Annegret Liepold über die „Bayerische Akademie des Schreibens“, Schreibprozesse und „Franka“ | #AtelierMonaco-Szene

Widerstände, Antrieb fürs Schreiben und Täterperspektive: Annegret Liepold im Gespräch mit Katrin Diehl über ihre Arbeit an der „Bayerischen Akademie des Schreibens“, Schreibprozesse, ihren Roman „Franka“ und Literaturvermittlung mit der „Münchner Schiene“ (2022) für das Literaturhaus München – Beitrag zur #AtelierMonaco-Szene der Monacensia.

Annegret Liepold über Schreibprozesse und "Franka". Foto. Vanessa Moenius. #AtelierMonaco-Szene
Annegret Liepold über Schreibprozesse und „Franka“. Foto. Vanessa Moenius. #AtelierMonaco-Szene
Die Waren laufen noch übers Transportband, aber der Einkauf ist schon auf meinem Handy aufgelistet:
Banane 2,38
Haferflocken Gut & Günstig 0,59
Tomaten, fein gehackt 3 x 0,89
Steinofenpizza 2,59
Rosé, trocken 3,49

Ich möchte dran glauben, dass die Ordnung entlang meines Essalltags Zufall ist, und bestätige erst die Kaufsumme, dann die Frage nach den Treuepunkten mit einem Wischen. Im Geldbeutel trug man das Wichtigste und Unwichtigste eines jeden Lebens mit sich herum, Identitätsnachweise, Versicherungskarten, Passfotos von Freunden und Familie, den Organspendenausweis, entwertete Fahrscheine, vor allem aber Einkaufszettel, die ordentliche Menschen wöchentlich, Menschen wie ich nur dann wegwarfen, wenn sich der Geldbeutel nicht mehr zuklappen ließ. Meine jüngsten Einkaufszettel sind gerade einmal zwei Monate alt und gehören doch einer anderen Zeit an, nur mein Portemonnaie trage ich noch wie ein Artefakt mit mir herum. Willkommen in der Zukunft, denke ich, aber alles normal, solange es noch Treuepunkte gibt, die ich gegen Edelstahltöpfe oder Plastiktierchen eintauschen kann.
Anfang der Erzählung „Sand“[1]

Annegret Liepold über ihre Arbeit für die „Bayerische Akademie des Schreibens“ und ihren Roman „Franka“ – Interview

Annegret Liepold, 1990 in Mittelfranken geboren, kann ihrem Vornamen mittlerweile etwas abgewinnen, „Anne ist aber auch okay“. Wer im Literaturhaus zu tun hat, kann ihr dort begegnen, denn sie arbeitet dort, was für eine Autorin einen reizvollen Perspektivwechsel bedeutet. Annegret Liepold studierte Komparatistik und Politikwissenschaft in München und Paris. Sie ist Autorin von Kurzgeschichten und gerade soll es ihr erster Roman in die Verlagswelt schaffen.

Anne, was genau ist deine Beschäftigung im Münchner Literaturhaus?

Ich bin da unterm Dach des Literaturhaus‘ speziell für die „Bayerische Akademie des Schreibens[2] tätig, diesem Förderprogramm für AutorInnen also. Die Akademie begleitet Studierende bei ersten Schreibversuchen, aber auch angehende Autor*innen bei größeren Projekten, beispielsweise einem ersten Roman. Das ist das eine.

Das andere ist, und das geht dann in Richtung Literaturvermittlung, dass ich auch Projektarbeit mache. Also, ich plane zum Beispiel Seminare mit, letztes Jahr auch ein Festival … Inhaltlich hat das eine ziemliche Bandbreite, aber übergeordnet geht es im Grunde und bei allen Unterschieden immer darum, AutorInnen und deren Schreiben sichtbar zu machen und sie als Schreibende zu begleiten. Das umfasst die konkrete Arbeit am Text. Aber wir möchten auch Orientierungshilfe geben innerhalb des Literaturbetriebs, was den Schreibenden, das hoffen wir zumindest, ein gewisses Sicherheitsgefühl geben kann.  

Wie bist du zu diesem Job gekommen?  

