Wer ist wir und was hat das mit mir zu tun?
Eine persönliche Nachlese zum Zündfunk Netzkongress 2018

Es ist nur eine randständige Anekdote, aber mit ihr lässt sich gut erzählen, warum der Zündfunk Netzkongress mir jenseits der einzelnen Themen nicht so schnell wieder aus dem Kopf geht. Die bayerische Digitalkonferenz tagte am Freitagabend und den ganzen Samstag, und als ich am Sonntag auf Twitter nachlas, stieß ich auf einen Tweet des Zündfunks, der um die Teilnahme an einer Befragung bat.

Ich hielt das für ein geeignetes Dankeschön für die inspirierende und gut organisierte Veranstaltung und klickte auf den Link. Da stand:

Lieber Besucher,

wir freuen uns, dass Du da warst.
Wenn Du Lust hast, hilf uns doch und sag uns wie es Dir dieses Jahr auf dem Zündfunk Netzkongress gefallen hat.

Die Umfrage wird nur ca. 5 Minuten dauern und natürlich ist alles anonym, Rückschlüsse auf Deine Person sind nicht möglich und es werden keine Daten an Dritte weitergegeben. Es gibt kein richtig oder falsch, wir freuen uns auf Dein konstruktives Feedback.

Herzlichen Dank

Ich kommentierte den Tweet und bekam auch bald eine Antwort:

Der Antwort glaube ich gern, denn ich arbeite selbst in einer öffentlichen Institution und weiß, dass es Momente gibt, in denen die Technik nicht leisten kann, was gerade gebraucht wird. Aber die Anekdote passt zu gut zu dem Eindruck, den der Kongress auf mich machte.

Reden und Handeln

Es wurde dort über Gendergerechtigkeit, über Diversity und ein bisschen über Inklusion geredet. Aber in der Realität mangelt es weiterhin daran: Die Technik verunmöglicht, siehe oben, gendergerechte Sprache, auch Übersetzungen in Gebärden- oder eine andere Sprache gab es nicht; einer von drei Vortragsräumen ist für Rollstuhlfahrer*innen schlicht nicht zu erreichen (was die Kongress-Website nicht thematisiert, sondern nur über die Homepage des Volkstheaters herauszufinden ist), und überhaupt ist das Publikum so ‚un-bunt‘, wie es in München fast nirgends mehr zu sehen ist.

Das alles muss sich ändern. Und das geht eben nicht (nur) mit Reden, sondern zuallererst durch die Schaffung der infrastrukturellen Voraussetzungen für Öffnung, Zugänglichkeit, Diversität.

Einer der für mich wichtigsten Sätze fiel gegen Ende des Kongresses, gesagt hat ihn Francesca Schmidt oder Katharina Mosene (verzeiht, dass ich mich nicht genau erinnere): Wir sollten nicht den Fehler machen, strukturelle Probleme zu individualisieren. Es ist, nur um ein konkretes Beispiel zu nehmen, selbstredend nicht der Fehler des Rollstuhlfahrers, dass er keine Treppen steigen kann, sondern ein Mangel des Veranstaltungsorts, dass er dem Rollstuhlfahrer den Zugang verwehrt. So wie es nicht die Schuld von Richard Gutjahr ist, dass er massiv öffentlich belästigt und bedroht wird, sondern die Verantwortung von YouTube, wo all die Hassvideos publiziert werden.

Und so ist das, meiner Meinung nach, auch mit den Daten, den Menschen und den großen Firmen: Es ist nicht die Schuld der Nutzerin, wenn Facebook ihre Daten missbraucht. Auf dem Netzkongress sahen das einige Vortragende anders, und ich war doch verwundert, dass wiederholt auf die Selbstverantwortung hingewiesen wurde – à la: Fang bei dir an, dann wird alles wenigstens ein bisschen besser – und eher selten Appelle an Staat und Politik erfolgten. Fast machte es den Eindruck, die „Politikverdrossenheit“, die Arne Semsrott ganz richtig als Verdrossenheit nicht über das Politische als solches beschrieb, habe bereits Teile des Netzkongresses erfasst.

