeddu
Alice Cadeddu

Die Autorin Alice Cadeddu, M.A. ist Mitarbeiterin im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum / Universität Osnabrück. Seit 2016 forscht und publiziert sie zu Leben und Werk des in Osnabrück geborenen Schriftstellers und zur europäischen Kriegsliteratur mit Schwerpunkt Erinnerungskultur. Zurzeit ist sie in der Konzeption und Realisierung der großen Sonderausstellung des Friedenszentrums zum 50. Todestag Remarques tätig, die im September 2020 unter dem Titel „Remarque weltweit“ im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum eröffnet wird.


Vernetzungsaktion #ErikaMann (16. – 27. März 2020)

Ihr könnt bei der Vernetzungsaktion mitlesen und Euch mit den Teilnehmenden vernetzen und austauschen, gerne auch mitdiskutieren. Die Aktion dokumentieren wir mehrfach:

Der nächste Gastbeitrag zu #ErikaMann erscheint hier im Blog am 22. März 2020. Switcht rein – wir freuen uns auf Euch!


Bislang erschienen sind:

Gastbeiträge im Blog zum Thema:

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Kommentar zu “Erich Maria Remarque – Weltbürger wider Willen | #ErikaMann

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