#wirbibliotheken: Es gibt viel zu tun!

In ihrem Beitrag zur Vernetzungsaktion #wirbibliotheken von Münchner Stadtbibliothek und Deutschem Bibliotheksverband (dbv) beschreibt Katrin Schuster (Direktion Münchner Stadtbibliothek) die veränderten Herausforderungen, vor denen öffentliche Bibliotheken in pandemischen Zeiten stehen. Und sie hat eine Menge Fragen …

Die Welt ist aus der Zeit gefallen. Termine werden abgesagt, gewohnte Routinen fehlen, die Tage verschwimmen ineinander. Über die Zukunft zu sprechen, fällt (noch) schwer; die Gegenwart gibt sich unbeschreiblich, und beinahe jeder Satz über die Vergangenheit notiert den Verlust. Bis zum 13. März 2020 war einer meiner liebsten Sätze über meine Arbeitsstätte: 20.000 Mal am Tag betritt ein Mensch eine Münchner Stadtbibliothek.

Das war einmal.

Aktuell sind unsere Bibliotheken menschenleere Räume, unheimliche Ikonen der Pandemie. Ohne die Anwesenheit des Publikums dämmern sie – wie alle Häuser der Kultur, deren Geschäftsmodell in menschlicher Präsenz besteht – im Zwielicht vor sich hin. Doch hinter den Kulissen herrscht eine Betriebsamkeit, die man so rege wohl kaum je erlebt hat. Wie ein unbeschriebenes Blatt Papier liegt vor uns eine Zukunft, in der alles – vom Schlimmsten bis zum Besten – möglich scheint.

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Leeres Forum in der Stadtbibliothek Am Gasteig

Ich will drei Aspekte aufgreifen, die eine öffentliche Bibliothek in der gegenwärtigen Situation vor denkbar große Herausforderungen stellen: die Offenheit, die Stadtgesellschaft und die Digitalisierung.

Offenheit: über neue und alte Zugänge

Öffentliche Bibliotheken sind zurecht stolz darauf, dass sie für alle offene Häuser sind. Der Aufenthalt in Bibliotheken kostet nichts, keiner kontrolliert die Zugänge, keine Überwachungskameras zeichnen auf, wer hier was tut und ob er oder sie überhaupt etwas tut. Niemand muss sich vor dem oder für das Betreten von öffentlichen Bibliotheken ausweisen, und Konsumzwang – betrifft das nun Bücher oder Kaffee – besteht hier ohnehin nicht.

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Zwei Effekte der Pandemie gefährden diese Offenheit oder stellen sie mindestens in Frage. Zum einen ist da der Digitalisierungsschub: Auch die Münchner Stadtbibliothek hat Ausleihen und Programme in den virtuellen Raum verlagert und damit notgedrungen diejenigen Menschen ausgeschlossen, die über keine ausreichenden Kenntnisse über digitale Tools verfügen oder denen die Zugänge schlicht verwehrt sind, weil es ihnen ganz profan an Geräten und/oder Netzverbindungen mangelt (und das sind mehr, als man vielleicht vermuten würde). Zum anderen wird jede Form der Wiedereröffnung wenigstens anfangs mit Zugangsbeschränkungen einhergehen, und man darf davon ausgehen, dass gerade in prekären Milieus – für die öffentliche Bibliotheken seit jeher eine besondere Rolle spielen – weniger Ressourcen für die Beschaffung von Mund-Nasen-Schutz und Schlangestehen vorhanden sind.

Neue Zugänge verschließen manchmal also bisherige, und dem müssen wir aktiv entgegen wirken, wenn wir unserer Aufgabe auch weiterhin gerecht werden wollen.

Stadtgesellschaft: über Communities und Zielgruppen

Öffentliche Bibliotheken betreiben, wie es so schön heißt, gesellschaftliche Daseinsvorsorge. Auch dieses Dasein wurde von der Pandemie in Unordnung gebracht. Nicht nur, weil die Haushalte der Kommunen einen bis dato nie erlebten Sparkurs werden fahren müssen, um sowohl Steuerverluste als auch die horrenden Kosten der Pandemie wenigstens teilweise auszugleichen. Sondern auch, weil die Stadtgesellschaft eine ganz andere ist als vor dem schon jetzt historischen März 2020.

