Auslese Iran: Ein Dutzend Bücher und Filme

Bereits zum fünften Mal findet in diesem Jahr das Iranische Filmfestival „Cinema Iran“ in der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig statt. Dabei gibt es nicht nur Filme, sondern auch eine Lesung von Amir Hassan Cheheltan, eine zauberhafte Fotoausstellung über ehemalige Kinos im Iran sowie Vorträge über verschiedene Themen. Das gesamte Programm findet ihr hier. Und für alle, die einen ersten Einstieg ins Thema suchen oder über das Festival hinaus noch weiter lesen und sehen wollen, gibt es von uns hier eine Reihe persönlicher Empfehlungen von Büchern und Filmen aus bzw. über Iran.


Gisela, Referentin für Musik

Shahin Najafi: Wenn Gott schläft

Über den Songwriter und Rapper Shahin Najafi wurde im Iran ein Todesurteil verhängt, weil ihn seine rebellischen Texte ins Fadenkreuz religiöser Kleriker brachten. Der Film erzählt die Geschichte dieses unermüdlichen Künstler-Aktivisten vor dem Hintergrund der Terroranschläge von Paris 2015 und dem weltweiten Rechtsruck gegenüber Flüchtlingen aus dem Mittleren Osten. Hinzu kommt ein privater Konflikt durch die Liebesbeziehung zur Enkelin des ersten Premierministers der islamischen Republik Iran. Diese entwickelt sich durch die jeweiligen Familienhintergründe zu einer modernen Romeo-und-Julia-Geschichte. Das Porträt eines Künstlers, der durch seinen Freiheitsdrang zwischen die Fronten geraten ist.

Zusätzlich haben wir seit 2014 das Buch gleichen Titels von Shahin Najafi: Wenn Gott schläft. Mein Leben, mein Land, der Iran, meine Songs und Gedichte.

Shahin Najafi im Onlinekatalog

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No Land’s Song

In diesem Film geht es um die junge Komponistin Sara Najafi, die sich trotz Zensur und Tabus darüber hinwegsetzt, dass Frauen im Iran seit der Islamischen Revolution von 1979 nicht öffentlich vor einem männlichen Publikum auftreten dürfen. Sie plant ein Konzert für weibliche Solosängerinnen und holt sich für dieses Musikprojekt Unterstützung von drei französischen Sängerinnen. Damit soll die musikalische Verbindung zwischen beiden Ländern wiederbelebt werden. Der Film lief auf zahlreichen Festivals und erhielt das Prädikat „Besonders wertvoll“.

Sara Najafi im Onlinekatalog

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Raving Iran

Zwei DJs erhalten im Iran Todesdrohungen, weil sie illegal ihrer Leidenschaft des Techno nachgehen. Diese Musik ist politisch nicht erwünscht und verboten. Dann erhalten sie in einer Zeit der Desillusionierung eine Einladung zur Streetparade in Zürich, der größten Techno Party der Welt. Als das Visum in der Schweiz abläuft, stehen sie vor einer schwierigen Entscheidung: Bleiben und Freunde und Familie aufgeben oder zurückgehen und weiter Repressionen erleiden und mit dem Tod rechnen müssen? Ein „beeindruckendes Dokumentarwunder.“ (Münchner Feuilleton)

Raving Iran im Onlinekatalog


Antje, Stadtbibliothek Bogenhausen

Raving Iran

Teheran anno 2014: Anoosh und Arash, zwei Brüder Mitte zwanzig, Techno-DJs organisieren Raves und planen die Produktion ihrer ersten CD. Eine Handy-Kamera begleitet die beiden. Die Bilder – oftmals verwackelt, unscharf, zu dunkel erzeugen so eine große Unmittelbarkeit.

Der Zuschauer ist unter anderem live bei den absurd komischen Verhandlungen mit den Behörden dabei und beim Wüsten-Rave ein paar Kilometer vor den Toren Teherans, um unbehelligt von den Sittenwächtern eine ganze Nacht lang abzufeiern. Anoosh und Arash bewerben sich seit einiger Zeit bei sämtlichen Techno-Festivals weltweit – nur Absagen. Und als sie schon gar nicht mehr damit rechnen, bekommen sie eine Einladung zum Lethargy Festival in Zürich. Als Zuschauer wird man so Zeuge in welche Achterbahn der Gefühle die beiden Brüder dadurch geraten, dass Zürich im Sommer bei 30°C während eines Techno-Festivals der reinste Kulturschock für sie ist und zum Schluss steht natürlich die Frage im Raum: Asyl in der Schweiz beantragen oder wieder zurück in die Theokratie?

