Wie klaust Du die Geldkatze der Bardame?

Pen & Paper in der Bibliothek: Ein Werkstattbericht

Von Melanie Ratjen

Der erste Termin: 25. Januar 2019

[Wer nicht weiß, was Pen & Paper ist, bitte weiter unten lesen, dort ist eine Erklärung.]

Die Werbung war verteilt, die Veranstaltung geplant und der Abend vorbereitet. Für alle Fälle – sollten wirklich mehr als 10-20 Leute kommen – habe ich zwei Freunde gebeten, mir als Spielleiter für den Abend auszuhelfen.

Und dann … habt ihr mich überrannt, überwältigt und sprachlos gemacht. Es kamen mehr und mehr TeilnehmerInnen, die Stimmung in der ganzen Bibliothek knisterte vor Vorfreude. Und ich … wurde sehr, sehr leise, glücklich, aufgeregt, ÜBERWÄLTIGT und wusste nicht, was hier passiert. Euphorie und Angst mischten sich.

Ich habe die Gruppen aufgeteilt und festgestellt: Wir waren nicht 10, 20 oder 30, sondern fast 50! Normalerweise ist das Verhältnis 1 SpielleiterIn mit 3-5 SpielerInnen. Wir haben also unsere ganze Bibliothek umgestalten müssen. Wer das Westend kennt, weiß: Wir haben viele Nischen …

Mit meiner Runde von ganzen 25 SpielerInnen und und einer Spielleiterin, habe ich die größte Runde überhaupt geleitet. Es war Chaos, es war lustig, es war anstrengend und es war episch.

Nach ein paar Wochen haben sich schon viele auf das nächste Mal gefreut, ich habe so viele Dankesworte für die Veranstaltung erhalten. Dieses Gefühl, die Dankbarkeit der SpielerInnen motiviert mich jedes Mal aufs Neue, nicht nur Arbeitszeit, sondern auch meine Freizeit und mein Herzblut in dieses Projekt zu stecken.

Was die TeilnehmerInnen sagen

Als allererstes mal Danke für die coole Idee eine Pen and Paper Runde im Westend aufzubauen!

Morgen werde ich dann kommen und freue mich schon –
Das darf man schließlich nicht verpassen!

Danke, dass ihr euch immer so reinkniet und sogar so schnell antwortet!
Ihr seid echt super! Ich kann mir ein PnP in jeder erdenklichen Welt vorstellen, aber kein so tolles PnP ohne eure astreine Organisation!

Lange schon hatte ich nicht mehr so viel Spaß und meine Nervosität war wie weggeblasen. Seitdem bin ich fest entschlossen an jedem Treffen das ich kann teilzunehmen. (…) Zum Schluss möchte ich nochmal allen Spielleitern und Helfern loben, insbesondere Mel, selten habe ich so freundliche, offene und charismatische Menschen getroffen. Ich hoffe weiterhin mit ihnen Abenteuer bestehen zu können.

Vielen Dank für das Spektakel gestern. Unglaublich deine Phantasie und Leistung. Es hat Spaß gemacht – nicht nur meinem Mann und Sohn, sondern auch mir als Zuschauer!

Ich habe die Veranstaltung seither regelmäßig besucht und bin absolut begeistert. Wie sicherlich viele andere Teilnehmer auch bin ich sehr dankbar, dass die Stadtbibliothek Westend hier einen Rahmen für das klassische Rollenspiel schafft. (…)

Durch ihr herausragendes persönliches Engagement und ihr Organisationstalent hat sie dieses Angebot zu einem echten Erfolg gemacht, das von vielen ehemaligen und frisch gebackenen Rollenspielern aus nah und fern offenbar sehr gut angenommen wird. Vielen Dank also, dass Sie dem Rollenspiel ein Zuhause geben! Ich kann nur sagen (und hoffen): Weiter so!

Und ganz davon abgesehen, wurde ich durch Pen & Paper auf die zahlreichen anderen Veranstaltungen Ihrer Bibliothek aufmerksam und werde diese in Zukunft sicherlich auch besuchen.