Umso mehr freute es mich, dass Ellen Euler (die den Kulturhackathon Coding da Vinci als aktuelles Lieblingsstück mitbrachte) und Klaus Ceynowa (Direktor der Bayerischen Staatsbibliothek) in der Diskussionsrunde „Was bedeutet Kultur im digitalen Zeitalter?“ die politischen Herausforderungen recht klar beschrieben. Es geht hier nämlich nicht zuletzt um das Change Management des digitalen Wandels in öffentlichen Institutionen, die sich mit den Folgen der Demokratisierung des Wissens auseinander setzen müssen. „Sie müssen sich darauf einlassen, dass ihre Inhalte ihre Einrichtung verlassen und Menschen in aller Welt damit machen, was sie wollen“, sagte Ceynowa, während Euler aus ihrer Erfahrung berichten konnte, dass viele sich genau davor fürchten, „sie geben nie ihre Interpretationshoheit auf“. Vor uns liegen aufregende Zeiten, so viel ist sicher, denn wir von der Münchner Stadtbibliothek freuen uns genau darauf: dass unsere Nutzerinnen und Nutzer sich unsere Inhalte zu eigen machen. Deswegen sind wir ja bei Coding da Vinci Süd im April 2019 dabei 🙂

Meine drei Top-Vorträge

1. Sebnem Rusitschka: Cryptocommodities – oder wenn aus Energie eine Kryptowährung wird
Auch ich verstehe immer noch nicht genau, was Blockchain eigentlich bedeutet, und von Tokens habe ich in dieser Verwendung überhaupt zum ersten Mal gehört. Aber das Projekt, das Sebnem vorgestellt hat, klingt wahnsinnig spannend, so dass ich mich auf jeden Fall in die Thematik einlesen will: Sie plant Energie-Blockchains in Afrika.

2. Max Schrems: Der Kampf der Prinzipien: „Friss oder stirb“ vs. „das geht dich nichts an“
Max ist Jurist, und zwar einer von denen, die mir einfach die liebsten sind. Okay, das mag auch mit dem österreichischen Humor zu tun haben, der seine Vorträge so überaus unterhaltsam macht, aber vor allem liegt es an dieser seiner Grundüberzeugung, dass Recht Recht und also dazu da ist, um durchgesetzt zu werden – notfalls auch unter Ausnutzung seiner eigenen Unzulänglichkeiten.

3. Faranak Amidi: Giving Social Media a More Gender Balanced Voice
Faranak ist BBC-Journalistin, die über den Gender Gap in Social Media in Iran und Afghanistan sprach – weil sie entschieden hatte, ihn zu schließen. Um mehr über die Anliegen und Bedürfnisse der Frauen in diesen Ländern zu erfahren, baute sie ihren eigenen Instagram-Kanal zu einem „sicheren Hafen“ um und dadurch eine weibliche Community auf, der sie mittlerweile die besten Geschichten für ihre Reportagen verdankt.

Was ich außerdem lohnend fand

Sophie Passmanns Vortrag „#Werbung, da unbezahlte Markennennung – darf man InfluencerInnen eigentlich noch cool finden?“, weil sie mit ihrem Aufruf, den als Idiot*innen verschmähten Influencer*innen doch einfach mal zuzuhören, statt sich über sie lustig zu machen, den richtigen Auftaktakzent gegen Arroganz setzte.

Arne Semsrott, siehe oben

Die Diskussionsrunde „Hacking the Gender“, weil darin viele verschiedene Facetten des Themas angesprochen wurden.

Und bestimmt noch ein paar andere, die ich schlicht und einfach verpasst habe. Die gesamte Übersicht der Videos (es werden wohl noch weitere hochgeladen) findet ihr hier.

Featured Image: Markus Spiske / Unsplash

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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

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