Annedore Leber: Widerstandskämpferin und Demokratin der ersten Stunde | #femaleheritage

Annedore Leber kämpfte im Widerstand gegen den Nationalsozialismus und war in der frühen Nachkriegszeit eine Demokratin der ersten Stunde. Sie gründete 1947 das Magazin „Mosaik“. Dieses enthielt neben Schnittmustern auch politische Artikel. Denn ihre Zielgruppe waren Frauen, die sie zur Demokratie erziehen wollte. Als Verlegerin gab sie Bücher zum Widerstand in der Nachkriegszeit heraus, damals ein Tabu-Thema. Dr. Frauke Geyken stellt in ihrem Gastbeitrag zur Blogparade #femaleheritage kenntnisreich und eindrücklich Leben und Wirken von Annedore Leber vor. 

Annedore Leber an ihrem Schreibtisch in den 1950er Jahren #femaleheritage. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.
Annedore Leber an ihrem Schreibtisch in den 1950er Jahren #femaleheritage. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.

Annedore Leber – was ist das für ein Name? Und was ist das für eine Person?[i] Eine aus dem letzten Jahrhundert (1904-1968) und eine, die heute kaum noch jemand kennt, wenn überhaupt, dann als Ehefrau: 
Annedore Leber war die Frau des Widerstandskämpfers Julius Leber. Der Journalist und SPD-Reichstagsabgeordnete war ein NS-Gegner der ersten Stunde und wurde deshalb nur wenige Wochen nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten verhaftet. Er verbrachte vier Jahre in verschiedenen Gefängnissen und Konzentrationslagern, bis es seiner Frau 1937 gelang, ihn zu befreien.[ii] 

Julius Leber nahm seine Widerstandstätigkeit sofort wieder auf, diesmal als Kohlenhändler, denn der Weg in den Journalismus und die Politik des NS-Staates war ihm, dem Gegner, natürlich versperrt. Er war Mitglied des konspirativen Kreisauer Kreises. Dies war der zivile Unterstützerkreis für den militärischen Staatsstreich, der allein die Möglichkeit hatte, Hitler zu beseitigen. Die Kreisauer entwarfen Pläne für das nach dem geglückten Attentat neu zu gestaltende Deutschland. Leber war als Innenminister vorgesehen. Aber dazu kam es nicht, das Netzwerk wurde aufgedeckt. 

Bildunterschrift Paarfoto: Dies ist eines der bekanntesten Fotos von Julius und Annedore Leber, aufgenommen an der Ostsee. Nachdem Julius Leber aus dem KZ entlassen worden war, war er nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch Ehemann, Familienvater und Freund – unter anderem ein enger Freund Stauffenbergs, was höchst ungewöhnlich ist. Der Widerstand brachte Menschen zusammen, die sich zu anderen Zeiten nie begegnet wären, hier den konservativen, adeligen Offizier und den sozialistischen Arbeiterführer. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.
Dies ist eines der bekanntesten Fotos von Julius und Annedore Leber, aufgenommen an der Ostsee. Nachdem Julius Leber aus dem KZ entlassen worden war, war er nicht nur Widerstandskämpfer, sondern auch Ehemann, Familienvater und Freund – unter anderem ein enger Freund Stauffenbergs, was höchst ungewöhnlich ist. Der Widerstand brachte Menschen zusammen, die sich zu anderen Zeiten nie begegnet wären, hier den konservativen, adeligen Offizier und den sozialistischen Arbeiterführer. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.

Und Annedore Leber – wer war sie?

Sie war Teil dieses großen Netzwerkes, dessen Arbeit zum Teil – aber nicht nur! – aus Denken bestand, gemeinsam denken, miteinander sprechen, im Gespräch eine Vorstellung davon entwickeln, wie das Deutschland, in dem sie später frei und im rechtstaatlichen Rahmen leben wollten, aussehen sollte. Es ist überliefert, dass der Mitverschwörer Fritz-Dietlof von der Schulenburg Annedore Leber in ihrem Büro, in der Schnittmusterabteilung des Deutschen Verlags, besuchte, so dass auch andere Informantenbesuche oder -gespräche dort vorstellbar sind. Man kann also sagen, Annedore Leber war eine Widerstandskämpferin aus eigenem Recht. So sah sie sich auch selbst, wie es spätere Äußerungen belegen: „Ich selbst war auch in die Vorbereitungen zum 20. Juli verwickelt“[iii], „auch das Telefon meines Büros diente als Mittler mancher Verabredung“, sie selbst sei „in alle Besprechungen eingeweiht und aufs höchste gefährdet“ gewesen.[iv]

