Von Müttern und Vätern

Doris hoch 5: Lieblingsbücher im Juni

Regelmäßig stellt euch unsere Belletristik-Referentin Doris eine Auswahl ihrer Lieblingsbücher vor: bemerkenswerte Romane, jenseits von Bestsellerlisten und Amazon-Fünf-Sterne-Bewertung, die das Lesen lohnen, weil sie neue Perspektiven eröffnen, unerhörte Geschichten erzählen, Ausnahmen auf dem Buchmarkt darstellen. Für mehr Bibliodiversität und Vielfalt im Regal!

Suhrkamp, 376 S.. aus dem amerikanischen Englisch von Werner Löcher-Lawrence

Alexi Zentner: Eine Farbe zwischen Liebe und Hass

Seine Familie glaubt an die Überlegenheit der weißen Rasse, und damit scheint für den jungen Jessup alles entschieden. Doch nach der Rückkehr seines Stiefvaters aus dem Knast und einem tragischen Unfall muss er endlich selbst Antworten finden auf die Fragen: Was glauben, wem folgen, wen lieben? Alexi Zentner wuchs in Upstate New York auf. Als er achtzehn war, verübten Neonazis einen Brandanschlag auf sein Zuhause – die Eltern waren politisch aktiv. Sein Roman gibt eine literarische Antwort auf die Ereignisse von damals. „Was der Fanatismus in Amerika bewirkt – in diesem Buch steht es.“ (The New York Times)


Helmer, 360 S., aus dem Chinesischen von Martina Hasse

Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils

Taiwan in den 1980er-Jahren: Die Studentin Lazi liebt Frauen – und wehrt sich dagegen. Es ist schließlich verboten, Sünde, „verdorbene Nahrung“. Da taucht eines Tages ein Krokodil in Menschenkleidern auf, das gern Pelze streichelt und am liebsten Windbeutel frisst. Und es gibt immer mehr Krokodile! Der Roman avancierte im asiatischen und amerikanischen Raum der Overseas Chinese Community zum Kultbuch. Der Spitzname Lazi steht dort heute für „Lesbe“, das Krokodil gilt als Symbol für Transgender. Qiu Miaojin studierte in Taipeh und Paris, daneben schrieb sie und filmte. 1995 beging sie mit nur 26 Jahren Selbstmord. Durch ihre posthum veröffentlichten Romane avancierte sie zur LGBTI-Ikone. „Ein opulentes Meisterwerk, das Seinsfragen aufwirft“ (New York Times)


Frankfurter Verlagsanstalt, 192 S., aus dem Französischen von Joachim Unseld. Auch in der französischen Originalausgabe.

Jean-Philippe Toussaint: Der USB-Stick

Der Plot über internationale Cyberkriminalität erzeugt große Spannung, und doch lesen wir einen Roman von Jean-Philippe Toussaint. Sein unverwechselbarer ernster wie ironisch-humorvoller Ton bannt den Leser und öffnet zugleich romaneskere Bahnen, die in die Vergangenheit, zur Familie, zu den Kindern des Protagonisten führen, der allem und jedem misstraut und sich doch ins Zentrum der Gefahr wagt. Der Autor, geboren 1957, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Regisseur und Fotograf. „Es gibt erstaunlich wenige Romane, die für die technologischen und damit verbundenen psychosozialen Umbrüche der Gegenwart eine Form finden – „Der USB-Stick“ ist einer.“ (Niklas Maak, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung)


Luchterhand Literaturverlag, 416 S., aus dem Englischen von Werner Löcher-Lawrence. Auch als eBook

Anuradha Roy: Der Garten meiner Mutter

Indien in den dreißiger Jahren: Ein großes zeitgeschichtliches Panorama und die ergreifende Geschichte einer ungewöhnlichen Frau, die für ihre Kunst und Freiheit lebt. Anuradha Roy hat mehrere Romane verfasst und lebt in Ranikhet, einer Stadt im indischen Himalaya. Ihr Roman „Der Garten meiner Mutter“ kam auf die Shortlist des JCB Fiction Prize 2018, des Hindu Literary Prize 2019, wurde nominiert für den Walter Scott Prize for Historical Fiction 2018 und gewann den Tata Book of the Year Award for Fiction 2018. „ … Roy erzählt vielschichtig und einfühlsam von den Träumen und Sehnsüchten nach einem anderen, möglichen Leben, die sich – im Roman und in der Wirklichkeit – aber nur selten erfüllen. (Jan Ehlert, ndr kultur)


Aufbau-Verlag, 256 S., aus dem Italienischen von Esther Hansen

Nadia Terranova: Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand

Als Ida den Anruf erhält, sie soll nach Hause kommen, lebt sie schon seit über zwanzig Jahren nicht mehr in ihrer Heimatstadt Messina. Sie muss ihrer Mutter helfen, die Wohnung ihrer Kindheit aufzulösen – der Ort, den ihr Vater eines Morgens verließ, um nie mehr wiederzukehren. Nadia Terranova, 1978 in Messina geboren, lebt in Rom. Sie ist Autorin mehrerer Kinder- und Jugendbücher und schreibt als Journalistin unter anderem für „Repubblica“. Ihr Roman „Der Morgen, an dem mein Vater aufstand und verschwand“ wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und ist für den Premio Strega, den wichtigsten italienischen Literaturpreis nominiert. „Ein Meisterwerk – Nadia Terranova beschreibt eine universell weibliche Erfahrung.“ (L’Espresso)

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