Erinnerungskultur der Vielen und kuratorische Feldforschung: Monacensia-Manifest zum Kuratieren in der Zeit

Warum brauchen wir neue Wege der Erinnerungskultur? Was haben Inklusion und Sammlungspraxis miteinander zu tun? Was ist „kuratorische Feldforschung“? Wie hilft die Methode in der Monacensia, um mit Veränderungen umzugehen?  Welche Rolle spielen Beteiligung und Zusammenarbeit? Wo ist die Verbindung zum mehrjährigen Kulturerbe-Projekt #femaleheritage? Diesen Fragen folgt Anke Buettner im Monacensia-Manifest. Sie fordert eine Erinnerungskultur der Vielen als zeitgemäße Haltung in einer inklusiven Gesellschaft ein.

Pearltrees: Dokumentation der Blogparade "Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage", strukturiert nach Hintergrund der Teilnehmenden.
Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur | #femaleheritage“ – Dokumentation auf Pearltrees

Monacensia-Manifest: Erinnerungskultur der Vielen und kuratorische Feldforschung

Das Monacensia-Manifest definiert eine zeitgemäße Erinnerungskultur der Vielen als wichtige Grundlage für eine inklusive Gesellschaft, die auf die Gleichrangigkeit ihrer Mitglieder setzt. Es beschreibt zugleich strukturelle Veränderungen in der Organisation von Gedächtnisinstitutionen. Folgende Aspekte umfasst das Monacensia-Manifest:

  1. Erinnerungskultur, Lücken im Literaturarchiv und #femaleheritage
  2. Kuratorische Feldforschung – eine Begriffsbestimmung
  3. Writing Reality: Wirklichkeiten und Wahrheiten
  4. Doing Memory: Erinnerungskultur der Vielen
  5. Deutungshoheit und Ressourcen
  6. Digitalität
  7. Prinzip der Dezentriertheit
  8. Offenkundige Archivalien
  9. Das translokale Gedächtnis der Stadt
  10. Gleichrangiges Erinnern als Haltung

1. Erinnerungskultur, Lücken im Literaturarchiv und #femaleheritage

Die Spur bedeutet und trägt […] das Gedankenspiel des Existierenden

Édouard Glissant, Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit, 1996[1]

So gesehen ist die stadt ein circulus. Die zeitweise beweglichen einwohner setzen sich selbst in bewegung und setzen dadurch den circulus in bewegung. 

Inger Christensen, Det, 1969[2]

Mit der Blogparade Frauen und Erinnerungskultur startete die Monacensia im Hildebrandhaus im November 2020 mit großem Erfolg in das mehrjährige Kulturerbe-Projekt #femaleheritage. Ausgehend von den Lücken im Literaturarchiv lud die Monacensia zur Spurensuche ein, um verschollenes und verstreutes Wissen über das Werk und Wirken von Frauen zutage zu fördern. Dieses entdeckte Wissen wurde in Form von Blogartikeln als Grundlage für eine weitere produktive Auseinandersetzung in eine aufwendig aufgebaute überregionale Community gegeben. Sie setzt sich aus kleinen wie großen GLAM-Institutionen, Verbänden, Vereinen, aus Wissenschaftler*innen, Literatur- oder Geschichtsinteressierten und Nachfahr*innen vergessener Frauen zusammen.

Bekannte Standpunkte zur Münchner Literaturlandschaft wurden durch das Einbeziehen und Mobilisieren eines wesentlich breiteren Publikums gespiegelt sowie durch künstlerische Erkundungen des Archivs durch Literatur- und Theaterschaffende beleuchtet. 

Der digital und sozial angelegte #femaleheritage-Auftakt läutete so eine andere Form der Vermittlungs- und Bestandsarbeit für die Zukunft der Monacensia ein. Ein Vorhaben, das wir bereits erprobten:

  1. mit der Teilnahme am Kulturhackathon „Coding Da Vinci“ (2019)[3]
  2. und der digitalen Adaption der Erika Mann-Ausstellung (2019/20) 

Das Generieren von Erinnerungen, um Lücken zu schließen, wird von nun an im Rahmen der kuratorischen Feldforschung als fortlaufender, dezentraler Prozess vieler Beteiligter gefasst. Gleichzeitig wird die Erinnerungsarbeit als Einladung an alle begriffen, den eigenen Horizont chronologischer wie thematischer Ordnungssysteme und Deutungsmuster zu hinterfragen. 

„Menschen leben,“ so Aleida Assmann, „[…] nicht nur als Individuen zusammen, die sie selbstverständlich immer bleiben, sondern sie leben auch in Gesellschaften, Gruppen und Kulturen, denen sie sich zugehörig fühlen und mit deren Hilfe sie sich selbst verstehen und definieren. Solche Identitäten kommen nicht ohne Rückbezüge auf die eigene Vergangenheit aus, sei es, um sich an Vorbildern zu orientieren, sei es, um sich Rechenschaft abzulegen.“[4]

In einer wachsenden und zudem durch die NS-Zeit besonders belasteten Großstadt wie München gibt es viele Menschen und Gruppen, die immer noch kein Teil des kollektiven Erinnerns oder aber aus diesem verschwunden sind. Kübra Gümüşay spricht von den Benannten. Sie unterscheiden sich von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft durch Abweichungen von deren Erzählung von Normalität. Die Benannten werden im besten Fall von außen wohlwollend betrachtet, dann jenseits der Norm kategorisiert und damit ihrer Individualität beraubt. In die Erinnerungstraditionen eines Ortes werden diese Menschen kaum einbezogen. Vielleicht gibt es einen Straßennamen, ein kleines Denkmal im Stadtteilpark. Eine Schule? Eine U-Bahn-Station? 

