Erika Manns Botschaften – Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek | #ErikaMann

Warum sind Erika Manns Botschaften noch immer aktuell? Ab Oktober 2020 ist die Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politische Rednerin“ zu Gast im Deutschen Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek. Von Erika Manns Idealen, Anstand, Solidarität, Freiheit und Toleranz erzählen Dr. Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs, und ihre Mitarbeiterin Theresia Biel schon heute. Ein spannender Gastbeitrag zur Vernetzungsaktion #ErikaMann

Blick in die Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek „Exil. Erfahrung und Zeugnis“, Foto: Anja Jahn Photography. Erika Manns Botschaften liegen hier mitunter aus.
Blick in die Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek „Exil. Erfahrung und Zeugnis“, Foto: Anja Jahn Photography. Erika Manns Botschaften liegen hier mitunter aus.

Erika Manns Botschaften aus dem Exil sind noch immer aktuell – 

Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ des Deutschen Exilarchivs 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek

Vor zwei Jahren, im März 2018, wurde die Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ eröffnet. Die Ausstellung beschäftigt sich mit dem Exil zwischen 1933 und 1945, als etwa 500.000 deutschsprachige Menschen aus dem Machtbereich der nationalsozialistischen Diktatur ins Exil gezwungen wurden. Zuvor waren sie in ihren Heimatländern bedroht und verfolgt worden: Weil sie nicht in einem Land leben wollten, das die Demokratie zugunsten einer Diktatur aufgegeben hatte. Weil sie sich, wie auch Erika Mann, der nationalsozialistischen Ideologie widersetzten und sich als politische, kulturelle oder intellektuelle Gegner*innen exponierten. Weil sie als Jüd*innen ausgegrenzt und verfolgt wurden und ihr Leben in Gefahr war.

Als Gedächtnisinstitution, die Zeugnisse des Exils zwischen 1933 und 1945 schon seit 1949 bewahrt, ist es der unbedingte Auftrag des Deutschen Exilarchivs an diese Zeit zu erinnern und die Geschichte(n) der Menschen zu erzählen, die sie erlebten. Das ist besonders wichtig in einer Gegenwart, die geprägt ist von Migration, Flucht und Vertreibung und die dadurch Politik und Gesellschaft vor große Herausforderungen stellt. Wichtig ist dieser Auftrag in einer Gegenwart, in der die Ära der Zeitzeugen zu Ende geht. Denn jetzt ist es an uns, ihre Erfahrungen zu bezeugen.

Wie aktuell viele Botschaften heute noch sind, zeigt exemplarisch der mutige Artikel „Macht Euch nicht mitschuldig!“ des SPD-Vorsitzenden Hans Vogel, der als Exponat in der Ausstellung liegt. Veröffentlicht wurde er am 4. Februar 1940 im sozialdemokratischen Wochenblatt „Neuer Vorwärts“ (). Vogel wies auf die Massentötungen in der Tschechoslowakei und in Polen hin und rief in deutlichen Worten zum Widerstand auf. Die Grundhaltung seines Appells: 

„Macht euch […] nicht mitschuldig durch Schweigen oder Duldung oder gar Billigung! […] Empört euch […]“, 

ist weiterhin gültig und wir wollen sie durch unsere Vermittlungsarbeit aktualisieren.

Die Ausstellung geht von den Zeugnissen aus, wie sie im Archiv überliefert sind und zeigt sie im Original. Das ist folgerichtig, denn jedes der ausgewählten Exponate transportiert eine Aussage auch in seiner Materialität, so etwa der abgegriffene und zerrissene Passierschein oder der dicht beschriebene und von Zensurzeichen überzogene Brief. Dabei ist der Blick auf das Thema multiperspektivisch, denn es gibt nicht DAS Exil, DEN Exilanten oder DIE Exilantin, sondern ganz unterschiedliche Exilerfahrungen, die sowohl von Bruch und Verlust als auch von Neuanfang und Zugewinn erzählen.