Chips sind üblicherweise nicht gern gesehen in der Bibliothek. Aber auch wir machen Ausnahmen …

Und danach?

Seitdem spielen wir jeden Monat in der Münchner Stadtbibliothek im Westend. Jeden Monat haben wir bis zu fast 70 Spielerinnen und Spieler zeitgleich im Haus. Viele davon sind Wiederholungstäter und viele von ihnen sind neu mit dabei.

Privat haben sich die SpielerInnen über einen Messengerdienst vernetzt und sprechen sich ab, wer noch ein paar Chips für den Abend mitbringt. (Hier bin ich immer wieder „leicht“ überrascht, wenn Getränkekästen, haufenweise Chips, Knabberkram oder sogar Torte auftauchen.)

Einige SpielerInnen haben mir ihre Hilfe als Spielleitung angeboten, unter anderem mein Kollege Lukas Wähler, und leiten nun gemeinsam mit mir die Spielrunden. Und hier müssen wir auch die ganze Bibliothek umbauen, denn die Gruppen sollen sich ja nicht untereinander stören.

Immer ab 18 Uhr wandelt sich das Gesicht der Bibliothek und die Stimmung zu einer ganz besonderen Atmosphäre. Auch die freiwilligen SpielleiterInnen stemmen dieses Projekt mit. Denn allein könnte ich niemals so viele SpielerInnen von Pen & Paper begeistern oder diese besondere Veranstaltung beibehalten.

An dieser Stelle: Danke, dass ihr so episch seid!

Was ist eigentlich Pen & Paper?

Pen & Paper sind Spiele, bei denen die Mitwirkenden fiktive Rollen einnehmen und gemeinsam durch Erzählen ein Abenteuer erleben. Jedes Spiel basiert dabei auf einem Regelwerk. Mitspielende erstellen eigene Charaktere und beschreiben, wie diese in den unterschiedlichsten Situationen handeln. In einer von der Spielleitung geschaffenen epischen Welt entsteht so – mit etwas Würfelglück und Humor – eine einzigartige Geschichte.

Also was soll das? Anstelle sich immer berieseln zu lassen, drehen wir den Spieß einfach um. Wir gestalten selbst, was passiert und üben ganz nebenbei Kreativität und Schlagfertigkeit.

War das Ende vom Buch oder Film enttäuschend? Hättest Du in der Situation anders reagiert als der Protagonist? In Pen & Paper geht das!

Beschreibt der Spielleiter zum Beispiel, dass du (also dein Charakter) in der Klemme steckt, entscheidest du selbst, was dein Charakter macht. Löst er das Problem mit Worten, mit den Fäusten, versteckt er sich, rennt er weg oder passiert etwas ganz unerwartetes?

In unseren Runden spielen wir fast nur das Regelwerk „Dungeon World“ vom Verlag System Matters. Neben einigen Vereinfachungen der Regeln, habe ich mich auch für eine deutlich einfachere und schnellere Charaktererstellung entschieden.

Ein Blick in die Münchner Stadtbibliothek im Westend – nach der Öffnungszeit …

Warum in einer Bibliothek?

Gegenfrage: Warum nicht?

Wir haben den Platz, bei uns ist es gemütlich und wir sind ein Ort der Begegnung. Wir sind immer öfter mit der digitalen Welt – ob freiwillig oder unfreiwillig – konfrontiert. Ich weiß, die Bibliothek ist im digitalen Zeitalter angekommen. Schließlich haben wir kostenfreies W-LAN, Nutzer-PCs, allerlei digitale Portale für eBooks, eAudios, digitale Zeitungen und Zeitschriften, Konsolenspiele, diverse Angebote zur Hilfestellung bei der Nutzung der digitalen Welt (Programmreihe ENTER!) und noch so viel mehr.

Ich finde, wir sind aber auch der perfekte Ort für den Kontrast. Weg vom Bildschirm, weg vom Handy. Wir setzen uns an einen Tisch und spielen zusammen Pen & Paper. Schauen uns dabei ins Gesicht, reagieren aufeinander und weben gemeinsam unvergessliche Geschichten, wie sie uns gefallen.