Tatsächlich hat mich Katrin Lange vom Literaturhaus, die Initiatorin und Leiterin der „Bayerischen Akademie des Schreibens“, gefragt, ob ich mich nicht bewerben möchte. Sie hat eine Mitarbeiterin gesucht, und sie kannte mich noch von meiner eigenen Zeit als Studierende an der Schreibakademie. Die Anfrage kam vor circa drei Jahren. Dann kam Corona, es fanden keine Seminare statt …, und wir haben erstmal die Bibliothek im zweiten Stock des Literaturhauses sortiert … Es hat aber jedenfalls geklappt und ich habe diese kleine Anstellung bekommen. Ich bin meistens zwei Tage im Büro, das nicht wirklich ein Büro ist, sondern ein Traum von einem Raum: hell, hohe Decke und meistens irgendwo eine Vase mit schönen Blumen.

So wünscht man sich seinen Arbeitsplatz …

Ja. Da habe ich es schon ganz gut getroffen bei Katrin. Das Literaturhaus ist schon ein guter Ort.

Gab es während deiner Zeit im Literaturhaus ein Projekt, das dir besonders gut gefallen hat?

Letztes Jahr habe ich im Rahmen des Münchner Literaturfests 2022 die „Münchner Schiene[3] mit betreut. Zusammen mit dem Autor Benedikt Feiten haben wir uns überlegt: Wie lässt sich die Münchner freie Literaturszene darstellen, wie kann man sie zeigen, welche AutorInnen sind da interessant, welche Themen gibt es da gerade und welche Orte wollen wir mit dieser Sache bespielen? Das hat schon sehr viel Spaß gemacht. Da konnte man mitgestalten. Wir haben dann in engem Austausch mit der freien Szene diesen Vernetzungstag im Saal des Literaturhaus‘ gemacht. So viele hochambitionierte Leute jeglichen Alters kamen da zusammen. Es ging zu wie in einem Bienenkorb. Ja. Das war schon ein kleines Highlight.

Open House der Freien Szene, Münchner Schiene 2022. Foto: Pierre Jarawan.
Open House der Freien Szene, Münchner Schiene 2022. Foto: Pierre Jarawan.

Welches Bild hat die freie Münchner Literaturszene nach dieser Veranstaltung bei dir hinterlassen?

Ehrlich gesagt, war ich ziemlich überrascht, auch weil ich dachte, viele oder zumindest die meisten, die sich da so tummeln, zu kennen. Aber da gibt es doch noch so viel mehr.  Es gibt so viele Blogs, es gibt so viele junge Autor*innen, die nachziehen und zwar mit richtig viel Energie.

Nehmen wir zum Beispiel das turtle magazin(e)[4]: Da merkt man sofort, wie viel Lust bei den Leuten, die das machen, da ist, Literatur auch als etwas Gemeinsames zu denken. Da ist eine Idee und der wird Raum gegeben. Und das finde ich gut.  Das macht Vielfalt, von der es eigentlich nie genug geben kann, aus. Und diese Vielfalt gibt es in München, gerade dank solcher AkteurInnen, etwa auch in Hinblick auf die verschiedenen Textgenres, ob Lyrik, Comic, Theatertext …

Open House der Freien Szene - hier mit dem turtle magazin(e). Foto: Pierre Jarawan, Münchner Schiene 2022.
Open House der Freien Szene – hier mit dem turtle magazin(e). Foto: Pierre Jarawan, Münchner Schiene 2022.

Als Studierende möchte man in der „Bayerischen Akademie des Schreibens“ erfahren, wie das mit dem Schreiben so funktioniert. Aus der Schreibenden wird, wenn’s klappt, die Autorin. Was passiert, wenn man die Seite wechselt, wenn aus der Schreibenden die Referentin, die Lehrende wird?  