Die Traditionen des Erinnerns gestalten die Unbenannten. Sie sind die Kurator*innen des kollektiven Erinnerns. Sie besetzen es mit ihresgleichen. Sie schaffen den Kanon der Erinnerungen, die eine Erzählung der Stadt. 

Mit Blick auf das literarische Gedächtnis Münchens bedeutet das: Die Monacensia vergisst bislang in weiten Teilen, die individuellen Erfahrungen von Frauen, Muslim*innen, Emigrant*innen, Migrant*innen und diverser marginalisierter Gruppen zu sammeln. Und selbst wenn sie sich in den Archivzeugnissen finden sollten, die Dissident*innen aus Osteuropa, die Writers in Exile, die schreibenden Taxifahrer*innen und Alleinerziehenden (m/w/d), wird häufig vergessen, ihre Spur aufzunehmen und genauer nachzufragen. Das literarische Werk der Benannten, geprägt von ihren Lebensthemen, ist entsprechend in der Vermittlung selten Vorbild oder Anlass, um Rechenschaft abzulegen.[5]

Der Fokus auf #femaleheritage und die Methode der kuratorischen Feldforschung kann nur ein erster Anfang sein, um den „circulus in bewegung“ zu setzen, um den Facettenreichtum (Gümüşay) und das Wurzelgeflecht der Identitäten (Glissant) im literarischen Gedächtnis der Stadt als gemeinsam verstandenen Ausgangspunkt und Reichtum Münchens abzubilden. Die nächsten fünf Jahre werden also der Spurensuche gewidmet und sind ein Versuch, Praktiken und Strukturen nachhaltig und hoffentlich fruchtbar zu verändern.

Die folgende erste Bestandsaufnahme entstand u. a. unter dem Eindruck der Lektüre von Hans-Ulrich Obrists Buch „Kuratieren!“, laut Klappentext der deutschen Ausgabe eine „kleine Philosophie des Ausstellungsmachens“[6]. Das operative Community Building rund um #femaleheritage sowie weitere methodische Vorgehensweisen der kuratorischen Feldforschung der Monacensia werden in den Endnoten oder den Blogtexten der beigefügten Linksammlung näher beschrieben.

2. Kuratorische Feldforschung – eine Begriffsbestimmung

So gesehen ist die stadt eine fiktion. […] Ein system aus fiktionen, die fingieren um zu fingieren, damit etwas andres fingieren kann, und weil etwas andres fingiert. Die zeitweise fungierende fiktion wird in zeitweiliger ordnung gehalten von zeitweise fingierten büros usw. usw. bis die fiktion fungiert.

Inger Christensen, Det, 1969[7]

In der „Kontaktzone zwischen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft“[8] siedelt die Monacensia eine programmatische Vorgehensweise an, die sie mit dem Begriff „kuratorische Feldforschung“ bezeichnet. Kuratorische Feldforschung bedeutet, aus dem Fluss praktischer Beschäftigung mit den vorhandenen oder noch nicht vorhandenen Beständen und Themen gemeinsam Wissen und die praktischen Voraussetzungen zum Erwerb dessen zu schaffen. 

Es gehört zur Methode der kuratorischen Feldforschung, den dabei zum Vorschein tretenden Ereignissen oder Personen aus verschiedenen Perspektiven zu folgen und überraschenden Wendungen Raum zu geben. Neue Erkenntnisse werden dann mit dem bestehenden Wissen oder dem vorhandenen Bestand in Zusammenhang gebracht. Wesentlich für die kuratorische Feldforschung ist, München nicht mehr als rein bibliothekarische oder geographische Kategorie, sondern als eine Großstadt mit engem Bezug zum Zeitgeist und den aktuellen Ereignissen in der Welt zu betrachten. 

Die Ausstellung „Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München“ (bis 31. Januar 2022) steht für die skizzierte Vorgehensweise. 

"Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München." | In #PopPunkPolitik erproben wir weiterhin die Erinnerungskultur der Vielen und nutzen dazu die Methode der kuratorischen Feldforschung
Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München | In #PopPunkPolitik erproben wir weiterhin die Erinnerungskultur der Vielen und nutzen dazu die Methode der kuratorischen Feldforschung. Foto: Münchner Stadtbibliothek, Eva Jünger.

Die Stadt wird jetzt also in der Monacensia einbezogen als

  • ein vielgestaltiges Gefüge, das im Zweifel über geschichtliche Zeiträume hinweg weitaus mächtigere, aber vollständig formalisierte Systeme inklusive ihrer omnipotenten Akteur*innen überleben kann[9]
  • gleichermaßen beharrendes wie dynamisches System des Durchgangs, der Passage, der Begegnung und der Einbeziehung verschiedenster Standpunkte. Diese überlagern sich, verschmelzen, stoßen ab oder schließen aus und produzieren damit Unvorhersehbares.[10]

Bewusst lenkt die Monacensia den Blick deshalb auf die Fragen des Entstehens und der Folgen von Leerstellen in ihren Sammlungen. Sie betrachtet sie vor dem Hintergrund des konkreten Ortes und des tiefgreifenden Wandels einer inklusiver, diverser, globaler und digitaler denkenden Gesellschaft. 

