Diskriminierung im Kinderbuch wird immer wieder heiß diskutiert, auch wir in der Münchner Stadtbibliothek setzen uns damit auseinander. In dieser Blogreihe haben wir Beiträge zusammengestellt, die in die Thematik einführen. Literaturwissenschaftlerin Modupe Laja hat sich am Beispiel von Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und „Jim Knopf und die Wilde Dreizehn“ mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit Diskriminierung in der Kinderliteratur umgehen können.

Michael Endes „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ und „Jim Knopf und die Wilde Dreizehn“
Ein Bekannter von mir verriet mir einmal, dass Jim Knopf, eine Romanfigur von Michael Ende, für ihn als Schwarzer1 Junge in der Kindheit Bedeutung hatte. Denn in seiner Lesewelt als kleiner Junge gab es keine anderen Romanfiguren, die ihm selbst auch nur annähernd ähnelten. Als Kind habe ich wenig Zugang zu Jim Knopf und dessen Geschichte gefunden. Damals schreckte mich schon allein das Buchcover des in den 60er Jahren veröffentlichten Romans ab. Die Darstellung von Jim auf dem Buchdeckel, und was diese Figur bildlich für mich verkörperte, löste bei mir Argwohn und Unbehagen aus. Sie hatte aber auch gar nichts mit meinen realen Vorbildern gemeinsam, zu denen meine Familienangehörigen auf der westafrikanischen Seite gehörten. Und auch der Anblick von Jim Knopf als Marionette der Augsburger Puppenkiste löste ein gewisses Unwohlsein bei mir aus. Die Erzählung an sich machte natürlich neugierig: Jim ist ein Schwarzes Findelkind, das postwendend in einem zugeschnürten Paket zugestellt und von netten Menschen adoptiert wird. Etwas befremdlich ist, dass Jim als Baby am Ende seiner Reise wie ein Gegenstand ausgepackt wird. Dem Babykarton entwachsen, begibt er sich als Junge mit Lokomotivführer Lukas, seinem älteren, väterlichen Freund auf eine weite abenteuerliche Reise, um seiner eigenen Herkunft auf die Spur zu kommen. Seine strapaziösen Touren bewältigt er merkwürdigerweise in den Illustrationen von Franz Josef Tripp als einzige Person durchgängig unbeschuht, während alle anderen – selbst Kinder – im Buch nicht barfüßig sind. Auf seiner Identitätssuche begegnet Jim fantasievollen Wesen und wundersamen Lebenswelten mit Licht- und Schattenseiten. Das Motiv macht als Kind neugierig. Aber…
Warum kolonialrassistische Bilder nicht ins Kinderzimmer gehören
Aus heutiger Sicht kann ich meine ambivalente Haltung gegenüber Jim genauer erklären. Die damalige, von Tripp illustrierte Figur, ähnelte eher einer Karikatur. Sie überzeichnet bestimmte körperliche Merkmale und Gewohnheiten Jims, die eine Verbindung zu afrikanischen Vorfahren suggerieren sollen. Das Bild der auffällig dicken roten Lippen mit einem breiten Lächeln – neben der Pigmentierung ein Kennzeichen von Jims „fremder“ Herkunft – verband ich mit Darstellungen, die mir im Laufe meiner Kindheit und auch später immer wieder begegneten: in Form von Puppen und Bildern zu diskriminierenden Liedtexten und Beiträgen über Schwarzsein. Die deutsche sogenannte klassische Kinderbuchliteratur ist durchdrungen davon. Kolonialrassistische Bilder und Texte über Menschen afrikanischer Herkunft bzw. Schwarze Menschen sind im Kulturgedächtnis der deutschen Gesellschaft wie eingebrannt, und Generationen halten in Teilen beharrlich daran fest. Bestimmte Denkmuster sind Hinterlassenschaften eines kolonialen Menschenbilds, das sich ebenso im nationalsozialistischen Gedankengut fortschreibt. Die Wirkmächtigkeit dieser Vorstellungen ist bis in die Gegenwart spürbar, auch wenn stereotype Darstellungen nicht immer eine negative Absicht verfolgt haben. Manche in die Jahre gekommene Erzählungen in Kinderbüchern beanspruchten sogar einen humanistischen und bisweilen humoristischen Erziehungs- und Bildungsauftrag (z.B. Heinrich Hoffmanns „Die Geschichte von den schwarzen Buben“ oder „Struwwelpeter“).
Warum wir lernen sollten, satirische von menschenverachtenden Bildern zu unterscheiden
Karikaturen bezogen auf bestimmte Menschengruppen können einen subtilen, stark abwertenden Charakter haben. Bei Jüdinnen und Juden betrifft das beispielweise eine überzeichnete Nasenform. Bezogen auf Menschen, bei denen man aufgrund ihres Aussehens afrikanische Wurzeln vermutet, ist es die übertriebene Darstellung wulstiger Lippen und das breite Lachen. Ein Bewusstsein für den Unterschied zwischen Satire und abwertenden, belustigenden und entwürdigenden Menschendarstellungen ist nicht immer automatisch vorhanden. Schauen wir uns z.B. Wilhelm Buschs Illustrationen in alten Kinderbüchern an, die Schwarze Menschen mit Nasenring neben Affen abbilden. Diese Bilder wirken eher menschenverachtend als satirisch und entstammen einem rassistischen Bildrepertoire. Erst über Sensibilisierung entlernen wir den Teil unserer Sozialisation, der uns durch solche rassistischen Bilder vorgeprägt hat. Tripps in vorigen Auflagen illustrierte, barfüßige Figur des Jim Knopf nähert sich gewissermaßen einem Stereotyp an: Schwarz, barfuß und dicklippig sind Attribute2, die im deutschen Kulturgut ein sehr homogenes Bild von Schwarzen Menschen vermitteln und in alten Kinderbuchklassikern (z.B. Astrid Lindgren, Heinrich Hoffmann, Wilhelm Busch) vorkommen. Die Karikatur des Schwarzen Kindes, das seinen dicklippig roten Mund bis zum Grotesken spreizt, wurde in den US-Staaten besonders gepflegt und über Generationen weitervererbt. Das Bild ist verbunden mit einer Verunglimpfung der afro-amerikanischen Bevölkerung und einer kolonialrassistischen Historie der USA.
