Servus Lissi!

Im Frühjahr 2015 – ich hatte meine Stelle als Redakteurin der Münchner Stadtbibliothek gerade angetreten – führte ich ein Interview mit Dr. Elisabeth Tworek, der Leiterin der Monacensia. Es dauerte deutlich länger als die veranschlagte Stunde, weil es eben kein Frage-Antwort-Spiel wurde, sondern ein Gespräch, das diesen Namen auch verdient, da es von gegenseitigem Zuhören und Interesse geprägt war.

Ziemlich genau drei Jahre und eine fulminante Monacensia-Eröffnung später dann die Überraschung: Elisabeth Tworek verlässt die Münchner Stadtbibliothek, um zum Bezirk Oberbayern zu wechseln. Dass wir sie vermissen werden, ist kein Geheimnis: Bibliotheken sind zunächst nur Orte, und zu guten Orten werden sie erst durch die Menschen, die dort sind und arbeiten, und Elisabeth Tworek ist solch ein Mensch, der einen Ort zu einem guten und wichtigen Ort machen kann. Oder, wie sie selbst im Interview sagte: „Die Monacensia, also ich …“ 😉

Eine gekürzte Version des Interviews erschien im Jahresbericht 2014 der Münchner Stadtbibliothek – und erscheint nun hier im Blog: als Dankeschön und Aufwiedersehen, als Erinnerung an eine aufregende Zeit und Porträt einer hellwachen Frau.


Das Rundum-Wohlfühl-Konzept

Ein Gespräch mit Dr. Elisabeth Tworek über Interimsquartiere, Künstlervillen und Wirtshäuser
(Frühjahr 2015)

Seit März 2013 ist das Hildebrandhaus geschlossen. Sie sind mit Ihrem Team in die Watzmannstraße gezogen. Giesing statt Bogenhausen …

Ich find’s wunderbar! Es ist eine echte Bereicherung, noch einmal in einem völlig anderen Stadtteil zu arbeiten. Wir sind umgeben von vielen Schriftstellerinnen und Schriftstellern, ums Eck wohnt der SAID, auch den Friedrich Ani sieht man bisweilen, es ist ein richtiger literarischer Ort. Außerdem arbeiten hier viele junge Leute, es entsteht viel Neues. Es ist einfach ein kreativer und lebendiger Ort, mit Menschen unterschiedlichster Herkunft und Kultur, ein sehr, sehr bunter Platz. Bogenhausen dagegen ist ruhig und gediegen. Dass eine Künstlervilla, die 100 Jahre alt ist, eher in Bogenhausen liegt, verwundert nicht – und wir freuen uns darauf, wenn wir in unsere wunderbare Villa zurückdürfen! Aber die drei Jahre in Giesing waren wirklich eine tolle Erfahrung.

Ein Blick in die Dauerausstellung, entstanden im November 2016, kurz vor der Wiedereröffnung der generalsanierten Monacensia im Hildebrandhaus. (Foto: Eva Jünger/Münchner Stadtbibliothek)

Im Jahr 2014 mussten Sie ohne die Hildebrandvilla auskommen. Ihr Programm wurde jedoch nicht schmäler, sondern vielfältiger und umfangreicher.

Ich wollte diese Zeit nutzen, um mit vielen Veranstaltern in der Stadt Kooperationen einzugehen, das war das ganz bewusste Konzept. Wir haben uns also über die ganze Stadt verteilt – ein Riesenerfolg! Wir gastierten mit der Reihe »grad raus« in Wirtshäusern, unter dem Titel »Ortstermin Schwabing« in Künstlerräumen in der Nähe der Kunstakademie, dann im Hollerhaus in Irschenhausen. Die Idee dahinter war stets, dass die Literatur dahin zurückkehrt, wo sie entstanden ist. Den Abschluss bildete eine Ausstellung über Jüdisches Leben am Tegernsee im Jüdischen Museum. Dort konnten wir unsere Schätze aus dem Tegernseer Tal zeigen, die wir in dieser Dichte noch nie präsentiert hatten: Max Mohr, Grete Weil, die neu inventarisierten Bestände aus dem Ludwig-Thoma-Haus und natürlich die Familie Mann … Wir wollten Orte bespielen, die nicht eh schon jeder kennt. Bei »grad raus« zum Beispiel Wirtshäuser, die bisher kein literarisches und musikalisches Programm gemacht haben. Wir wollten dezentral sein, in die Vorstädte gehen, wir waren in der Au, in Haidhausen, also eigentlich in der ganzen Stadt verteilt. Das war eine sehr gute Erfahrung: dass man den Raum aufmacht, die Musikgruppen spielen und – gute Musiker schreiben ihre Texte ja selbst – lesen lässt. Wir hoffen, dass wir damit Schwellenängste abbauen konnten, dass niemand Angst hat vor der Künstlervilla, sondern dass unsere Botschaft – wir gehen in Gasthäuser genauso gern wie in Künstlervillen – angekommen ist.