Wenn man vor anderen übers Schreiben redet, denkt man natürlich als Autorin immer auch an den eigenen Schreibprozess. Das ist klar. Zum Beispiel: Die Akademie hat ein Studierenden-Alumni-Netzwerk. Das umfasst alle, die hier in der Vergangenheit schon einmal in einem Seminar von uns eingeschrieben gewesen sind. Sie kommen dann einmal im Jahr zu uns ins Haus und berichten, wie es mit ihrem Schreiben weitergegangen ist. Und dazu gibt es dann auch Workshops, Textarbeit, Gesprächsrunden.

In dem Zusammenhang habe ich also auch einen Kurs geleitet und tatsächlich am Anfang gedacht: Irgendwie seltsam, auf welcher Seite ich jetzt sitze. Aber nach einer Weile merkt man dann, dass man mit der Zeit schon eine eigene Vorstellung vom Schreiben entwickelt hat. Bei der Gelegenheit ist mir auch bewusst geworden, wie wichtig es damals für mich war, zum ersten Mal auf Gleichgesinnte zu treffen. Ich hatte das Gefühl, ernst genommen zu werden. Das war damals für mich total wichtig. Denn das ist ja dann auch tatsächlich irgendwann eine Entscheidung, der man sich stellen muss: Will ich schreiben, will ich dem Raum geben, will ich mein Leben danach ausrichten oder will ich das alles nur als ein Hobby machen. Für mich war klar: Ja. Ich will schreiben. Und zwar viel. Und genau dafür habe ich mich dann auch entschieden.

Okay. Dann ist die Entscheidung gefallen. Aber das heißt ja nicht, dass alles wie von selbst läuft. Was für Widerstände gibt es da, was für Widrigkeiten?

Da gibt es erst einmal die äußeren Faktoren, die sich querstellen können. Und zu denen gehören Zeit und Geld und beide haben miteinander zu tun. Die Fragen: Wieviel Geld muss ich verdienen, wieviel Zeit kann ich mir fürs Schreiben herausnehmen, begleiten einen und das sind ja klare Kalkulationen, denen man sich zu stellen hat. Gerade in München, wo man ständig mit hohen Mieten zu tun hat … Überhaupt spielt das Angebot von Räumlichkeiten auch für die schreibende Szene insgesamt, ihre Vernetzung eine wichtige Rolle. Denn man braucht einfach passende Orte, braucht Treffs, die geeignet sind, zusammen über literarische Texte zu sprechen.

Aber natürlich gibt es auch die üblichen inneren Widerstände. Ich habe gerade ein Romanprojekt beendet und muss das jetzt an den Mann oder die Frau bringen. Und ich merke schon, das ist ein wirklich aufregender Schritt, den man sich erst einmal trauen muss.  Es ist wie ein Hinauswagen, ein Hinauslassen. Nicht so einfach das.  

Wobei ich sagen würde, dass Widerstände der unterschiedlichsten Art natürlich auch ab und zu etwas Gutes haben. Wenn ein Raum nur leer ist, ohne jegliche Ecken, Kanten …, da kann man sich dann auch verloren fühlen, ohne Orientierung. Manchmal gibt der Widerstand das Thema. Manchmal hat man das Gefühl, okay, da stoße ich an, das beschäftigt mich, da hakt was, da schaue ich genauer hin … Nicht alle Widerstände müssen weg, nicht alle müssen glattgestrichen werden.

Erzähle ein bisschen etwas über deinen Roman „Franka“, der also wohl bereit ist, in die Welt geschickt zu werden.

Ja. Der Roman ist fast fertig. Und jetzt kommt der nächste Schritt und da muss ich überlegen, ob ich mir für den noch einmal Rat von außen holen möchte, oder ob ich sage, ich weiß genug über die Literaturlandschaft Bescheid, über die Verlage, die es hier gibt …, ich nehme da jetzt einfach mal Kontakt auf.

Ist „Franka“ auch in Begleitung von „Werkstätten“ entstanden?

Oh, ja. Unbedingt. Ich habe meinen Text immer mal wieder in verschiedenen Textwerkstätten vorgestellt. Zum Beispiel war ich in der Schreibwerkstatt Edenkoben in NRW. Die findet in wirklich schöner Umgebung in den Weinbergen statt,  finanziert durch die Jürgen Ponto-Stiftung. Da war ich mit „Franka“ noch ganz frisch. Das war so 2019/20. Und da waren manche AutorInnen schon sehr viel weiter und haben von ihren Erfahrungen erzählen können, welche Agenturen sich anbieten, wenn man mal so weit ist, und solche Dinge.