Stereotype, diskriminierende Vorstellungen über bestimmte Gesellschaften und diejenigen, die sie vermeintlich repräsentieren, sind zum Teil kulturübergreifend geprägt und verinnerlicht. Selbst wenn Ende und Tripp keine bösartige Absicht mit ihren Darstellungen verfolgten, es bewahrte sie nicht vor Stereotypisierungen bei der Kreation von Jim Knopf. Der Name Jim, der keinen deutschen Ursprung hat, deutet zumindest auf eine Verbindung zum US-amerikanischen kulturhistorischen Kontext hin, in dem der Name Jim Crow (übersetzt „Jim Krähe“) als Bezeichnung für das Klischee eines tanzenden, singenden Schwarzen galt. In der überarbeiteten, neuen Ausgabe von Jim Knopf jedenfalls illustrierte Tripp Jims Mund auf Verlagswunsch hin schmallippig.
Wenn Weißsein und Schwarzsein als Antipole von „Normalität“ und „Fremdsein“ dienen, erzeugt dies diskriminierende Botschaften
Ende hatte mit Jim als Hauptfigur sicherlich keine rassistische Karikatur im Sinn. Er wollte bestimmt eine positive Romanfigur schaffen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Freundschaft zu Lukas, seiner Vaterfigur und sein direktes Umfeld auf Lummerland, das ihm freundschaftlich zugewandt ist. Dennoch ist Jims vermeintlich augenscheinliche Identität wiederholt ein Thema in einer Welt, in der Weißsein als Normalität gilt und Schwarzsein ständig als Fremdsein betont wird. Das Findelkind ist ein „schwarzes Baby“. Dass das Baby „schwarz“ ist, findet Frau Waas, seine Adoptivmutter, „ganz besonders nett, weil das zu rosa Stoff so hübsch aussah.“ Jim ist das Baby mit der „kleinen schwarzen Hand mit den rosa Handballen“. Hellpigmentierte Innenflächen von Menschen afrikanischer Herkunft sind wiederholtes Thema in einer auf biologistische Merkmale fokussierten Gesellschaft. Nicht nur einmal fließen Jim Tränen über seine „schwarzen Backen“. Lukas ist, weil Emma mit dem Verfeuern von Kohlen betrieben wird, ständig verrußt. Ende vergleicht in seiner Beschreibung das mit Ruß beschmutzte Gesicht Lukas mit Jims Haut. In der Erzählung ruft Lukas bei Baby Jim in der ersten Begegnung Erschrecken hervor: „Da wusste Jim ja noch nicht, dass er auch schwarz war“. Es ist absurd, körperliche Merkmale auf diese Weise einzuordnen und vor allem zu bewerten. Warum sollte ein spezifisches körperliches Merkmal Angst einflößen bei einem Baby, das für solche Unterscheidungen noch gar kein Bewusstsein entwickelt hat. Zumal es ganz natürlich ist, dass wir uns alle im Aussehen voneinander unterscheiden. Unterschiedliche Haar- und Augenfarben erzeugen doch auch keine Angst. Diese Textbezüge kommen in der vom Verlag Thienemann in 2024 herausgegebenen, überarbeiteten Ausgabe nicht mehr vor.
Von der Gefahr, „Rasse“-Vorstellungen zu reproduzieren, statt sie zu dekonstruieren
Über 10 Jahre nach dem Nationalsozialismus erschienen, unternimmt Endes Werk einen Versuch, den gängigen Rassebegriff zu hinterfragen. Allerdings bedient er sich dabei gerade kolonialrassistisch geprägter Muster und ebenso geschlechtsspezifischer Rollen. Seine von mir vermutete Kritik fließt an manchen Stellen im Buch indirekt ein, wenn er sich auf rassenideologische Konzepte bezieht. Nepomuk, ein Halbdrache, wird als nicht reinrassig charakterisiert und von der Gesellschaft der Bösen Drachen ausgeschlossen. So warnt ein Schild: „Achtung! Der Eintritt ist nicht reinrassigen Drachen bei Todesstrafe verboten.“ Eine kritische Haltung gegenüber Rassismus lässt sich für Kinder daraus schwerlich erschließen. Die Frage ist, ob eine wiederholte Begegnung von Kindern mit dem Rassebegriff zu dessen Dekonstruktion beiträgt. Oder birgt Kinderliteratur in diesem Fall nicht erst recht die Gefahr, dass die Vorstellung von „Rasse“ weiterhin überliefert wird, auch wenn der Autor dieses Konzept zu hinterfragen versucht? Als Kind ist Jim „Halbuntertan“, während alle anderen Bewohner*innen von Lummerland Untertanen sind. Abgesehen von Lukas, „der eigentlich kein Untertan war, sondern Lokomotivführer“. Es bleibt offen, ob Jim als Lokomotivführer vom halben zum „ganzen Untertan“ wird, wie Lukas es formuliert. Ist es möglich, dass Kinder, denen dieses Konzept von „Rasse“ und Untertänigkeit im Buch vorgelebt wird und eigentlich noch fremd ist, so etwas verinnerlichen?
Heute frage ich mich, warum sich gerade Jim als Schwarzer Junge konstant in den Darstellungen Endes verweigert, zu lernen und es vorzieht, Analphabet zu bleiben. Ein Jim Knopf, der sich bis zum Schluss des zweiten Bandes dagegen wehrt, schreiben, rechnen und vor allem lesen zu lernen, hätte mich als glühende Leserin (und noch dazu Schwarze Rezipientin) von Kinderliteratur ziemlich verärgert. Teil eines europäischen Zivilisationsnarrativs und rassistischen Vorurteils ist es nämlich, dass Schwarze Menschen oft als ungebildet eingestuft werden und man ihnen jegliche Form von Bildung und Wissen aberkennt.
