#faq, Folge 42

In Pyjama und Pantoffeln in die Bibliothek?

Wer schon mal über einen längeren Zeitraum krank war, kann bestimmt Kafkas Auffassung teilen, dass „jeder Gesunde jedem Kranken gegenüber idiotisch erscheint und sich auch wirklich idiotisch verhält.“ Woran das liegen mag, darüber mögen andere philosophieren.

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Der Bibliothek kommt ins Zimmer. Foto: Eva Jünger

Patient_innen im Krankenhaus müssen sich meist nicht nur mit ihrer Krankheit und den besorgten Angehörigen, sondern zusätzlich auch mit dem Fach-Chinesisch der Ärzte und Ärztinnen, der Klinikhektik und den Bettnachbarn auseinandersetzen. Und in dem ganzen Tohuwabohu kann es dann auch noch passieren, dass jemand mit dem Bücherwagen vorbeikommt und Lesestoff anbietet. Für viele Kranke eine vollkommen verrückte Vorstellung. Wieder andere können ihr Glück aber kaum fassen: neueste Bestseller, aktuelle Zeitschriften, Hörbücher und Filme – und das alles kostenlos? Das lockt sogar manchen Lesemuffel in die Bibliothek, sei es, um nur kurz in ein paar Comics reinzuschauen, sich per Smartphone ins W-LAN einzuloggen oder um einfach mal nicht im Krankenzimmer sein zu müssen. Insgesamt sieben Krankenhausbibliotheken gehören zur Münchner Stadtbibliothek: in den Kliniken Bogenhausen, Harlaching, Neuperlach, Schwabing und in der Thalkirchner Straße sowie im Rechts der Isar und in der Marianne-Strauß-Klinik in Kempfenhausen.

Wir wollen nicht nur eine Ausleihstelle sein, sondern den Erkrankten ein Stück Normalität ermöglichen, indem sie sich bei uns eben nicht mit ihrer Krankheit auseinandersetzen müssen, sondern „ganz normal“ ein wenig Zeit in einer Bibliothek verbringen können (wenn auch wahrscheinlich nur in unseren Bibliotheken Kund_innen in Pyjama und Bademantel auftauchen). Andere Patient_nnen haben das Bedürfnis, sich konstruktiv mit ihrer Erkrankung auseinanderzusetzen und suchen nach Informationen zu ihrem Krankheitsbild und/oder zu alternativen Heilmethoden.

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Blick aus dem Krankenhaus Thalkirchen. Foto: Eva Jünger

Wir sind für beide Gruppen gleichermaßen da und bieten einen entsprechend sorgfältig ausgewählten Bestand an. Besonders freut es uns, wenn Münchner Bürger_innen die Stadtbibliothek wieder entdecken, bei denen wir zwischenzeitlich in Vergessenheit geraten waren. Diese sind oft ganz erstaunt darüber, welche neuen Services heute angeboten werden: eBooks und eJournals zum Beispiel oder Konsolenspiele.

Im Krankenhaus hat man einen guten Querschnitt durch die Bevölkerung. Denn Krankheiten sind meist demokratisch, das heißt sie machen keine Unterschiede nach Herkunft. Da kann es schon mal vorkommen dass ein Scheich neben einem arbeitslosen Familienvater auf derselben Station liegt, oder eine gut betuchte ältere Dame in der Bibliothek mit einer jungen Asylbewerberin ins Gespräch kommt. Genau diese Diversität streben wir als Münchner Stadtbibliothek an.

Schwangere Frauen, die liegen müssen, werden von und mit so vielen Filmen und Hörbüchern versorgt, wie sie nur konsumieren können; Sportler_innen können sich in der erzwungenen Bewegungseinschränkung wenigstens Actionfilme reinziehen oder die nächste waghalsige Reise planen; für die Kleinen gibt es Papp-, Wimmel- und Tiptoi-Bücher und für die ältere Generation viele Bücher in großer Schrift. Auch unheilbar Kranke erwarten von uns kein Mitleid, sondern einfach nur gute Unterhaltung. Sei es durch unsere Medien, Lesungen oder den Festen, die wir mit ihnen feiern.

Das sind unsere drei Säulen: Unterhaltung, Information und Aufenthaltsqualität. Der Kindebuchautor Paul Maar (“Das Sams”) hat den Sinn unserer Einrichtung treffend zusammengefasst:

Ich finde eine Krankenhaus-Bibliothek nicht nur sinnvoll, sondern notwendig. Nicht umsonst gibt es in der Psychologie die Bibliotherapie. Kranke Kinder versetzen sich beim Lesen in die Psyche des Buchhelden, tauchen ein in fremde Welten, beziehen Kraft daraus, empfinden Empathie und werden durch die Lektüre absorbiert und vergessen ihre Ängste in Beziehung auf ihre Krankheit.

Das funktioniert übrigens auch prima bei Eltern und anderen Erwachsenen. Wir hoffen natürlich, dass Sie und ihre Lieben nicht ins Krankenhaus müssen, aber für den Fall dass, können sie sich darauf verlassen: Wir sind da.

Alle Informationen rund um die Krankenhausbibliotheken finden Sie hier.

Beantwortet von Stefanie Klenk, Bibliothekarin bei den Sozialen Bibliotheksdiensten

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