Acht Gründe, warum Bibliotheken so beliebt sind

Im vergangenen Jahr konnte die Münchner Stadtbibliothek einen historischen Rekord verbuchen: über fünf Millionen Besuche! Doch nicht nur bei uns steigen die NutzerInnen-Zahlen: Im Juni veröffentlichte das US-amerikanische Pew Research Center eine Studie, die besagt, dass Bibliotheken sich gerade bei den Millennials (also der um die Jahrtausendwende geborenen Generation) größter Beliebtheit erfreut. Warum das so ist? Wir haben da ein paar Vermutungen … Ihr kennt noch andere Gründe? Dann ab damit in die Kommentare – wir freuen uns über alle Anmerkungen und Ergänzungen!

1. In der Bibliothek sind alle gleich

Grundgesetz, Artikel 5
(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. […]

Arm oder reich, Mittelschule oder Gymnasium, deutscher Pass oder nicht, Mann oder Frau: Gesellschaften sortieren ihre Mitglieder gerne nach Herkunft, Milieu, Geschlecht, Bildungsstand etc. Bibliotheken tun das nicht. Niemand muss sich beim Betreten einer Bibliothek ausweisen, anmelden oder erklären. Jeder kann kommen, da sein und die Angebote – Medien wie Dienstleistungen – vor Ort nutzen, und zwar völlig kostenfrei. Die Begriffe “niedrigschwellig”, “inklusiv” und “vielfältig” stellen für Bibliotheken keine hohlen Phrasen, sondern ihr gesellschaftliches Leitbild dar.

Where else can you go that offers all this for free? Whether you’re in a three-piece suit or a three-day beard, you can go into a library and be welcomed. (Jareen Imam, “Libraries are dying? Think again”, CNN)

 

2. Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein.

Der Satz stammt, ihr wisst es vermutlich, aus Goethes “Faust”: Nach allerlei Jammern (“Da steh’ ich nun, ich armer Thor! Und bin so klug als wie zuvor”) wagt sich Faust im berühmt gewordenen Osterspaziergang hinaus in die Welt. Der Anblick der vielen verschiedenen Menschen, die unbelastet von Arbeit, Alltag und Religion dem Dasein frönen, bewegt ihn zu dem berühmt gewordenen Ausruf.

Freilich nicht in denselben Worten, aber doch sinngemäß kennen wir diesen Satz auch von unseren Nutzerinnen und Nutzer: Bibliotheken bieten Menschen Raum, denen es zuhause an Platz, Konzentration (“eigentlich müsste/könnte ich noch die Küche aufräumen…”) oder der nötigen Ruhe zum Recherchieren, Lesen und Lernen mangelt. Bibliotheken gewährleisten die Privatsphäre des/der Einzelnen und sind dennoch öffentlicher Raum: Man kann zugleich für sich und mit anderen zusammen sein (siehe zum Begriff der Kopräsenz auch “Freie Räume, neue Gemeinschaften” hier im Blog). Bibliotheken kennen keine dummen Fragen, keine falschen Themen und keinen verkehrten Look. Und vor allem interessieren sie sich nicht die Bohne für den Geldbeutel ihrer Nutzerinnen und Nutzer: Bibliotheken waren “dritte Orte”, lange bevor dieses Schlagwort in aller Munde war. Sie sind kommerzfreie Räume von oben bis unten, da gibt es keine Werbung, niemandem will einem etwas verkaufen. In Bibliotheken werden Menschen nicht als KonsumentInnen, sondern einzig und allein als Bürgerinnen und Bürger wahr- und ernst genommen.

Libraries are the only sheltered public spaces where you are not a consumer, but a citizen, instead. (Caitlin Moran, “Libraries: Cathedrals of our Souls”, Huffington Post)

 

3. Mittendrin statt nur dabei

Eine direkte Folge der Offenheit von Bibliotheken ist die gesellschaftliche Vielfalt, die man dort vorfindet. Junge und ältere Menschen, Arme und Reiche, Frauen und Männer, Christen, Muslime und Juden: Sie eint ihre private Anwesenheit an einem öffentlichen Ort, den sie aus freien Stücken und auf eigene Initiative aufgesucht haben, an dem sie ihren individuellen Interessen nachgehen können und wo sie nicht selten Gleichgesinnte treffen. So bilden sich Gemeinschaften, deren Grundlage nicht Herkunft, Hautfarbe oder Milieu darstellen, sondern kulturelle Praktiken wie Lernen und Spielen, Lesen und Recherchieren.