Nun rückt der Wiedereinzug näher – was können Sie uns über die neue Monacensia verraten?

Am Eröffnungsprogramm wird bereits gefeilt, wir wollen damit eine sehr breite Bevölkerungsschicht ansprechen, da die Monacensia im Hildebrandhaus ein Haus für alle sein soll. Diese Öffnung wird auch architektonisch vermittelt, das Haus hat mehrere Zugänge, in dem kleinen Café kann man auf der Terrasse die Abendsonne genießen: ein Rundum-Wohlfühl-Konzept! Haus und Nutzung bilden nun endlich eine homogene Einheit. Bei der ersten Restaurierung in den 1960er Jahren (?) dachte man die spätere Nutzung nicht mit. Jetzt dagegen sind wir wieder näher am Originalzustand des Hauses bei gleichzeitiger zeitgemäßer technischer Ausstattung. Der Ort als ehemaliges Künstleratelier ist wieder viel besser erlebbar. Die Räume bekommen eine eigene ästhetische Qualität, sind nicht mehr nur Depot, und gleichzeitig wird die Nutzung als Bibliothek, Archiv und Ausstellungs- wie Veranstaltungsort optimiert, weil die elegante Architektur hohe ästhetische Ansprüche an Inhalte stellt.

Was erwartet die Besucher in der neuen Monacensia?

Zwei Dauerausstellungen, die eine heißt »Literarisches München zur Zeit von Thomas Mann«, sie schlägt den Bogen von der Bohème zum Exil und macht deutlich, dass die wenigen Schriftsteller, die schon in der Boheme sehr ungewöhnliche Wege gegangen sind, auch in der Nazizeit nicht gelitten waren; dass die Weimarer Republik eine lebendige Zeit war, dass sich aber gleichzeitig die Nazis breit machten und den Schriftstellern, die kritisch waren, den richtigen Stoff geliefert haben, um diese Zeit richtig zu beurteilen. Für eine gute Literatur und für eine Literatur, mit der wir noch bis zum heutigen Tag etwas anfangen können. Die zweite Dauerausstellung ist die Hausgeschichte, sie heißt: »Das Hildebrandhaus. Biografie einer Künstlervilla«. Die Hausgeschichte bildet die furchtbare Geschichte Münchens mit ab, von einer Stadt, die von der Kunst und der Literatur lebt, hin zum Hort der Reaktion und zur Hauptstadt der Bewegung – und wie lange es gedauert hat, bis die NS-Zeit überwunden war, auch im Haus.

Dr. Elisabeth Tworek (mit Kulturreferent Hans-Georg Küppers, Mitte, und Bibliotheksdirektor Dr. Arne Ackermann, außen) während der Presskonferenz zur Eröffnung der sanierten Monacensia im Hildebrandhaus am 1. Dezember 2016. (Foto: Eva Jünger/Münchner Stadtbibliothek)

Nun gibt es noch eine weitere große Neuerung: Die Monacensia wird nicht mehr nur Präsenzbibliothek sein. Das ist für Sie ja eher ungewohnt.

Ganz ungewohnt, ja, das wird ein Riesenschritt! In den Bibliotheken im ersten Stock – es sind zwei: eine Familie-Mann-Bibliothek und eine München-Bibliothek – steht die Aufenthaltsqualität im Mittelpunkt, das heißt: Wir werden nicht mehr die ganzen Bestände zeigen, die Bestände sind im Depot, können aber innerhalb einer halben Stunde vorgelegt werden. Und dafür erhöht sich die Aufenthaltsqualität in den Räumen. Ich denke, dass eine reine Präsenzbibliothek nicht mehr zeitgemäß ist. Viele werden die Bücher auch begeistert auf der Terrasse lesen, es gibt zudem das große Forum Atelier, das ist das frühere Ausfertigungsatelier von Adolf von Hildebrand, das den Bibliotheksnutzern ebenfalls zur Verfügung steht. Ich finde, der Charme der neuen Monacensia ist, dass sich Museum, Bibliothek, Literaturarchiv und Aufenthaltsqualität wirklich zu einem runden Ganzen ergänzen. Das war inhaltlich schon immer so, aber jetzt verleiht diese wunderschöne Künstlervilla dem einen sehr, sehr schönen Rahmen.

Die Monacensia im Hildebrandhaus wurde am 8. Dezember 2016 feierlich eröffnet. Das Foto von Elisabeth Tworek mit dem Blumenstrauß entstand an diesem Abend (Foto: Michael Nagy/LHM). Alle Infos über die Monacensia finden sich auf unserer Website.

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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

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