Hans Pleschinski – Lesung und Gespräch zu seinem Roman „Am Götterbaum“

Hans Pleschinski liest aus seinem neuen Roman „Am Götterbaum“. Zentral ist die kritische Gegenwartsperspektive auf den vergessenen Dichter Paul Heyse (1830 – 1914). Er machte seine Münchner Villa zu einem bedeutenden Treffpunkt der Literatur. Scharfzüngig blickt Hans Pleschinski auf München im Hier und Jetzt. Mit Judith Heitkamp, BR, spricht er über sein Buch und die Recherchen zu Paul Heyse. Eine Liebeserklärung an München? Was hat die Schönheit Münchens mit einer „Kampfansage gegen eine moderne Verluderung im Umgang miteinander“ zu tun? Oder: Wie steht es um ein Paul-Heyse-Kulturzentrum? Das und noch mehr erfahrt Ihr sowohl im Video der Lesung als auch im nachfolgenden Gespräch.

Heyse hat mich schon immer interessiert, weil er so berühmt und so vergessen ist. Mir geht es wie einem Forscher, der zur Titanic hinabtaucht und interessiert ist: Findet man noch Geschirr? Wo ist der große Riss? Was ist da für eine Katastrophe passiert?

Hans Pleschinski, Premieren-Lesung vom 7. April 2021, Monacensia.

Premieren-Lesung „Am Götterbaum“ mit Hans Pleschinski

Als wir Hans Pleschinski im April 2020 nach seinem ersten Satz für ein neues Buch fragten, übermittelte er uns „Der Wind frischte auf“. So fängt sein Roman „Am Götterbaum“ an, der damals schon weithin abgeschlossen war, jetzt ist er veröffentlicht. Für uns die perfekte Möglichkeit, eine Lesung und Gespräch mit ihm über seinen neuen Roman umzusetzen. Judith Heitkamp, BR-Redakteurin, sprach mit ihm. Die Lesung nahmen wir auf. Sie ist auf dem YouTube-Kanal der Münchner Stadtbibliothek erschienen. 

Er [Paul Heyse] kam hierher als junger Shooting-Star der Literatur aus Berlin und schöner Poet, der vom König Max II. ein Jahressalär bekam und hier blieb. Das war nicht selbstverständlich. München war keine Stadt des literarischen Gesprächs zu der Zeit [1850]. Er entdeckte zum Beispiel die Biergärten als philosophische Orte. Das waren sie immer. Aber keiner hat das je gesagt.

Hans Pleschinski, 7.4.2021, Minute 16:18 ff.

Damit nicht genug! Im Anschluss der Lesung sprachen Hans Pleschinski und Judith Heitkamp weiter über die Hintergründe und den Münchenbezug des Romans. 

Hans Pleschinski über seinen Roman „Am Götterbaum“ – ein Gespräch mit Judith Heitkamp

Judith Heitkamp: „Am Götterbaum“ ist (wie besprochen) nicht nur ein Roman, sondern auch ein Plädoyer für ein Paul-Heyse-Kulturzentrum in München. Die alte Heyse-Villa gibt es tatsächlich, hinter Mauern und etwas im Dornröschenschlaf – und sie ist auch bewohnt. Wie reagieren die Mieter und Mieterinnen? 

Hans Pleschinski: Reserviert – in der ganzen Gegend ist man auf der Hut vor Immobilienhaien, die nach dieser Villa greifen; vor Jahren wurde mit einer Petition an den Landtag der Abriss verhindert, in einem anstrengenden Kraftakt. Wer dort wohnt, mag keine Kontakte zu Leuten, die sich in ungebührlicher Weise für das Haus interessieren. Aber ich habe geklingelt, hatte vorher angerufen, ich möchte einen Roman über Paul Heyse schreiben – das tut ja auch nicht jeder jeden Tag – und einer der Mieter ließ mich ins Haus. Es war überwältigend für mich. Der Flur ist vollgehängt mit Porträts von Paul Heyse, auch von seiner Frau, einer Kopie des Nobelpreises. 

