Ein bisschen beschädigt

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen (Jugendbuch)

Anton ist zu klein für sein Alter, hat dafür aber riesige Ohren und dort, wo allen anderen langsam Haare wachsen, zu seinem Bedauern noch nichts. Und als ob das nicht genügend Probleme wären, muss er jetzt auch noch mit dem Wissen klarkommen, dass er seine Existenz dem reinen Zufall verdankt.

Der perfekte Augenblick

Die Geschichte in „Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen“ ist schnell erzählt: Antons Vater hält den Moment, in dem er seinen Sohn beobachtet, wie dieser nach einem Loch in seinem Fahrradreifen sucht, für den richtigen, um ihm zu erzählen, dass er eigentlich nur das Ergebnis eines kaputten Kondoms ist.

Und doch kam sie total überraschend für mich, diese Bemerkung, ausgesprochen über einem Eimer Wasser: “Ja ja – so ein kleiner Riss im Gummi kann schon unerwartete Folgen haben.”

Natürlich verstört diese Information den halbwüchsigen Anton so nachhaltig, dass er sich künftig als, wie er es selbst nennt, Sinnstifter betätigen will – wenn seine Ankunft in der Welt schon nicht geplant war, dann wird er sie künftig wenigstens besser machen, nimmt er sich fest vor.

Seine beste Freundin Ine weiß auch gleich wie: Sie werden eine neue Frau für Antons Vater suchen, der seit dem Tod von Antons Mutter „in den Seilen hängt“. Gemeinsam mit ihrem Freund Ole machen sie sich auf die Suche. Aber wie lernt man am besten Frauen kennen? Soviel sei gesagt: Antons Vater wird gleich als erstes für einen Strickkurs angemeldet… Auch Antons beste Freundin Ine hat ziemliche Probleme mit ihren Eltern: Die umarmen sich nämlich nicht mehr. Und gerade als das Ideenkarussell anfängt, sich so richtig zu drehen, entdeckt Anton inmitten all dem Trubel wirklich seltsame neue Gefühle. Für Ine. Und überhaupt.

Auch für über 12-Jährige geeignet!

Den Debutroman der Norwegerin Gudrun Skretting, der im Onlinekatalog der Münchner Stadtbibliothek für 9- bis 12-Jährige geführt wird, kann bedenkenlos auch gelesen werden, wenn man sich weit jenseits dieser Alterskategorie befinden. Hier wird sich so warmherzig und humorvoll verliebt, getrauert, gelacht und geweint, wie ich es schon lange nicht mehr lesen durfte.

Gudrun Skretting ist eigentlich ausgebildete Konzertpianistin. Foto: Niklas Lello / Carlsen Verlag

Auf jeder Seite steht mindestens ein Satz, in dem man am liebsten zu Hause wäre. Die Sprache ist sehr fein und pointiert, und zum Teil ist das sicherlich auch der gelungenen Übersetzung von Gabriele Haefs geschuldet.

Aber nicht nur die Pausenbrote sind verschieden. Die Leute sind das auch. Vor allem Ole, wenn ich ehrlich sein soll. Und um nicht mit dem Blatt vor dem Mund zu wedeln oder wie das heißt: Offenbar ziehe ich solche Leute an. Nur Ine ist da eine Ausnahme. Sie ist eher wie eine freiwillige Bewährungshelferin oder so.

In „Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen“ geht es auf den ersten Blick um das ganz Große: die Liebe. Auf den zweiten Blick ist es eine Geschichte, wie sehr Kinder leiden, wenn die Eltern sich „schief um die eigene Achse“ drehen, wie es im Roman heißt: Antons Vater liebt seinen Sohn, zieht sich aber seit dem Tod seiner Frau in sich zurück. Anton merkt die klaffende Lücke zwischen ihm und seinem Papa so deutlich, dass er alles versucht, sie zu überbrücken, aber an der Sprachlosigkeit seines Vaters scheitert. Durch Antons altkluge Art rückt sein Schmerz ziemlich in den Hintergrund, bis dieser im Lauf der Geschichte völlig durchkommt. Es bricht einem fast das Herz, wie der frühreife Anton versucht, philosophisch seine Existenz zu begreifen und seinen Papa wieder gerade zu rücken. Zum Glück ist Anton bei seiner Mission nicht allein, und ganz zum Schluss begreift er sogar, wie gut manche Unfälle sich auf längere Sicht entwickeln können…

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt, über sich selbst und seine Kommunikation mit seinen Lieben, über Beziehungen, Kuschelhormone, Strickkurse, Anfänge und Enden. Meine Empfehlung an alle Freunde schräger Geschichten mit wunderschöner Sprache.

Gudrun Skretting: Mein Vater, das Kondom und andere nicht ganz dichte Sachen. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Carlsen Verlag, 256 Seiten.

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Eva

Wer meine Texte gelesen hat, weiß, dass ich nach München pendle, keine Horrorfilme und kein Fleisch mag und kurz vor dem Mauerfall geboren wurde. Etwas, dass ich folglich nicht gut kann: mich zurückhalten! 🙂 Wirklich gut hingegen kann ich organisieren und mit Leuten. Abseits von der Arbeit und meinem Lesesofa (egal welches Genre, immer her mit Comics und Graphic novels!), trifft man mich am ehesten noch beim Skaten, auf Konzerten oder im Kino: nach Lesen meine zweitgrößte Leidenschaft.

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