Entsprechend versucht die Monacensia, strukturelle Ursachen für das Vergessen aufzudecken und interdisziplinäre Forschung dazu anzuregen. Das literarische Gedächtnis der Stadt wird in Folge nicht als passive Umhüllung der tradierten Erzählungen aufgefasst, sondern als lebendes Archiv einer wechselhaften und dauerhaften Dimension jeder Veränderung und jeden Austauschs betrachtet.[11]

Die Erforschung der Stadt mit literarischen Mitteln und aus der Perspektive zeitgenössischer Poet*innen spielt für die Monacensia in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle. Ihre in der Gegenwart situierte künstlerische Erkundung der Quellen, Themen und Zustände der Stadt zu verschiedenen Zeiten birgt die Chance für abzweigende Erinnerungswege, neue Ausdrucksweisen, die bislang Übersehenem Sprache oder Raum geben[12]. Gleichzeitig ist 

Poetik […] eine Art sich etwas vorzustellen, zu leben, zu handeln. Es werden vorläufige Schlüsse gezogen, die nicht in Form von Bilanzen daherkommen, auf diese Weise erhält das Imaginäre Eingang in das Denken[13]

und Betrachten – und die entsprechenden Textproduktionen der Autor*innen erhalten Eingang in das Monacensia-Archiv der Gegenwart (vgl. #mynchen und #ateliermonaco).

Erinnerungskultur literarisch und digital: Das literarische München ist vielstimmig und vielseitig! Foto entstand bei unserem internationalen Kulturfestival Acht Mal Ankommen, das wir gemeinsam mit @wirmachendas.jetzt und #meetyourneighbours veranstalteten. Foto: Verena Kathrein
Meet your neighbours-Festival am 24. Februar 2018. Acht Autor*innen und Künstler*innen teilen ihre Erfahrungen des Ankommens. Foto: Verena Kathrein

3. Writing Reality: Wirklichkeiten und Wahrheiten

Die kuratorische Feldforschung als Methode erlaubt der Monacensia, ihr Vorgehen kritisch zu hinterfragen: Als Literaturarchiv, als wissenschaftliche München-Bibliothek, als Erinnerungsort, als Institution manifestiert sie mit ihrem Auftrag „sammeln, bewahren, vermitteln“ Bedeutung im Sinne von Kanonisierung. Die Monacensia gewinnt mit kuratorischer Feldforschung ein Vielfaches an Elastizität, insofern sie ihren Fokus auf Prozess und Aktivierung – erinnern, entdecken, erzählen – statt auf das Dasein als musealer, verwaltender Ort setzt[14]

Mit der Idee der kuratorischen Feldforschung entwickelt sich die Monacensia parallel zu der „exhibition in progress“ – Tradition von Ausstellungsklassikern wie Lucy Lippards „Numbers Shows“ aus den 1970ern) oder Hans Ulrich Obrists „Do it“-Ausstellungen aus den 1990ern. Obrist setzt sie heute über seinen Instagram-Kanal fort. Obrist beschreibt die Entstehung der interaktiven Ausstellung „Do it“ (1993), die sich jedem der knapp 50 Wanderstationen individuell anpasste, im Ergebnis als „ein komplexes, dynamisches, lernendes System mit vielen lokalen Unterschieden.“[15]  Die Monacensia wendet das „Do it“-Prinzip jedoch nicht auf eine einzelne Ausstellung(sreihe), sondern auf das gesamte komplexe System des „literarischen Stadtarchivs“ an.

Die Stadt, deren literarisches Gedächtnis die Monacensia bildet, ist in viele Richtungen komplex. Lokale Unterscheidungen, sich verändernde Gruppenkonstellationen und die permanente Abgrenzung zu anderen Menschen trägt die Stadt und somit ihr Gedächtnis per se in sich. Das literarische Gedächtnis der Stadt ist eine subjektive Sammlung von Erinnerungen. Die bescheidene Erkenntnis der Subjektivität – jemand sammelt, jemand erinnert, jemand hat die Macht zu erinnern – lässt ahnen, wie groß die Zahl der Wahrheiten und Wirklichkeiten sein mag, die noch keinen Weg ins literarische Gedächtnis der Stadt gefunden haben. 

Was Obrist für seine „Do it“-Ausstellung vermeiden wollte, dass es „ein vom Künstler produziertes Original“ gäbe, das als „die korrekte Version“ gelten könnte, ist für das literarische Gedächtnis der Stadt abwegig. Sein Prinzip der einfachen Handlungsanweisung zur kopierbaren Herstellung eines Kunstwerks ist für die literarische Erinnerungsproduktion jedoch charmant und vielleicht eine künftige Monacensia-Aktion. 

Trotzdem lohnt es, sich kurz bei dem Gedanken des Originals aufzuhalten: Die Sammlung, die aus lauter Originalen und O-Tönen besteht, kann nie das Original an sich reproduzieren. Sie ist eine Sammlung der vielen Originale, deren Produzent*innen im Laufe ihres Lebens selbst immer neue Versionen ihrer Wahrheit herstellen.

4. Doing Memory: Erinnerungskultur der Vielen

Ich bin nie eine Frauenrechtlerin gewesen und dieser Bewegung gegenüber stets passiv geblieben; aber ich muß schon sagen: daß nach vielen Dezennien eines ausschließlichen Männerregiments ein derartig vollendeter Wirrwarr zutage gefördert wurde, gibt doch zu denken.

Annette Kolb, Briefe einer Deutsch-Französin, 1916[16]

Ich bin ein Zeuge. Nichts anderes. Als Zeuge muß ich aussagen. Dieser Wunsch, dieser Zwang hat mir die Kraft gegeben durchzuhalten. Viele Jahre wollte es niemand hören. Das ist anders geworden. […] Die junge Generation, […], ist neugierig auf das Leben anderer geworden. Ich biete an: meine Geschichte.

