Frau darf … 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie der Bildenden Künste München | #femaleheritage

Warum wehrte sich die Akademie der Bildenden Künste München gegen die Aufnahme von Frauen? Was geschah ab dem Wintersemester 1920 und wie sieht heute die Lage für Künstlerinnen aus? Diesen Fragen geht Verena Beaucamp, Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Museum Fürstenfeldbrück, für #femaleheritage anlässlich der Ausstellung „Frau darf … 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie“ nach.

Maria Eberhard Porträt Maria Gögler, 1920er Jahre Privatbesitz Foto: Wolfgang Pulfer #femaleheritage
Maria Eberhard, Porträt Maria Gögler, 1920er Jahre. Privatbesitz Foto: Wolfgang Pulfer

Als Publikum oder Modelle waren Frauen in der Kunst seit jeher gern gesehen – eine eigene Karriere als Künstlerin mit akademischem Studium blieb ihnen jedoch lange verwehrt. Abgesehen von wenigen Ausnahmen im 19. Jahrhundert konnten kunstinteressierte Frauen sich erst ab dem Wintersemester 1920 in München an der Akademie einschreiben. Nach zähen Kämpfen musste die konservative Akademieleitung als eine der letzten deutschen Hochschulen dem hartnäckigen Drängen schließlich nachgeben. 

Malschule Heymann München, 1920er Jahre Privatbesitz Foto: Wolfgang Pulfer | Akademie der Bildenden Künste München #femaleheritage
Malschule Heymann München, 1920er Jahre. Privatbesitz. Foto: Wolfgang Pulfer | Akademie der Bildenden Künste München #femaleheritage

Frau darf … Recht auf Arbeit und Bildung

Dies geschah nicht aus freien Stücken, sondern war das Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe, die Frauen seit der Mitte des 19. Jahrhunderts führten. Der Kampf um ein Recht auf Ausbildung und um politische Teilhabe waren die beiden elementaren Felder der Frauenbewegung, die in München besonders aktiv war. Künstlerinnen und Schriftstellerinnen engagierten sich, allen voran Anita Augspurg und Sophie Goudstikker, deren Fotoatelier „Elvira“ zu einem lebendigen Zentrum der Bewegung wurde. 

Die lang geforderte Gleichberechtigung von Mann und Frau war erst 1919 mit der Weimarer Verfassung erreicht. Dennoch weigerte sich die Münchner Akademie weiterhin. Man führte unterschiedliche Argumente ins Feld wie

  • Raumprobleme, 
  • fehlende Toiletten 
  • und große moralische Bedenken hinsichtlich eines mit den Studenten durchgeführten Aktunterrichts. 

Auch der Vorwurf des weiblichen Dilettantismus und die Vermehrung des Künstlerproletariats stand im Raum, war aber gepaart mit einer guten Portion Abwehr unliebsamer weiblicher Konkurrenz. 

So blieb den jungen Frauen nur der Gang in eine der unzähligen privaten Malschulen oder die Damenakademie des Künstlerinnenvereins, vorausgesetzt, sie konnten die hohen Gebühren zahlen.

Daisy Campi-Euler Malven, um 1931 Privatbesitz Foto: Franz Kimmel #femaleheritage
Daisy Campi-Euler Malven, um 1931. Privatbesitz. Foto: Franz Kimmel

100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie der Bildenden Künste München

Die ersten Studentinnen 

Zum Wintersemester 1920 nahmen schließlich 17 Frauen das Studium an der Akademie auf – von ihren Kommilitonen und auch vom Großteil der Lehrenden wurden sie vermutlich nicht mit offenen Armen empfangen. Wie es zu diesem entscheidenden Schritt kam, welche Möglichkeiten kunstinteressierte Frauen vor der Akademiezulassung hatten und wie die Erfolgschancen der jungen Künstlerinnen aussahen – diese Fragen stellten wir uns in der aktuellen Ausstellung „Frau darf … 100 Jahre Künstlerinnen an der Akademie“ (20.11.2020 – 25.4.2021) im Museum Fürstenfeldbruck. 