Von Stereotypisierungen bezogen auf Schwarzsein, weiblichen Rollenklischees und asiatischen Zuschreibungen
Jims Berufswahl als Lokomotivführer wird in der Originalfassung damit begründet, dass „dieser Beruf so gut zu seiner Haut passte“ (in der Neuauflage ist diese Textstelle entfernt). Ebenso die Tatsache, dass er es überflüssig findet, sich zu waschen, da er ja schwarz sei, reflektiert ein verstörendes rassistisches Vorurteil – als ob Hygiene aufgrund von Pigmentierung keine Rolle spielen würde! Jim lernt auf seiner Identitätssuche Li kennen, mit der ihm zunehmend Freundschaft verbindet. Sie ist eine Prinzessin aus einem erfundenen geografischen Raum mit dem Namen Mandala, der asiatische Bezüge assoziiert. Li verfügt im Gegensatz zu Jim über eine hervorragende Bildung, ist fleißig und schlau. Sie vereinigt alle möglichen kognitiven Eigenschaften in sich – ihre Vorzugsbeschäftigung als Mädchen ist allerdings auch nur das Waschen. Endes Zuschreibungen betreffen also nicht nur Jim als Person, sondern finden sich auch in der Beschreibung von Mandala und seinen Bewohnerinnen und Bewohnern wieder: So beispielsweise, wenn Lis Begleiter Ping Pong – dieser zugewiesene Name ist schon eine lächerliche Verballhornung – als kleines asiatisches „Menschlein“ in unserer Wahrnehmung komische Sachen wie Würmer verspeist.
Ethnozentrische Bilder fördern Vorurteile
Jims Erscheinungsbild und seine Darstellung lassen vermuten, dass seine Herkunft offensichtlich in Verbindung mit dem afrikanischen Kontinent steht. Das Land, das ihn als ausgesetztes Findelkind aufnimmt, ist Lummerland und „nur sehr klein“. Es war sogar außerordentlich klein im Vergleich zu anderen Ländern wie zum Beispiel Deutschland oder Afrika oder China.“ Obwohl Afrika in seiner Dimensionalität dreimal so viel umfasst wie Europa, vergleicht Ende den sehr heterogenen Kontinent mit einer kleinen Insel von gerade mal vier Bewohnerinnen und Bewohnern, und er beschreibt ihn gleich zu Anfang als Land. Demgegenüber entsprach meine Idee von Afrika als Kind – spätestens mit einem mir geschenkten Globus – durchaus der Vorstellung eines grenzüberschreitenden Kontinents. Europa mit Deutschland, aus dem ein Teil meiner Familie entstammt, war für mich schon damals ein national begrenzter Raum auf der europäischen Landkarte. Nun ja, in der neubearbeiteten Ausgabe von 2024 kommt der afrikanische Kontinent dann gar nicht mehr vor. Leerstelle.
Jim erfährt zum Schluss seiner Identitätssuche, wo er „wirklich“ herkommt. Seine ursprüngliche Heimat trägt den fantasievollen Namen Jamballa. Das Land ist mit samt seiner Bevölkerung aufgrund einer Naturkatastrophe vollständig vom Erdboden verschwunden. Jim entpuppt sich zum Schluss als königlicher Nachfahre eines nicht mehr existierenden Landes und erweist sich damit der standesgemäßen Heirat mit Prinzessin Li „würdig“. Diese Wende bedeutet für mich in Anbetracht des Schicksals der Insel Jamballa und hinsichtlich europäisch-afrikanischer Geschichte von Versklavung, Verschleppung und Völkermord kein wirklicher Trost, denn Jim bleibt nur als einziger Nachfahre übrig.
Wie nun mit Klassikern umgehen?
Einige Verlage haben sich aufgemacht, die Texte ihrer Klassiker zu überarbeiten, damit sie anschlussfähig an gesellschaftliche Entwicklungen und Debatten sind. Wir können uns natürlich fragen, ob es neben oder statt der konsequenten Überarbeitung von Kinderbüchern noch andere Möglichkeiten gibt, mit Klassikern umzugehen. Ende hat weitere Bücher geschrieben und wunderbare Charaktere erschaffen wie Bastian aus „Die unendliche Geschichte“ oder Momo. Oder…, macht es vielleicht Sinn auch mal nach neuen Kinderbüchern Ausschau zu halten, deren Erzählungen von einer Bandbreite von Perspektiven und den unterschiedlichsten Romanheldinnen und -helden zeugen und leben? Die Frage nach der Einbindung von Sichtweisen, das In-Blicknehmen von unterschiedlichen Perspektiven, die Komplexität von Identität(en) und die kritische Auseinandersetzung mit diskriminierenden Denkmustern ist eine Herausforderung, die wir zukünftig mehr annehmen sollten. Es ist wichtig, dass wir unseren Kindern ein Weltbild vermitteln, das differenziert ist und mit kolonialen Vorstellungen bricht. Wie andere in die Jahre gekommene Kinderbücher, die teilweise als Klassiker bzw. klassisches Kulturgut bewertet werden, verkörpert Endes Werk ein zum Teil stark ethnozentrisches Weltbild. Längst ist es an der Zeit, Denkmuster kritisch zu hinterfragen und abzulösen. Denn fraglich ist, ob Kindern eine global miteinander verbundene Welt erschlossen wird, wenn aus einer sehr einseitigen, voreingenommenen Perspektive erzählt wird.
Endes Erzählstoff von „Jim Knopf und der Lokomotivführer“ scheint in einer Welt, in der Diversität mittlerweile durch die Medien sichtbar wird und eine zunehmend wesentliche Rolle spielt, nicht mehr zeitgemäß.