Kindheit in Lübeck, Studium in München, Arbeit in Berlin

Sich für den Widerstand gegen das Hitler-Regime einzusetzen, das war ihr nicht in die Wiege gelegt. Das Mädchen Annedore, geboren 1904, verlebte eine glückliche, behütete Kindheit im wilhelminischen Kaiserreich. Ihr Vater, der angesehene Oberstudiendirektor Dr. Georg Rosenthal, unterrichtete seine Tochter selbst, sie besuchte nie eine öffentliche Schule. Nach dem (externen) Abitur, das sie 1922 mit 18 Jahren in Lübeck ablegte, studierte sie Jura in München, fünf Semester lang, und das sechste wolle sie „in vollen Zügen auskosten“ schrieb sie in einem Brief an ihre Eltern im Mai 1925. 

„Dann aber muß ich streng und fest arbeiten.“ Das sei ihr gemäß, im Studium lebe man mit dem „Druck, nur Halbes getan zu haben“, sie aber wolle „den Tag erfüllende Arbeit“.[v] Deshalb besuchte sie im Anschluss eine Schneiderakademie und machte 1935 die Schneidermeisterprüfung. 1937 eröffnete sie einen Modesalon, der bald zehn Angestellte haben sollte. Ab 1938 arbeitete sie im Deutschen Verlag in Berlin, wo sie 1941 Leiterin der gesamten Mode- und Schnittmuster-Produktion wurde. Hier lag ihr Büro, von dem aus sie (konspirativ) ihren Teil dazu beitrug, ein neues, freies, demokratisches Deutschland nach Hitler vorzubereiten.

Demokratin der ersten Stunde: die frühen Nachkriegsjahre

Julius Leber wurde am 5. Januar 1945 hingerichtet. Das Attentat vom 20. Juli 1944 war missglückt. In der Folge waren mehrere hundert Menschen verhaftet, fast 200 hingerichtet worden. Annedore war unendlich traurig. Sie zog sich nach Hordorf bei Magdeburg zurück, wo sie ihre zwei Kinder Katharina (*1929) und Matthias (*1931) bei Verwandten untergebracht hatte. Ihre Tochter hörte sie nächtelang weinen. Aber nach einer Phase der Verzweiflung erwuchs ihr aus der Trauer eine ungeheure Kraft. Der Tod ihres Mannes durfte nicht umsonst gewesen sein, die Ziele, für die der Widerstand gekämpft hatte, sollten jetzt umgesetzt werden. In einer Rede vor der Internationalen Frauenliga für Frieden und Freiheit kurz nach dem Krieg formulierte Leber selbstbewusst: 

„Ich glaube also, daß ich den Anspruch habe, jetzt meine Stimme erheben zu dürfen.“[vi]

Nachdem Julius Leber 1944 erneut verhaftet worden war, ließ Annedore sich von einem Fotografen porträtieren, um ihrem Mann die Bilder in die Zelle zu schicken. Möglicherweise gehört das Bild in diesen Kontext. #femaleheritage. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.
Nachdem Julius Leber 1944 erneut verhaftet worden war, ließ Annedore sich von einem Fotografen porträtieren, um ihrem Mann die Bilder in die Zelle zu schicken. Möglicherweise gehört das Bild in diesen Kontext. #femaleheritage. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.

Und das tat sie unermüdlich in verschiedensten Funktionen, zunächst als Journalistin: Nach zwölf Jahren NS-Propaganda und gezielter Desinformation war allen engagierten Kräften klar, wie wichtig eine freie Presse für die Begleitung des demokratischen Wiederaufbaus war. Annedore Leber war eine derjenigen, die von den Alliierten die Lizenz für eine neue Zeitung erhielten. Sie war mitverantwortlich für die Herausgabe einer der ersten Berliner Tageszeitungen, der Telegraaf.

Logo der Internetseite des Magazins Mosaik, 2016 digitalisiert. Foto: Ben van Treek.
Logo der Internetseite des Magazins Mosaik, 2016 digitalisiert. Copyright: Ben van Treek.

