Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“ | #femaleheritage

In seinem Projekt „Elsa Bernstein Reworks“ macht sich der Münchner Künstler, Autor und Musiker Angela Aux auf literarische Spurensuche: Er geht der Frage nach, weshalb Elsa Bernstein im literarischen Gedächtnis heute kaum bis gar nicht präsent ist – und das obwohl sie zu den erfolgreichsten Bühnenautorinnen ihrer Zeit gehörte und ihre Themen, wie etwa Polygamie vs. Monogamie oder Sexualität und Mutterschaft, auch heute hoch aktuell sind. Eine literarisch-künstlerische Auseinandersetzung mit Leben und Werk Elsa Bernsteins im Rahmen von #femaleheritage

Angela Aux: "Elsa Bernstein Reworks", Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

„Elsa Bernstein Reworks“

Meine Idee war es, im Rahmen einer „Lyrischen Recherche“ das Leben und Werk der Dramatikerin Elsa Bernstein als Ausgangspunkt zu nehmen um dreizeilige Aphorismen zu produzieren. Die Textographien bilden Türen in das Werk der Autorin und sollen Begeisterung für ihre Ideen, ihr Talent und ihre Weitsicht wecken.

In einer Art poetischem Sampling editiere ich dabei die Originaltexte, kommentiere sie und setze sie in Bezug zur heutigen Welt. Resultat sind prägnante Sätze, deren Wirkung sich schnell entfaltet, und die bestenfalls einen langen Nachhall und Interesse stiften. 

Angela Aux über „Elsa Bernstein Reworks“

Elsa Bernsteins Dramen: sexuelles Verlangen, toxische Beziehungen und manipulative Boshaftigkeit

Elsa du bist 
ein Pfeiler der deutschen
Vergessens-Kultur 

Elsa Bernsteins Drama “Wir Drei” ist so aktuell, dass es auch gut morgen erscheinen könnte. Natürlich wären die Dialoge sprachlich anders, die Charaktere noch überdrehter. Aber wie punktgenau Bernstein den Konflikt zwischen Bürgerlichkeit und Karriere in allen psychischen Ausnahmezuständen beschreibt ist verblüffend. Die Abgründigkeit des sexuellen Verlangens, die Lust an Verletzung und Selbstverletzung bis zur faszinierenden Beschreibung eines weiblichen Orgasmus – dieses Drama würde auch heute ähnlich vielen Menschen vor den Kopf stoßen wie vor knapp 120 Jahren. Verständlicherweise hatte Bernstein unter Monarchisten, Faschisten und religiösen Fanatikern viele Feinde. Es hätte diesen Wahnsinnigen trotzdem nicht gelingen dürfen ihre Schriften für fast 100 Jahre zu verschütten. 

Angela Aux: "Elsa Bernstein Reworks", Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Es darf in Tragödien
an Hinterhältigkeiten nicht 
gespart werden 

Elsa Bernsteins Werk ist provokant. Ihre Dramen und Kurzgeschichten sind auf skurrile Weise sehnsuchtsvoll und lustig, aber in letzter Konsequenz schonungslos und tragisch. Man blickt dabei tief ins Innere der Protagonist*innen, vor allem ins Spannungsverhältnis gegensätzlicher Impulse wie Versagensangst vs. Egomanie oder Sensibilität vs. Gewalt. 

Auch eine seltsame Lust am Leid ist häufig präsent. Viele Charaktere würde man heute als toxisch bezeichnen. Das Verhältnis zwischen den Protagonist*innen wie auch zwischen Individuum und Gesellschaft ist oft passiv-aggressiv. Es ist spannend wie viel psychologisches Verständnis Elsa Bernstein über diese Dynamiken in einer vor-psychologischen Zeit inszeniert. 

Schreibmaschine und "Königskinder" von Ermst Rosmer aka Elsa Bernstein, Foto Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Schreibmaschine und „Königskinder“ von Ernst Rosmer aka Elsa Bernstein, Foto Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Ein großes Talent ist
es Komplimente wie Schläge 
verteilen zu können 

Manipulative Boshaftigkeiten sind bei Bernstein allgegenwärtig. Viele Konflikte werden sprachlich ausgetragen und veranschaulichen den ganz normalen bürgerlichen Wahnsinn. In einer Art taktischem Geplänkel übertreiben Elsa Bernsteins Protagonist*innen oft eine gespielte Fürsorge ins Gegenteil, beispielsweise in der übertriebenen Anteilnahme von Sascha gegenüber der schwangeren Agnes in “Wir Drei”.

Die psychischen Verletzungen verweisen oft auf eine körperliche Ebene, in Folge treten früher oder später Krankheiten auf. Diese ständigen Verletzungen werden kaum moralisiert, Bernstein legt dabei mehr oder weniger kommentarlos den Maschinenraum der beiläufigen bürgerlichen Gewalt frei. 

Angela Aux: "Elsa Bernstein Reworks", Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Vieles versteht
man nur weil man es 
nicht sehen kann 

Elsa Bernstein verlor als Jugendliche so viel Sehstärke, dass sie nicht mehr als Schauspielerin arbeiten konnte. Sie konzentrierte sich fortan aufs Schreiben. Wenig überraschend sind die visuellen Anweisungen in ihren Stücken relativ karg, dafür die Dialoge umso reicher. In Wortwechseln kommuniziert sie gleichzeitig auf der Figuren-Ebene, führt gesellschaftliche Positionen gegeneinander ins Feld und lasst sie von ihren Figuren kommentieren. 

Die Stücke sind voller Slogans, vieles könnte man sich auch heute ausdrucken und an die Wand hängen. Trotzdem wirken die Dialoge natürlich. Vielleicht nutzte es ihr, dass sie sich nicht zu sehr auf ihre Augen verließ. Es wirkt als wäre auch das Zuhören ihre Kunst gewesen. 