Ende gut alles gut?
Dieser Beitrag spiegelt eine Meinung unter vielen und nicht unbedingt die Mehrheitsmeinung von (Vor)lesenden wider.
Über Modupe Laja
Modupe Laja ist Literaturwissenschaftlerin, Autorin von Fachbeiträgen zu diskriminierungssensiblen Themen und ist unter anderem als Sensitivity Readerin aktiv.
Fußnoten
- Mit „Schwarz“ ist in diesem Beitrag nicht wirklich die Farbe Schwarz gemeint. Schwarz ist in diesem Fall mit großem „S“ geschrieben, weil es als Selbstbezeichnung einer Gruppe verwendet wird, die mit Schwarzsein spezifische rassistische Realitäten verbindet. Schwarz in diesem Zusammenhang bezieht sich aber auch auf eine kollektive Erfahrung von widerständigem Handeln, Selbstbestimmung und Selbstbemächtigung. ↩︎
- Diesen stereotypen Darstellungen bedienten und bedienen sich übrigens immer noch Weiße im „Blackfacing“, indem sie sich in ihrem schwarz gefärbten, geschminkten Gesicht auffallend dicke Lippen aufmalen. „Blackfacing“ hat seinen ideengeschichtlichen Ursprung in US-Shows des 18. Jahrhunderts (Ministrel Shows), in denen sich Weiße bestimmter Stereotypen bedienten, um Schwarze Menschen trotz ihrer Ausbeutung als immer fröhliche, dumme Diener zu karikieren. ↩︎
Gefördert im Rahmen von 360° – Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft der Kulturstiftung des Bundes.





Vielen Dank für den erkenntnisreichen Beitrag. Hoffentlich verschwinden die alten Exemplare schnell aus den Bibliotheken!
Danke für die positive Rückmeldung! Die alten Ausgaben sind inzwischen durch die überarbeiteten Ausgaben ersetzt worden.
Ich finde es sehr gut, dass die Bibliothek aufklärt und handelt!
Der Text von Modupe Laja hat mich sprachlos gemacht, was ich alles „überlesen“ hatte! Ich bewundere wie konstruktiv und wertschätzend Modupe Laja den Text gegenüber den Büchern und Autoren trotz der Kritik geschrieben hat. Ich habe Lummerland und seine lieben Menschen immer faszinierend gefunden, aber auch in Lummerland soll Alltagsrassismus verschwinden, damit es ein toller Ort für viele Generationen bleibt und wird! Danke für den Text und den Ankauf der neuen Bücher.
Ich bin wirklich entsetzt, welche falschen Schlüsse hier ohne wissenschaftliche Basis gezogen werden!
Wir haben als Kinder vor rund 40 Jahren diese Bücher gelesen – und niemand aus meinem Freundeskreis ist deswegen zum Rassist geworden.
Ich sage sogar: Das Gegenteil ist der Fall!
Denn durch die dunkle Hautfarbe von Jim wurde genau diese dunkle Hautfarbe für uns positiv belegt. Also gerade eben nicht fremd – sondern vertraut!
Insofern behaupte ich, dass solche Kinderbücher sogar dazu beigetragen haben, uns aufgeschlossen gegenüber Menschen mit dunkler Hautfarbe zu machen.
Heute arbeite ich (und andere aus meinem Freundeskreis auch) daher problemlos mit Kollegen der unterschiedlichsten Nationalitäten zusammen.
Von Rassismus keine Spur.
Aus meiner Sicht ist daher diese Aussage „dieses Kinderbuch ist rassistisch und daher nicht mehr zeitgemäß“ wissenschaftlich-objektiv betrachtet und aus der praktischen Erfahrung heraus FALSCH.
Denn wenn diese Aussage wissenschaftlich haltbar wäre, dann müssten heute die ehemaligen Leser dieser Kinderbücher (also jetzt im Alter zwischen 40 und 60) mehrheitlich deutlich rassistisch eingestellt sein.
Internationale Studien (z.B. WVS) besagen aber: „Deutschland liegt im internationalen Vergleich eher im unteren bis mittleren Bereich, also tendenziell weniger rassistisch als der weltweite Durchschnitt.“
Also sind diese Einstufungen von angeblich rassistischen Kinderbüchern offensichtlich nicht haltbar. Zumindest nicht bei den Klassikern von Michael Ende (und das waren damals die absoluten Bestseller, die eine ganze Generation geprägt haben!).
Sehr geehrter Herr Schmitt,
Es ist wichtig zwischen Rassismus als bewusster Entscheidung andere Menschen abzuwerten und zu entmenschlichen sowie zwischen strukturellem Rassismus zu unterscheiden. Der Artikel macht deutlich, dass Michael Ende als Autor Rassismus abbauen wollte, sich aber gleichzeitig unbewusst struktureller Rassismen in der Erzählung bedient hat. Wenn Kinder Jim Knopf lesen, werden sie dadurch natürlich keine schlechten Menschen. Sie nehmen allerdings unbewusst über die Erzählung die diskriminierenden Strukturen und Perspektiven auf, die wir als Gesellschaft eigentlich abbauen wollen. Um diese nicht immer weiter von einer Generation an die nächste zu tragen ist es wichtig, sich dessen Bewusst zu sein. Der Artikel arbeitet dies unserer Ansicht nach sehr gut heraus und ist auch ein Plädoyer dafür, vielfältige Perspektiven nebeneinander zu stellen und beispielsweise Jim Knopf durch andere Erzählungen zu ergänzen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre Münchner Stadtbibliothek
Vielen Dank für diese gute Kommentierung des schönen Buches aus Lummerland.