Das Ziel ist also weniger, Wissen zu vermitteln, sondern der Kern der Veranstaltungen ist #meinOrt: die Bibliothek als Ort zum Verweilen, als Ort der Begegnung und des Miteinanders.

Noch eine Bemerkung am Rande: Normalerweise wird in allen Münchner Stadtbibliotheken der Bibliotheksnutzer/die Bibliotheksnutzerin gesiezt. Aber für mich, während der Pen & Paper Veranstaltung, macht es keinen Sinn. Wir haben zum Beispiel den Halbling namens Halbeportion und dieser ist Schurke. Für mich wäre es nicht authentisch oder immersiv, wenn ich ihn frage:„Also Halbeportion, wie genau wollen Sie die Geldkatze von der Bardame entwenden?“. Deswegen führe ich an diesen Abenden das duzen ein, stelle mich als „Mel“ vor und trage mein abgeändertes Namensschild, auf dem steht „Spielleiter Mel“. Das duzen störte bisher niemanden und hat erst recht nichts mit mangelnder Wertschätzung des Gegenübers zu tun – ganz im Gegenteil!

Es klingt ja auch wesentlich glaubwürdiger, wenn ich frage „Also Halbeportion, wie klaust du die Geldkatze der Bardame?“.

Geldkatze klauen oder nicht – das ist hier die Frage.

Warum macht ihr das und wer ist diese Mel?

Nur mit viel Herzblut und auch mit viel Durchhaltevermögen ist das alles nur umsetzbar. Und auch einiges an Freizeit.

Das erste Mal habe ich 2017 eine einzige Runde Pen & Paper mitgespielt, und es hat mich sofort gefesselt. Es war das Regelwerk „Travellers“, das in meiner Erinnerung sehr komplex war – das Ausrüsten meines Charakters war für mich der Horror.

Nach dieser Runde habe ich keinen Spielleiter und keine Gruppe gefunden und immer nur gehofft, das würde sich ändern. Einige Zeit später habe ich einen Twitch Kanal entdeckt, der Pen & Paper spielt. Dort lernte ich „Dungeon World“ kennen und dachte mir, dass die Regeln einfach sind.

Also habe ich das Regelwerk bestellt und meine Freunde bestanden darauf, direkt am Samstag loszuspielen. Ich möchte hier dringend anmerken: Das Regelwerk wurde Donnerstag geliefert. Aber wie sie meinen „Du schaffst das schon!“. Also einfach mal nach der Arbeit lesen, ein bisschen notieren und Samstag dann Charaktererstellung und losgespielt. Ob ich vorbereitet war? Nicht so richtig. Aber es hat gereicht und den Fokus auf das Rollenspiel und die Geschichte gelenkt. Etwas Besseres hätte mir nicht passieren können.

Vermutlich läuft diese Veranstaltung so gut, da nicht nur mein eigenes Herzblut hinein fließt, sondern von jedem einzelnen Abenteurer und jeder einzelnen Abenteurerin. Außerdem wäre es ohne die Hilfe vom Team im Westend, die den Bibliotheksalltag weiter aufrechterhalten und mir und uns den Rücken freihalten, nicht möglich!

Willst du mitspielen?

Wie kann ich mitmachen und was muss ich wissen?

Du musst einfach nur vorbeikommen. Wir haben alles an Spielmaterialien da und erklären alles, was es für das Spiel zu wissen gibt. Es ist extra so gedacht, dass jeder teilnehmen kann, da wir in der Bibliothek für jeden da sind. Die Neulinge können durch leichte Regeln schnell mitspielen und die Veteranen können auf ihre Kreativität setzen.

Die nächsten Termine

11. Oktober, Start 18.30 Uhr
15. November, Start 18.30 Uhr
13. Dezember, Start 18.30 Uhr
17. Januar, Start 18.30 Uhr

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Redaktion

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