Neues aus Neuaubing: Dinge mit Gesicht

Die Stadtbibliothek in Neuaubing hat aktuell kein festes Zuhause: Voraussichtlich bis 2020 wird es dauern, bis das neue Haus im Paul-Ottmann-Zentrum bezugsfertig ist. Bis dahin ist das Neuaubinger Team auf Tour durchs Quartier, zu Gast in Schulen, Bürgerzentren, Kindergärten. Wir nennen das „aufsuchende Bibliotheksarbeit“: So buchstäblich vor Ort ist die Bibliothek selten. Hier im Blog berichten die Kolleginnen und Kollegen aus Neuaubing regelmäßig über ihre Erfahrungen.

In den letzten Beiträgen – „Was macht denn die Stadtbibliothek Neuaubing?“ und „Neues aus Neuaubing: Kinder und Gefühle“ – haben wir von verschiedenen Konzepten berichtet, mit denen wir regelmäßig Grundschulklassen besuchen. Inzwischen sind wir seit zehn Monaten auf Tour und haben im ersten Dreivierteljahr 2018 bereits über 1000 Kinder erreicht: mit Aktionen rund um Sprache und Medien, mit Bilderbuchkinos, Fotoworkshops, Vorlesen, Autorenlesungen … also vorwiegend über Besuche in Kindertagesstätten und Schulen, aber auch über unsere fleißigen Lesefüchse, die seit Januar wöchentlich in der benachbarten Pfarrei St. Lukas zu Gast sind und dort weiterhin Kindern vorlesen.

Kultur macht stark

Heute wollen wir eine weitere Kooperation vorstellen: Das Bündnis für Bildung.

Unter dem Motto „Kultur macht stark – Bündnisse für Bildung“ fördert das Bundesministerium für Bildung und Forschung seit 2013 Projekte, die auf Stadtteilebene (vorwiegend bildungsbenachteiligten) Kindern Angebote zur kulturellen Bildung machen. Seit Anfang an ist in München die Spiellandschaft Stadt (vor Ort verkörpert durch das Spielhaus am Westkreuz) zusammen mit der Stadtbibliothek Neuaubing und dem Hort an der Reichenaustraße mit dabei. Jedes Jahr haben die Bündnispartner den Sommer und Herbst über mit Kindern Projekte zur Stadtteilerkundung durchgeführt. Es wurden Bücher gedruckt und gebunden, Kaleidoskope gebastelt, digitale Schnitzeljagden gemacht und vieles mehr. Am Ende des Jahres gibt es jedes Mal eine große Abschlussveranstaltung.

Im Jahr 2018 ist das Bündnis in eine neue Runde gegangen. Die Programmpunkte und Aktionen, die von der Spiellandschaft Stadt angeboten werden, heißen heuer unter anderem Augmented Munich, Spielpunkte sammeln, GPS-Schnitzeljagd und GeoMaze. Wir haben uns entschieden, Fotoprojekte unter dem Motto „Gesichter im Stadtteil entdecken“ anzubieten. Da wir dieses Jahr unsere Programmpunkte nicht im eigenen Haus durchführen können, sind wir mehrere Male zu Gast im Spielhaus am Westkreuz und bringen Kameras und Postkartendrucker mit.

Lebendiger Fotoapparat

Bei den ersten beiden Terminen machen wir mit den Kindern zum Aufwärmen das Spiel „Lebendiger Fotoapparat“. Das geht so: Die Kinder finden sich paarweise zusammen. Eines ist der Fotoapparat, das andere Kind fotografiert. Der „Fotoapparat“ hat die Augen geschlossen und lässt sich von seinem Partner oder seiner Partnerin zu einem Motiv führen. Auf die Schulter tippen heißt: Augen öffnen und eine Aufnahme machen! Ein zweites Mal tippen: Die Augen gehen wieder zu. So werden mehrere Fotos gemacht, dann werden die Rollen getauscht. Zum Schluss erzählen die Kinder, welche Bilder sie gemacht haben.

