US-amerikanische Kriegsreporterinnen in Deutschland im Frühjahr 1945 – Transatlantischer Perspektivwechsel | #femaleheritage

US-amerikanische Kriegsreporterinnen klären ihre Heimat über das Ausmaß der nationalsozialistischen Terrorherrschaft in Wort und Bild auf. Ein transatlantischer Perspektivwechsel, der für die Journalistinnen teils lebensgefährlich war. Wer waren sie? Klaus Blanc stellt uns einige von ihnen für #femaleheritage vor. Kennt ihr die „Soldatin in der Badewanne“? Für uns bedeutet dieser Gastbeitrag eine wichtige Anknüpfung an die vergangene Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Sprecherin“. Aber lest selbst.

Ein Gruppenfoto mit weiblichen Kriegsreporterinnen 1943, Mary Welch, Dixie Tighe, Kathleen Harriman, Helen Kirkpatrick, Lee Miller, Tania Long (U.S. Army Center of Military History) U.S. Army Official Photograph, Public domain, via Wikimedia Commons #femaleheritage
Ein Gruppenfoto mit weiblichen Kriegsreporterinnen 1943, Mary Welch, Dixie Tighe, Kathleen Harriman, Helen Kirkpatrick, Lee Miller, Tania Long (U.S. Army Center of Military History) U.S. Army Official Photograph, Public domain, via Wikimedia Commons

Am Ende dieser Blogparade, scheint mir als Kontrapunkt ein kleiner transatlantischer Perspektivenwechsel angebracht. In dieser Skizze möchte ich einige US-amerikanische Autorinnen ins Blickfeld rücken. Sie setzten ihr Leben im Frühjahr 1945 dafür ein, der Gewalt und dem Wahn der Herrenmenschen auf deutschem Boden ein Ende zu bereiten. Sie kamen, in der Uniform der amerikanischen Truppen, um sich über das Ausmaß der nationalsozialistischen Terrorherrschaft ein Bild zu machen. Zugleich klärten sie die kriegsmüde Öffentlichkeit ihrer Heimat darüber auf, warum der opferreiche Kampf gegen das ferne Deutsche Reich mehr war als ein Sieg gegen eine feindliche Armee. Diese selbstbewussten Weltbürgerinnen erkannten, verdichtet in ihren Erlebnissen bei der Befreiung deutscher Konzentrationslager, was in diesem Krieg auf dem Spiel stand.  

Vier US-amerikanische Kriegsreporterinnen im Frühjahr 1945 in Deutschland

1. Lee Miller: Die Soldatin in der Badewanne

Am Abend des 30. April 1945 nahm die amerikanisch Kriegskorrespondentin Lee Miller in der Prinzregentenstraße 27 ein heißes Bad. Das Portrait des abwesenden Hausherrn am Wannenrand, blickte sie in die Kamera. Ein intimes Kriegsfoto im Privatgemach des Tyrannen. Ein ikonografisches Bild über das definitive Ende des Dritten Reichs. Ließe sich neben den tausenden Fotos des Leidens der Opfer und vom heroischen Befreiungskampf ein zweites finden, das derart sinnbildhaft den fundamentalen Bruch veranschaulicht? Eine nackte Frau wäscht sich in der Badewanne Adolf Hitlers, ihre dreckstarrenden Stiefel auf der Badematte. Ein schrecklicher Tag im soeben von Soldaten der 7. US-Armee befreiten Konzentrationslager Dachau lag hinter ihr. 

… wenn München, die Geburtsstätte dieses Horrors, im Begriff war zu fallen, wollten wir gern dabei helfen 

schrieb sie in einem Brief an ihren Verlag.  

2. Die Fotojournalistin Margaret Bourke-White

Getrieben von dem „unstillbaren Wunsch dabei zu sein, wenn Geschichte geschrieben wird“, überschritt auch die Fotojournalistin Margaret Bourke-White Anfang des Jahres 45 mit den ersten amerikanischen Kampftruppen die deutsche Grenze. 

Wir hatten unsere Boys in den Krieg geschickt und ihnen kaum einen Begriff gegeben, wofür sie kämpfen sollten. 

Bourke-White, die bei der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald vor Ort war, machte in ihren schockierend-eindrücklichen Bildern der gequälten Opfer und der sich unschuldig gebenden Täter dem „Wofür“ ein Gesicht.  

3. Martha Gellhorn

Die Reportagen von Martha Gellhorn von den Kriegsschauplätzen in Spanien und China machten sie bereits weltberühmt. Sie kam im Rang eines US-Hauptmanns im Mai 45 nach Dachau, auch für sie ein Wendepunkt, wie sie Jahre später in einem Brief bekundete. „Nie wieder“ habe sie zu einem Zustand der Hoffnung oder Unschuld oder Heiterkeit zurückgefunden.“                  

Gedenkkarte von 1946 zur Befreiung des KZ Dachau durch die Amerikaner am 29. April 1945. United States Holocaust Memorial Museum, Public domain, via Wikimedia Commons
Gedenkkarte von 1946 zur Befreiung des KZ Dachau durch die Amerikaner am 29. April 1945. United States Holocaust Memorial Museum, Public domain, via Wikimedia Commons

4. Janet Flanner

Erinnert sei an die amerikanische Journalistin Janet Flanner, die unter dem Pseudonym „Genet“ unermüdlich Artikel aus ganz Europa für den „New Yorker“ schrieb. Auch sie war unter den ersten, die mit den kämpfenden Truppen in das deutsche Reichsgebiet einrückte. 