Spuren von Erika Mann in „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ – Deutsches Exilarchiv

Suchen wir in der Ausstellung nach Spuren von Erika Mann, finden wir sie implizit schon im ersten Teil, der dem Thema „Auf der Flucht“ gewidmet ist, in den Exponaten zur American Guild for German Cultural Freedom. Die 1935 von Hubertus Prinz zu Löwenstein in den USA gegründete Hilfsorganisation richtete sich an deutschsprachige Künstler*innen und Intellektuelle.

Büroausstattung der American Guild for German Cultural Freedom, New York: Schreibmaschine, um 1938. Deutsches Exilarchiv 1933–1945, mit Dank an Konstanza Prinzessin zu Löwenstein, Foto: Anja Jahn Photography
Büroausstattung der American Guild for German Cultural Freedom, New York: Schreibmaschine, um 1938. Deutsches Exilarchiv 1933–1945, mit Dank an Konstanza Prinzessin zu Löwenstein, Foto: Anja Jahn Photography

Unterstützung der American Guild durch Thomas und Erika Mann

Vergab die American Guild zunächst Arbeitsstipendien, wandelte sie sich bis zu ihrer Auflösung Ende 1940 mehr und mehr zur Fluchthilfeorganisation, die sich bemühte, rettende Affidavits für die in Europa Gefährdeten zu vermitteln und ihnen mit finanziellen Zuwendungen das Weiterarbeiten und nicht selten das Überleben zu sichern.

Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel erhielt die American Guild durch den Einsatz berühmter Persönlichkeiten, die Spenden akquirierten oder eigene Einnahmen spendeten. Thomas Mann gehörte dazu und auch Erika Mann engagierte sich im Rahmen der American Guild. Sie schrieb ab 1938 zahlreiche Briefe (insgesamt 17 Briefe von Erika Mann an die American Guild und 18 Gegenbriefe sind im Katalog des Deutschen Exilarchivs nachgewiesen), in denen sie auf die prekären Lebensumstände von Künstler*innen in Europa aufmerksam machte, sie für Stipendien vorschlug oder ihre Emigration in die USA vorantrieb.

Bei Wohltätigkeitsdinners übermittelte Erika Mann Grußworte ihres Vaters, hielt eigene Vorträge und warb Spenden ein. Ohne dieses Engagement und die Solidarität der Kulturschaffenden untereinander wären viele Lebenswege im Exil anders verlaufen und viele Fluchten gescheitert.

Erika Mann: „School for Barbarians. Education under the Nazis“

Im zweiten Teil der Ausstellung, dem Thema „Im Exil“ gewidmet, ist Erika Manns 1938 erschienenes Sachbuch „School for Barbarians. Education under the Nazis“ zu finden. Der Bericht über Erziehung und Unterricht im Nationalsozialismus wurde in den USA zum Bestseller. Erika Manns Analysen basierten auf Interviews mit Flüchtlingen, Material aus Zeitungen, Schulbüchern und Originaldokumenten. Nur wenig später erschien auch die deutschsprachige Ausgabe „Zehn Millionen Kinder. Die Erziehung der Jugend im Dritten Reich“ im Amsterdamer Querido Verlag. Eine Rezension aus der Pariser Tageszeitung vom 18. Februar 1939, die in der digitalen Zeitungssammlung des Deutschen Exilarchivs „Exilpresse digital“ verfügbar ist, urteilt: 

„Erika Mann hat eines der erschütterndsten Bücher geschrieben, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden. Man kann nur den einen Wunsch haben, dass dieses document humain, das nicht Hass, sondern Schmerz ausströmt, möglichst viele Frauen und Männer erschüttern und über eine traurige, gefährlich verwahrloste Welt, die nicht die ihre ist, aufklären möge.“

