afrodeutsch!

Reading Challenge 2020 im Juni

Das Juni-Thema unserer Reading Challenge passt auf fürchterliche Weise besser in die Gegenwart, als wir gedacht hatten: In den USA eskaliert die Polizeigewalt, und die Versuche, den #BlackLivesMatter-Protesten anders als mit Tränengas und Knüppeln zu begegnen, sind rar. Doch wir wollen nicht nur mit dem Finger auf die USA zeigen, sondern auch im eigenen Land schauen: Wie steht es um das Black Life und dessen Einfluss und Bedeutung in der deutschen Gesellschaft? Welche Bücher helfen weiter beim Mehr-Erfahren und Weiterdenken? Hier sind unsere Empfehlungen.

dtv, 198 Seiten

Zwei Klassiker zum Einstieg

Ich möchte zwei Klassiker der afrodeutschen Literatur empfehlen, nämlich die Memoiren von Theodor Wonja Michael und die Gedichte von May Ayim.

Theodor Wonja Michael durfte ich vor ein paar Jahren noch live beim Bayreuther BIGSAS-Festival erleben. Sein Buch „Deutsch sein und schwarz dazu“ sollte unbedingt Schullektüre werden!

Michaels Vater kam vor dem Ersten Weltkrieg nach Deutschland und gründete eine Familie. Die anfangs noch verhalten freundliche Stimmung gegenüber Schwarzen änderte sich in der Weimarer Republik. Michael arbeitete als Schauspieler und später beim Bundesnachrichtendienst – ein bewegtes Leben in jedem Sinne…

May Ayim wurde 1960 in Hamburg geboren, die Familiensituation war kaum weniger schwierig als bei Michael. Ayim war Mitbegründerin der Initiative Schwarze Deutsche und Schwarze in Deutschland. Allerdings machte sie sich nicht nur als Aktivistin einen Namen, sondern auch als Lyrikerin. Sie gilt heute als eine der ersten und wichtigsten Stimmen der afrodeutschen Literatur. Wir haben ihren Band „nachtgesang“ im Bestand.

Katrin / Programm- und Öffentlichkeitsarbeit

Rowohlt Verlag, 271 Seiten

Jennifer Teege: Amon. Mein Großvater hätte mich erschossen

Durch Zufall stößt die Autorin in den Hamburger Öffentlichen Bücherhallen auf ein Buch, in dem sie ein Bild ihrer leiblichen Mutter entdeckt. Jennifer Teeges Mutter war die Tochter des Nazischergen Amon Göth, bekannt aus „Schindlers Liste“. Diese unglaubliche Entdeckung stürzt die Afrodeutsche Jennifer Teege in eine tiefe Krise, aus der sie nur langsam wieder herausfindet. Ein faszinierendes Stück Familiengeschichte!

Kirsten / Stadtbibliothek Am Gasteig

Komplett-Media, 275 Seiten

David Mayonga: Ein Neger darf nicht neben mir sitzen. Mein Leben als Deutscher unter Deutschen

Warum fürchten wir „das Fremde“? Wer von David Mayongas persönlichen Erlebnissen liest, hat sogleich einprägsame Bilder von Alltagsrassismus im Kopf. Bereits im Kindergarten bekam er den Satz aus dem Titel zu hören, ohne zu verstehen, dass er gemeint war. David Mayonga aka Roger Rekless ergänzt seine Eindrücke und Gedanken mit Gastbeiträgen von weiteren Künstlern. Er benennt bestehende Defizite, regt zur Auseinandersetzung an und er ermutigt, dass Menschen einander vorurteilsfrei wahrnehmen.

Silke / Stadtbibliothek Ramersdorf

Hanser Verlag, 208 Seiten

Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen: aber wissen sollten

Rassismus ist leider nach wie vor ein Thema, das viele Menschen auch in Deutschland betrifft. Und auch wenn man sich als weiße Person nicht als Rassist wahrnimmt, passiert es doch, dass man sich unbewusst rassistisch äußert. Alice Hasters hat in ihrem Buch über eigene Erfahrungen geschrieben, die ihr aufgrund ihrer Hautfarbe passiert sind und erklärt sehr klar und klug, was Weiße ändern bzw. an dem System, in dem wir leben, geändert werden sollte.

Martina / Stadtbibliothek Waldtrudering

S. Fischer Verlag, 347 Seiten

Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst

Dieses Buch ist kein Roman, es ist der innere Dialog einer jungen, queeren afrodeutschen Frau mit komplizierter Familiengeschichte. Diese Textform, anfangs überraschend und irritierend, fesselt schnell. Die Protagonistin hat auf der einen Seite viele gesellschaftliche Freiheiten, die sie auch als solche wahrnimmt, empfindet sich andererseits aber als „das maximal Andere“, und das nicht durch ihre sexuelle Orientierung, sondern durch ihre Hautfarbe. Sie trägt eine große Zerrissenheit in sich, eine Angst vor Bindungen, das Gefühl, nicht gewollt zu sein.

Ist es ein deprimierendes Buch? Auf keinen Fall! Es ist das aufrüttelnde Buch einer jungen Frau, die darum kämpft, nicht immer als „anders“ wahrgenommen zu werden.

Waltraud / Stadtbibliothek Am Gasteig

Rowohlt Verlag, 342 Seiten

Ijoma Mangold: Das deutsche Krokodil

Der bekannte deutsche Literaturkritiker („Berliner Zeitung“, „Süddeutsche Zeitung“, „Die Zeit“) schreibt in seiner Roman-Biographie über seine Identität als Kind einer deutschen Psychoanalytikerin und eines nigerianischen Vaters.

Als Afrodeutscher wächst Mangold in einer beschaulichen schwäbischen Kleinstadt auf und hat lange kein Gefühl von „Anderssein“. Später dann, als Jugendlicher und junger Erwachsener, begreift er sein Anderssein als persönliches Schicksal. Vorbilder findet er in Sportlern und Künstlern, er selbst möchte einfach nur dazugehören und wird als „Gesinnungspreuße“ ein Liebhaber der deutschen Literatur und Moderator von Literatursendungen. Dabei entwickelt eine innere Habachtstellung gegen den Rassismus, dem er im Alltag ausgesetzt ist.

Und trotzdem ist das deutsche Krokodil kein deprimierendes Buch, Mangold blickt gerne auf seine Kindheit und Jugend in der beschaulichen schwäbischen Kleinstadt zurück, er lässt sich auf eine Begegnung mit dem lange abwesenden Vater ein und bemüht sich um Kontakte zum nigerianischen Teil seiner Familie.
In einem Radio-Interview mit SRF Kultur vom Februar diesen Jahres sagt er, dass bestimmte Verhaltensweisen von ihm eine Reaktion auf sein Aussehen sind: „Ich sehe nicht aus wie ein Deutscher, aber lasst mich nur einen Satz sagen, dann werdet ihr keinen Zweifel mehr an meinem Pass haben.“

Waltraud / Stadtbibliothek Am Gasteig

Und noch ein Tipp!

Was sich unbedingt lohnt: Ein Überblick der Böll-Stiftung über afrikanische Diaspora und Literatur Schwarzer Frauen in Deutschland: https://heimatkunde.boell.de/de/2009/02/18/afrikanische-diaspora-und-literatur-schwarzer-frauen-deutschland

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