Da es die Aufgabe von Bibliotheken ist, den Bedürfnissen möglichst aller Nutzerinnen und Nutzer gerecht zu werden, bilden sie nicht nur die soziale Realität einer Stadt oder einer Gemeinde gleichsam idealtypisch ab, sondern denken sie zudem mehr und mehr darüber nach, wie sie die aktive Teilhabe der Bevölkerung weiter verbessern können. Auch das merken alle Nutzerinnen und Nutzer meist recht schnell: dass Bibliotheken nicht für die Bücher, sondern für die Menschen da sind.

They help bridge the digital divide, invest in early literacy and lifelong learning, increase language skills and serve as civic hubs. (Matt A.V. Chaban, “Libraries Can Be More Than Just Books”, New York Times)

I think it’s simply that we are asking the community what they want from their library, and we are listening. (Liz Dwyer, “How Libraries Won Over The Heart Of Millennials”, Good Education)

 

4. Bibliotheken sind awesome!

Bibliotheken machen Dich glücklicher, entspannter, sexy, sozialer und technikaffiner. Bibliotheken sehen wahnsinnig gut aus und brechen Weltrekorde. In Bibliotheken arbeiten SuperheldInnen, berühmte Menschen, Tattoo-Nerds, Hippster, Comiczeichner und noch allerhand andere gewitzte Typen. Und nicht zu vergessen:

Think about it: they employ people whose whole job is to make sure you not only can find what you’re looking for, but to help you sort through what you find. How awesome is that? Pretty darn awesome. (Emma Cueto, “Libraries Are Surprisingly Popular, and Oh Yeah, They Also Make You Awesome”, Bustle)

5. Am Puls der Zeit

Die Zeiten, in denen Bibliotheken nur gedruckte Bücher verliehen haben, sind längst vorbei. Jedes neue Medium, das auf den Markt kommt, findet sich schnell auch im Angebot einer Bibliothek. Das war bei CDs und DVDs so und gilt aktuell auch für Blurays; der Bestand an Musik, Filmen und Serien einer Großstadtbibliothek kann üblicherweise locker mit kommerziellen Angeboten konkurrieren. Auch Zeitschriften und Spiele (analoge wie digitale) findet man selbstverständlich in den Regalen. Und natürlich eBooks, keine Frage: Wir verleihen beispielsweise bereits seit 2007 digitale Bücher und Zeitschriften, im vergangenen Jahr haben wir den Bestand an englischsprachigen eBooks noch einmal deutlich erweitert; nicht zu vergessen unsere Expertise in Sachen Datenbanken und Recherchequellen (Infoflyer “Digitale Angebote”). Manche Bibliotheken gehen noch weiter, indem sie Geräte oder Werkzeuge verleihen – bei uns zum Beispiel kann man Orff-Instrumente ausleihen.

Hinzu kommen die Services vor Ort: In Bibliotheken gibt es kostenloses, freies W-LAN und ausreichend Arbeits- sowie Leseplätze und preiswerten Kaffee. Das Veranstaltungsprogramm ist üblicherweise reichhaltig und vielfältig, so dass für jede und jeden etwas dabei ist, und die Teilnahme ist meistens kostenlos. Angefangen von Vorlesen, Bilderbuchkinos und Sprachspielen für Kinder über multimediale Workshops und digitale Aktionswochen für Jugendliche bis hin zu zweisprachigen Lesungen, Filmvorführungen in Originalsprachen und Ausstellungen sowie digitalen Sprechstunden für digital immigrants und Sprachcafés für Deutschlernende.