Exilpresse Digital

In den 30 innerhalb des Projektes „Exilpresse Digital“ digitalisierten Exilperiodika meldet sich Erika Mann auch selbst häufig zu Wort. So beispielsweise in der US-amerikanischen Zeitschrift „Aufbau / Reconstruction“. Mit deutlichen Worten wandte sie sich im Mai 1944 in ihrem Beitrag „Eine Ablehnung“ gegen die Positionen des „Council for a Democratic Germany“, einen Zusammenschluss von Kommunisten, Linkssozialisten, Sozialdemokraten und Liberalen. Sie führte aus: 

„Sie bitten mich, im ‚Aufbau‘ zum Problem des ‚anderen‘, des ‚guten‘ Deutschland Stellung zu nehmen und meine – ablehnende – Haltung seinen Aposteln gegenüber für Ihre Leser zu begründen. Gut denn: das Gebaren der ‚Freien Deutschen‘ in diesem Lande missbillige ich zutiefst, weil dem A und O ihrer Umtriebe, – ihrer These von der Verschiedenartigkeit der Nazis und der Deutschen – täglich von den Tatsachen aufs blutigste widersprochen wird.“

Seit Kriegsbeginn hatte sie den Glauben an ein „Anderes Deutschland“ verloren. Ihr Statement veranlasste den Schriftsteller Carl Zuckmayer zu einem offenen Brief an Erika Mann. Seiner Bitte, darauf nicht zu antworten, kam sie selbstverständlich nicht nach. Ebenfalls öffentlich in der Zeitschrift „Aufbau“ nahm sie noch einmal deutlich Stellung und unterstrich ihre Position:

„Dass, vorläufig, keinerlei ‚gutes Deutschland‘ den bescheidensten Existenznachweis erbracht hat, dass all unsere Hoffnungen auf deutsche Um- und Einkehr unerfüllt geblieben sind […] stört die ‚Freien‘ nicht. […] Nirgends – in keinem Satze ihres Aufrufs – findet sich das geringste Gefühl für das Unsägliche, das Deutschland über die Menschheit gebracht hat, nirgends die Einsicht, dass unsere Sorge zunächst den Opfern gebührt und erst in der Folge den Tätern.“

Sie wies darauf hin, dass die „repräsentativsten Namen der Emigranten (Einstein, Werfel, Bruno Walter, mein Vater – um nur vier zu nennen) nicht zufällig [als Mitglieder des Council] fehlen“. Thomas Mann hatte seit seinem Bekenntnis zur deutschen Emigration immer wieder mit Vorträgen und Rundfunkreden in den USA für einen engagierten Widerstand gegen NS-Deutschland geworben. Ab Oktober 1940 wandte er sich mit eindringlichen Appellen an die Deutschen selbst. Seine Reden „Deutsche Hörer!“ sendete die BBC direkt nach Deutschland.

Thomas Mann am Mikrofon des Radiosenders WQXR, New York, März 1938, Foto: Eric Schaal, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, © Weidle Verlag GmbH, Bonn
Thomas Mann am Mikrofon des Radiosenders WQXR, New York, März 1938, Foto: Eric Schaal, Deutsches Exilarchiv 1933-1945, © Weidle Verlag GmbH, Bonn

Wir haben uns kürzlich entschieden, einen Ausschnitt aus einer dieser so wichtigen Reden von Januar 1943 hörbar zu machen und zwar öffentlich. Vor der Deutschen Nationalbibliothek steht seit Dezember eine kurbelbetriebene Hörstation, die gemeinsam mit dem Medienkünstler Jürgen Czwienk realisiert wurde. „Deutsche Hörer! Ein düsteres Jubiläum will begangen sein, zehn Jahre Nationalsozialismus. Was haben sie dem deutschen Volke gebracht?“, vernehmen wir Thomas Manns Stimme und mahnende Antwort:

„Den Krieg, diesen Krieg, so wie er heute steht und wie er für das deutsche Volk ausgehen wird.“

Erika Mann – die Zeit nach dem Exil

Auf Erika Mann kommen wir im dritten Teil der Dauerausstellung „Exil. Erfahrung und Zeugnis“ zurück, der sich mit der Zeit „Nach dem Exil“ beschäftigt. Hier werfen wir die Frage auf, ob eine Rückkehr in das Land der Täter*innen möglich war und, ob das Exil für die Betroffenen jemals endete. Erika Mann jedenfalls lebte, wie auch ihre Eltern, nach der Remigration aus dem Amerika der McCarthy-Ära seit 1952 in der Schweiz. Eine Rückkehr nach Deutschland lehnte sie ab.