Aber vor allem Frauen waren ihre besondere Zielgruppe. Diese wollte sie nach den Jahren der politischen Entmündigung in der Diktatur für die Mitarbeit am neuen deutschen Staat gewinnen. Schon im Herbst 1947 gründete sie deshalb die Zeitschrift Mosaik. Auf dem qualitativ sehr schlechten, heute ganz brüchigen braunen Papier der frühen Nachkriegszeit entstand eine Mischung aus – salopp gesagt – Spiegel und Brigitte. Neben Schnittmustern in jedem Heft, die sicher auch ganz praktisch den Verkauf des Magazins befördern sollten, gab es Vorschläge für Gestrickt und gehäkelt (Mosaik Feb. 1948) und die Forderung New look für alle (Mosaik Dez. 1948). Annedore Leber als verwitwete Mutter zweier Kinder brachte auch ganz praktische Seiten wie den Fahrplan durch die Kinderkrankheiten (Mosaik Mai 1948). 

Aber, und hier wird es jetzt politisch, sie beauftragte einen Architekten, um Ideen entwickeln zu lassen für die konkreten Probleme der Nachkriegszeit. In dem Artikel Frauenstadt – Frauenstaat? (Mosaik Juni 1948) wurde ein Bauprojekt als soziale Hilfsmaßnahme vorgestellt. Es sah eine für uns höchst modern anmutende organisierte Wohngemeinschaft für alleinstehende Frauen mit Kindern vor, in dem Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Kinderbetreuung nah beieinander liegen sollten. Ähnliche Gedanken machte sich Max Taut wenige Monate später im Beitrag Billig bauen – praktisch wohnen (Mosaik Okt. 1948).

Autorin, Verlegerin, Politikerin

Annedore war leidenschaftlich in ihrem Engagement für die Demokratie. 1927 war sie, die höhere Tochter aus gutbürgerlicher Familie, in die SPD eingetreten. Nach dem Krieg begann sie, sich politisch zu engagieren, zunächst u. a. ab Oktober 1945 als Leiterin des Frauensekretariats der SPD. 1946 vertrat sie die Partei in der Berliner Stadtverordnetenversammlung. Dort arbeitete sie zusammen mit Ernst Reuter, dem aus dem Exil zurückgekehrten charismatischen Politiker, der noch heute für seine Rede während der Berliner Blockade von 1948 berühmt ist: „Völker dieser Welt! Schaut auf diese Stadt!“ 

Berlin Calls The World (1948)

Reuter hatte 1947 an Annedore Leber geschrieben: „Liebe Genossin Leber! Daß wir Gelegenheit hatten Sie hier kennenzulernen, hat zu den Dingen gehört, die uns gezeigt haben, wie richtig unser Entschluß war, in die Heimat zurückzukehren.“ Edzard Reuter, der als Sohn des Oberbürgermeisters häufiger im Hause Leber zu Gast war, erinnert sich an die Politikerin als „warmherzig und lebenslustig“, sie war „ein bunter Schmetterling“, „eine Persönlichkeit mit Temperament“.[vii]

Von 1954 bis 1962 war Leber Bezirksverordnete von Berlin-Zehlendorf und von 1963 bis 1967 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Nach der Gründung der Bundeswehr 1955 wurde sie eines von 38 Mitgliedern des Personalgutachterausschusses für die Streitkräfte. Sie war Vorstandsmitglied der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, Delegierte der Beratenden Versammlung des Europarates sowie Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission und des Kulturpolitischen Beirates des Auswärtigen Amtes.

Damit nicht genug: Sie hatte auch noch einen arbeitsreichen Beruf, denn Leber hatte einen eigenen Verlag gegründet, um Bücher über den Widerstand veröffentlichen zu können, die sonst schwer zu publizieren waren.[viii] Das Thema Widerstand war eines der vielen Tabus der Nachkriegszeit. Nicht jeder konnte Widerstand leisten, die Handelnden brauchten enorme Nervenstärke, es war ein Leben in Isolation und Verstellung. Die Entscheidung für das aktive Widerstehen betraf niemals nur eine Person, ihr gesamtes Umfeld geriet dadurch in Lebensgefahr. Diejenigen, die sich aktiv dem NS entgegengestellt hatten oder sich ihm zumindest passiv, aber bewusst verweigert hatten, hielten denen, die mitgemacht hatten, nun den Spiegel vor. 