Selbstermächtigung als höchstes Prinzip

Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Sie denken über
das Leben und lesen 
über die Kunst 

Bei Elsa Bernstein dreht sich viel um das Thema Selbstverwirklichung. Oft weisen ihre Protagonist*innen ein blockiertes Verhältnis zur eigenen Kreativität auf und leiden darunter, ihre Leidenschaft nicht oder nur ungenügend ausleben zu können. In diese Konflikte ist oft auch der Dualismus Selbsthass vs. Selbstüberschätzung eingebettet. Häufig sind die erfolgreichen Charaktere die gefühlslosesten und verletzendsten und die leidenden Charaktere unkreativ mit Hang zum Selbstmitleid und Selbstverletzung. 

Elsa Bernstein lässt die Konfliktlinie zwischen ihren Protagonistinnen verlaufen: die “Frauenfrage” wird nicht an Männer adressiert, sondern ausschließlich zwischen den Frauen selbst gestellt und bearbeitet. Bernstein zeigt anhand ihrer Protagonistinnen auf, welche Frauenrollen existieren und lässt diese aufeinandertreffen, wobei auch Konflikte möglich sind.

Es ist auffällig, dass ihre Protagonist*innen für ihre Unfreiheit und ihr Zaudern oft mit Krankheit und Schicksalsschlägen bestraft werden. Wer aber das Leben selbst in die Hand nimmt, erwartet in Bernsteins Texten Erfolg und Glück. 

Der Körper als Maschine: Männliche Lebensrealitäten damals und heute

Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Was unterscheidet 
denn heute Kasernen 
von Fabriken? 

Viele Männer leben in einer ähnlichen Lebensumgebung wie vor knapp 100 Jahren. Sie tragen andere Klamotten und sind krankenversichert, aber ihre Arbeit und Lebensrealität ist in vielerlei Hinsicht eine Fortführung von Krieg mit anderen Mitteln: Noch immer ist ihr Mindset geprägt von Konflikten und Hierarchien.

Gewalt dient als Mittel der Durchsetzung der eigenen Ziele und es herrscht die Auffassung vor, der eigene Körper sei eine Art Maschine. 
Über Gefühle, Schwächen oder psychische Extremsituationen sprechen Männer nicht, das macht sie oft zu chronisch gestressten und ängstlichen Zeitgenossen. 

Ich übertreibe ein bisschen, aber ich möchte auch provozieren. Eben diesen Typ Mann lässt Elsa Bernstein in ihren Stücken gern auftreten. Bernstein führt die Unfreiheit und Ziellosigkeit vor, die aus diesen Privilegien entsteht. Sie zeigt wie unfähig dieser Typ Mann ist, sein Leben zu regeln und wie er mit diesen Unfähigkeiten durchs Leben kommt, solange Frauen diese kompensieren. 

Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage
Angela Aux in der Monacensia, Foto: Susanne Steinmassl | #femaleheritage

Ich halte viel von ihnen, 
sonst würde ich ihn hier nicht 
so herunterputzen 

Elsa Bernstein ist gnadenlos in ihren Texten. Sie lässt ihre Protagonist*innen häufig mit Ansage ins offene Messer laufen. Sie lässt keine Gleichgültigkeit zu, ihre Aussagen fühlen sich oft an wie Schläge. Wer sich ihrer Stücke annimmt, lernt über sich selbst, denn man kann von Bernsteins Texten nicht nicht getroffen werden. 

Bernstein führt keinen Lagerkampf, sie ist kein Sprachrohr für eine einzige Idee. Sie zeigt auf, wie die sozialen Strukturen ihrer Zeit häufig zu Abhängigkeit, Isolation, Unfreiheit auf der einen und Aggression, Gewalt und Niedertracht auf der anderen Seite führen. Sie ist auch darum so aktuell wie eine Dramatikerin nur sein kann

Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“ | #femaleheritage
Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“ #1| #femaleheritage
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Angela Aux: „Elsa Bernstein Reworks“ #14 | #femaleheritage

Autor: Angela Aux; Fotos: Susanne Steinmassl

Wir danken Angela Aux für seine umfassenden Arbeiten und die so entstandenen neuen Zugänge zu Werk und Person Elsa Bernsteins.

Angela Aux: Seit 2004 ist Florian Kreier nach einem Politologie-Studium als freier Musiker, Autor und Kulturarbeiter tätig. Mit den Bands Angela AuxAloa Input und Sepalot Quartet tourte er durch Europa und veröffentlichte zahlreiche Studioalben. Zudem entstanden Kompositionen und Vertonungen für diverse Film- und Theaterprojekte. Als Veranstalter und Initiator des Münchner Kunst- und Kulturfestivals „Panama Plus“ verband er in einem innovativen Format verschiedene Kunstformen mit einem sozio-politischen Auftrag. 2019 veröffentlichte er seinen ersten Lyrikband mit dem Titel „Utopien sind meine Heimatae“ im Trikont-Verlag.
Website: https://www.angela-aux.com

Elsa Bernstein (1866-1949) galt als eine der bedeutendsten Dramatikerinnen ihrer Zeit. Unter dem Künstlernamen „Ernst Rosmer“ veröffentlichte sie um 1900 Bühnenstücke und Dramen. In ihren Stücken spielen vor allem berufstätige unabhängige Frauen eine wichtige Rolle. Mehr über Elsa Bernstein könnt ihr auch im Beitrag Elsa Bernstein – tragisches Schicksal einer erfolgreichen Dramatikerin und berühmten Münchner Salonnière von Dr. Kristina Kargl lesen. 


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