In der Romanwerkstatt des Literaturforums im Brecht-Haus in Berlin war ich auch. Das war vergangenes Jahr. In der Zeit wurde ich bei Lesungen auch immer mal wieder von AgentInnen angesprochen. Aber ich bin auch schnell unsicher. Ich denke plötzlich: Ist der Text wirklich schon so weit, ist die Überarbeitungsphase wirklich beendet …? Denn man möchte die Chancen ja auf keinen Fall verspielen. Wichtig im gesamten Prozess war auch die Romanwerkstatt, die Christina Madenach hier in München organisiert. Die kennen meine „Franka“ in verschiedenen Fassungen und das war extrem hilfreich, BegleiterInnen des Textes, die auch die Entwicklung, die er nimmt, mitverfolgen.

Wie lange hast du insgesamt an dem Roman geschrieben?

Das Ganze geht jetzt schon ins Jahr vier, glaube ich. Aber man schreibt ja auch nicht ununterbrochen. Und es gibt ja auch Zeiten, in denen man einfach sein Leben ordnen und aufbauen muss.

Lass uns ein bisschen was zum Inhalt von „Franka“ wissen und auch, woher die Idee für diese Geschichte gekommen ist.

Ich habe mich in dem Roman mit einem Thema befasst, dass mich schon lange beschäftigt hat. „Rechtsradikalismus“ ist in Mittelfranken, wo ich im Übrigen aufgewachsen bin, tatsächlich etwas, was immer wieder hochkommt.  Mein Aufwachsen dort war zum Beispiel sehr davon geprägt, dass sich in unserem Dorf die NPD getroffen hat, dass uns Leute informiert haben, welche von denen vom Verfassungsschutz beobachtet wurden und so. Als dann der NSU-Prozess losging, kamen mir ziemlich viele Namen bekannt vor und mir wurde bewusst, diese Szene, die Kameradschaften und die dörflichen Strukturen hängen ziemlich eng zusammen. Es gibt keine harmlosen „Dorfnazis“ …

Der Dorfplatz, der in aller Stille und makellos unter der Glasglocke ruht, ist eigentlich eine Ruine, die einem Tarnzauber unterliegt. Die Harmlosigkeit suggeriert einen Bruch mit der Vergangenheit, einen Neuanfang, wo doch alles miteinander verbunden ist: Es sind die wuchernden Rosenbüsche rings um den Gedenkstein für die Deportierten im Vergleich zum getrimmten Gras entlang des Wasserspiels, das Kondom, das achtlos vor dem Denkmal liegt, die Zigarettenstummel zwischen den Ritzen im Pflaster, der scheinheilige Werbestein auf der Gedenksäule. All das lässt im toten Winkel der Erinnerung, die Ignoranz sichtbar werden.

(…)

Man wusste, was im Dorf vor sich ging, weil man ja auch wusste, was man nicht wissen wollte.  [...] Nachrichten verbreiteten sich über Gartenzäune hinweg, auf Gehsteigen, wenn sie gefegt und vom Unkraut befreit wurden, an der Käse- und Wursttheke im Supermarkt, während man auf Wiener und 500g Aufschnitt wartete, am Rand des Fußballfeldes, wenn man dabei zusah, wie die erste Mannschaft einmal wieder verlor. Wer zu viel erzählte, erregte Misstrauen, wer zu wenig erzählte auch. Man hatte sich auf eine beredete Stummheit geeinigt, die das Wesentliche zwischen Nebensächlichkeiten packte, also Sonderangebote, Traueranzeigen, Wetter, Nazis, Fernsehprogramm.

Aus: Franka

Parallel habe ich mich auch schon lange für jüdische Friedhöfe interessiert. Wobei das eine natürlich mit dem anderen zu tun hat, auch weil ich das Gefühl hatte, das sind alles so blinde Flecken, über die man nicht reden möchte. Fast jedes Dorf bei uns in der Gegend hat einen jüdischen Friedhof, aber nicht wirklich ein Bewusstsein für diesen besonderen Ort.