Raving Iran im Onlinekatalog


Beate, Referentin für Dokumentarfilm

Die Filme von Asghar Farhadi

„Everybody knows“, der aktuelle Film und Eröffnungsfilm in Cannes des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi, geboren 1972 im Iran, lebt in Teheran, war vor wenigen Tagen auf dem Münchner Filmfest zu sehen. Bereits 2011 gewann Farhadi mit „Nader und Simin“ den Goldenen Bären und Oscar für den besten fremdsprachigen Film. In einem Interview mit dem Magazin Der Spiegel sagte der Regisseur:

Dass sich Zuschauer in aller Welt, die die iranische Gesellschaft nicht kennen, meinen Film anschauen und Vergleiche zu ihrer eigenen Welt ziehen – das ist das größte Geschenk, das man mir mit dem Preis gemacht hat.

Seinen zweiten Oscar als bester fremdsprachiger Film erhielt Farhadi für „The Salesman“. Zur Oscarverleihung ist der Regisseur aus Protest gegen Präsident Trump nicht angereist.

Asghar Farhadi im Onlinekatalog


Stefanie, Stadtbibliothek Laim

Asghar Farhadi: Nader und Simin – Eine Trennung

Nader und Simin gehören zur liberalen gebildeten Teheraner Mittelschicht. Simins locker um den Kopf geschlungener Schal ist mehr Accessoire als Schleier, die elfjährige Tochter Termeh ist ein selbstbewusstes Mädchen mit einem wachen und kritischen Verstand. Obwohl das Paar sich noch liebt, steht die Familie vor einer Zerreißprobe: Lang hat man geplant, das Land zu verlassen, endlich stünde einer Ausreise nichts mehr im Weg – da entscheidet Nader, dass er seinen alten, an Alzheimer erkrankten Vater nun doch nicht zurücklassen will oder kann … Simin aber, die sich selbst mehr und mehr als Fremde im eigenen Land fühlt, will auf keinen Fall, dass ihre Tochter „unter diesen Umständen hier“ aufwächst. Und als wäre das nicht genug, bringt die strenggläubige Haushaltshilfe eine ungeheure Beschuldigung gegen Nader vor …

Der Film von Asghar Farhadi ist eine intensive und in jedem Blick, jeder kleinen Geste überzeugend gespielte Beziehungsgeschichte, die sich zu einem spannenden Kriminalfall entwickelt. Aber es ist noch etwas anderes, das den Film zu etwas ganz Besonderem macht: Ganz selbstverständlich, quasi nebenbei, entwirft der iranische Regisseur Asghar Farhadi ein differenziertes und genaues Bild der iranischen Gesellschaft mit ihren Einschränkungen und Zwängen, ihren sozialen und religiösen Spannungen und Gegensätzen.

Nader und Simin im Onlinekatalog


Anke, Stadtbibliothek Bogenhausen

Ramita Navai: Stadt der Lügen

Die Journalistin Ramita Navai ist in Teheran geboren und in London aufgewachsen. In ihrem Buch erzählt sie in acht exemplarischen Geschichten vom Leben in Teheran. Beim Lesen taucht man tief ein in den Alltag der in dieser Stadt lebenden Menschen. Faszinierend und fremd erscheint mir dieser Alltag, während ich von Menschen lese, die durch ein Gespinst von Lügen ihre gesellschaftliche Akzeptanz sichern. Die Autorin schafft es aber, diesen von ihr interviewten Personen nie ihre Würde zu nehmen.

