Reading Challenge: ein Roman über die UreinwohnerInnen der USA

Im Januar haben wir zur Reading Challenge “Lesen verbindet!” aufgerufen. Die zwölfte (und letzte …) Aufgabe, die wir euch und uns stellen, lautet: ein Buch über die Ureinwohner_innen der USA zu lesen. Wir finden das wichtig, weil die immer wieder verdrängte Vorgeschichte der europäischen Besiedlung des Kontinents mehr Aufmerksamkeit verdient. Amerika wurde vielleicht von den Europäern „entdeckt“, aber es handelte sich keinesfalls um unbewohntes Land, das da „zivilisiert“ werden sollte. Und auch Thanksgiving ist womöglich deutlich indianischer geprägt, als es einigen lieb sein mag… Wir wünschen viel Spaß beim Lesen und führen euch wie immer mit ein paar Buchtipps in das Thema ein. (Ein Klick aufs jeweilige Cover führt euch in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Bestellen.)


Louise Erdrich: Schattenfangen

Ein kryptischer Titel, der Rätsel aufgibt! „Schattenfangen“ bedeutet in der indianischen Vorstellungswelt, dass man sich der Seele eines anderen Menschen bemächtigt und somit Macht über ihn gewinnt. Dies ist auch bereits das zentrale Thema in diesem Roman von Louise Erdrich, die selbst indianische Wurzeln hat. „Schattenfangen“ wurde im Feuilleton kontrovers besprochen und machte mich neugierig; handelt es sich bei Louise Erdrich doch um eine mit zahlreichen Literaturpreisen gewürdigte Autorin.

Nun also ein psychologisch gut durchleuchteter Ehe- und Familienroman, der auch vor einigen Tabus nicht Halt macht, aber keinesfalls als Psychothriller durchgeht, wie gelegentlich behauptet.

Die Hauptfrage: Warum verlässt eine emanzipierte, gebildete Frau nicht ihren gewalttätigen Ehemann, einen erfolgreichen Maler, insbesondere von indianischen Themen? Spielen für beide ihre indianischen Wurzeln eine Rolle? Oder ist die Ursache an ganz anderer Stelle zu finden? Sucht selbst für euch die Antwort bei dieser literarisch überzeugenden Lektüre und erfahrt dabei zusätzlich etwas über Stammesgesetze und heutiges Leben der Chippewa, Sioux und Cree. Ute / Stadtbibliothek Fürstenried

Suhrkamp Verlag, 239 Seiten, aus dem Amerikanischen von Chris Hirte


Tony Hillerman: Der Wind des Bösen

Die Krimis von Tony Hillerman (1925-2008) über die Polizisten der Navajo Tribal Police sind in den Reservaten im Südwesten der USA angesiedelt. Die insgesamt 18 Romane zeichnen sich durch eine ruhige Sprache und eine unaufgeregte Handlung aus, die von großem Respekt für die Kultur und die Rituale der Navajo und Hopi getragen wird.

In „Wind des Bösen“ wird der Polizist Jim Chee beauftragt, die Windmühle zu bewachen, die in stetigem Vandalismus sabotiert wird. Als er nachts in seinem Versteck die Mühle beobachtet, wird er Augenzeuge eines Flugzeugabsturzes. Was hat es mit diesem Flugzeug auf sich? Haben Drogenschmuggler ihre Ware in den unzugänglichen und unübersichtlichen Canyons versteckt?

Die Krimireihe wurde in den 1980er Jahren erstmals veröffentlicht und ist im vergangenen Jahr in der Reihe „rowohlt repertoire“ mit ansprechendem Cover neu erschienen. Waltraud / Stadtbibliothek Am Gasteig

Rowohlt Verlag, 259 Seiten, aus dem Amerikanischen von Klaus Fröba


Isabel Allende: Zorro

Ein süffiger Roman, typisch Allende eben, der ein wunderbares Bild von Kalifornien zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bietet, also zur Zeit der spanischen Kolonialherrschaft. Zorro, der „Robin Hood der Neuen Welt“, ist bei Allende der Sohn eines spanischen Offiziers und einer Indianerin, die mit ihrem Stamm einst gegen ihn kämpfte. Er wird als Diego 1785 auf einer Hacienda in der Nähe von La Reina de los Angeles (heute L.A.) geboren und ist sozusagen seiner Zeit weit voraus: Er lebt multikulturell in beiden Kulturen. Eine schnell zu lesende Abenteuer- und Liebesgeschichte! Barbara / Stadtbibliothek Sendling

Suhrkamp Verlag, 444 Seiten, aus dem Spanischen von Svenja Becker


Annie Proulx: Aus hartem Holz

Ich war ein wenig irritiert, dass einige Kritiker_innen Annie Proulx‘ neuen Roman zu lang fanden und zudem beklagten, dass zu viele Personen darin vorkämen. Tatsächlich hatte die Autorin nämlich genau das im Sinn: „Aus hartem Holz“ umfasst 300 Jahre nordamerikanischer Geschichte auf etwa 900 Seiten, und dabei kommen glücklicherweise viele Menschen und damit viele Perspektiven zu Wort! Das Thema von Proulx – der man ja unter anderem die „Schiffsmeldungen“ und die erfolgreich verfilmte Kurzgeschichte „Brokeback Mountain“ verdankt – ist die fortschreitende Abholzung Kanadas, das Geschäftemachen mit der Natur sowie die Ausnutzung und damit auch langsame Ausrottung der indianischen Ureinwohnerinnen und Ureinwohner des Kontinents. Ich habe den Roman gleichsam in einem Rutsch aufgesogen und bilde mir nun sogar ein, ein wenig mehr über die Historie Kanadas und dessen heutige Verfasstheit zu begreifen. Und, zugegeben: Ich mag dicke Bücher 🙂 Katrin / Digitale Kommunikation