Modupe Laya erklärt wissenschaftlich fundiert, ausgewogen, und damit auf eine sehr gute Weise aktivistisch. Außerdem ist es so offen formuliert, dass es sich von diesem konkreten Beispiel aus gut auf viele andere (Kinder-)Bücher übertragen lässt. Kinder in München sind mehrsprachig und unsere Familien kommen aus aller Welt. Die Kinderbücher sollen für sie einladend und ermutigend sein.
Sehr schön, die Stadtbibliothek als Forum für derartigen Austausch.
Ich stimme Herrn Schmitt und und dem/der Nutzer/in Cinzia zu.
Weder Jim Knopf noch Pipi Langstrumpf im Taka-Tuka-Land sind rassistisch.
Woher kommt diese Empfindlichkeit wegen der Darstellung dicker Lippen oder eines zu breiten Lächelns?
Aufgeklärte Eltern können mit ihren Kindern über das Thema Kolonialismus sprechen und Sie sensibilisieren.
Niemand wird zum Rassist wenn er diese Bücher ließt, auch nicht unbewusst. Die meisten Kinder haben heute schwarze Schulkameraden und sehen Filme mit schwarzen Hauptdarstellern. Da wird wohl kaum eine alte Zeichnung mit dicken Lippen dazu führen, dass die Kinder den Rest Ihres Leben mit falschen Stereotypen im Kopf rumlaufen.
Michael Ende und Astrind Lindgren haben moderne, emanzipierte Helden geschaffen, die Ihrer Zeit weit voraus waren. Die Kinder begleiten Sie auf Ihren Abenteuern und identifizieren sich mit ihnen.
Wir brauchen keinen „Vorsicht Rassismus“ Labels auf Kinderbüchern. Ein Vorwort zum Thema Koloniale Denkweise würde genügen.
Sie schreiben, dass aufgeklärte Eltern mit ihren Kindern über das Thema Kolonialismus sprechen und Sie sensibilisieren können. Wir geben Ihnen recht, dass Eltern (und auch Erzieher*innen) eine ganz wichtige Funktion bei der Vermittlung von Medien an Kinder zukommt. Genau hier wollen wir durch unsere vertieften Informationen zu einzelnen Klassikern bzw. wiederkehrenden Motiven unterstützen. Die Beiträge zeigen Perspektiven auf, die oft zu kurz kommen, aber elementar für die Diskussion über Diskriminierung in Kinderbüchern sind.
Also ich muss dazu sagen, dass ich als Kind gerne Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer und Co. gelesen habe. Ich sehe hinter den Geschichten nichts rassistisches oder etwas anderes schlimmes.Dieser Kommentar ist wirklich unnütz und verdirbt Kindern und auch Eltern die Laune das zu l(vorzu)lesen.
Das wäre sehr schade! Unsere Blogbeiträge sind kein Aufruf dazu, die betreffenden Medien nicht mehr zu lesen. Unser Ziel ist es für problematische Motive zu sensibilisieren, damit diese beim (Vor)Lesen entsprechend eingeordnet werden können. Die schönen Kindheitserinnerungen an die eigenen Stunden mit Jim Knopf sollen davon nicht getrübt werden. Sie sind für viele Menschen eine Realität und haben ihre Berechtigung. Hilfreiche Tipps zum Umgang mit Klassikern gibt es auch in dem Buch von Olaolu Fajembola „Gib mir mal die Hautfarbe, Beltz, 2021.
Vielen Dank für den sehr guten Beitrag, der seine Analyse sehr kenntnisreich und differenziert formuliert. Auf diese Weise wird klar argumentiert, warum eine ideologiefreie, aber rassismuskritische und diversitätssensible Auseinandersetzung mit Kinderbüchern notwendig bleibt
Ich finde es total wichtig, dass solche Analysen gemacht werden. Oft wird übersehen, dass Geschichten wie Jim Knopf unbewusst bestimmte Bilder und Vorstellungen über Schwarze Menschen oder “das Fremde” reproduzieren – auch wenn die Figur selbst positiv gezeichnet ist. Das heißt nicht, dass die ganze Geschichte “böse” ist oder wir sie nie wieder lesen dürfen. Aber wir sollten uns bewusst machen, welche Stereotype da mitschwingen – gerade weil wir es als Kinder oft unkritisch aufgenommen haben.
Dass viele sagen, „Ich fand das nicht schlimm“ oder „Ich mochte Jim Knopf doch“, zeigt eher, wie normalisiert bestimmte Vorurteile und exotisierende Darstellungen sind. Genau deshalb ist es so wichtig, genauer hinzuschauen. Kritik daran bedeutet nicht, dass jemandem das Leseerlebnis abgesprochen wird – sondern dass wir als Gesellschaft dazulernen können.
Liebe Modupe Laja,
ich danke dir vielmals für diesen ausführlichen und genauen Blogbeitrag!
Ich bin selbst weiß, deutsch, Münchnerin. Ich habe vor langer Zeit an der LMU Ethnologie studiert und bin sehr dankbar für dienen Artikel.
Ich bin inzwischen die einzige Weiße in meiner Kernfamilie und ich habe tagtäglich mit Menschen zu tun, die keinesfalls selbst entschiedene Rassisten sind, aber dem strukturellen Rassismus und Alltagsrassismus völlig unbewusst unterliegen und diesen vollständig ignorieren.
Sehr viele verweilen unbewusst in diesem „Happyland“, wie es im Buch „Exit Racism“ von Tupoka Ogette dargestellt wird, wo es doch gar keinen oder nur sehr wenig Rassismus gibt. Es ist der Zustand der Ignoranz weißer Menschen im Bezug auf strukturellen Rassismus.
Ich möchte dieses Buch hier allen empörten Lesern dieses Blockbeitrags herzlich empfehlen. Denn ja unsere Wertvorstellungen und Grundfeste, die schönen Kindheitserinnerungen und die Idylle wird tatsächlich in dem Artikel angegriffen, erschüttert, und das Unwohlsein ist normal. Es ist ein notwendiger Schritt in die Richtung der Anerkennung, dass Alltrag- und struktureller Rassismus in unserer Gesellschaft hier in München eine große Rolle spielen und eben leider nicht nur die offiziell bekennenden Rassisten rassistisch agieren. Übrigens, nicht mal die bekennen sich heute offen und gern dazu, siehe die aktuell sehr famose Parteienlandschaft und deren Wortverwirrungen.