Manchmal hätte ich am liebsten nur über jüdische Friedhöfe geschrieben, aber ich habe mich dann doch für die Täterperspektive entschieden. Mir kam das aufrichtiger vor, aus dieser Perspektive zu schreiben. Denn man lebt ja als Deutsche und in einer Familie, und man hat Großeltern und die haben in dieser Zeit zwischen 1933 und 1945 ja irgendetwas getan. Meine Großmutter war bereits Teenager während der Nazi-Zeit, und ich habe Schulhefte von ihr gefunden, die voll von Propaganda sind. Selbst das Schönschreibheft ist mit Hakenkreuzen verziert. Aber wenn ich sie, da war ich selber noch Teenager, gefragt habe, wie das abgelaufen ist mit den Deportationen, dann hat sie gesagt, ja ‚die‘, und damit meinte sie die jüdische Bevölkerung, die in ihrer Gemeinde ca. 30 Prozent ausgemacht hat, ‚waren halt auf einmal alle weg‘.

Solche Antworten waren oder sind die Standardantworten, die man in deutschen Familien bekommt. Und gleichzeitig war mir diese Oma, die mittlerweile gestorben ist, sehr nah und ich habe mich gefragt, wie das ist: Du wächst unter so einem Regime auf und von heute auf morgen ist alles falsch, was du da mitbekommen, an was du geglaubt hast. Bleibt einem da nur noch, alles, was war, zu ignorieren? Was hat sie doch an mich weitergegeben? Diese Gedanken haben mich erschreckt.

In deinem Roman sind wir mit „Franka“ in der Jetzt-Zeit …

Genau. Für mich war die Frage, was passiert da, wenn ein junger Mensch auf einmal für rechtsradikale Gedanken offen ist. Ich habe die Figur verstanden, als mir klar wurde, wie eng Franka mit der Natur ist, sehr konkret diese Karpfenweiher, zwischen denen sie aufgewachsen ist. Bildlich also ein Sumpf. Aus so einer Verbundenheit kann ja durchaus etwas Gutes erwachsen. Aber bei ihr ist es einer der vielen Nährböden, die ein Abrutschen nach rechts begünstigt haben.

Das Ausholen war weich gewesen, als würde sie durch Wasser greifen. Der Aufprall der Faust unwirklich. Sie hatte das Gesicht der Studentin nicht gesehen. Wäre die Studentin aufgestanden, Franka hätte noch einmal zugeschlagen und noch einmal und noch einmal. Farb-Explosion in ihrem Kopf, ein Blut auf dem Bahnsteig. [...] Im Garten ist die Wiese steif vom Frost, die Halme brechen nicht, als Franka ihre Handflächen darauflegt. Die Kälte frisst sich in ihre Haut, bis die gefrorenen Halme unter der Wärme ihrer Handballen biegsam werden. Der Morgen dämmert. Eine dünne Eisschicht spannt sich über den Gartenteich, ein Streifen Sonnenrot im Eis, als hätte sich jemand geschnitten. Als wäre heute jemandem eine Faust ins Gesicht geflogen, als wäre heute jemand am Asphalt liegen geblieben.

(...)

Die Luft war Säure, fraß sich in die Lungen, Einzelkörper lösten sich im Ätzbad auf, körperübergreifende Liebe, Frau, Mann auf den Tischen, grapschten, was sie zu fassen bekamen, Ekel und Euphorie rieben sich aneinander, bildeten Blasen wie beißend riechender Badeschaum, der am Zeltdach kondensierte. Jacky-Cola durchströmte Franka wie lauwarme Milch. ich will wieder an die nordsee, ich will zurück nach weeeesteeerlaaaaand. Sie wollte es wirklich, lag Janna und Patrick, lag Jo oder auch sonst irgendwem in den Armen, sie und alle vereint, wie später die Kotze im Dorfteich, an der sich die Goldfische noch eine Woche lang satt fressen konnten.

