Reading Challenge im April: Bösewichte

Jetzt wird es düster. Die Reading Challenge im April widmen wir der dunklen Seite – den Antagonist*innen, den Fieslingen und den menschlichen Abgründen. Folgt uns also zu Titeln über fiktive und reale finstere Gestalten. Vor allem von letzteren gibt es natürlich unendlich viele mehr, aber von denen lest ihr ja schon in der Zeitung …



illustriert von Kristof Kepler, Editon Atelier, 240 Seiten

Martin Thomas Pesl: Das Buch der Schurken

Geschichten und Erzählungen komplett ohne Bösewichte, also ohne einen Gegenpart, wären wahrscheinlich langweilig: Der Held oder die Heldin hätten ihre Abenteuer wohl ziemlich schnell erlebt und würden bald im Alltagstrott versinken und sich um unspektakuläre Dinge kümmern, wie Glühlampen auszuwechseln, den Müll raus zu bringen oder Fenster zu putzen. Mit einem Augenzwinkern stellt Martin Thomas Pesl in diesem Buch die 100 fiesesten Schurken aus der Weltliteratur vor, die definitiv eine große Herausforderung für die Held*innen der Geschichte darstellen. Von Jean-Baptiste Grenouille (Das Parfum) über die grauen Herren (Momo) bis hin zu Dolores Umbridge (Harry Potter und der Orden des Phönix). Viele der Figuren kennt man aus Verfilmungen, vom Hörensagen oder vom Buch selbst. Manche Geschichten waren mir aber völlig unbekannt. Und wiederum andere Werke stehen schon lange auf meiner Leseliste. Bei dieser witzigen Schurkensammlung bekommt man jedenfalls gleich Lust, mal einen dieser Klassiker in die Hand zu nehmen und darin zu schmökern.

Isabella/ Programm und Öffentlichkeitsarbeit

Kampa Verlag, 272 Seiten, auch als eBook

Alex Lépic: Lacroix und die Toten vom Pont Neuf

Kaum ist Kommissar Lacroix (von einem Kollegen sehr zu seinem Verdruss Maigret genannt) aus dem Urlaub zurück, wird er schon zu einem Fall gerufen: Ein Obdachloser wurde unter einer der Brücken der Seine ermordet. Und es bleibt nicht bei diesem einen Mord: Auch in den folgenden zwei Nächten kommen zwei weitere Männer gewaltsam ums Leben und setzen Lacroixs Abteilung gewaltig unter Druck. Denn es geht nicht nur um einen Bösewicht – wie Ermittlungen nach und nach zeigen – sondern um mehrere Täter.

Lacroix ist ein herrlich altmodischer Ermittler, Handys und PCs umgeht er tunlichst, er unterhält sich lieber mit den Menschen und denkt bei einem guten Schluck Wein und einem leckeren Essen in seinem Stammbistro intensiv über den Fall nach. In den Lacroix-Krimis (inzwischen gibt es fünf Bände) geht es nicht um Action, sondern es sind klassische Whodunits, mit denen sich sehr entspannt ein paar gemütliche Lesestunden verbringen lassen.

Birgit/ Stadtbibliothek Neuhausen

Diogenes Verlag, 159 Seiten, auch als Lesung auf CD und als eAudio

Alfred Andersch: Der Vater eines Mörders

Der absolute Böse in der deutschen Geschichte, „der größte Vernichter menschlichen Lebens in der deutschen Geschichte“, wie ihn der Autor des hier besprochenen Werkes nennt, das ist Heinrich Himmler. Der nach Hitler mächtigste Mann im NS-Staat, verantwortlich für den Holocaust – klar, dass man sich fragt, wer wohl dessen Vater gewesen ist und wie er war. Damit beschäftigt sich Alfred Andersch in seiner letzten veröffentlichten Erzählung, die 1980 erscheint – mit dem Untertitel „Eine Schulgeschichte“. Tatsächlich wurde der Text zur Schullektüre, und sicherlich hat auch das „Nachwort für Leser“ dazu geholfen, die Absicht des engagierten Autors zu unterstützen.
Andersch erzählt in dem Buch eine Geschichte von Franz Kien, dem alter ego des Autors. Der Schüler des Münchner humanistischen Wittelsbacher Gymnasiums erlebt, wie der Schuldirektor, der Rex, einen unangekündigten Unterrichtsbesuch macht, der erst den Griechisch-Lehrer, dann die Schüler durcheinanderbringt. Der Rex gibt sich unnahbar, prüft die Klasse. Erscheint so, wie man sich einen Oberstudiendirektor in einem deutschen Gymnasium des Jahres 1928 vorstellt: brutal, unpädagogisch, mit dem klaren Ziel der Brechung eines Jugendlichen im Hinterkopf – jedenfalls in allem das strikte Gegenteil des zum Durchhaltefilm umfunktionierten Romans „Feuerzangenbowle“ von Heinrich Spoerl. Bei Andersch endet die Prüfung mit dem Schulverweis von Franz Kien. „Schützt Humanismus denn vor gar nichts?“ fragt Andersch im Nachwort – und seine Erzählung ist die Antwort. Auch wenn Andersch etwas aus der Mode ist und die womöglich geschönte Beschreibung der Desertion aus der Wehrmacht seinen Ruhm als Dichter der „Kirschen der Freiheit“ geschmälert hat, lohnt es sich, diese letzte Erzählung trotzdem zu lesen: als Modell einer autoritären Haltung, die es ermöglicht hat, dass ein Humanismus, der sich nur in Formeln griechischer Grammatik erschöpft, eben tatsächlich vor gar nichts schützt.

