Meer lesen, hören und sehen

Das Meer ist Sehnsuchts- wie Schreckensort – mal ruht es so still, dass man sich nichts Schöneres vorstellen kann; mal schäumt es so aufgewühlt, dass einem angst und bange wird. Es verbindet die Menschen, und es trennt sie zugleich voneinander. Kein Wunder also, dass auch in Literatur, Film und Musik das Meer immer wieder eine zentrale Rolle spielt. Aus Anlass der Blogparade „Europa und das Meer – Was bedeutet mir das Meer?“ des Deutschen Historischen Museums haben wir für euch unsere ganz persönlichen Meer-Empfehlungen – seien das nun Romane, Dokumentationen oder Symphonien – versammelt. Als Vorbereitung für den nächsten Urlaub an den Stränden dieser Welt sowie als Anstiftung zum Nachdenken über eine der tragödienreichsten Lebenswelten dieser Erde. (Ein Link aufs jeweilige Bild führt euch in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Bestellen.)

Anastasia Taioglou / Unsplash


Eduard von Keyserling: Wellen

Ganz wunderbar zum Thema passt der Roman „Wellen“ von Eduard von Keyserling, 1911 erschienen und Ende der 1990er Jahre noch einmal erfolgreich aufgelegt. Trotzdem gut lesbar, eine gewisse morbid-erotische Spannung herrscht von Anfang an in dieser Erzählung über die Ostsee-Sommerfrische einer baltischen Adelsfamilie. Die herkömmliche Klassenordnung bröckelt wie die Klippe am Ortsrand, wo Skelette des alten Friedhofs vom Meer freigelegt werden. „Grün-grau“, „ewig-glitzernd“, „von einem sanften, langatmigen Auf- und Abschwellen bewegt“ zeigt das Meer auch seine grausame Seite, als die junge Ehefrau Doralice ihren Mann Hans in einer Sturmnacht verliert. Großartige Symbolik für Liebe, Begehren, Tod. Für alle Ostsee-Nordsee-Fans und die, die es werden wollen. Susanne / Stadtbibliothek Hasenbergl

div. Ausgaben, z.B. S. Fischer, 239 Seiten


In Extremo

Viele konzertbegeisterte Mitmenschen haben oftmals eine oder mehrere Band/s, die sie schon viele, viele Male gesehen haben, und trotzdem immer wieder hingehen könnten. Bei mir ist das „In Extremo“, die, wie Wikipedia so schön sagt „kommerziell erfolgreichste erfolgreichste Formation im Bereich des Mittelalter-Rock/Mittelalter-Metal“. Keiner macht eine schönere Show, und keiner singt in seinen Liedern immer wieder so bezaubernd vom Meer: Sei es in „Mein Sehnen“ (auf dem Album „Sängerkrieg“), „Horizont“ (auf „Mein rasend Herz“) oder wie in „Störtebeker“ auf dem aktuellem Album „Quid pro quo“. Immer wieder eine Freude für Ohren und Herz und für Freunde des gepflegten Dudelsackspiels sowieso ein Muss. Eva / Stadtbibliothek Maxvorstadt

1 CD, Universal, 2016


Morten A. Stroknes: Das Buch vom Meer oder Wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen

Ein Sehnsuchtsbuch über die Freiheit und die Liebe zum Meer. Eine poetische, philosophische, extrem faktenreiche Geschichte über das Meer, zugleich aber eine wahre Abenteuergeschichte, die sehr ruhig und mit viel Humor erzählt wird. Der Erzähler ist ein in Norwegen bekannter Autor, sein Freund ein Künstler, der die ehemalige Fisch- und Tranfabrik seiner Familie auf der Lofoteninsel Skrova in ein Kulturzentrum umbaut. Unter Aasjordbruket kann auf facebook dieses Projekt verfolgt werden. Ein Buch das ich besitzen wollte, mit seinem meerblauen Leineneinband und den zarten Illustrationen. Barbara / Stadtbibliothek Sendling

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger und Sylvia Kall, Deutsche Verlagsanstalt, 363 Seiten


Mich hatte in einer Zeit unbestimmter, aber heftiger Reise-Sehnsucht vor Jahren mal eine große Liebe zu Mendelssohns Hebriden-Ouvertüre gepackt. Das Stück habe ich inzwischen nicht mehr genau im Ohr (höre es aber immer mal wieder gern), die Reisesehnsucht ist auch abgeklungen. Aber ich hatte jahrelang „hebrides“ als Passwort für meine diversen Rechner und beruflichen Log-ins. Beim Eingeben am Arbeitsplatz habe ich da immer eine kleine Gedankenreise auf einsame Inseln und in stürmische See gemacht 😉