Ich hatte erst kürzlich eine ähnliche Diskussion im Bezug auf Pipi Langstrumpf. Eine Heldin meiner Jugend, doch das Hörbuch musste ich leider abbrechen, da meine Kinder berechtigt viele Fragen stellten und ich einfach keine Lust mehr hatte, zu erklären, dass das aus historischen Gründen so beschrieben ist…, dass die Menschen so gesehen wurden, weil es den kolonialen Kontext gab und damit die Legitimierung der Ausbeutung bezweckt wurde, die Autorin sich dessen selbst aber im Kontext des Geschriebenen hier nicht bewusst war, und es so nicht gemeint war. Wurde hier ja auch schon mal schön beschrieben: https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/nichts-neues-in-der-villa-kunterbunt/#comment-68088
Schade, denn viele Teile von Pipis aufmüpfigem Charakter oder auch der Gemeinschaft in Jim Knopf sind ja heute noch relevant, aber als Mutter habe ich für mich entschieden, es geht einfach nicht, noch nicht. Vielleicht wenn sie älter sind. Und wenn schwarze Kinder das nicht hören können, weil es schlicht zu rassistisch ist, und sie angreift, sollten es dann weiße trotzdem hören? Was macht das mit den weißen Kindern?
Puh. Gerade bei Jim Knopf bin ich immer noch hin und her gerissen. Als weiße Deutsche und Pflegemutter einer Schwarzen Tochter bin ich gerade dabei, den Unterschied zu lernen zwischen absichtlicher Diskriminierung und dem strukturellen Rassismus, der mir auch lange nicht aufgefallen ist. Als Weiße haben wir eben das Privileg, uns an den dicken Lippen auf dem Titel nicht zu stören und solche Darstellungen als normal wahrzunehmen – ja, auch wegen dieses Buchs.
In sofern bin ich mir auch nicht mehr sicher, ob Jim ein gutes Vorbild für unsere Tochter ist. Aber es bleibt dabei, dass er unter den Klassikern sicher eine der positivsten Darstellungen Schwarzer Menschen ist. Das können Bastian und Momo nicht leisten. Und deshalb bin ich mir nicht sicher, dass wir es uns leisten können, Jim ganz zu ignorieren.
Wie rassismussensibel ist denn die neue Version tatsächlich?
Die neue Version wurde zwar sprachlich überarbeitet und unter anderem das N-Wort aus dem Text gestrichen. Auch stereotype Beschreibungen wurden reduziert und die Illustrationen überarbeitet. Allerdings bleiben die in dem Blogartikel beschriebenen Motive und Stilmittel erhalten. Das heißt, dass auch die neue Ausgabe für Kinder entsprechend eingeordnet werden sollte.
Vielen Dank für diese detaillierte und komplexe Aufarbeitung und Verknüpfung! So wichtig und heutzutage noch mehr.
Super! Vielen Dank für die ausführlichen und verständlichen Erklärungen 🙂
Freue mich auf neue (hoffentlich weniger voll von rassistischen Stereotypen) Klassiker
Vielen Dank liebe Modupe Laja und Münchener Stadtbibliothek für diesen so wichtigen, aufklärenden und differenzierten Beitrag! Endlich werden diese Themen konstruktiv und klar analysiert, aufgezeigt was Sprache und Gedankengut (selbst wenn nicht so intendiert) für Einfluss haben kann und hat und dann auch gehandelt. Ich finde es so wichtig sich kritisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen und auch wenn man „als Kind“ die Geschichte „schön“ fand und „trotzdem“ ein „guter Mensch“ geworden ist – wie in vorherigen Beiträgen gesagt wurde – ist das dennoch nicht ein Grund über diesen Mainstream von Weggucken, Verharmlosen und gesellschaftlicher Dominanz hinwegzuschauen und sich zu sagen es war doch nicht so gemeint nun sei doch nicht so „extrem“ oder „pingelig“. Es ist unsere Verantwortung hinzuschauen, kritisch zu hinterfragen, zu lernen und uns für diese wichtigen Themen zu öffnen und diese Art von Aufklärung zu unterstützen und zu fördern. Danke! Und ich finde dieser Artikel gehört in eine große Zeitung wie die Zeit & Co.
Diese ausführliche Erklärung hat mir echt geholfen. Vielen Dank!
Vielen Dank Modupe Laja für diesen umfang-, und lehrreichen Kommentar.
Der Inhalt mag auf viele Menschen verstörend wirken und Widerstand hervorrufen, wenn sie – als Zugehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft- ihre Realität durch eine andere Brille erleben und vor einigen Jahrzehnten mit „gut gemeinten“ Klassikern wie Pippi Langstrumpf, Jim Knopf und Winnetou positive Kindheitserinnerungen verbinden – und mit dieser Kritik emotional getriggert werden.
Danke an die Stabi, die bereits passend auf die entrüsteten Kommentare reagiert hat.
Welche Personengruppen bestimmen denn, welche Bücher einen fortwährenden Platz auf dem Klassikerpodest bekommen (und auch den Schulkanon bestimmen…)?
Es sind nicht Menschen, über (!) die geschrieben wird- schon hier wird eine anhaltende Dominanz und Deutungshoheit offensichtlich.