Schließlich war Leber 1953 auch an der Gründung der Handwerker-Lehrstätten Britz beteiligt. Ihr Augenmerk galt neben den Frauen speziell den Jugendlichen, die zu selbständig denkenden DemokratInnen erzogen werden sollten. Seit 1979 heißt die Schule Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin. Dort werden heute junge Menschen mit Behinderungen und besonderem Förderbedarf in mehr als 35 Berufen ausgebildet.[ix]

Als der amerikanische Justizminister Robert Kennedy 1962 Berlin besuchte, war es selbstverständlich, dass Annedore Leber als renommierte Berliner Politikerin und Publizistin den Staatsgast zur Gedenkstätte Plötzensee begleitete. Hier war auch ihr Mann hingerichtet worden. 1964 gratulierte ihr der Bundespräsident zu ihrem sechzigsten Geburtstag. Nur vier Jahre später, am 28. Oktober 1968, starb Annedore Leber und geriet bald darauf in Vergessenheit. 

Katharina Leber, die Tochter von Julius und Annedore Leber. Sie haderte mit dem Engagement ihres Vaters im Widerstand, das ihn das Leben kostete. Sie hätte, so berichtete sie Jahrzehnte später in einem Interview, ihren Vater lieber lebend gehabt statt als toten Helden, siehe dazu Antje Dertinger, Heldentöchter, Bonn 1997. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.
Katharina Leber, die Tochter von Julius und Annedore Leber. Sie haderte mit dem Engagement ihres Vaters im Widerstand, das ihn das Leben kostete. Sie hätte, so berichtete sie Jahrzehnte später in einem Interview, ihren Vater lieber lebend gehabt statt als toten Helden, siehe dazu Antje Dertinger, Heldentöchter, Bonn 1997. Foto: Julius und Annedore Leber-Archiv, München.

Die Tochter von Julius und Annedore, Katharina Christiansen-Leber (1929-2008) lebte als Journalistin in München. Heute lebt ihre Tochter Julia Heinemann ebenfalls in München und verwaltet das Julius und Annedore Leber Archiv, das dankenswerterweise die Fotos zur Verfügung gestellt hat.

Autorin: Frauke Geyken

Vielen herzlichen Dank für diesen profunden und spannenden Beitrag zu Annedore Leber!  

Buch-Cover: Frauke Geyken, Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler, C.H. Beck:
Frauke Geyken, Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler, C.H. Beck: https://www.chbeck.de/geyken-standen-abseits/product/13040848

Dr. Frauke Geyken, Historikerin und Publizistin, Göttingen 2019

Studium der Geschichte, Skandinavistik und Anglistik an der Georg-August-Universität Göttingen. Dissertation erschien 2002: „Gentlemen auf Reisen. Das britische Deutschlandbild im 18. Jahrhundert“ im Campus Verlag. Langjährige wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Universität Göttingen. Seit 2008 freie Historikerin und historische Publizistin. Publikationen unter anderem: „Wir standen nicht abseits. Frauen im Widerstand gegen Hitler.“, München, C. H. Beck Verlag 2014. Im November erscheint ihre Geschichte der Universität Göttingen im Steidl-Verlag. 

Veröffentlichungen: http://www.clio-online.de/forscherinnen=7259


[i] Die derzeit vollständigste Biographie von Annedore Leber findet sich in: https://www.chbeck.de/geyken-standen-abseits/product/13040848
[ii] Annedore Leber setzte alle ihr zur Verfügung stehenden hebel in Bewegung, schrieb an unzählige Bekannte und auch ihr unbekannte Menschen, z.B. auich an die Reichskanzlei, die sie um Unterstützung bat.
[iii] Leber in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1947.
[iv] Leber in einem Lebenslauf im dem Jahr 1945.
[v] Brief von Annedore an ihre Eltern vom 13. Mai 1925, Barch Koblenz, N 1732, 59.
[vi] Nachlass Leber Bundesarchiv.
[vii] Gespräch mit Edzard Reuter 2013.
[viii] 1952 reschien Ein Mann geht seinen Weg. Leber gibt zahlreiche Schriften, Reden und Briefe von Julius Leber heraus. 1954 erscheinen ihre Kurzbiografien von Männern und Frauen aus dem Widerstand unter dem Titel Das Gewissen steht auf. 1956 kam ein Folgeband raus Das Gewissen entscheidet. Die Auflagen dieser beiden Bände gehen in die Hunderttausende.
[ix] Jährlich verleiht das ALBBW den Annedore-Leber-Preis an Unternehmen, die sich bei der Eingliederung von Menschen mit Behinderung in Ausbildung und Arbeit beispielhaft hervorgetan haben. 


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