Grete Weil, Generationen, 1983[17]

In diesem Container haben 100 Menschen gelebt […], eine Küche und ein Bad, also musste man sich das Bad mit 100 Menschen teilen. 

Denijen Pauljevic im Interview, 2019
Annette Kolb, Quelle: Münchner Stadtbibliothek/Monacensia
Annette Kolb, Quelle: Münchner Stadtbibliothek/Monacensia

Die Stadt besitzt multiple Identitäten. Die Monacensia als ihr literarisches Gedächtnis bewahrt diese Identitäten als Teil der Erinnerungskultur für die Zukunft. Erst durch den Kontakt zur Gegenwart und ihren Stimmen bringt sie sie jedoch in Bewegung bzw. zum Vorschein.[18] Diese Annahme ist der Ausgangspunkt für zeitgemäße Strategien im Umgang mit kulturellem Erbe: Das Literaturarchiv und die Monacensia-Bibliothek werden künftig verstanden als „offene Tore der Möglichkeiten“ (Obrist) oder weniger poetisch: als komplexe lernende Systeme einer Erinnerungskultur der Vielen

Kuratorische Feldforschung bedeutet, sich an aktuellen Themen und Bedürfnissen zu orientieren und im Fluss zu bleiben. Das bedeutet in der Praxis mehr inhaltliche Diskussion und gleichzeitig weniger Kanonisierung und autoritäre Festlegungen. An die Stelle von systematischer Einordnung und Homogenisierung von Erfahrungen tritt Heterogenität als Möglichkeit, die Grenzen von bestehenden Erzählungen über München und die literarische Landschaft der Stadt zu verschieben. Heterogenität dient dabei als Impuls für eine Bedeutungsproduktion zunächst ohne Rücksicht auf vorgegebene Wertungen. 

5. Deutungshoheit und Ressourcen

Die temporäre Vermessung der Stadt und ihrer zentralen Bestandteile erfolgt im Zuge der kuratorischen Feldforschung überdies durch Expert*innen außerhalb des Literaturarchivs. Sie kommen aus dem sogenannten Feld selbst. Die Expert*innen beziehen die gesamte geistige Umgebung eines Ortes und seiner Codes ein und legen sie aus ihrer Perspektive aus. Das führt dazu, dass Mikrokosmen, flüchtige Erscheinungen wie globale Zusammenhänge in der Monacensia stärker an Bedeutung gewinnen. Zugleich wachsen die kuratorischen Herausforderungen an die Institution mit Blick auf 

  • Bestand, 
  • Programm,
  • Partizipation 
  • und personelle wie finanzielle Ressourcen.

Diese Form der Schwarmintelligenz ist der Erkenntnis geschuldet, dass tradierte Herangehensweisen ans Sammeln, Erhalten, Bewahren und Vermitteln am quantitativen Wachstum von Informationen und technischen Entwicklungen regelmäßig scheitern müssen. Andere Zeiten brauchen operativ bessere Regeln für eigentlich dieselbe, aber immer größere Aufgabe, der „außerordentlichen Komplexität und der außerordentlichen Vielfältigkeit der Welt, in der wir leben, am besten gerecht [zu werden].“[19] Kategorisierungen, Systematiken, lineare Planungen fingieren zwar Sicherheit, bleiben aber leider häufig nur als temporäre Fiktion im Raum stehen.

Ist dies einmal formuliert, kommen Ängste auf, weil das bedrohliche Gefühl einer Verwässerung des eigenen entsteht: Wir reagieren immer noch nach dem alten Schema. Ich denke also insgeheim, wenn ich mich auf den Anderen ausrichte, dann bin ich nicht mehr ich selbst, das heißt, ich bin verloren![20]

Die Methode der kuratorischen Feldforschung hilft, sich nicht auf den Schauplätzen der technischen (Un-)Möglichkeiten zu verlieren, sondern sich mit Literatur- und Kulturschaffenden, mit Denker*innen und Verantwortlichen aus anderen GLAM-Institutionen immer wieder neue und sinnstiftende Spielregeln zu geben. Es ist vielleicht die von Glissant formulierte „Poetik der Beziehung“, die in der Praxis eine Hilfe sein kann, mit dem kreativen Chaos der Welt […] umzugehen.[21]  

6. Digitalität

Die kuratorische Feldforschung unterscheidet nicht zwischen analogen und digitalen Publikations- und Vermittlungsformen. Sie geht bewusst den Schritt inklusiverer und populärerer Kommunikation. Die Angst vor der Digitalität als populäre Verwässerung ist vielfach spürbar. Das Digitale gilt als quasi-mündliche, als ephemere Erscheinung. Das Digitale scheint mehr mündliche Überlieferung als Belletristik, mehr Statement als Wissenschaft. Stärker als das Gedruckte evoziert es in einer bildungsbürgerlich geprägten Welt Skepsis vor Einmischung und Kommentierung durch Unbefugte. Das Digitale scheint weniger absolut, weniger belastbar. Es schürt die Angst vor der Einebnung, der Banalisierung – vor der Vielstimmigkeit. 

Wie Gümüsay gut beschreibt, ist eine große Stärke des Digitalen jedoch, dass es „neue Perspektiven aus der Stille zur Sprache bringt“ und „digitale Diskursräume entstehen, in denen potenziell Millionen Menschen Erfahrungen teilen, die zuvor ungesehen und ungehört [blieben]“.[22] Vermutlich werden sich nicht Millionen aufmachen, um mit der Monacensia Leerstellen des Erinnerns aufzuarbeiten. Es genügt in der Tat eine kleinere Gruppe Gleichgesinnter inklusive politischer Entscheidungsträger*innen, um veränderte Strukturen für ein Bewusstsein der Vielen im Stadtgedächtnis zu verankern. 