Luchterhand Verlag, 896 Seiten, aus dem Amerikanischen von Melanie Walz und Andrea Stumpf


Seit ich mich erinnern kann, bin ich fasziniert von Büchern und Filmen, die ein (mehr oder weniger) authentisches Bild vom Leben der amerikanischen Ureinwohner vermitteln. Die Dezember-Challenge hier im Blog ist also die Frage, auf die ich schon immer gewartet habe 😉 … deshalb habt Nachsicht wegen der Länge des Beitrags. Stefanie / Stadtbibliothek Laim

Ruth Beebe Hill: Hanta Yo

Hills breit angelegte Saga vom Leben der Teton-Sioux vor dem Kontakt mit den Weißen ist das Ergebnis einer lebenslangen Passion, einer dreißigjährigen Recherchearbeit. Und auch wenn Vertreter mehrerer Stämme einigen ihrer für sie weniger schmeichelhaften Beschreibungen scharf widersprachen: Das Buch lässt den Leser tief eintauchen in eine versunkene Welt.

Bei uns erhältlich ist nur das amerikanische Original aus dem Jahr 1979.

Liselotte Welskopf-Henrich: Die Söhne der großen Bärin

Die sechsbändige Reihe, eigentlich ein Jugendbuch, erzählt die wechselvolle Geschichte des jungen Lakota-Sioux Tokei-ihto von der Kindheit bis zu seiner Zeit als junger Häuptling. Wie alle Präriestämme müssen auch die Sioux in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer weiter vor den in den Westen vordringenden Weißen zurückweichen.

Liselotte Welskopf-Henrich, um die Mitte des 20. Jahrhunderts Professorin in Ostberlin, hat ihre Bücher bewusst als eine Art „Anti-Karl-May“ geschrieben. Früher als in der westlichen Populärkultur thematisiert sie die systematische Entrechtung der indigenen Bevölkerung. Ihre – auch was Kultur und Lebensweise der Sioux angeht – sorgfältig recherchierte Geschichte ist als eine Art „All-Age“-Titel für am Thema Interessierte auch heute noch spannend zu lesen.

Altberliner Verlag, 6 Bände

Antje Babendererde: Lakota Moon

Noch ein All-Age-Titel: eine gut erzählte Geschichte, die einfühlsam und differenziert vom Leben in einem Indianerreservat in South Dakota Ende des 20. Jahrhunderts erzählt. Realer Hintergrund: der Mord an einem behinderten jungen Lakota, nachweislich begangen von vier weißen Jungs aus gutem Haus. Die Tat blieb, wie viele andere Gewalttaten an der indigenen Bevölkerung, mehr oder weniger ungesühnt. „An Indian life in South Dakota is very cheap“, schreibt Dean Chavers in seiner Dokumentation „Racism in Indian Country“.

Arena Verlag, 279 Seiten

… und nun mein Favorit:

Brian Moore: Schwarzrock

Historischer Hintergrund dieses eher schmalen, aber ungeheuer dicht erzählten Bandes ist die Missionierung von Irokesen und Huronen durch Jesuiten, die schon Mitte des 17. Jahrhunderts, also rund 200 Jahre vor der Eroberung des „Wilden Westens“, tief in die Wildnis Nordkanadas vordrangen. Moore erzählt vom „Cultural Clash“: Mit großem Verständnis für beide Seiten beschreibt er das totale Unvermögen sowohl der Indianer als auch der durchaus gutwilligen jesuitischen Patres, sich in der völlig fremden Gedankenwelt der jeweils anderen zurechtzufinden – mit dramatischen Konsequenzen für alle …

(M)eine unbedingte Empfehlung ist die kanadische Verfilmung „Black Robe – Am Fluß der Irokesen“: nah am Buch, bildgewaltig, dramatisch (es gibt auch eine schöne Liebesgeschichte 😉 ) und mit einem – wie der Film selbst – mehrfach preisgekrönten Soundtrack.

Diogenes Verlag, 264 Seiten, aus dem Amerikanischen von Otto Bayer

James Fenimore Cooper: Lederstrumpf-Geschichten

Erwähnen sollte ich vielleicht noch einen Klassiker: Coopers „Lederstrumpf“-Geschichten, die man heute eigentlich nur noch als stark gekürzte Jugendbücher kennt. Die fünf breit angelegten Romane entstanden zwischen 1825 und 1840, prägten stark die Außensicht auf die amerikanischen Ureinwohner und sind deshalb bis heute kultur- und literaturgeschichtlich interessant. Als Zeitgenosse beschreibt Cooper das unaufhaltsame Vordringen der „weißen Zivilisation“, der er, ganz im Geiste Rousseaus, die Vorstellung einer „freien“ Natur, gegenüberstellt, in der sich die Anlagen des Menschen zur Höchstform entfalten können. Die Figur des Indianers als des – pardon, man mag das heute kaum noch schreiben – „Edlen Wilden“ war geboren.

Diverse Ausgaben; vor kurzem neu übersetzt: „Der letzte Mohikaner“, Hanser Verlag, 656 Seiten, aus dem Amerikanischen und herausgegeben von Karen Lauer


Weiterlesetipp

Decolonize Your Bookshelf With These Books by Native American Writers (Electric Literature)


Featured Image: Dyaa Eldin / Unsplash

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