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Viele Menschen sind in Kurzarbeit oder bereits arbeitslos; Familien sind wegen der Ausgangsbeschränkungen und der geschlossenen Schulen, Kindergärten und Kitas an den Rand ihrer sozialen und intellektuellen Kräfte gelangt; Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene müssen einen radikalen Einbruch ihrer Bildungsmöglichkeiten und -chancen erdulden; ohnehin randständigen Communities droht der Verlust des Anschlusses an die Mehrheitsgesellschaft; viele Kultur-Akteur*innen stehen vor dem Nichts, viele Dienstleister*innen und Verwaltungskräfte vor dem Burnout – von weiteren psychischen Folgen der Pandemie wie Angstzuständen, sozialer Verarmung und Einsamkeit ganz zu schweigen. Nüchtern gesprochen ergibt sich für Bibliotheken dadurch eine bunte Palette neuer Zielgruppen.

Digitalisierung: über Rechte und Lizenzen

Im April haben wir einen BlogSlam zur „Stadtkultur im Shutdown“ veranstaltet, und alle Teilnehmenden wiesen auf die oben bereits erwähnte Verlagerung von Services und Programmen in den virtuellen Raum hin und teilweise auch auf die drohende Vergrößerung des „digital divide“. Für eine öffentliche Bibliothek stecken noch ein paar weitere Denkaufgaben in dem, was man unter den Begriff „Digitalisierung“ fasst.

Nicht erst seit gestern akut ist etwa die Frage nach der Lizenzierung digitaler Medien. Den meisten unserer Nutzer*innen erscheint es zum Beispiel absurd, dass ein eBook nicht mehrmals gleichzeitig ausgeliehen werden kann, sondern sie vormerken und abwarten müssen wie bei gedruckten Büchern. Der Lobbyverband der Verlage und Buchhandlungen wiederum fürchtet um die Verkäufe, wenn Lizenzen unbegrenzt vergeben werden (und versucht das auch in Studien nachzuweisen). Noch immer gibt es keinen für alle tauglichen Entwurf für ein zeitgemäßes Urheberrecht, das sowohl den Erlösmodellen als auch der Informationsfreiheit wirklich gerecht wird. Ein Problem, das von der Pandemie in mehrfacher Hinsicht verschärft wurde: Buchhandlungen haben Umsatzeinbrüche zu verkraften, während Bibliotheken den Bedarf an eBooks bei weitem nicht mehr decken konnten. Presse und Rundfunk geht es ähnlich: Vielfach herrscht Kurzarbeit, während doch gerade jetzt seriöse Aufklärung und Einordnung wichtiger wären denn je; Bibliotheken sind darauf jedenfalls unbedingt angewiesen.

Hinzu kommen die Einschnitte bei Persönlichkeits- und weiteren demokratischen Grundrechten, die dringender denn je öffentlich debattiert, reflektiert und kontrolliert werden müssen – von Social Media bis zur Corona-Tracing-App.

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Am Ende: to be continued

Am Ende habe ich – und da geht es uns allen offenbar ähnlich – mithin mehr Fragen als Antworten: Wie kann, muss und wird sich die Bibliothek verändern, um den Folgen der Pandemie die Stirn zu bieten? Welche Bedeutung kann sie haben ohne den physischen Ort, der in den vergangenen Jahren ihre zentrale Funktion darstellte? Was wird aus der Idee des gemeinschaftlichen Teilens, wenn menschliche Kontakte als gefährlich gelten? Wie bibliotheken wir unter Mundschutzmasken und mit der Pflicht, sich physisch voneinander zu distanzieren? Was werden die Menschen in München in Zukunft von uns brauchen? Wie garantieren wir auch in pandemischen Zeiten Chancengleichheit und Diversität sowie Teilhabe und Partizipation aller an der Stadtgesellschaft? Welche Zahlen werden wir erheben müssen, um die Erfolge unseres Engagements zu messen? Wie müssen sich Programme und Bestände ändern, um dem allen gerecht zu werden?

Es gibt also viel zu tun. To be continued.


Alle Infos zur Vernetzungsaktion #wirbibliotheken

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