Es wäre schlimm, wenn sich Gesellschaften nicht weiterentwickeln und noch in den 60er stecken würden! Ich bin froh, als Frau (weiß, 80er geboren) nicht damals aufgewachsen zu sein, sondern dass ich heute bestimmte Rechte habe, die mit meinem Verständnis von Gleichberechtigung etc. ganz gut vereinbar sind. Dafür wurden Frauen unbequem (für Männer), weil sie für soziale, gesellschaftliche Teilhabe und Selbstbestimmung gekämpft haben. Wenn ein Mann heute sagt, Schlampe ist für ihn nicht abwertend, sondern nur die Bezeichnung für eine unordentliche Frau, würde das kaum eine Frau akzeptabel finden.
Ebenso kann eine Person, die keinerlei rassistische Erfahrungen erleben muss, Betroffenen nicht Gefühle absprechen, die von unzähligen verletzenden Erfahrungen geprägt und durch Studien bestätigt werden, z.B. NaDiRa/DeZIM Institut.
Eine ähnliche Klassiker-Diskussion gibt es zum Narrativ von Karl Mays Fantasiefigur „Winnetou“, die bei vielen (weißen) Menschen „positive“ Kindheitserinnerungen, Assoziationen und Charakterzüge hervorruft. Diese Assoziationen sind aus einer romantisierenden Fiktion entstanden und hatten nichts mit der brutalen Wirklichkeit zu tun. Und das können nur Nachfahren beurteilen, welche Auswirkungen es bis heute auch auf sie hat, wenn Angehörige der eigenen Kinder und Identität (Tradition, Sprache, Glaube…) beraubt wurden. Diese Diskussionen sind ohne geschichtlichen Bezug, Bewusstsein und Anerkennung über die (Aus)Wirkung bis heute schwer zu führen.
Auch ich habe die Filme als Kind gerne gesehen, aber meine Haltung und Wissen haben sich geändert und das ist gut so. Dazu habe ich nicht das Gefühl, dass mir etwas fehlt.
Wenn weiße Personen sagen, dass durch bestimmte Darstellungen von BIPoC Personen aus der Kindheit nur Positives hängen blieb und sie sich definitiv nicht rassistisch einstufen, zeigt das eine unbewusste Indoktrination (wie Tupoka Ogette es treffend formuliert: wir haben alle in rassistischer Sozialisation gebadet) und Ignoranz – mangelnder Wille, sich bei Konfrontation damit zu beschäftigen. Das können sich nur weiße Menschen leisten, ihr Leben wird sich dadurch nicht ändern. Weiße Menschen können genauso wenig bestimmen, was rassistisch ist/wirkt wie Männer nicht beurteilen können was unter Sexismus fällt, die Perspektiven beinhalten immer ein (unsichtbares) Machtverhältnis.
Zudem muss unterschieden werden, was unter Rassist/in verstanden wird:
Nur jemand, der sich offen und absichtlich rassistisch äußert, sich politisch klar positioniert oder auch jemand, der es (unbewusst) für normal, selbstverständlich hält, wie Macht- und Ressourcenverhältnisse weltweit verteilt sind, welche (Job)Positionen wie vergeben werden und dass es „normal“ ist, wenn der berufliche Zweig nicht weißer Kinder oft bereits in der Schule von Lehrkräften vorgegeben ist, egal welches Potenzial in den Kindern steckt? (s. Max-und-Murat-Studie).
Was bringt es uns als deutsche Gesellschaft, dass wir vermeintlich weniger rassistisch als andere sind? Wir sollten vor unserer Türe kehren, wir leben hier und müssen uns mit unserer Geschichte, unseren Problemen und Machtstrukturen auseinanderzusetzen.
Die zitierte WVS-Studie sollte auch dazu bestehende Kritik offenlegen:
Wer hat sie konzipiert (weißer US-amerik. Wissenschaftler in den 60er Jahren), mit welchem Blick, soziale Stellung, welche Länder sind in der Befragung inkludiert, welche nicht….
Ein wissenschaftlicher Anspruch nach Objektivität ist eine Utopie.
Alle Menschen sind in rassistische Strukturen verstrickt, nur in unterschiedlichen Positionen (privilegiert oder nicht).
Ich kann als weiße Person die Augen zu machen – betrifft mich ja nicht unmittelbar – oder ich kann ein wenig demütig reflektieren, welche Privilegien ich qua Geburt erhalten haben, ohne etwas dafür geleistet zu haben. Privilegien bieten eine Chance, ungleiche gesellschaftliche Verhältnisse ein Stück zu verändern. Mir wird dadurch NICHTS weggenommen – dafür gibt es hoffentlich zu viele andere positive Kindheitserinnerungen.
Frage ist am Ende, wie gehen wir damit um?
Betroffenen zuhören, sich informieren und aus der Komfortzone „Happyland“ (T. Ogette) trefen.
Der innere Widerstand ist unbequem, gehört zum Lernprozess dazu, kann aber überwunden werden.
Ich selbst bin froh, dass die Landschaft an Kinderbüchern (Spielzeugen, Kindersendungen) mittlerweile so viele tolle Geschichten mit unterschiedlichen Narrativen bietet, damit viele Kinder möglichst diskriminierungssensibel, offen und neugierig bleiben – so wie sie von Natur aus sind
Vielen Dank für diese Analyse. Die Zusammenhänge und Stereotypen waren mir als (weißes) Kind natürlich nicht bewusst. Umso wichtiger, dass ich es jetzt als Erwachsene lernen und meine eigene rassistische Sozialisation verlernen darf. So wichtig, dass diese Auseinandersetzungen mit unbequemen Themen langsam sichtbarer werden und von hoffentlich immer mehr Menschen angenommen werden.
Auf zeitgemäßere Perspektiven und diskriminierungssensible Kinderbücher und lieben Dank an Modupe Laja für diesen Beitrag!
