Zafer Şenocak und die 1980er Jahre: München – mein verlorener Schatten | #PopPunkPolitik

1984 war Zafer Şenocak Mitherausgeber des Münchner Fanzines LUXUSLÜGE, schon 1986 orientierte er sich aber nach Berlin. Warum? Für unsere Artikel-Serie* zur Ausstellung #PopPunkPolitik kehrt Zafer Şenocak zurück in sein München Anfang der 1980er Jahre. Der junge angehende Dichter möchte mit Poesie eine Weltrevolution anzetteln, wird jedoch zunehmend auf seine Herkunft reduziert. Ein melancholischer Text über eine inspirierende Stadt, die Punk und Politik, Museum und Untergrund war, Zafer Şenocak aber keine Nestwärme bot.

Das Cover der ersten Ausgabe der von Zafer Şenocak mit herausgegebenen Zeitschrift Luxuslüge
Das Cover der ersten Ausgabe der von Zafer Şenocak mit herausgegebenen Zeitschrift LUXUSLÜGE, zu sehen in der Ausstellung #PopPunkPolitik

„München – mein verlorener Schatten“ von Zafer Şenocak

Die Achtziger Jahre beginnen für mich in den Siebzigern. So um 1976 herum, und sie enden 1984. Sie beginnen mit einem Filmtitel: „Deutschland im Herbst“ und enden mit dem Beginn der „Kohl-Ära“. München endet für mich Mitte der Achtziger Jahre. Ab 1986 orientiere ich mich nach Berlin, nach Westberlin.

Zwei Gefühle aus der Erinnerung, ein dankbares, freudiges für diese Zeit des Aufwachens in München. Frühe Schreibversuche, unbeschwerte Adressenfindung, Erreichbarkeit von Kritik und Gespräch. Man trifft sich in der Haidhauser Literaturwerkstatt in der Milchstraße; ein älterer schrulliger Mann, Kay Ken Derrick, sitzt da und empfängt die „wichtigsten“ Dichter der Stadt, die kein Mensch kennt. Geschenkt wird einem dort aber nichts. Es geht um Texte. Um Sprache. Das hat alles auch eine gewisse Ernsthaftigkeit. Was spornt an?

Dankbar bin ich für diese Zeit Anfang der 1980er. Ich war einer unter vielen, ein junger angehender Dichter in München. Einige Jahre später aber wurde ich zum Türken deutscher Sprache. Hier ist das andere Gefühl: Es ist kein Gefühl. Es ist eine Verpassung. Pässe werden ausgestellt, entzogen. Literaturbetrieb biedert sich bei der Ausländerbehörde an, als ihr Gegenspieler, aber eben mit denselben Spielregeln. Berüchtigt damals die Ausländerbehörde in München. Ich hatte schon ganz verdrängt, dass ich Jahr für Jahr mit ihr zu tun hatte. Dann auf einmal die Entdeckung als Türke deutscher Sprache. Ein Label, erfunden in München, in akademischen Lehranstalten. Es wird mich ein Leben lang verfolgen.

Meine künstlerische Identität ist inzwischen ausgewandert, sie hat nicht einmal in Berlin im deutschsprachigen Raum ein Zuhause gefunden, eher schon in Boston, Chicago, London, Istanbul.

Ich hätte ja auch ein Deutscher türkischer Sprache sein können. Warum nicht einfach zweisprachig? Verträgt Deutschland keine Vielsprachigkeit? Deutschland, ein viel zu großes Wort. Wer mag und kann schon etwas zu Deutschland sagen? München aber war damals nicht Deutschland.

Punk wird politisch

Was geschah in den 1980er Jahren in München? Was wurde aus den verrückten Ideen, die in dieser Stadt geboren wurden? Was wurde aus den Neuen Wilden, aus der Fassbinder-Schule, aus LUXUSLÜGE? Die Stimmung in einer Stadt lässt sich im Nachhinein nicht mehr beschreiben. Denn die Zeit schafft Distanz, die die Sprache nicht überbrücken kann. Aber die Sprache kann etwas ganz anderes. Sie kann sich von der nicht beschreibbaren vergangenen Stimmung ernähren. Literatur wird immer anders sein, als es war. Das ist ihre Chance, ihre Möglichkeit. Der Weg zwischen gemütlichen, übersichtlichen, provinziellen, spießigen Ecken und den Maulentwürfen aus der Subszene erstaunlich kurz.

Der Punk wird politisch, während die Politik ihr „modern talking“ erschafft.