Soweit meine Meer-Geschichte. Leider nicht mehr unbekümmert europäisch … Hanne Riehm / Stadtbibliothek Am Gasteig

div. Aufnahmen, z.B. von Pablo Heras-Casado


Vincent will Meer

In diesem Film ist das Meer schon im Titel enthalten 🙂 Er ist zwar von 2010, aber ich schätze ihn immer noch als Film, den man sich auch heute angucken kann. Über Menschen, ihre Sehnsüchte und Eigenarten und was dabei rauskommen kann, wenn man sich gemeinsam auf ein Abenteuer einlässt. Ein bisschen was von allem ist drin: Roadmovie, Komödie, Drama, Tiefgang und Leichtigkeit. Der geht mit Popcorn, Chips, Schokolade und Bier oder Apfelschorle und hinterlässt einen weder deprimiert noch vollkommen hollywoodumnebelt. Nadine / Stadtteilbibliotheken

Regie: Ralf Huettner, 90 Min., D 2010, Highlight Communications


Als Paul über das Meer kam

„Als Paul über das Meer kam“ ist eine Dokumentation über eine Flucht, in der Paul, ursprünglich aus Kamerun stammend, während seiner Flucht nach Europa in Nordafrika auf den Filmemacher Jakob Preuss trifft. Es entstand daraus ein Film über Freundschaft und Erwartungen, Zivilcourage und Zweifel, zwischen Hoffnung und Verzweiflung, Mut und Überraschung und der Frage nach einem guten Leben. Die theoretischen und unspezifischen Themen Armut, Gefahren und Migration erhalten eine Geschichte, einen Namen und ein Gesicht und kommen damit ganz nah. Nadine / Stadtteilbibliotheken

Regie: Jakob Preuss, 97 Min, D 2017, Lighthouse Home Entertainment


Ernest Heminway: Der alte Mann und das Meer (Hörbuch)

Der alte Fischer Santiago fährt 84 Tage hinaus aufs Meer und kehrt ohne Fang zurück. Der Junge Manolin, der ihn die ersten 40 Tage noch unterstützte, wurde von seinem Vater längst zu erfolgreicheren Fischern geschickt. Aber er will sich nicht vom alten Mann trennen und kommt abends immer wieder zu ihm, schleppt seine Leinen und Segel, bringt ihm zu essen, und die beiden unterhalten sich.

Am 85. Tag fährt Santiago weit hinaus – und ein großer Speerfisch beißt an. Santiago schafft es nicht, ihn ins Boot zu hieven, und so beginnt der Fisch das Boot hinter sich herzuziehen. Der Kampf zwischen Fisch und Mensch dauert drei Tage und Nächte. Der alte Mann wird schwächer, seine Hände bluten von der sich einschneidenden Leine, aber er gibt genauso wenig auf, wie der Fisch, den er immer mehr für seinen Durchhaltewillen bewundert. Am 3. Tag tötet er ihn dann mit der Harpune und bindet ihn am Boot fest. Das Blut lockt jedoch Haie an und Santiago gelingt es nicht, alle zu töten. Sie fressen das Fleisch des Fisches, so dass der alte Mann, als er am vierten Tag den Hafen erreicht, nur noch das Skelett mitbringt.

Für mich ist das Buch eine sehr treffende Beschreibung des Altwerdens: die nachlassende Kraft, das Hänseln der Anderen (das der Fischer gutmütig hinnimmt), seine Erfahrung, die Erinnerungen und die Einsamkeit. Aber auch der Wille, es sich noch einmal zu beweisen und Hoffnung und Zuversicht nicht zu verlieren.

Das Hörbuch wird von Christian Brückner ruhig und langsam gelesen, was sehr gut zu dieser Novelle passt. Annette / Stadtbibliothek Maxvorstadt


Charles Trenet: La Mer

Das Chanson „La Mer“ von Charles Trenet kennt jeder Franzose und jede Französin. Ein Ohrwurm mit schönen Bilder von Meer und Himmel und den sich verändernden Reflexen auf dem Wasser bei Regen. Das Chanson entstand 1943 bei einer Zugfahrt von Narbonne nach Perpignan, und deshalb kommen auch die étangs (Gewässer) vor, die es in dieser Gegend gibt.