Nach einer kurzen Erklärung der Kamerafunktionen machen die Kinder mit echten Apparaten einige Probefotos, die sie anschließend wieder löschen. Dann zeigen wir ihnen einige Beispielbilder von „Gesichtern“, die man entdecken kann, wenn man in der Umgebung genau hinschaut. Fenster können wie Augen sein, kleine Vordächer wie hochgezogene Augenbrauen, ein Briefkastenschlitz sieht aus wie ein Mund… Die Kinder erkennen sehr schnell die Gesichter in den scheinbar alltäglichen Motiven, und einige Male, je nach Stimmung der Kinder, machen wir ein kleines Spiel mit ihnen: Was könnten diese Gesichter sagen oder denken? Wir haben Sprechblasen aus Papier vorbereitet, die wir beschriften und zu den Fotos an eine Pinnwand heften.

Die Fototruppe sucht am Ramses-Teich nach Gesichtern – und wird natürlich auch da fündig.

Dann gehen wir mit den Kindern los und suchen Gesichter in unserer eigenen Umgebung. Beim ersten Mal regnet es in Strömen, sodass wir, schon aus Rücksicht auf die Kameras, nicht hinaus können. Das ist aber kein Problem: Die Kinder durchstöbern das ganze Spielhaus und finden eine ganze Reihe überzeugender Motive.

Bei den anderen Gelegenheiten haben wir mehr Glück mit dem Wetter. Einmal kommen wir mit den Kindern bis an den Teich am Hochhaus „Ramses“. Aber auch das schöne Außengelände rund ums Spielhaus bietet Möglichkeiten für Entdeckungen. Nach einer halben Stunde versammeln wir uns wieder im Spielhaus, zeigen uns gegenseitig die Bilder und entscheiden, welche die schönsten sind. Zum Schluss darf jedes Kind ein Bild aussuchen, das ausgedruckt wird.

Insgesamt führen wir das Projekt drei Mal durch, jeweils mit 6 bis 9 Kindern. Jede Aktion ist ein bisschen anders. Beim ersten Mal sind die Kinder ganz besonders konzentriert und haben am Ende auch noch Spaß daran, Sprechblasen zu ihren eigenen Bildern zu beschriften. Die Kinder der zweiten Gruppe haben keine große Lust auf Theorie und stürmen dafür mit viel Begeisterung durch das Stadtviertel, wo sie Unmengen von Bildern machen. Beim dritten Mal verzichten wir auf den „lebendigen Fotoapparat“ und machen nur ein bisschen Theorie und die Aufwärmrunde mit den Beispielbildern. Dann lassen wir die Kinder schnell losziehen.

Das Ausdrucken der Lieblingsmotive kommt jedes Mal gut an. Die Kinder beobachten mit Vergnügen, wie das Foto mehrmals eingezogen wird und jedes Mal mit einer zusätzlichen Farbschicht (erst gelb, dann rot, dann blau, dann weiß) wieder herauskommt. Die ausgedruckten Bilder dürfen die Kinder mit nach Hause nehmen.

Ein richtiges Gesicht!

Auch zur Abschlussveranstaltung bringen wir Kameras und Fotodrucker mit. Der Vorsitzende des Bezirksausschusses hält eine Rede, es gibt frisch gepressten Orangensaft und Häppchen und wieder viele Spielstationen und Aktionsangebote. Die Kinder dürfen wieder auf Motivsuche in der Umgebung gehen und erhalten von ihrem Lieblingsmotiv einen Ausdruck. Auch diesmal ermuntern wir die Kinder, nach „Gesichtern“ zu suchen.

Auch vermeintlich langweilige Baucontainer haben manchmal ein Gesicht …

Kurze Zeit später ist ein Mädchen ist ganz aus dem Häuschen, weil es ein „richtiges“ Gesicht gefunden hat. Neugierig beugen wir uns über die Kamera: Uns blickt ein Kandidat von einem Wahlkampfplakat zur Landtagswahl entgegen! Wir schlucken und möchten das Bild ungern ausdrucken… „Wir wissen ja nicht, ob das ein netter Mann ist“, erklären wir ihr und schlagen vor, dass sie erneut auf Motivsuche geht.

Ein andere junge Künstlerin verschwindet über eine halbe Stunde mit der Kamera im Spielhaus. Als sie wieder auftaucht, hat sie über 70 Fotos gemacht… Da fällt die Auswahl schwer. Aber wir sind vor allem froh, dass Kind und Kamera wohlbehalten zurück sind!

Näheres zum Bündnisprojekt „Entdecker gesucht“ und zur Abschlussveranstaltung gibt es auf der Spiellandschaft-Website.

Nächstes Jahr sind wir sicher dabei, wenn am Westkreuz wieder Entdecker gesucht werden!

Featured Image: Markus Spiske / Unsplash

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