Die Mietparteien sind absolute Heyse-Fans – damit konnte ich ja überhaupt nicht rechnen. Sie gaben spröde, aber doch Auskunft über den Mann, der ihr Heim gebaut hat, wo die Kinder in einem wunderbaren Garten spielen können … das war nicht das luxuriöse, präpotente München von heute, sondern idyllisch, schön, offenbar durch den Zustand der Villa auch noch bezahlbar. Skeptische Blicke, als ich mitteilte, dass ich im Roman erfundene Mieter in dieses Haus gesetzt habe, mit anderen Namen und Berufen. Einer der Herren fragte: Kommt dann in Ihrem Roman auch vor, dass Paul Heyse den italienischen Lyriker Giuseppe Giusti übersetzt hat? – Ich sagte, ja, in einem Nebensatz. Antwort: Dann ist alles gut, dann ist das offenbar gut und sorgfältig gemacht … Und nachdem die Mieter den Roman gelesen hatten, waren sie begeistert und wollen jetzt Sommerfeste gestalten, wie ich es in dem Roman beschreibe. 

Hans Pleschinski und sein Roman "Am Götterbaum" - Lesung in der Monacensia. Im Buch seht Ihr die Paul Heyse-Villa
Hans Pleschinski und sein Roman „Am Götterbaum“ – Lesung in der Monacensia. Im Buch seht Ihr die Paul Heyse-Villa

Wie könnte es dort weitergehen? 

Ich meine, die Villa wird zu einem Heyse-Zentrum ausgebaut werden. Die Fassade darf nicht abgerissen werden, die steht unter Denkmalschutz. Nur das Innere ist veränderbar, das macht es für Investoren ein bisschen uninteressant. Die Stadt hat ein Vorkaufsrecht. Und die Familien dort – sie leben seit zehn, zwölf Jahren wie auf einem Katapult, dass sie heraus müssen. Aber sie haben bis jetzt darum gekämpft, zu bleiben, und sie haben vor allen Dingen um den Erhalt der Villa gekämpft. Mit einer großen und kostspieligen Anstrengung. 

Und das Buch damit auf gewisse Weise möglich gemacht. 

Ja, sie kommen in der Danksagung auch vor. Erstaunlich, wie man dann in den Räumen von Paul Heyse sitzt, gemeinsam über ihn redet, Fremde, zwischen denen eine Art geistige Freundschaft entsteht aus dem Nichts heraus … 

Die Villa ist belebt, die Literatur von Paul Heyse ist zum großen Teil vergessen. Sich mit Heyse beschäftigen, der einst so berühmt war, heißt auch, sich mit der Vergänglichkeit von Literatur zu beschäftigen. Für einen Schriftsteller ein schwieriges Thema? 

Ich habe mich schon immer gern mit Vergänglichkeiten beschäftigt. Es ist ganz gut, auch als Schriftsteller, mit diesem Phänomen umzugehen. Um sich darauf einzustellen, dass man mal im Rampenlicht steht, das Rampenlicht aber auch ausgeht und vielleicht ausbleibt …  oder es gibt einen Schriftsteller, der einen wieder entdeckt … insofern gehe ich sorgfältig mit den Vergangenheiten um, jeder ist endlich, das ist eine Beschäftigung mit den Grundstrukturen des Lebens: Kommen und Verschwinden. Damit habe ich mich immer in irgendeiner Weise befasst, mit dem barocken Phänomen des großen Auftritts auf der Welt zum Beispiel, und dass alles eitel ist, also vergänglich. 

Hans Pleschinski über Paul Heyse "Warum ist in München nur eine schmutzige Unterführung nach ihm benannt? Er war weltberühmt."
Hans Pleschinski über Paul Heyse „Warum ist in München nur eine schmutzige Unterführung nach ihm benannt? Er war weltberühmt.“

Ein Kapitel bricht mit der Vielstimmigkeit des Über-Heyse-Sprechens und stellt einen alternden Heyse am Gardasee vor, der selbst mit der eigenen Vergänglichkeit konfrontiert ist. Warum dieser Bruch?

Den Großteil des Romans machen Unterhaltungen über Paul Heyse aus. Und er wird zitiert. Ich brauchte diese Erzählsituation, weil ja praktisch alles von Heyse unbekannt ist. Gegen Ende des Romans schien er präsent genug zu sein, dass ich mit Lust an den Gardasee von 1900 gegangen bin, auch zur Abwechslung im Erzählen. Es könnte ein Traum sein, die Therese Flößer im Roman ist so müde und vielleicht geht ihr dieses Bild durch den Kopf, dieses Kapitel am Gardasee, in dem ich Paul Heyse selbst auftreten lasse, so gut ich es konnte, damit er noch einmal gerundet und plastisch wird. 