Aus: Franka
Mathis Rimmele. Unbekanntes Werk.
Mathis Rimmele. Unbekanntes Werk.

Und man muss auch sagen, ohne etwas entschuldigen zu wollen, dass das Umfeld diese Entwicklung von Franka mit einer gewissen Gleichgültigkeit beobachtet und hingenommen hat und fertig. Und genau diese Verzahnung hat mich interessiert zwischen persönlichen Entwicklungsgeschichten heutiger jungen Menschen und dem Unverarbeiteten, auch der unverarbeiteten Schuld, die in den Älteren schlummert.

Sie muss an den Wald ihres Vaters denken, in den sie früher geflüchtet war, wenn sie es zuhause nicht mehr aushielt. Es keinen Ort mehr für sie gab. Das Waldstück, in dem unter Bäumen knietiefe Fischweiher wie Spiegelscherben lagen, hatte der Vater von seiner Mutter geerbt hatte. Ein Stück Wald und ein paar Himmelsweiher, pflegte die Fuchsin zu sagen, damit hat man ausgesorgt. Im Dorf nennt man sie ‚Himmelsweiher‘, weil sie sich nicht aus Quellen oder anderen Zuflüssen speisen, sondern auf die ‚Gunst von oben‘, auf den Regen angewiesen sind.

Franka wusste, dass man den Kescher schräg halten musste, damit sich die Fische nicht das Rückgrat brachen, wenn man sie aus dem Wasser holte. Sie besaß alle Vokabeln, um in ihrer Umgebung zurechtzukommen. Aber während die Fische Luftblasen an die Wasseroberfläche schickten, blieb sie sprachlos gegenüber dem Tod. Es machte sie sauer, dass sie sich nicht dagegen wehren konnte, dass sie niemandem sagen konnte, wie sich das Loch anfühlte, das der Tod hinterließ. Sie wollte stark sein, stark bleiben, wollte schreien, schlagen, dem Tod überlegen sein. Erst als sie Patrick kennenlernte, der von Überlegenheit und Stärke sprach, kamen die Worte zurück.

Aus: Franka

Hat der Antrieb fürs Schreiben Auswirkung auf das Genre, für das du dich entscheidest?

Bei mir hat das eher inhaltliche Auswirkungen. Ich bin vor allem in der Prosa unterwegs. Lyrik finde ich großartig, habe aber zu großen Respekt vor ihr, als dass ich mich selbst an sie wagen würde. Neben dem Roman gibt es auch noch einige Kurzgeschichten von mir.

Planst du schon etwas Neues?

Ja. Da sind schon Ideen. Mit dem nächsten Projekt möchte ich nach vorne, in die Zukunft schauen. Mit meiner Kurzgeschichte „Sand“ war ich letztes Jahr zum Open Mike vom ‚Haus für Poesie‘ in Berlin eingeladen worden und daraus könnte schon eine längere Erzählung werden. Aber ist noch alles offen.

Meine Eltern haben mich mit dem Credo erzogen, dass Fleiß belohnt werde und Erfolg eine Sache des eigenen Willens und Wollens sei. Ich glaube diesen Sätzen nicht, kann aber auch nicht das Gegenteil beweisen. Dafür will ich zu wenig. Ich würde gerne leichthin sagen: Ich schäme mich dafür, dass ich dem, was meine Eltern aufgebaut haben, nicht gerecht werde. Aber macht wirklich alleine das Geld den Unterschied? Der Unterschied ist angeboren, sagt Lucy, normalerweise wuchert er exponentiell. Deinen Voraussetzungen entsprechend. müsstst du jetzt reich, erfolgreich und auf die Weise schön sein, wie nur Reichtum „schön“ machen kann. Danke, sage ich, einmal im Jahr zum Zahnarzt gehen, ist schön-reich genug.

Aus: Sand

Nimmst du Lesungen auch außerhalb des Literaturhauses wahr?

Oh ja! Und ich finde es wunderbar, wie groß das Angebot an Lesungen mittlerweile in München ist. Ich bin ein Fan von „LIX“ und von den „3 lyrischen ichs“, auch von Slata Roschals „werk[statt]“ oder jetzt neu „Lozzi liest“.  Da kann man einfach hin, muss sich vorher gar nicht damit beschäftigen, wer da liest.

