Macht die Zukunft public!

„Architektur und Politik sind seit jeher voneinander abhängig. Aus Beton, Stahl und Glas entstehen auch heute Chiffren der Herrschaft – und Bühnen des Wahnsinns“, so untertitelt Gerhard Matzig seinen Artikel (€) über Plenarsäle, Hauptquartiere und Kommandozentralen der Macht in der Süddeutschen Zeitung vom 28. Januar 2017. Nun, öffentliche Bibliotheken sind weit davon entfernt als Chiffren der Herrschaft wahrgenommen zu werden. Ein bisschen mehr politische Macht als landläufig angenommen, dürfte man diesen ziemlich fortschrittlichen demokratischen Zentren der Kultur und der Bildung, diesen Buch- und Wissenstempeln aber durchaus zutrauen.

A People’s Palace

Öffentliche Bibliotheken sind öffentlicher Raum, den alle gleichermaßen besitzen und der schon deshalb politisch aufgeladen ist. Selbstverständlich ist es von symbolischer Wirkmacht, wenn eine in der breiten Bevölkerung verankerte Kultur- und Bildungsinstitution im Stadtraum architektonisch als a people‘s palace (Library of Birmingham; Francine Houben, Mecanoo) inszeniert und damit in seiner Pracht etwa einem Museumsneubau gleichgestellt wird, der gemeinhin noch immer das privilegierte Bürgertum repräsentiert und dieses auch in der sublimierten Form der Kulturtourist_innen anzieht.

Man kann kaum umhin, Bibliotheksneubauten wie in Aarhus, Birmingham, Stuttgart, Helsinki, Oslo und wo immer sie gerade noch gebaut werden als ein politisches Bekenntnis für eine inklusive und demokratische Gesellschaft zu verstehen. Grundsätzlich sind öffentliche Bibliotheken von keinerlei kommerziellen Interessen geleitet und dienen als Zentren sozialer Begegnung, als Ort der Integration und des Austauschs, als Bühne und Diskussionsforen für gegenwärtige Debatten, als kreative Labore und Orte für Kontemplation, Wissen, Information und gute Unterhaltung – und zwar für alle Menschen einer Stadt.

Empower Urban Culture

Besonders in Skandinavien werden die Menschen an der inhaltlichen Definition und Verortung neu entstehender Bibliotheken im jeweiligen städtischen Kontext beteiligt. Die Verwaltung kommt dort dem Wunsch einer wachsenden Zahl von Bürgerinnen und Bürgern entgegen, sich konstruktiv einzubringen und etwas in ihrer Stadt zu bewegen. Die Bibliotheken verstehen sich dabei auch nach Abschluss der Bibliotheksplanungsphase als Plattform für individuelle und kollektive Aktivitäten und richten ihr Programm, ihre Services und nicht zuletzt ihre Gebäude und Räumlichkeiten darauf aus. Auf der Bibliothekswebseite beschreibt die Helsinki City Library ihre Absicht wie folgt: „This will form a new way to influence, promote citizen activism, and shape a space that empowers urban culture, all of which will support solutions that focus on creating a more functional society.” Ihre klassischen Betätigungsfelder wie Bestandsaufbau- und pflege, (digitale) Informations- und Medienvermittlung, Sprach- und Leseförderung werden trotz dieser Ausrichtung nicht in Frage gestellt.

Voice of the City Residents

Maija Berndtson – als ehemalige Direktorin eng mit dem Entstehungsprozess der Helsinki City Library verbunden – spricht denn auch von der 2018 zu eröffnenden Bibliothek als „voice of the city residents“. Allein für die Namensfindung wurden im Vorfeld 2.600 Vorschläge aus der Bevölkerung ausgewertet. “The name Oodi [das finnische Wort für Ode] looks back, but it is part of our modern language and well reflects the nature and task of the library […]: Oodi will be a centre for people and reading, a place for democracy and learning, and a gift for the 100-year-old Republic of Finland and for the Finns.”

Ebenfalls online macht die Helsinki City Library den Partizipationsprozess transparent: “There are two sides to interaction with the city residents. On one hand, this is about a new kind of development work: user-oriented innovation and co-creation. On the other hand, there is a desire to improve participatory democracy and the opportunities of the city residents to participate and make a difference, and to open up the decision-making processes. At their best, the city residents bring in not only their voices but also their problem-solving skills as a part of the planning process, or they become messengers of the library. Involving people is human-centred work, with the goal that the functions, services and contents of the Central Library should genuinely emerge from the wishes and needs of the city residents.”