Ich fliege herum wie eine ältliche weiße Krähe, ich besitze eine edle Nazi-Pistole, ich halte Reisen durch, die jüngere Frauen umwerfen. Ich versuche zu beobachten, zu lernen, nachzudenken und daraus zu schließen, was aus diesem bösen Europa werden wird

schrieb sie an ihre Lebensgefährtin Danesi Murray und fuhr fort,

Deutschland ist wie ein riesiges Mannsbild, das endlich zu Fall gebracht worden ist, sein hässliches Gesicht blutet und es winselt.

Diese vier Autorinnen in Uniform, deren biografische Wurzeln wenig Gemeinsamkeiten aufwies, verband ihre leidenschaftlich demokratische Haltung und ihr unbedingter Wille sich durch verschlossene Türen nicht beeindrucken zu lassen. Untereinander hielten sie quer durch das zerstörte Europa freundschaftliche Beziehungen, unterstützen sich gegenseitig im Kampf um Publikationsmöglichkeiten. 

Vorreiterin der transatlantischen „Bewegung“ amerikanischer Autorinnen

„Ich hatte mehr als zwanzig Jahre meines Lebens mit dem Versuch verbracht, den deutschen Geist zu verstehen“ bekannte Dorothy Thomson, Korrespondentin der „New York Harald Tribune“ in Berlin. Sie war eine Vorreiterin dieser transatlantischen „Bewegung“ amerikanischer Autorinnen.  Unaufhörlich warnte sie die amerikanische Öffentlichkeit vor dem drohenden Krieg und forderte von der Regierung der Vereinigten Staaten eine aktivere Politik gegen den Faschismus

Nachdem Dorothy Thomson Hitler im November 1931 nach langen Warten im Hotel Kaiserhof interviewen konnte, beschrieb sie ihn als „erschreckend bedeutungslos“. Was ihr sofort nach dem 30. Januar 33 die Ausweisung aus dem Deutschen Reich einbrachte. Gereizt schrieb Propagandaminister Goebbels in sein Tagebuch: 

…beschämend und aufreizend, dass so dumme Frauenzimmer…, das Recht haben, gegen eine geschichtliche Größe wie den Führer überhaupt das Wort zu ergreifen.

Die Journalistin Kay Boyle

Es waren aber noch mehr schreibende Amerikanerinnen, die über den Atlantik kamen, um für die Beseitigung der faschistischen Gewaltherrschaft und ihrer Hinterlassenschaft zu kämpften. So die amerikanische Schriftstellerin und Journalistin Kay Boyle, auch sie trug Uniform. 1948 zog sie mit ihren Kindern nach Marburg. In einem steten Strom von Essays, Berichten und autobiographisch gefärbten Kurzgeschichten beschrieb sie der amerikanischen Öffentlichkeit den mühsamen Prozess der Vermenschlichung einer Gesellschaft, die demokratischen Ideen und Institutionen zutiefst mistraute. 

Nach dem ersten Schock und der ersten Empörung beim Anblick dieser kolossalen Zerstörung ist es unabdingbar mit Leidenschaft die richtige Einschätzung vorzunehmen.

Viele von Boyles Geschichten aus Nachkriegsdeutschland sind meisterhaft komponierte Miniaturen deutscher Befindlichkeit. 

Für ihre liberalen Ansichten mussten diese und viele weitere Autorinnen und Autoren in der McCarthy Ära teuer bezahlen. Ihr Engagement galt nun als anrüchig, ihr Antifaschismus als „unzeitgemäß“. 

Autor: Klaus Blanc

Vielen herzlichen Dank für diesen wichtigen transatlantischen Perspektivwechsel! Dieser bringt uns US-amerikanische Autorinnen näher, die für einen demokratischen Neuanfang in Deutschland ihr Lebens auf Spiel setzten.

Klaus Blanc, langjährig engagiert in der Erwachsenenbildung, hat u.a. eine dreibändige Auswahl der Reportagen und Briefe von Janet Flanner herausgegeben.


Kriegsreporterinnen

Zur Thematik Kriegsreporterinnen ist auch der Video-Beitrag „Helena Janeczek: Das Mädchen mit der Leica“ zu #femaleheritage spannend, den wir hier nochmals gerne ergänzen:

Frido Mann geht in seinem Video-Rundgang durch die #ErikaMann-Ausstellung in der Monacensia auch auf Erika Mann als Kriegsreporterin ein:


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