Erinnerungsarbeit und Archivtätigkeit folgen beide aktuellen Gegebenheiten und den mit ihnen eng verbundenen Personen und Sachverhalten. Kuratorische Feldforschung ist situativ, rhizomatisch und funktioniert über verschiedene Zeitachsen hinweg.

7. Prinzip der Dezentriertheit

Es ordnet sich alles. In seiner eigenen welt. Nebenordnet, unterordnet, überordnet. Als handelte es sich um ein system. Stellt voran und hängt an. Als handelte es sich um ein zentrum. Es handelt sich um bewegliche einschübe, zufällige parenthesen, handelt sich um genau den grad von reizbarkeit, der leben genannt wird.

Inger Christensen, Det, 1969[23]

Das „Prinzip der Dezentriertheit“ ist für die kuratorische Feldforschung ausschlaggebend. Hans Ulrich Obrist fasst es zeitlich als Brückenschlag zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Im übertragenen Sinn bezieht es die Monacensia auf die Vielfalt der Lesarten der Stadt und ihrer rhizomatischen Manifestationen des großstädtischen Lebens. Bedeutung entsteht unabhängig an vielen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten und wird mitunter erst in der Rückschau erkannt. 

"Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München." | #PopPunkPolitik und die Fanzines-Wand mit Elaste Mode & Verzweiflung - Erinnerungskultur der Vielen und kuratorische Feldforschung. Foto: Münchner Stadtbibliothek, Eva Jünger
Pop Punk Politik. Die 1980er Jahre in München | #PopPunkPolitik und die Fanzines-Wand mit Elaste Mode & Verzweiflung – Erinnerungskultur der Vielen und kuratorische Feldforschung. Foto: Münchner Stadtbibliothek, Eva Jünger

Die Monacensia selbst ist ein hybrider und ein geschichtsträchtiger Ort. Sie unterscheidet sich von einem hauptsächlich wissenschaftlich ausgerichteten Literaturarchiv nun vor allem durch die aktive Einbindung der Stadtgesellschaft und die partizipative Öffnung in vielfältige Communitys. Als ein offenes, öffentliches Haus mit einem ebensolchen Villengarten hebt sie sich zudem von der Nachbarschaft am Isarhochufer in München-Bogenhausen ab. Die Monacensia fungiert als 

  • Wissensspeicher
  • Treffpunkt 
  • und als Produktionsort

Die Zusammenarbeit mit Künstler*innen ist dabei eine zentrale Form der Beteiligung. Die Wege dieser Künstler*innen kreuzen sich in der Monacensia, die Begegnung und der Austausch mit ihnen ist allen Besucher*innen vor Ort auf informelle Art und Weise möglich. Sie wird parallel digital gepflegt und öffnet dergestalt immer wieder überregionale Horizonte. (vgl. #mynchen)

8. Offenkundige Archivalien

Digitale Kommunikation und Veranstaltungsformate stehen im Rahmen der kuratorischen Feldforschung für bessere Wege, um den Austausch zwischen Literaturschaffenden und dem Publikum zu moderieren (s. o.). Gespräche und Texte über Produktionsbedingungen künstlerischen Schaffens, die sich im Prozess der Feldforschung (auch zufällig) zeigen, werden für alle kostenlos und einfach zugänglich dokumentiert. Als „offenkundige Archivalien“ (Obrist) und als Humus für künftige Projekte werden so Videos, Filme und Gespräche mit Schriftsteller*innen doppelt interessant: als O-Ton zum eigenen Schaffen und als gute Unterhaltung für alle Zuschauer*innen. Zuletzt sind so Filme über Dagmar NickDana von Suffrin, Amelie Fried und Asta Scheib entstanden.

Dana von Suffrin wird im Film für #femaleheritage porträtiert von Christiane Huber und Sven Zellner. Ein Beitrag zum Monacensia-Dossier "Jüdische Schriftstellerinnen in München! | #2021JLID
Dana von Suffrin wird im Film für #femaleheritage porträtiert von Christiane Huber und Sven Zellner. Ein Beitrag zum Monacensia-Dossier „Jüdische Schriftstellerinnen in München! | #2021JLID – Foto: Sven Zellner

Digitale Beteiligungspraktiken, ob sie sich nun auf das allgemeine Publikum, Schriftsteller*innen oder Multiplikator*innen beziehen, entwickeln erstaunliche Potenziale, um Archivlücken zu lokalisieren und kollektives Erinnern im Sinn von #femaleheritage anzustoßen (s. o.). Sie helfen, Wissen im Sinne von Open Knowledge zu vernetzen, lokale Bestände so überregional sichtbar und in der Zusammenschau nutzbarer zu machen, Sammlungsstrategien zu demokratisieren und (interne) Prozesse transparent darzustellen. Nicht zuletzt gestaltet sich die Kommunikation über Social-Web- und Messengerdienste einfach und unhierarchisch (vgl. @monacensia_muc).