Ich kann einfach sicher sein, dass ich da etwas entdecken werden, was dem Literaturmarkt bisher entgangen ist. Da lernt man AutorInnen kennen, die vielleicht bisher noch nichts veröffentlicht haben und noch nicht den Weg in die Institutionen gefunden haben. Und das finde ich total wichtig, dass diese Szene auch eine Möglichkeit hat, sichtbar zu werden – bzw. sich ihre Sichtbarkeit selbst schafft …

Es ist für AutorInnen am Anfang so wichtig, die Möglichkeit zu bekommen, auf einer Bühne zu lesen und zu erfahren, wie der eigene Text ankommt. Man lernt das Gefühl kennen, eine AutorIn zu sein. Und für den Betrieb ist man eben erst AutorIn, wenn man auch ein Buch veröffentlicht hat.  

Aus den Seminaren der „Akademie des Schreibens“ sind einige AutorInnen mit Buchveröffentlichung hervorgegangen …

Das stimmt. Erst im Mai fand unser jährliches Netzwerktreffen statt mit ehemaligen SeminarteilnehmerInnen, die mittlerweile eine Publikation haben. Ungefähr 30 AutorInnen sind da zusammen gekommen, auch solche, die schon am zweiten oder dritten Roman schreiben. Bei dem Treffen kann man Texte vorstellen, an denen man gerade arbeitet, es gibt ein Thema über das gesprochen wird … Ein Wochenende lang tauschen sich gestandene AutorInnen über ihr Leben als Schreibende aus.

Nach dem Debüt gibt es dieses Werkstattformat ja nicht mehr so häufig. Auch deshalb kommen immer alle sehr gerne. Da ist man ein bisschen unter sich. Wie man generell sagen kann, dass in der Akademie so einiges läuft, was nach außen hin gar nicht so sichtbar ist, was sich aber sozusagen unentwegt um die Lust fürs und die Lust am Schreiben kümmert.

Autorin: Katrin Diehl

Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber
Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber

Dr. Katrin Diehl, geboren in Mannheim, studierte zunächst an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, bevor sie an die Deutsche Journalistenschule in München wechselte. Seitdem arbeitet sie als freie Journalistin sowie Autorin und ist Mitglied des NMT*.

„Münchner Schiene“ des Literaturfestes 2023:

Annegret Liepold ist auch 2023 in der „Münchner Schiene“ im Rahmen des Literaturfestes eingebunden: 18. November, ab 16 bis 19 Uhr, Open House der freien Szene. Schreibwerkstätten, Literaturmagazine und -reihen.


[1] Für das „Sand“-Romanprojekt hat Annegret Liepold in diesem Sommer das Literaturstipendium der Stadt München bekommen.
[2] Information zur Schreibakademie: Für die Schreibseminare in der „Bayerischen Akademie des Schreibens“ im Münchner Literaturhaus können sich Studierende bewerben, die in einer Bayerischen Universität eingeschrieben sind.  Zudem bietet die Akademie noch „Offene Werkstätten“ an für Schreibinteressierten auch ohne Vorkenntnisse. Geleitet werden die Seminare jeweils von erfahrenen AutorInnen.
[4] Das Künstler*innenkollektiv des turtle magazin(e)s hatte die zweite #SchreibResi der Monacensia inne.


*AtelierMonaco-Szene

Die Reihe „Atelier Monaco-Szene“ erscheint alle zwei Monate im Blog der Münchner Stadtbibliothek. In der ersten Staffel sprechen Katrin Diehl (1-6), in der zweiten Christina Madenach (ab Folge 7) mit Autor*innen über ihre literarischen Tätigkeiten, Netzwerke, eigene Verlage und literarische Lesereihen in München – es entsteht eine Kartografie der Atelier Monaco Szene in der Stadt.



Blog-Artikel zur Münchner Schiene:

Blog-Artikel zu Akteur*innen der Münchner Schiene:


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 22.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

Besucht auch gerne die Cafébar Mona.

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