Im dänischen Aarhus ist in den vergangenen 10 Jahren mit einem ähnlichen Impetus das DOKK1 entstanden, das mittlerweile als beste Bibliothek der Welt ausgezeichnet worden ist. Die Bibliothek ist Teil eines enormen Stadtentwicklungsprojektes und beschreibt sich als „einen Ort des Austauschs von Wissen und Möglichkeiten, ein kultureller Treffpunkt, der nicht nur die Wahrnehmung des Europaplatzes und des Hafens verändert, sondern der ganzen Stadt.“

Die Bibliothek zu einem selbstverständlichen Ort der Bürgerbeteiligung auszubauen, hätte in Deutschland eine gute Basis und wäre in der Weiterentwicklung der Bibliotheken in der Stadt und auf dem Land konsequent.

Glücklicher Zufall und gesellschaftlicher Mehrwert

Öffentliche Bibliotheken sind in ihrem Wesen dem städtischen Organismus sehr verwandt. Sie sind Schauplatz des Geschehens und wirken gleichzeitig als Teil der städtischen Infrastruktur und Verwaltung. Wie die Stadt als solche besitzen öffentliche Bibliotheken die Fähigkeit ein Höchstmaß an Vielfalt und Verschiedenartigkeit so zu verdichten, dass gleichzeitig ein gesellschaftlicher und ein individueller Mehrwert entstehen kann.

Auf welchen Ebenen wirkt diese Vielfalt und was macht sie im Bibliotheksbetrieb so komplex? Das Publikum setzt sich aus allen Altersgruppen, allen sozialen Milieus und einem Maximum an kulturellen Zugehörigkeiten oder sprachlichen Communities zusammen. Zum Nutzerkreis gehören Privatpersonen und Bildungsinstitutionen, Vereine und lokale Initiativen. Die Aufenthaltsdauer und -frequenz variiert auf einer Skala von ‘nie vor Ort, weil digital’ über ‘kurz und selten’ bis ‘stundenlang und täglich’. Bibliotheksangebote können analog oder digital sein, sich auf Medien, Wissensvermittlung, Räume oder Veranstaltungen beziehen, Einzelne oder Gruppen ansprechen, von der Bibliothek oder ihrem Publikum konzipiert sein, ein Nischenpublikum anziehen oder auf den breiten Geschmack abzielen. Zusätzlich richten sich Angebote und Kooperationen zudem an den lokalen Gegebenheiten im Stadtteil und – Stichwort: Geflüchtete – an besonderen Lagen in der Stadt allgemein aus. In der Regel bilden Großstadtbibliotheken Netze, die viele einzelne Standorte im gesamten Stadtgebiet versorgen.

Die Verdichtung und die Anerkennung aller Bedürfnisse von Jungen wie Alten geschieht durch beständige Interaktion und eine ausgleichende Atmosphäre, zu der die Neutralität und Inklusivität des Ortes genauso beitragen wie die Gesprächsbereitschaft und Anwesenheit des Bibliothekspersonals. Die öffentlichen Bibliotheken bauen auf der wichtigen Tradition auf, dem Publikum ein Recht auf Mitsprache und persönlicher wie räumlicher Entfaltung zuzugestehen und stellen damit den Bürgerinnen und Bürgern städtische Ressourcen und Dienstleistungen möglichst direkt und kostenlos zur Verfügung.

Die öffentlichen Bibliotheken schaffen die Basis für Chancengleichheit und legen einen Grundstein für sozialen Frieden. Ein gesellschaftlicher Mehrwert, der nicht hoch genug geschätzt werden sollte. Individuellen Mehrwert schöpfen die Einzelnen aus dem Möglichkeitsraum Bibliothek. Er gewährt die subjektive Aneignung von öffentlichem Raum, von Wissen und Kultur. Er garantiert selbstorganisierte Freiräume und glückliche Zufälle, Gemeinschaft und „gesellige Anonymität“.