1965 veranstaltete das Deutsche Exilarchiv eine erste Ausstellung zum Thema „Exil“. Der damalige Leiter Werner Berthold formulierte damals den Auftrag, den Menschen das Thema „unübersehbar in den Weg [zu] legen“. Die Aufnahme der Ausstellung durch ehemals Emigrierte war überaus positiv. Auch Erika, Golo und Katia Mann sendeten ein Glückwunschtelegramm zur Eröffnung.

Telegramm von Erika, Golo und Katia Mann, Kilchberg/Schweiz, 25. Mai 1965. Deutsches Exilarchiv 1933–1945, mit freundlicher Genehmigung von Frido Mann
Telegramm von Erika, Golo und Katia Mann, Kilchberg/Schweiz, 25. Mai 1965. Deutsches Exilarchiv 1933–1945, mit freundlicher Genehmigung von Frido Mann.

Ab Oktober ist Erika Mann nun also mit einer Einzelausstellung zu Gast im Wechselausstellungsbereich des Deutschen Exilarchivs. Wir freuen uns, dass wir ihren und unseren Themen Demokratie, Solidarität, Anstand, Freiheit und Toleranz auf diese Weise auch räumlich noch mehr Platz geben können. 

Zudem wandert die Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – politische Rednerin“ ins Internet. Sie wird als Sonderausstellung aufgenommen in die virtuelle Ausstellung Künste im Exil, die schon jetzt zahlreiche informative Texte und spannende Objekte zu Erika Mann versammelt, etwa den schon erwähnten Bericht „Zehn Millionen Kinder“. Virtuell eröffnet wird parallel zum Start der Frankfurter Ausstellung.

Autorinnen: Dr. Sylvia Asmus und Theresia Biehl

Wir danken Sylvia Asmus und Theresia Biehl herzlich für diese wunderbaren Einblicke in die Bestände des Deutschen Exilarchivs. Darüber hinaus freut es uns, dass die Erika Mann-Ausstellung wandert – im Analogen wie Digitalen.

Sylvia Asmus: Foto: DNB, Stephan Jockel
Sylvia Asmus: Foto: DNB, Stephan Jockel

Dr. Sylvia Asmus ist Germanistin und Bibliothekarin. Seit 2011 leitet sie das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 und den Ausstellungsbereich der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main. In dieser Zuständigkeit ist sie verantwortlich für Publikationen und Ausstellungen zu Themen des Exils. Zurzeit arbeitet sie an einer Ausstellung zur Kinderemigration aus Frankfurt. 

Theresia Biehl: Foto: Stefan Büdenbender
Theresia Biehl: Foto: Stefan Büdenbender

Theresia Biehl ist Literaturwissenschaftlerin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Deutschen Exilarchiv 1933–1945 der Deutschen Nationalbibliothek im Bereich Ausstellung und digitale Formate.

Deutsches Exilarchiv 1933-1945 der Deutschen Nationalbibliothek

DNB FRANKFURT
Adickesallee 1
60322 Frankfurt am Main

EXIL. ERFAHRUNG UND ZEUGNIS – Virtuelle Ausstellung
KÜNSTE IM EXIL – Virtuelle Ausstellung

Vernetzungsaktion #ErikaMann (16.  27. März 2020)

Ihr könnt bei der Vernetzungsaktion mitlesen und Euch mit den Teilnehmenden vernetzen und austauschen, gerne auch mitdiskutieren. Die Aktion dokumentieren wir mehrfach:

Gastbeiträge im Blog zum Thema:

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