Faszinierend ist, dass die hauptsächlich im digitalen Raum verankerte #femaleheritage-Initiative soziale Bindungskräfte entfaltet. Sie lassen sich mit wissenschaftlichen Trendbegriffen wie Empowermenturban togetherness und openness verbinden. Selbst ein älteres Publikum, in Archiven und Museen eher als passiv und wenig webaffin wahrgenommen, wird durch das gezielt in dessen (analogen) Alltag transportierte Gefühl des gemeinsamen Gestaltens angesprochen. Mehr noch es, wird über einzelne Aktionen wie z. B. die Blogparade „Frauen und Erinnerungskultur“ individuell in dessen digitaler Kompetenz geschult. Die Verbindung einzelner über ihr Interesse an Literatur, Kultur und Stadtgeschichte scheint größer als ihre Distanz durch Alter oder soziale Zugehörigkeit.

Es bleibt ein wichtiges Ziel, Inhalte, Suchbewegungen und Ergebnisse der kuratorischen Feldforschung auch jenseits des Gender-Themas im Rahmen von Ausstellungen, dem Veranstaltungsprogramm sowie über Text- und Videobeiträge im Blog nachvollziehbar zu machen. Durch die Publikation digitaler Texte wird außerdem ein weiterer Schwerpunkt gesetzt auf eine gut verständliche, populäre Form der Wissen(schafts)kommunikation. Diese ist wiederum kostenlos und technisch betrachtet barrierefrei. Damit kann sie im Netz anstiftende und inspirierende Wirkung entfalten.  

Hans Ulrich Obrist zitiert die französische Künstlerin Dominique Gonzalez-Foerster, die Ausstellung als Möglichkeit betrachtet, „dem Druck einer immer stärker vereinheitlichten Erfahrung von Raum und Zeit entgegenzuwirken […], indem der Besucher ein wenig länger im Augenblick der Begegnung mit der Kunst festgehalten wird“. Wenn das geschehen soll, dann ist es wichtig, Ausstellungen als langfristige Projekte zu konzipieren und Themen mit nachhaltiger Wirkung in Betracht zu ziehen. Ein Aufbau-Abbau-Kuratieren führt fast immer zu oberflächlichen Ergebnissen […]“[24]

Ausstellungen, Lesungen und Veranstaltungen dienen im Rahmen der digital geprägten kuratorischen Feldforschung in der Monacensia künftig mehr als Plattformen eines aktuellen Wissensstandes denn als abgeschlossene Ereignisse entlang einer von Gedenktagen und Jubiläen einseitig konstruierten Zeitachse. Als Plattformen sollen sie jenseits des kanonisierten Wissens individuelle Anlässe und Situationen für die Rezipient*innen schaffen, um sich schlicht aus Neugierde mit ihnen in einem weiteren Kontext zu befassen. 

Das Monacensia-Programm vor Ort dient immer als Einladung, den digitalen Raum zu entdecken. Digitale Monacensia-Beiträge sind immer Einladungen, die Künstlervilla vor Ort kennenzulernen. Die Kulturvermittlung schlägt einen Bogen zwischen den Plattformen und Beständen, setzt sie zueinander ins Verhältnis und bezieht das Publikum mit seinen Expertisen aktiv ein (vgl. #erikamann).

9. Das translokale Gedächtnis der Stadt

Eine Sammlung aufzubauen bedeutet, die Dinge zu finden, zu erwerben zu ordnen und aufzubewahren, ob in einem Raum, einem Haus, einem Museum oder einem Depot. Es ist damit auch unweigerlich eine Form über die Welt nachzudenken – die Zusammenhänge und Prinzipien, durch die eine Sammlung entsteht, umfassen Annahmen, Gegenüberstellungen, neue Erkenntnisse, Experimentiermöglichkeiten und Assoziationen. Der Aufbau einer Sammlung, so könnte man sagen, ist eine Methode, Wissen zu reproduzieren.

Hans Ulrich Obrist, Kuratieren!, 2014[25]

Die Monacensia wird durch die kuratorische Feldforschung und die Ausrichtung auf den literarischen Blick auf die Stadt zum elastischen, antichronologischen Ort der vielfältigen Sichtweisen. Sie wird zu einem porösen Ort, der Identitäten und Geschichte(n) aufnimmt. Eine Setzung, die das Archiv als scheinbar neutralen Hort wertvoller Originale, Manuskripte, Korrespondenzen, Tagebücher und anderer unikaler Schätze in die Reflexion der eigenen Sammelpraxis zwingt: 

  • Wer ist vertreten? Wer nicht? 
  • Wen kennen wir nicht? Warum? 
  • Was ist wertvoll? Warum?
Angela Aux: "Elsa Bernstein Reworks", Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks„, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Im sicheren Bewusstsein, dass die Geschichte Münchens nie vollständig erinnert und nur von München aus gedacht werden, sondern immer nur anders erzählt werden kann, definiert die Monacensia das literarische Gedächtnis Münchens nicht lokal, sondern translokal. Die Soziologin Saskia Sassen beschreibt die Großstadt als ein Art Grenzlandschaft „als Raum, in dem Akteure aus unterschiedlichen Welten sich mit Erlebnissen konfrontiert sehen, für die es keine etablierten Verhaltensregeln gibt“[26]. Wenn sie im Weiteren von dieser Mischung aus Komplexität und Unvollständigkeit als Chance der Machtlosen spricht, „Wir sind hier“ zu sagen und „Das ist auch unsere Stadt“, lässt sich das natürlich auf die fehlenden Perspektiven von den Benannten, den Frauen, Migrant*innen, POC oder LGTBIQ* im literarischen Gedächtnis übertragen: Wo sind wir? Wir sind genauso Teil dieser Stadt.