Zweites Zuhause

Ökonomische Ungleichheiten und flexiblere Lebensformen prägen das Bild der Großstädte zunehmend. Städtische Politik müsse, so der Soziologe Hartmut Häussermann in seinem Aufsatz “Die soziale Dimension unserer Städte – von der ‘Integrationsmaschine’ zu neuen Ungleichheiten” (PDF), sowohl „dem weiteren Abstieg sozial benachteiligter Gruppen entgegenwirken als auch die Interessen der neuen urbanen Kreativmilieus berücksichtigen, deren stadtfixierter Lebensstil in sozialen Netzwerken auch auf häufig wechselnde, unsichere Erwerbslagen und berufliche Ansprüche reagiere“. Tatsächlich entwickeln sich in innerstädtischen Altbauquartieren genauso wie in neuen Wohnquartieren, alternative Lebensstile, die ebenso wie der starke Zuzug mit einer wieder wachsenden Kinderzahl in der Stadt verbunden sind. Gerade für Familien und für Neuankömmlinge werden in den Städten innovative Konzepte benötigt, um sie bei der Bewältigung des herausfordernden Alltags zu unterstützen und ein Gefühl von Zugehörigkeit und Teilhabe zu fördern, ohne den Rest der Bevölkerung zu vernachlässigen.

Besonders interessant wird der Aspekt des individuellen Mehrwerts also, wenn man sich die Lebenssituation in den teuren Großstädten mit hart umgekämpften Immobilienmarkt wie München vergegenwärtigt. Die Bibliothek als dritter Ort und zweites Zuhause wird für Menschen aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus immer attraktiver. Sie genießt ein sehr positives Image, was die folgende Zahl gut verdeutlicht: 2016 zählte die Münchner Stadtbibliothek etwas mehr als 5 % mehr Besuche als zum Vorjahr, konkret historische 5.059.879.

Von Kitas und Schulen werden integrierende Konzepte gefordert, gleichzeitig müssen sie mit ihrer ganzen Infrastruktur große neue Schülerzahlen organisatorisch bewältigen. De facto sind sie auf verlässliche und starke Kooperationspartner angewiesen, um Eltern und Kinder adäquat zu begleiten und ihre gesellschaftliche Aufgabe zu erfüllen. In den Bibliotheken finden sie ein in der Gegenwart verankertes Gegenüber mit hervorragender Infrastruktur, das häufig deutlich flexibler als die traditionellen Bildungseinrichtungen auf die aktuellen Anforderungen reagieren kann. Umgekehrt sind Schulangebote Türöffner, die Kinder die Bibliothek auch in der Freizeit für sich als ihren Ort entdecken lassen.

Beteiligung ist schön. Braucht aber auch viel Platz.

Entsprechend ihrer Stärken als Netzwerk und offenes Beziehungsgeflecht, als ein Feld von Heterogenität und verschiedenen Identitäten ist es für die Zukunft von öffentlichen Bibliotheken wesentlich, von Politik und meinungsbildender Öffentlichkeit nicht vor der Folie überkommener Vorstellungen und Klischees, sondern auf der Basis ihres gegenwärtigen Status und mit ihrem Zukunftspotential gesehen zu werden. Sie sind Transformationsorte, an denen sich, dank der vielfältigen klassischen und nichtklassischen Aktivitäten der Bibliothekar_innen, Gesellschaft entwickelt wie in keinen anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen oder -zentren.

Sie stehen für eine urbane Lebensfülle im Sinne Jan Gehls und oszillieren in der Wechselbeziehung zwischen öffentlicher und privater Sphäre. Sie sind damit anders als die Stadt des 21. Jahrhunderts, der ihre Fähigkeit als „Integrationsmaschine“ immer mehr abgesprochen wird, doch noch irgendwo ein „realutopischer Ort, wo sich Phantasie und Sachverstand treffen“ (Carl Amery) können. Auch in Deutschland brauchen sie dafür aber deutlich mehr Raum, innovative Architektur und die Zeit, um Beteiligungsprozesse in Gang zu bringen.

Von Anke Buettner, Public!-Kuratorin und Leiterin der Programm- und Öffentlichkeitsarbeit der Münchner Stadtbibliothek

Beitrag zur Blogparade Public!, die das gleichnamige Symposium begleitet.

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Anke Buettner

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