1946, unmittelbar nach der Befreiung Frankreichs von den Nationalsozialisten wurde das Chanson erstmals öffentlich gespielt und schnell so etwas wie eine heimliche Nationalhymne. Es ist leicht und heiter, der Blick aufs Meer wird nicht durch den Krieg oder die Lager Les Milles und Gurs getrübt, in denen zur gleichen Zeit Juden und politisch Unerwünschte auf ihren Abtransport nach Auschwitz warteten.

Es kommt mir ähnlich vor, wie heute: Für die einen bedeutet das Mittelmeer Urlaub und Entspannung, und die anderen begeben sich in Lebensgefahr, um über das Meer nach Europa zu gelangen. Annette / Stadtbibliothek Maxvorstadt


Andreas Brendt: Boarderlines

Auf der Suche nach der perfekten Welle: Auf dem Wasser, im Wasser und immer wieder unter Wasser, von den Wellen heruntergedrückt und hoch hinauf katapultiert – Andreas Brendt erzählt in seinem autobiographischen Roman von einer zehnjährigen Reise um die Welt, von einem Surfhotspot zum nächsten auf der Suche nach den größten Wellen, dem großen Kick beim Surfen, aber auch nach einem neuen Sinn des Lebens. Er opfert seine Pläne von der großen Karriere und sein Erspartes, um den abenteuerlichen Kampf mit sich selbst und dem Meer aufzunehmen. Die Sehnsucht nach Freiheit und Abenteuer verschaffen ihm Glücksgefühle, beeindruckende Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen und philosophische Einsichten, denn er liefert sich immer wieder aus an eine Macht, die so viel größer und stärker ist als er selbst.

Das Buch ist locker und unterhaltsam erzählt, es weckt Fernweh und Reiselust. Vor allem Wellenreiter*innen und Surfer*innen werden es lieben, aber auch für Wasserscheue ist es eine mitreißende Reise- und Strandlektüre, weil er sehr persönlich und anschaulich von den Ländern und Menschen erzählt die er bereist und trifft. Und wer danach immer noch nicht genug von Meer und Wellen hat, dem sei noch das eben erschienene „Barbarentage“ von Pulitzer-Preisträger William Finnegan empfohlen. Viola / Stadtbibliothek Neuhausen

Conbook Verlag, 412 Seiten


Frank Schätzing: Der Schwarm

Es beginnt mit einer Invasion mutierter Borstenwürmer im Nordmeer, dann häufen sich Berichte über aggressive Wale, die immer größere Schiffe attackieren; schließlich rutscht der Kontinentalhang vor der norwegischen Küste ab, ein gewaltiger Tsunami überschwemmt weite Teile Nordeuropas … Und das ist erst der Anfang!

Frank Schätzing ist nicht gerade ein Liebling der Feuilletons – und ja, bei seinen Figuren und seiner Schreibe spielt er oft geradezu lustvoll mit allen Thriller-Klischees. Aber wenn man einen sorgfältig recherchierten Wissenschaftsthriller mit ökologischer Botschaft und einer wirklich spannenden und originellen Story sucht, dann ist „Der Schwarm“ immer noch erste Wahl. Und das effektvoll inszenierte Hörspiel ist der ideale Begleiter für eine lange Autofahrt … zum Meer. Stefanie / Stadtbibliothek Laim

div. Ausgaben und Formate: S. Fischer Verlag / Kiepenheuer & Witsch / Der Hörverlag


J. Patrick Lewis und Roberto Innocenti: Das Hotel zur Sehnsucht

Das Hotel zur Sehnsucht – so lautet der Titel eines Bilderbuches von J. Patrick Lewis und Roberto Innocenti, das mich vor vielen Jahren stark berührte und das mich auch heute noch zutiefst fasziniert. Es handelt von einem sehr eigentümlichen Hotel. Es befindet sich scheinbar am letzten Zipfel der Welt und liegt in unmittelbarer Nähe zum Meer. Bizarr sind auch seine Bewohner, in denen man Züge historischer oder literarischer Personen erkennen kann. Sie sind auf der Suche, streben nach Glück, sehnen sich nach Liebe …

Klare Antworten hat dieses Buch nicht. Es hat etwas Besseres: Es ruft Neugierde in einem wach und schenkt Fantasie! Das Meer, es ist Teil der Komposition und es ist auf nahezu jeder Seite präsent – sei es am Strand, im Blick durch das Fenster oder auf einem Gemälde. Das Meer selbst weckt ebenfalls Sehnsucht. Es hat Kraft, fordert heraus und schenkt Weite über den Horizont hinaus. Das ist es auch, was das Meer für mich ausmacht. Ich werde herausgefordert, löse mich von Ballast und mein Blick öffnet sich. Silke / Stadtbibliothek Ramersdorf

Aus dem Englischen von Hans ten Doornkaat, Sauerländer Verlag, 48 Seiten


Veronika Peters: Das Meer in Gold und Grau

Katia Werner ist eine junge Frau, die kurz vor ihrem dreißigsten Geburtstag ihren Job und ihre Wohnung verliert. Deshalb besucht sie ihre Tante, die Halbschwester ihres Vaters, die sie noch nie im Leben getroffen hat. Die Tante führt ein Strandhotel an der Ostsee und ist so ganz anders als Katia sie sich vorgestellt hatte.