Klaus/ Programm und Öffentlichkeitsarbeit

cbt Verlag, 336 Seiten

Friedrich Ani: Die unterirdische Sonne

Nicht eine, sondern gleich drei böse Gestalten bestimmen das Geschehen in Friedrich Anis dunklem (Jugend-)roman über Kindesentführung und -missbrauch. Kälte und Beklemmung stellten sich bei mir ein, als ich über die fünf Jugendlichen gelesen habe, die von zwei Männern und einer Frau in einem Keller gefangen gehalten werden. Sie werden abgehört und mit der Kamera beobachtet und täglich wird einer oder zwei von ihnen von den Erwachsenen nach oben geholt. Von dem, was oben passiert, erzählen die Jugendlichen nach ihrer Rückkehr in den Keller nichts. Weinkrämpfe, Schmerzen, Verstörung und Verzweiflung sind bei den Jugendlichen die Folgen von Erniedrigung und Grauen. Vor allem die Machtlosigkeit, ihrer Situation zu entkommen, ist bedrückend. Im zweiten von drei Akten des Romans erzählen sich die Jugendlichen gegenseitig selbst erfundene Märchen, die die grausamen Erlebnisse metaphorisch andeuten, und in der sich ihre Hoffnungslosigkeit weiter ausbreitet.
Der Autor nennt die grausamen Taten zunächst nicht beim Namen. Ani – und das ist ganz wichtig – verweigert damit dem Leser den voyeuristischen Blick. Wie ein Beobachter von außen stellt er die Jugendlichen im Keller dar. Von ihrer Verzweiflung zur Todessehnsucht über eine Gleichgültigkeit kommen sie dann doch noch zum gemeinsamen Handeln. Dabei gewinnt das Böse auch bei ihnen die Oberhand. Das macht ein Happy End unmöglich.
Der Roman, zurecht vom Verlag erst ab 16 Jahren empfohlen, wirkt noch lange nach und lässt einen mit allem anderen als einem guten Gefühl zurück.

Viola/ Stadtbibliothek Neuhausen

Diogenes Verlag, 428 Seiten, auch als Verfilmung auf diversen Datenträgern

Patricia Highsmith: Der talentierte Mr. Ripley

Wahrscheinlich ein Klassiker unter den Bösewichten bzw. Antihelden: Tom Ripley ist ein junger Mann und lebt von kleineren Gelegenheitsjobs in New York. Eines Tages wird er von Herbert Greenleaf, einem reichen Reeder, überredet nach Italien zu fahren, um seinen Sohn Dickie Greenleaf, der auch Toms alter Schulfreund ist, davon zu überzeugen, wieder zurück nach Amerika zu kommen.
Angekommen im Badeort Mongibello verbringt er viel Zeit mit Dickie und dessen Freundin Marge Sherwood und lebt mit ihnen das Leben der Reichen und Schönen. Immer mehr identifiziert sich Tom mit seinem reichen Schulfreund. So sehr, dass er beschließt seine Identität anzunehmen – koste es, was es wolle.

Isabella/ Programm und Öffentlichkeitsarbeit

aus dem Französischen von Wolfgang Tschöke, Carl Hanser Verlag, 541 Seiten, auch im französischen Original

Choderlos de Laclos: Gefährliche Liebschaften

Wegen der Gendergerechtigkeit auch auf dem Feld der Schurken, Bösewichte und Fieslinge möchte ich nun doch diesen Roman hier ergänzen. Ganz ehrlich: Wer denkt beim Wort Fiesling sofort ans„zarte Geschlecht“? Und doch kann die Marquise de Merteuil ganz locker mithalten, nicht nur mit ihrem Mit- und auch mal Gegenspieler im Roman, dem Vicomte de Valmont, sondern auch mit den Bösewichten der Weltliteratur.
In 176 Briefen enttarnt der Autor die Sittenlosigkeit der dekadenten und korrupten Welt des Adels vor der französischen Revolution. Dabei üben die Intrigen, die die beiden Fieslinge (Fiesling*innen?) aus reiner Machtgier und Lust an der Manipulation betreiben, seit Erscheinen des Buches eine enorme Faszination auf Lesende aus. Und das, obwohl sie in nichts weniger als in Demütigung, Verführung, Tod beim Duell oder Existenzvernichtung gipfeln. Bei ihrem gefährlichen Spiel wenden die Marquise und der Vicomte unterschiedliche Taktiken an, je nach Charakter ihres Opfers. Die unterschiedlichen Sprachstile der Briefe spiegeln das ebenso wider wie ihr raffinierter Umgang mit Wahrheit und Lüge. Kein Moralbegriff hat mehr Bestand, keine noch so teuflische Intrige wird geahndet, kein Opfer gerächt. Und die Waffen dieser Frau sind so scharf wie subtil – schurkisch, fies, böse eben.
Der Stoff ist dramatisiert für die Bühne, fünffach und prominent verfilmt, in zahlreiche Sprachen übersetzt und vertont.

Corinna/ Programm und Öffentlichkeitsarbeit

Wer lieber hören will als lesen …

… findet in der Naxos Music Library eine Playlist zum Thema (kostenlos mit Bibliotheksausweis).

Bettina/Musikbibliothek im HP8

Weitere Buchtipps zum Thema in englischer Sprache findet Ihr hier auf Overdrive .


aufgeschlagenes Buch

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