#Wirziehenum: Erlebnisse als Türmer München

München ist dunkel und leer

Durch die Sanierung des Gasteig teilt sich die Stadtbibliothek am Gasteig künftig auf mehrere Orte auf. Eine große Veränderung erwartet all unseren Kolleg*innen. In dieser Serie geben wir Einblicke, wo es die einzelnen Akteur*innen hinzieht und was der Umzug für sie bedeutet. Unser Kollege Klaus Dreyer nahm zum Abschied als Türmer München teil, um die letzten Eindrücke des Gasteig einzufangen:

Wie stellt ihr euch eine Großstadt am Abend vor, was hört und seht ihr, wenn ihr sie von oben betrachtet?

Ich hatte im Juli eine Stunde Zeit, darüber nachzudenken und meine Ideen mit der Wirklichkeit abzugleichen – als „Türmer München“, einer Performance der Choreographin Joanne Leighton auf dem Dach des Gasteig. In einer geräumigen Box aus Holz und Glas standen und stehen dort zweimal am Tag, 365 Tage im Jahr 730 Teilnehmende. Diese wurden und werden seit dem 12. Dezember 2020 bis zum 12. Dezember 2021 jeweils morgens und abends für eine Stunde – ganz nach dem mittelalterlichen Vorbild – zu den „Türmer*innen“ Münchens.

Türmer Performance im Gasteig München: Aussicht auf die Frauenkirche

Also: wie ist die Stadt von oben? An diesem Tag vor allem unspektakulär. Ich stehe in dem Kasten, der alle Witterungseinflüsse von mir fernhält, rund anderthalb Meter breit ist und so ausgerichtet, dass das Müllersche Volksbad mir direkt gegenübersteht und mit seinem Turm manches verdeckt. Immerhin sehe ich die Türme der Frauenkirche. Nach rechts und links schränkt die Holzwand die Wahrnehmung ein, es bleibt der Blick nach Südwesten, Richtung Sendling/Obersendling. Einen Alpenblick gab es an dem Abend nicht, und die Sonne ging auch nicht unter, nur ein paar Regentropfen schlagen an die Scheibe. Der Blick der Webcam täuscht, denn so breit ist der Sichtwinkel nicht. Und überhaupt: das Patentamt mit seinen Büroblöcken sperrt den Ausblick – und trotzdem fällt auf, wie katholisch die Stadt doch ist. Überall Kirchtürme, fast alle höher als die Wohnbebauung in der Innenstadt und auch die Bürogebäude. Erst außerhalb des Mittleren Rings wird‘s dann wieder höher. Und nur durch Zufall sehe ich beim Aufstieg zum Türmerplatz, dass das Betonwohnhaus in der Franziskanerstraße auch einen ganz schön Ausblick bietet ist … Und Baukräne. Überall sind sie zu sehen, der wohl höchste am Heizkraftwerk Süd, gegenüber des Interimsquartiers der Stadtbibliothek im HP8. Kräne müsste man vermieten – oder haben die Baugesellschaften die alle selber?

Als es langsam dunkel wird, erwarte ich die Beleuchtung der vielen Fenster. Aber es passiert: nichts! Im Patentamt sind zwei Büros hell, aber auch mir gegenüber, im Wohnblock Am Lilienberg/Rosenheimer Straße, geht kein Licht an. Selbst die höchsten Wohnungen, abgekehrt von der Straße, bleiben dunkel. Dass die Büros auf der anderen Isarseite, in der Steinsdorfstraße dunkel bleiben, wundert mich nicht. Dort vermute ich eh nur Rechtsanwält*innen und Steuerberatungsgesellschaften. München bleibt also dunkel, und bis zum Sonnenuntergang um 20 Uhr 17 wird sich daran auch nichts mehr ändern. Es kommt mir vor, als sei die Stadt wie die vielen Autos, die unter mir vorbeifahren: immer nur mit einer Person besetzt. Und die Fantasie lässt mich darüber nachdenken, ob diese Autos hier auch alle fahren würden, wenn gar niemand drin säße, als autonome Vehikel der Zukunft, die sich auf den Heimweg machen, damit ihre Besitzer*innen sie morgen früh wieder vor dem Haus stehen haben. Und ich ertappe mich auch bei dem Gedanken, dass die 1,5 Millionen Münchner*innen sowieso alle weiter draußen wohnen. Wenn ich genau hinschaue, dann sehe ich aber doch ein für mich weit entferntes Gebäude, das ich erkenne: die weiße, breite Hülle des Schnürbodens des neuen Volkstheaters auf dem Gelände der ehemaligen Viehhalle auf dem Schlachthofgelände. Bald fast direkter Nachbar des Interimsquartiers der Stadtbibliothek im HP8 an der Hans-Preißinger-Straße. Das ist weit weg, wo ich doch jetzt das Gefühl habe, fast auf der Bibliothek zu stehen …

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Ausblick auf das Müllersche Volksbad

Und plötzlich lenkt mich Musik ab. Genau wie der Autoverkehr, der zwar rauscht, mich aber nur gelegentlich einzelne Fahrzeuge, vor allem Motorräder identifizieren lässt, bleibt sie unklar. Weder erkenne ich Melodien, noch überhaupt ein Genre. Es ist ein wenig, als hörte ich durch Lüftungsrohre den Fernseher der Nachbar*innen. Ein Konzert in der Philharmonie ist es sicher nicht, auch nicht Filmmusik und die Muffathalle mir zu Füßen ist auch noch zu. Es bleibt seltsam. Später finde ich auf dem Nachhauseweg die Quelle: der Innenhof des Deutschen Museums. Dort feiert Hannes Ringlstetter sein 30. Bühnenjubiläum mit mehreren Konzerten. Und angeblich, verrät mir das Internet, ist dort sogar Howard Carpendale überraschend mit aufgetreten.

Überhaupt, der Heimweg. Der Eindruck vom dunklen und leeren München ist verflogen, als ich aus dem Gasteig raus bin und auf das Celibidache-Forum trete: Menschen, Lichter – alles wieder da. Beleuchtete Fenster auch in den Wohnungen an der Rosenheimer Straße. Jetzt klingt die Stadt auch wieder mehr, als das vereinzelte Grölen von Männern, was in meinen Türmerkasten zu mir hochdrang und die verwehte Musik.

Und trotzdem hat sich meine Wahrnehmung der Stadt verändert. Sie ist anders, als es Drohnenaufnahmen, womöglich mit beschleunigenden Hyperlapse-Effekten suggerieren. Der Blick von oben versteckt mehr, als ich geglaubt hätte. München bewegt sich wieder, aber erst, als ich auch wieder unten bin. Als Türmer hatte ich zwar kurz die Fantasie, ich passe auf alle auf, aber das war wohl wirklich nur im Mittelalter möglich, als ein Türmer wirklich noch sehen konnte, was passiert. Aber immerhin: ich musste nicht auf Brände oder Unfälle achten, auf mich hat auch niemand geachtet – und ich konnte schweifen: zu einer Stadt, die dunkel und leer scheint, wenn man weit zurücktritt. Und hell und lebendig, wenn man wieder bei ihr ist.

Mehr Infos zum Projekt: www.tuermer-muenchen.de

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