Heyses Verleger kommt zu Besuch in die Villa am Gardasee – Adolf Kröner, den ich auch erst entdeckt habe: er hat die Buchpreisbindung erfunden, kolossaler Vorgang – die beiden Herren sitzen zusammen und Paul Heyse ist alt und will vielleicht nicht wissen, dass auch sein Werk langsam veraltet. Kröner bringt aus Mailand das futuristische Manifest mit, das die Zukunft der Kunst umschreibt und von dem Paul Heyse natürlich meilenweit entfernt ist. Ein schmerzlicher Bruch, er gewahrt plötzlich, dass er nicht mehr Schritt halten kann. In seinem neuen Roman erwähnt er einen Omnibus und glaubt sich modern, aber das reicht natürlich nicht. 

Und ich kenne das ja auch, in dieser schnell fließenden Zeit, dass ich viele Dinge nicht mehr weiß, nicht mehr handhaben kann in diesem digitalen Zeitalter, wo sich so viel erneuert, dass auch ich ein Schriftsteller aus einer peu à peu vergangenen Zeit werde. Das ist mir klar.

Es gibt viele Dinge, die Heyse und Pleschinski verbinden, das Heitere, das Graziöse, die Wertschätzung der Lebenskunst … 

Bei jedem Roman, den man schreibt, hat man viel mit der Hauptfigur gemein und zu tun … mit Paul Heyse im Besonderen allerdings nicht seine großbürgerlichen Lebensverhältnisse: zwei Villen, eine davon am Gardasee, eine in München, großer Lebensstil, sicherlich mit Dienerschaft, mit Köchin, was so üblich war; seine erste Wohnung in München hatte sieben Zimmer. Damit kann ich mich gar nicht vergleichen, und keiner meiner Kollegen kann das. Dann die Bedeutung, die Literatur damals noch hatte – die ist auch verschwunden. Heyse lebte nicht in der Schnelllebigkeit der Vermarktung, auch sein Leben mit Familie, mit Kindern, der Tod zweier Kinder, zwei Ehen, das ist alles anders. 

Aber wenn ich ihm nahe sein wollte, dann wäre es in seiner Weltoffenheit, in einem Hauch von Italianità, der Großzügigkeit, die er besaß, die er besser ausleben konnte als jemand heute, einfach, weil es andere Raumverhältnisse waren. Und einige Gedichte gehen mir nah, auch Novellen. Es ließe sich einiges nennen, wo ich sage –  es ist toll, was du gemacht hast, Paul Heyse. Oder – Paul. Gut, dass du das geschrieben hast und dass Menschen es lesen konnten und jetzt wieder eine Ahnung haben, was du dem deutschen Lesepublikum vermittelt hast.

Buchcover: Hans Pleschinski "Am Götterbaum".
Buchcover: Hans Pleschinski „Am Götterbaum“.

Hans Pleschinski, Am Götterbaum, ist im Verlag C. H. Beck erschienen. 

Hans Pleschinski, Foto: Heike Huslage-Koch - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67531560
Hans Pleschinski, Foto: Heike Huslage-Koch – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=67531560

Der Schriftsteller Hans Pleschinski, geboren 1956 in Celle, lebt seit vielen Jahren in München. Er ist Autor zahlreicher Romane, Essays und Erzählungen. Große Aufmerksamkeit erreichte unter anderem 2013 der Thomas-Mann-Roman »Königsallee« (C.H. Beck). Zuletzt erschien bei C.H. Beck sein Roman „Wiesenstein“ über die letzte Lebensphase des Schriftstellers Gerhart Hauptmann. 2018 widmeten Monacensia und LMU München dem Gesamtwerk des Münchner Schriftstellers eine Tagung mit dem Titel „Eleganz und Eigensinn – Tagung zum Werk von Hans Pleschinski“. Für sein literarisches Werk wurde Hans Pleschinski mehrfach ausgezeichnet. Zuletzt erhielt er 2020 den Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung.

https://www.pleschinski.de

Judith Heitkamp moderierte Lesung und Gespräch mit Hans Pleschinski in der Monacensia.
Judith Heitkamp moderierte Lesung und Gespräch mit Hans Pleschinski in der Monacensia.

Judith Heitkamp ist Kulturredakteurin beim Bayerischen Rundfunk, zu hören in der Bayern 2 kulturWelt, in den radioTexten am Donnerstag und im Büchermagazin Diwan. Sie ist Absolventin der Deutschen Journalistenschule, studierte in München Journalistik und in Genf Europäische Kulturstudien. Nach Stationen in den Kulturprogrammen von WDR und MDR und in Städten wie Köln, Berlin, Weimar und Straßburg kam sie zurück nach München.


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