10. Gleichrangiges Erinnern als Haltung

Es ist im Interesse einer inklusiven Gesellschaft und Politik, die GLAM-Institutionen ernsthaft und strukturell zu reformieren. Vermittlungsprogramme müssen 

  • strategisch gedacht und verankert, 
  • altersübergreifend angelegt 
  • und mit einem wirklichen Willen zur Reflexion und Beteiligung ausgegrenzter Gruppen als Kurator*innen verbunden werden. 

Bleiben die informellen Spielregeln für Beziehungsmuster und Erwartungshaltungen am „guten Geschmack“ orientiert, bleibt der Kanon homogen, bleiben die Jargons gleich, hilft kein Schulklassenprogramm. Im Gegenteil: Das Gefühl des Ausgegrenztwerdens verstärkt sichWir – das bleiben die anderen, das bin nicht ich, das ist nicht meine Familie! Eine Kultur der vielen Identitäten beinhaltet nicht ein Nebeneinander oder die detailreiche Kenntnis mehrerer Identitäten, sondern die Gegenwart aller Identitäten der Stadt in der Praxis der eigenen. Das literarische Gedächtnis der Stadt muss sich an dieser internalisierten Gleichrangigkeit messen. Es muss die Stadt in ihrer Vielheit in die kollektive Erinnerung bringen.[27]

Die Erinnerungskultur der Vielen als Haltung bezieht sich auf einen Zustand, 

wenn sich die Machtbalance zwischen Individuen und Gruppen so verschiebt, dass der bisher geltende kulturelle Kompromiss seinen Sinn für einzelne Individuen und Gruppen verliert, sie sich von diesem verabschieden und ihre eigene Vision der Dinge entwickeln und durchzusetzen versuchen[28]

Dieser Zustand birgt die große Chance, die Eigendynamik der Stadt und den durch die Digitalität in Gang gesetzten und durch Corona beschleunigten Wandel der Gesellschaft zu nutzen, sich aus den alten systematisierenden Denkwelten der Erinnerungskultur zu verabschieden und aufzubrechen

Begleitet uns dabei – wirkt mit und kommentiert hier gerne, wohin es gehen kann oder wohin ihr wünscht, dass es sich bewirkt in gemeinschaftlicher Gestaltung!


[1] Glissant, Édouard: Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Aus dem Französischen von Beate Thill. Heidelberg 2. Auflage 2013, S. 51.
[2] Zit. nach der zweisprachigen Ausgabe: Inger Christensen. det/das. Aus dem Dänischen von Hanns Grössel. Münster 2002, S. 27.
[3] Vgl. Buettner, Anke: Mash it, Move it, Discover and Improve it! Neue Formen der Zusammenarbeit und digitales Kuratieren. In: Hg. Klaus Ulrich Werner: Bibliotheken als Orte kuratorischer Praxis (Bibliotheks- und Informationspraxis Band 67), Berlin 2020, S. 80 – 88.
[4] Assmann, Aleida. Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. 3. erweiterte und aktualisierte Auflage, München 2020. S. 20.
[5] Gümüşay, Kübra: Sprache und Sein, 9. Auflage München 2020, S. 45-61.
[6] Obrist, Hans Ulrich: Kuratieren! München 2014.
[7] a.a.O. Inger Christensen.
[8] Hans Ulrich Obrist bezieht sich mehrfach auf den US-amerikanischen Historiker James Clifford, dessen Standpunkt im Museumskontext ab den späten 1990er Jahren einflussreich wurde. 
[9] Sassen, Saskia. „Die Reichen möchten in der Stadt nicht belästigt werden.“ Süddeutsche Zeitung (5. Juni 2016) https://www.sueddeutsche.de/kultur/wohnen-die-reichen-moechten-in-der-stadt-nicht-belaestigt-werden-1.3014658-2 (Abgerufen: 4. April 2021)
[10] Vgl. Glissant, Édouard: ebd. S. 10.
[11] ebd. S. 21.
[12] ebd. S. 33.
[13] Vgl. Glissant, Édouard in einem Interview mit der französischen Zeitschrift „Les périphériques vous parlent“ (14/2005) zitiert nach den Erläuterungen Beate Thills, a.a.O. S. 84.
[14] Vgl. Buettner, Anke: Offene Bibliotheken, urbane Öffentlichkeit. (26. August 2018) https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/offene-bibliotheken-urbane-offentlichkeit/ (Abgerufen am 8.April 2021)
[15] Obrist, Hans-Ulrich. ebd. S.31 ff.
[16] Kolb, Annette. Briefe einer Deutsch-Französin. Berlin 1916, S. 88.
[17] Weil, Grete: Generationen, Benziger, Zürich u. a. 1983, S. 132.
[18] Vgl. Obrist, Hans Ulrich. ebd. S. 77 – 79.
[19] Glissant, Édouard, ebd. S. 21.
[20] ebd. S. 19.
[21] ebd. S. 28 f.
[22] Gümüsay, Kübra, ebd. S. 30.
[23] a.a.O. Inger Christensen.
[24] Obrist, Hans Ulrich, ebd. S. 37.
[25] Obrist, Hans Ulrich, ebd. S. 53.
[26] Vgl. Sassen, Saskia, ebda.
[27] Vgl. Wimmer, Andreas: Kultur als Prozess. Zur Dynamik des Aushandelns von Bedeutungen. Wiesbaden 2005, S. 7 – 50.
[28] ebd., S. 15


Lese-Empfehlung:

  • Assmann, Aleida. Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention. 3. erweiterte und aktualisierte Auflage, München 2020.
  • Glissant, Édouard: Kultur und Identität, Ansätze zu einer Poetik der Vielheit. Aus dem Französischen von Beate Thill. Heidelberg 2. Auflage 2013.
  • Gümüşay, Kübra: Sprache und Sein, 9. Auflage München 2020.
  • Obrist, Hans Ulrich: Kuratieren! München 2014.