Die Geschichte eines Sommers, einer Annäherung von Nichte und Tante mit einem nicht ganz unerwarteten Ende. Eine richtig schöne Feelgood-Story mit Wellengang, nicht nur für den Strandkorb. Eva / Stadtbibliothek Laim

Goldmann Verlag, 285 Seiten


Sabine Heinrich: Sehnsucht ist ein Notfall

Das witzige, unkonventionelle Romandebüt der bekannten Rundfunk- und Fernsehmoderatorin Sabine Heinrich führt ans und endet am Meer: Eva, Anfang dreißig, Physiotherapeutin, lebt seit Jahren in einer festen Beziehung und ist mit dem Leben zufrieden. Bis zu diesem Silvesterabend, an dem ihre Oma sie anruft und ihr mitteilt, dass sie sich nach 60 Ehejahren von Opa trennen wird. Eva selbst verliebt sich Hals über Kopf in einen anderen Mann und fühlt sich hin- und hergerissen zwischen zwei Männern. Um diesem Chaos zu entrinnen, fahren Oma und Eva weg, ans Meer, weil Oma noch nie das Meer gesehen hat…

Beste Unterhaltung, äußerst vergnüglich zu lesen, Mischung aus Roadnovel, Liebes- und Lebensgeschichte. Eva / Stadtbibliothek Laim

Kiepenheuer & Witsch, 288 Seiten


Yann Martel: Schiffbruch mit Tiger

Ich kann „Schiffbruch mit Tiger“ von Yann Martel empfehlen. Ein spannender Abenteuerroman, in dem man nebenbei auch einiges zum Thema Zootierhaltung und das Überleben auf dem Meer erfährt. Mindestens so gut ist die Verfilmung von Ang Lee – wer die Gelegenheit hatte, den Film im Kino in 3D zu sehen, wird sich wohl immer an die magischen Bilder von Schöpfung und Zerstörung im Wasser-Kosmos erinnern. Kai / Stadtbibliothek Am Gasteig

Buch: Aus dem Engl. von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, S. Fischer Verlag, 381 Seiten
Film: Regie: Ang Lee, 127 Minuten


Jacques Ibert: Symphonie Marine

Als Erstes begeistert haben mich die traumhaften Saxophonklänge am Anfang. Jacques Ibert hat hier eine wunderbare Cantilene für dieses Instrument geschrieben, unter der in wogenden Wellen das kammermusikalisch besetzte Orchester seine farbig instrumentierten Klänge entwickelt. Jedes Instrument hat sein Solo, aber das führende Instrument ist – wie sehr oft in den Werken Jacques Iberts – das Saxophon.

Entstanden ist das ca. 14-minütige Stück 1931 und durfte zu Lebzeiten des Komponisten nicht gespielt werden, es wurde erst 1963 in Paris uraufgeführt. Ibert hat es als musikalischen Abschiedsgruß verstanden, er war sein ganzes Leben fasziniert vom Meer, dem er in diesem Werk sehr farbig und lautmalerisch ein Denkmal setzt. Eine kleine, aber feine Entdeckung … Helga / Musikbibliothek

div. Aufnahmen, z.B. auf der CD „Ibert: Divertissement“, EMI Classics


Featured Image: Anastasia Taioglou / Unsplash

2 Kommentare zu “Meer lesen, hören und sehen

  1. Liebes Bibliothek-Team,

    ganz grandios! Vielen herzlichen Dank für diese facettenreichen Lese-, Hör- und Seetipps zu unserer Blogparade #DHMMeer!

    Ihr seid bisher die erste und noch die einzige Bibliothek, die sich den 75! Beiträgen anschließen. Wir sind restlos begeistert, von der Blogparade, aber auch von eurer Idee, die Mitarbeiter zum Meer abzufragen – analog mit digital verzahnt. Wäre schön, wenn eure Nutzer, diese Tipps passend zur Urlaubszeit noch nutzen!

    Nochmals MERCI!

    Herzlich,
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

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