I worry that here in the 21st century people misunderstand what libraries are and the purpose of them. If you perceive a library as a shelf of books, it may seem antiquated or outdated in a world in which most, but not all, books in print exist digitally. But that is to miss the point fundamentally. (Neil Gaiman, “Why our future depends on libraries, reading and daydreaming”, The Guardian)

 

6. Sharing Is Caring

Als die Medien die Sharing-Kultur als neuesten Trend entdeckten, trauten viele Bibliotheken ihren Ohren nicht: Äh, das machen wir doch schon seit Jahrhunderten … ?!? Wegen Anbietern wie Uber und Airbnb hat der Ruf von Sharing mittlerweile deutlich gelitten; der Verdacht, dass ein paar wenige sich auf Kosten der Community eine goldene Nase verdienen, ist nicht von der Hand zu weisen.

Dem stellen sich Bibliotheken entgegen, indem sie das Teilen und das gemeinschaftliche Nutzen von Kultur(-gütern) weiterhin als Grundlage ihrer Arbeit wie als gesellschaftliche Notwendigkeit betrachten. Leihen ist nicht nur billiger, sondern auch nachhaltiger als kaufen – das freut nicht nur preis-, sondern auch umweltbewusste Menschen. Zugriff auf mehrere Millionen Bücher, Filme, Games, CDs etc. für 20 Euro im Jahr – wo gibt’s denn sowas? Bei uns natürlich 🙂

A library is a place that is a repository of information and gives every citizen equal access to it. (Neil Gaiman, “Why our future depends on libraries, reading and daydreaming”, The Guardian)

 

7. Völlig legale Bewusstseinserweiterung

Die heutige Gesellschaft ist um so vieles flexibler und mobiler als in vergangenen Generationen. Wer macht schon lebenslang denselben Job und wohnt sein Leben lang am selben Ort? Die Notwendigkeit, mit den Entwicklungen Schritt zu halten, aber auch die ureigene Neugier und Lust auf Unbekanntes, Unerhörtes und Horizonterweiterndes bedienen Bibliotheken auf hervorragende Weise – vom Do-It-Yourself-Handbuch bis zum E-Learning-Kurs. Bibliotheken bieten Unterstützung und Inspiration für alle Lebens- und Herzenslagen. Sie bringen Filterblasen fröhlich zum Platzen, reißen Bretter vorm Kopf herunter und lassen eine Menge frische Luft in verstaubte Schubladen. Immer wieder und immer wieder.

A library in the middle of a community is a cross between an emergency exit, a life raft and a festival. They are cathedrals of the mind; hospitals of the soul; theme parks of the imagination. (Caitlin Moran, “Libraries: Cathedrals of our Souls”, Huffington Post)

 

8. Soziale Verantwortung

Nach den jüngsten Bundestagswahlen ging ein Aufruhr durch die Bevölkerung. Die einen wollten in Parteien eintreten, die anderen mehr spenden, die dritten Unterschriften sammeln. Die Notwendigkeit, soziale Verantwortung zu übernehmen durch ein wie auch immer geartetes Engagement für die bürgerliche Gesellschaft oder auch die lokale Gemeinschaft, scheint wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken. Dass Bibliotheken dafür perfekte Partnerinnen und Plattformen darstellen, versteht sich von selbst, siehe oben: Bibliotheken bieten öffentliche Privatsphäre, sie sind vor Ort und mobil, sie teilen aus und müssen dafür nichts einnehmen, sie sind flexibel und beständig, sie können digital und analog, sie sind inklusiv und offensiv. Sie kennen viele Geschichten und verschaffen allen Gehör.

Featured Image: Tim Marshall / Unsplash
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Katrin

Als Kind wollte ich Bibliothekarin oder Journalistin werden - nach dem Literatur-Studium entschied ich mich zunächst für Letzteres. Um dann doch wieder in einer Bibliothek zu landen: Seit 2015 bin ich in der Münchner Stadtbibliothek verantwortlich für die digitale Kommunikation (und damit auch für dieses Blog hier). Mein großes literarisches Interesse gilt (zumindest aktuell) der postkolonialen Literatur, vor allem vom afrikanischen Kontinent.

Kommentar zu “Acht Gründe, warum Bibliotheken so beliebt sind

  1. Das Angebot der Online Bibliotheken ist wirklich sehr gut. Außerdem sind aktuelle Bücher und Hörbücher sehr teuer und die meisten Bibliotheken haben eine große Auswahl davon.

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