Weiterlesen: Blogartikel zur kuratorischen Feldforschung (2019-2021)


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4 Kommentare zu “Erinnerungskultur der Vielen und kuratorische Feldforschung: Monacensia-Manifest zum Kuratieren in der Zeit

  1. Der Begriff der Erinnerungskultur ist im Manifest weit gefasst: Punkt 1 eröffnet mit einer Blogparade zum Thema Frauen und Erinnerungskultur (mit implizit literarisch-kulturellem Schwerpunkt). Okay.

    Dann dieser eine Satz, in dem es sehr knapp um die NS-Zeit geht: „In einer wachsenden und zudem durch die NS-Zeit besonders belasteten Großstadt wie München gibt es viele Menschen und Gruppen, die immer noch kein Teil des kollektiven Erinnerns oder aber aus diesem verschwunden sind.“ Diese Aussage wird gerahmt mit Aussagen von Aleila Assmann und Kübra Gümüsay.

    Worauf will das Manifest hier konkret hinaus? Möchte man mehr Menschen in das Erinnern an die NS-Zeit einbeziehen? Möchte man den Münchner Umgang mit der Geschichte im Sinn der postkolonialen Theorie grundlegend verändern (siehe auch der aktuelle Historikerstreit)? Oder scheint die NS-Zeit gar beim Erinnern an andere Erfahrungen zu stören, weil sie recht viel Aufmerksamkeit bekommt? Keine Erklärung.

    Stattdessen geht es schnell weiter zum literarischen Gedächtnis der Stadt: „Die Monacensia vergisst bislang in weiten Teilen, die individuellen Erfahrungen von Frauen, Muslim*innen, Emigrant*innen, Migrant*innen und diverser marginalisierter Gruppen zu sammeln.“ Warum sind Muslim*innen zusätzlich zu (Em)migrant*innen ausdrücklich genannt, aber keine andere Religion oder Gruppierung? Mir fallen Jesid*innen ein, die in jüngster Zeit mit Genozid und Versklavung durch den IS konfrontiert waren und auch in München Zuflucht gefunden haben. Steht bereits fest, welche Gruppen und Minderheiten sich bevorzugt äußern sollen und am besten in den Zeitgeist passen?

    Die Monacensia sollte die offenen Fragen beantworten, besonders was einen ggf. völlig anderen Umgang mit der NS-Zeit betrifft. Zumal am Schluss angekündigt wird: „Dieser Zustand birgt die große Chance, (…) sich aus den alten systematisierenden Denkwelten der Erinnerungskultur zu verabschieden und aufzubrechen.“

    Linktipps zum Thema:
    Tania Martini: Debatte um Gedenkkultur: Diffuse Erinnerung
    https://taz.de/Debatte-um-die-Gedenkkultur/!5751296/
    Stefan Laurin: Decolonizing Auschwitz?
    https://www.ruhrbarone.de/decolonizing-auschwitz/194370

    • Tanja Praske on 21/05/2021 at 10:33 pm sagt:

      Liebe Irene Gronegger,

      wir bitten vielmals um Verständnis, dass unsere Antwort noch dauert. Die Fragen sind sehr wichtig und wertvoll, weshalb wir sie in Ruhe nach den Pfingstferien beantworten werden. Anke Buettner wird direkt antworten.
      Wir danken vielmals für die Geduld in diesen verrückten Zeiten, in denen wir kaum hinterher kommen.

      Wir freuen uns auf den weiteren Austausch!

      Herzlich,
      Tanja Praske, Digitale Vermittlung, Monacensia

  2. Irene Gronegger on 18/06/2021 at 11:03 am sagt:

    Keine Antwort ist auch eine Antwort.

  3. Sehr geehrte Frau Gronegger,
    herzlichen Dank für Ihren ausführlichen Kommentar.

    Zu Ihren Fragen: Wir haben festgestellt, dass die Monacensia in ihrer Sammlungspraxis bislang die Stadtgesellschaft nur in Teilen abbildet. Aufgrund der NS-Geschichte und der Geschichte der Monacensia als sogenanntes „arisiertes“ Haus empfinden wir eine besondere Verantwortung, uns mit der Bedeutung von Erinnerung und Vergessen auseinanderzusetzen. Wer bleibt in Erinnerung? Wer erinnert? Wer wird vergessen? Wer wird aus der Erinnerung herausgenommen? Wie geschieht das? Was für Folgen hat das heute? Was lernen wir daraus für unsere aktuellen Formen des Erinnerns?

    Wir maßen uns nicht an, den Umgang mit der Geschichte umfassend verändern zu können. Wir nehmen für uns in Anspruch, ausgehend von unserer eigenen Praxis als Literaturarchiv der Stadt München, immer wieder darauf hinzuweisen, dass Ausgrenzung in der Erinnerungskultur und das Fehlen von unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven – auch in der Vermittlung – dem Aufbau einer inklusiven Gesellschaft zuwiderläuft.

    Wir hoffen, dass wir sowohl in der Rückschau als auch in der Gegenwart gemeinsam mit anderen viele Perspektiven auf München aus literarischer Sicht ergänzen können. Wir hoffen zudem, in der Stadtpolitik und -verwaltung Verbündete zu finden, um unsere Institution für eine Erinnerungskultur der Vielen strukturell nachhaltig aufstellen zu können.

    Mit freundlichen Grüßen
    Anke Buettner

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