Die Cover der Ausgaben zwei und drei der von Zafer Şenocak mit herausgegebenen Zeitschrift LUXUSLÜGE, zu sehen in der Ausstellung #PopPunkPolitik
Die Cover der Ausgaben zwei und drei der von Zafer Şenocak mit herausgegebenen Zeitschrift LUXUSLÜGE, zu sehen in der Ausstellung #PopPunkPolitik

Also LUXUSLÜGE: doch kein Fanzine unter anderen. Wir nehmen uns wichtig. WELTREVOLUTION, darunter geht es nicht. Aus dem Mief heraus, weltpolitisch werden. Wo bleibt die Poesie? Der strenge Vers? Um diese Frage kümmert sich Wolfgang Dietrich, der talentierteste Dichter seiner Zeit, zu unkompatibel für eine Karriere im Betrieb. Ich bin irgendwie dazwischen, der Lehrling, werde den Hang zum deutschen Idealismus nicht los und das Ohr für die lyrische Stimme. Für abstrakte Wortgebilde und poetische Bilder. „Bürgerlicher Scheiß“, wie der Frank meint. Der eigentliche Initiator der Unternehmung Frank Schubert.

Ohne solche Typen wie Frank gäbe es nichts, womit man München trefflich beschreiben könnte. Irgendwie bodenständig und umstürzlerisch zugleich, die Reinkarnation der räterepublikanischen Traditionen dieser Stadt. Ich und Wolfgang Dietrich auf der Suche nach dem strengen Vers landen manchmal unsanft in den Niederungen der politischen Sprache. Inszenierung bringt manchmal die Rettung. Kein Druck, Fotokopie sorgt für die Verbreitung, lässt sich immer wieder herstellen. Revolution hat das Potenzial, zum Sammlerobjekt zu werden.

Die Einschusslöcher an den Gebäuden in Haidhausen, der modrige Geruch in den Altbauten. Ja, das alles musste irgendwann weg. Renoviert, ausgebessert, aber musste das Gesicht dieser Stadt bis zur Unkenntlichkeit aufgemotzt werden? Heute erstickt das Gesicht an seiner tonnenschweren Schminke.

Die Verklärung Münchens um 1980

Die Verklärung der Vergangenheit ist nur dann zulässig, wenn sie Hassfiguren standhält. München 1976 bis 1984 erlaube ich mir zu verklären.

Dankbar muss man sein für eine Figur wie FJS. Das markante Gesicht, das jeden Fremden an der Tür anzieht und abstößt. An wem hätte man sich sonst abarbeiten sollen als an einer solchen Figur? Damals erschienen mir eine Politfigur wie FJS und die RAF wie die zwei Seiten einer Medaille. Bestimmtheit in eigenen Positionen und frei sein von Selbstzweifeln. Waren das nicht die ersten Schritte in den Irrgarten? Die Gewalt in die Sprache tragend, einmal mit, einmal ohne Schutzmantel des Staates. Doch wo sonst außer in Irrgärten treffen sich Politik und Lyrik?

Was hatte das alles mit deutscher Geschichte zu tun? Viel. Auch mit den Einschusslöchern an den Gebäuden hatte das alles etwas zu tun. Und warum war dieser Zusammenhang mir damals nur vage bewusst? Nicaragua und der Umsturz in Iran prägten mich damals viel stärker. Und das ging in München erstaunlich gut, solange es nicht mehr war als der Nachgeschmack eines starken Kaffees.

LUXUSLÜGE als Vorwegnahme

Alles Attitüde? Nichts, was hätte überleben können? LUXUSLÜGE im Titel unseres Fanzine als Vorwegnahme dessen, was München heute ist. Ich bin regelmäßig da, viel Privates verbindet mich nach wie vor mit der Stadt. Die ganze Stadt ist privat. Wo wird diese Stadt eigentlich öffentlich? Außer in ihrer Historie? Das klingt wie ein Vorwurf, ist aber lediglich eine persönliche, womöglich irrige Annahme.

Das Nest, das verlassen wird, steht immer auf einem fremden, kalten Stern.

Doch an diesem Satz stimmt gar nichts, München und mich betreffend. München war nicht kalt, und es war kein Nest. München konnte Museum und Untergrund auf einmal sein. Mundartig und polyglott zugleich. Ein guter Ort, um in die Poesie zu wachsen und Ideen anzuhängen.

Schreiben aber hätte ich hier nicht mehr können. Nicht so wie in Berlin oder Istanbul. Irgendwo im Englischen Garten liegt mein türkischer Schatten begraben.  

Autor: Zafer Şenocak

Porträt von Zafer Şenocak. Foto: BABEL VERLAG_B. Tulay, München
Porträt des Schriftstellers Zafer Şenocak heute. Foto: Babel Verlag_B. Tulay, München

Zafer Şenocak, geboren 1961 in Ankara, wuchs in Istanbul und ab 1970 in München auf, wo er später Germanistik, Politikwissenschaft und Philosophie studierte. 1989 ging er nach Berlin, wo er bis heute lebt. Seit seinem Lyrik-Debüt 1983 veröffentlichte er über 20 Bände mit Lyrik, Prosa und Essays, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Zuletzt erschien u.a. sein autofiktionaler Roman „In deinen Worten: Mutmaßungen über den Glauben meines Vaters“.

Der Beitrag wird gefördert im Programm

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* Die Artikel-Serie zu #PopPunkPolitik verlängert die Ausstellung in den digitalen Raum hinein. Sie vertieft Themen der 1980er Jahre aus literarischer und heutiger Perspektive.

Bisher erschienen sind:


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

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