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Birgit, Stadtbibliothek Am Gasteig

Iraj Pezeshkzad: My Uncle Napoleon

Obwohl oder gerade weil das Buch (und die TV-Serie) „My Uncle Napoleon“ von Iraj Pezeshkzad für kurze Zeit nach der Revolution 1979 verboten worden war, gehört es zu den beliebtesten Romanen in Iran (und auch zu meinen absoluten Lieblingsbüchern). Das Buch spielt zur Zeit des zweiten Weltkriegs, meist im Haus des Familienpatriarchen genannt „Uncle“; er, der im Laufe des Romans in seinen eigenen Erzählungen ein immer größerer Kriegsheld wird, fürchtet die Rache der Briten. Wer sich ein wenig mit Iran auskennt, weiß von der weit verbreiteten Befürchtung, dass Dinge, die im Land passieren, von den Briten und/oder Amerikanern orchestriert werden. Dies wird von Pezeshkzad grandios in einer Art Slapstick-Roman inklusive Liebesgeschichte umgesetzt, und man beginnt sich, herzhaft lachend, in die iranische Seele hinein zu versetzen. Übrigens: Wer bisher nicht wusste wofür „going to San Francisco“ steht – nach der Lektüre ist es klar! Und um nun mit den (leicht abgeänderten) Worten von Deputy Taymur Khan zu schließen „Silence!… Read! Quick, immediately, now! At the double!“ – Bisher nur auf Englisch und Persisch verfügbar (und leider nicht in der Münchner Stadtbibliothek).

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Sudabeh Mortezai: Im Bazar der Geschlechter

Die Dokumentation „Im Bazar der Geschlechter“ von Sudabeh Mortezai zeigt ein wenig vermutetes Bild des Iran. Dank der Zeitehe, welche durch eine Fatwa im Iran erlaubt ist, ist z.B. Prostitution möglich. Egal ob fünf Minuten oder fünf Jahre und mit wie vielen Frauen – da sind (dem Mann) keine Grenzen gesetzt. Obgleich ein ernstes Thema, schafft es die Regisseurin, einige Szenen einzubauen, die, auch teilweise aufgrund der Absurdität, die ZuschauerInnen zum Lachen bringen können.

Sudabeh Mortezai im Onlinekatalog

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Ramita Navai: Stadt der Lügen

Ramita Navai, ehemalige Times-Korrespondentin in Tehran erzählt mehrere Geschichten über ebendiese Stadt bzw. die Stadt der Lügen. Sie verwendet dabei wahre Begebenheiten, die, vor allem um die Protagonisten zu schützen, mit fiktiven Charakteren erzählt werden. Die Mojahidin-e Khalq Organisation (MKO), die Kettenmorde und ein Revolutionsrichter, der Vergebung möchte, Iraner in Japan als Yakuza-Söldner, falsche Haj-Reisen und ein Bassij, der zur Frau wird – diese und weitere interessante bis schockierende Einblicke werden gewährt. Oftmals spricht man bei Iran-Büchern von einem Blick hinter die Kulissen eines im Westen eher unbekannten Landes. Dieses Buch geht noch einen Schritt weiter nach hinten.

Stadt der Lügen im Onlinekatalog

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Helena Henneken: They would rock

Mit „They would rock“ hat Helena Henneken ein wunderschönes Reisetagebuch geschaffen. Sie schildert darin 59 Tage im Iran und tut das auf eine liebevolle, lebendige und mitreis(s)ende Weise. Besonders macht dieses Werk, dass es von rechts nach links gelesen wird, ebenso wie ein iranisches Buch. Die Seiten sind zahlreich bebildert und kurzweilig gestaltet. Ideal für einen Kurztrip vom Sofa aus! Mir hat es jedenfalls sehr viel Spaß gemacht.

Helena Henneken im Onlinekatalog


Josef, Stadtbibliothek Hadern

Richard Raymond: Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit

Der „Wüstentänzer“ ist ein biografisch inspiriertes Polit-Drama, in dessen Mittelpunkt der junge iranische Tänzer Afshin steht, der sich trotz politischer Unterdrückung seinen Traum vom Tanzen erfüllt. Auch wenn der Film die politische Lage im Iran instrumentalisiert (im Iran ist z.B. das Tanzen nicht wirklich verboten) und die Situation stellenweise überzeichnet, ist er ein engagiertes Manifest gegen jede Form der Unterdrückung und lohnt sich nicht zuletzt auch wegen der fantastischen Tanzszenen (für Fans von Pina Bausch und Michael Jackson).

Richard Raymond im Onlinekatalog


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Featured Image: Farzad Mohsenvand / Unsplash

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