Malschule Heymann München, 1920er Jahre Privatbesitz Foto: Wolfgang Pulfer. Akademie der Bildenden Künste München #femaleheritage
Malschule Heymann München, 1920er Jahre. Privatbesitz. Foto: Wolfgang Pulfer

In Kooperation mit der Akademie der Bildenden Künste in München gingen wir auf Spurensuche und wählten 12 Malerinnen und Bildhauerinnen aus. Private Familiennachlässe, Archive und museale Sammlungen boten Einblicke in eine Fülle unbearbeitetes Material. Diese zeigten, dass es Frauen gegen viele Widerstände immer wieder gelang, sich im männerdominierten Kunstbetrieb zu behaupten. Waren sie verheiratet, konnten sie aufgrund der traditionellen Rollenverteilung die Kunst oft nur nebenbei betreiben – der persönliche Freiraum hing dann sehr von der Einstellung des Mannes ab. 

Verschollene Generation

Ein großer Teil der Malerinnen gehört zur »verschollenen Generation«, die zu Beginn ihrer Laufbahn beachtliche Erfolge feierte, dann den Einschränkungen des nationalsozialistischen Kunstverständnissesund der politischen Repressionen oblag und nach 1945 nicht mehr in diesem Maße in die Kunstwelt zurückfand. 

Lily Koebner-Linke Das Malweib, 1913 Privatbesitz Foto: Wolfgang Pulfer #femaleheritage
Lily Koebner-Linke, Das Malweib, 1913. Privatbesitz. Foto: Wolfgang Pulfer

Künsterinnen heute

Auch heute haben es Künstlerinnen immer noch schwerer als ihre männlichen Kollegen. Während die Anzahl der Frauen im Kunstmarkt zunimmt, ist das Ungleichgewicht in der Beurteilung nach wie vor prägnant. Ist der Wert eines Künstlers eine Frage des Geschlechts? Die Bezeichnung »Malerfürst«, die für Erfolg, gesellschaftliches Ansehen und eine bedeutende Persönlichkeit steht, wird bislang selten in der weiblichen Form verwendet. »Frauen malen nicht so gut. Das ist ein Fakt.“ Solange Aussagen wie die des Malers Georg Baselitz im Spiegel 2013 unwidersprochen bleiben, kann die Frage nach dem Stellenwert weiblicher Künstler nicht oft genug gestellt werden. »Müssen Frauen nackt sein, um ins Met. Museum zu kommen?« fragte 1989 provozierend die feministische Gruppe Guerilla Girls aus New York, denn »weniger als 5% der Künstler in der modernen Abteilung sind Frauen, aber 85 % der Akte sind weiblich.«

Im Münchner Lenbachhaus z. B., das seit einigen Jahren sehr umfangreich Daten zu Geschlechtergleichstellung/Gender Mainstreaming erfasst, betrug der Anteil an Künstlerinnen

  • vor 1900 ganze 1%, 
  • zwischen 1900 und 1945 ist er auf 6% angestiegen, 
  • nach 1945 auf 12 %. 
  • Dank einer Erwerbungspolitik, die den Fokus seit vielen Jahren auf den Ankauf zeitgenössischer Werke weiblicher Künstler legt, ist der Anteil an Künstlerinnen in der Sammlung 2019 auf 20 % gestiegen.

Auch wenn tradierte Rollenbilder teilweise noch immer bestehen Familienplanung und Lücken in der Biographie von Galeristen und Kuratoren oft zum Nachteil der Künstlerinnen bewertet werden, sind die Ausbildungs- und Arbeitschancen für Frauen heute doch weitaus besser als vor 100 Jahren. Der Anteil an weiblichen Studierenden in der Akademie München ist heute auf über 60% gestiegen. 

Autorin: Verena Beaucamp M.A., Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Museum Fürstenfeldbruck

Vielen herzlichen Dank für diese spannenden Einblicke in der Welt der Künstlerinnen vor und nach 1920. Für uns ist es auch spannend zu sehen, wie sich Beiträge zu #femaleheritage berühren. Gerne weisen wir auf folgende Blogposts hin:

Zu Anita Augspurg erscheint im Januar ein weiterer Beitrag im Blog der Münchner Stadtbibliothek.


Adresse und Kontakt Museum Fürstenfeldbruck

Museum Fürstenfeldbruck im Kloster Fürstenfeld
Fürstenfeld 6
82256 Fürstenfeldbruck
08141/ 611 313
museum@fuerstenfeldbruck.de

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