Vielen herzlichen Dank an Modupe Laja für diesen lernreichen Beitrag. Es ist soo so wichtig, dass insbesondere weiße Kinder nicht mit solchen rassistischen Narrativen aufwachsen und Schwarze, Indigene und Kinder of Color selbst Held*innen derer Geschichten sein können ohne schädliche Fremdzuschreibungen. Ich finde es so wichtig, dass es mittlerweile mehr Sensibilität dazu gibt, und Bücher rassismuskritisch und generell diskriminierungssensibel gelesen und überarbeitet werden, für all diejenigen, die deren Kinderbücher ohne Reproduktion den eigenen Kindern zeigen möchten. Gleichzeitig gibt es wie Modupe Laja schon sagt, so viele tolle neue Kinder- und Jugendbücher. Kann „Tebalou“ auch sehr empfehlen, ein Onlineshop für vielfältige authentische Repräsentation von Büchern und Spielsachen. 🙂
Danie für den hervorragenden Beitrag! Starke und nuancierte Argumente, die sicherlich auch Menschen die sich noch nicht mit dem Thema auseinandergesetzt haben zum Nachdenken bringen. Seine Lieblingskinderlektüren kritisch zu betrachten ist für viele Menschen schwierig, doch dieser Beitrag ist ein super Einstieg für die die willig sind es zu tun. Ich werde ihn weiterempfehlen!
Vielen Dank für diesen äußerst wichtigen Beitrag!
Sie verdeutlichen eindrücklich, in wie vielen Formen rassistische und koloniale Denkmuster reproduziert werden.
Leider gilt das in so vielen Kontexten als „normal“ oder wird sogar als etwas Positives dargestellt.
Dank Ihres Artikels habe ich dazugelernt.
Ich hoffe sehr viele Menschen werden das lesen und sich selbst reflektieren.
Ich wünsche Ihnen viel Kraft und Geduld für Ihre wertvolle Arbeit!
Danke für den wichtigen Service. Danke an die Menschen, die den Beitrag lesen. Danke für die zugängliche Analyse. Mir haben die Bücher Alles über Liebe bell hooks und Afrokultur Natasha A Kelly geholfen, die Zusammenhänge Ihres Beitrags zu respektieren und Ihnen zuzustimmen. Für mich ist es die Contemplation über dieses Buch, die mich stärkt, anzusprechen, wenn mir ähnliches auffällt. Danke.
Vielen Dank für diesen sehr interessanten und wichtigen Beitrag, Frau Laja! Ich habe viel neues gelernt und einige Punkte dank Ihnen erstmalig kritisch betrachtet. Danke auch an die Münchner Stadtbibliothek für das Ersetzen der alten Ausgaben mit den überarbeiteten Versionen. Ich kann für vielfältige Bücher und Spielsachen den Laden tebalou empfehlen. Liebe Grüße
Vielen Dank für den tollen Beitrag!
Rassismus in Kinderbüchern bedeutet nicht zwangsläufig dass es eine offensichtlich abwertende Darstellung geben muss. (Obwohl eines an Jim Knopf eigentlich doch auch abwertend und biologistisch ist.)
Problematisch wird es oft schon dann, wenn nur das Aussehen von Figuren beschrieben wird, wenn sie nicht weiß sind. Es schafft ein „Wir“ und „die Anderen“ – auch wenn es (vielleicht) gut gemeint ist. Weißsein wird als selbstverständliche Norm betrachtet, die keiner besonderen Benennung bedarf.
Ein solches Buch zu kritisieren ist also erlaubt, auch wenn vielleicht gegenteiliges gewollt war. Wäre ich Michael Ende, und wäre es meine Intention gewesen, einen positiven Schwarzen Hauptcharakter zu schaffen, würde ich die Kritik dankend annehmen und mich daran orientieren, ob sich Schwarze Menschen dadurch wirklich mehrheitlich wertgeschätzt fühlen und welche Narrative ich damit tatsächlich reproduziere.
Die traurige Wahrheit ist, dass Schwarze Menschen früher so wenig Repräsentation in Medien und Literatur erfahren haben, dass selbst stereotype oder gut gemeinte, aber problematische Darstellungen als Strohhalm wahrgenommen wurden – einfach, weil es kaum Alternativen gab.
Ich wünsche mir, dass solche Muster in Zukunft sensibler behandelt werden. Es ist wichtig, dass sich alle Kinder in Geschichten wiederfinden – nicht als „besonders“ oder „anders“, sondern als selbstverständlicher Teil der erzählten Welt.
Auch Klassiker sollten in diesem Sinne überdacht und gegebenenfalls behutsam angepasst werden. Das bedeutet nicht, sie abzulehnen – sondern sie weiterzuentwickeln. Weil sich Sprache, weil sich Gesellschaft ZUM GLÜCK weiterentwickeln.
Ich finde es immer wieder erschreckend wie früher über Schwarze gedacht und geschrieben wurde.
Der Beitrag ist sehr gut geschrieben und sehr informativ.
Ich wusste das Jim Knopf Rassistische Bilder fördert. Aber so im Detail ist es nochmal verständlicher. Aktuell denke ich das ein umschreiben der Bücher wichtig und richtig ist. Dann denke ich auch ob zusätzliche Seiten wo erklärt wird worin das Problem liegt nicht auch gut wären. Aber da bin ich nicht gut genug im Thema. Schön das es langsam ein Umdenken in DE gibt!
Vielen Dank für diesen differenzierten, lehrreichen Beitrag!!
Was hier geleistet wird, ist keine „Verurteilung“ eines Kinderbuchklassikers, sondern eine kritische, kontextualisierte Auseinandersetzung mit den Bildern und Erzählmustern, die über Jahrzehnte hinweg unser Denken – oft unbemerkt – mitgeprägt haben. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass wir Werke wie Jim Knopf nicht nur aus der nostalgischen Kinderperspektive betrachten, sondern auch aus einer rassismuskritischen Haltung heraus.
In dieser Analyse gelingt es, die Ambivalenz sichtbar zu machen: Die Figur Jim Knopf war für manche Kinder eine der wenigen, mit der sie sich in ihrer Identität identifizieren konnten – und gleichzeitig trägt die Darstellung in Wort und Bild problematische koloniale Stereotype weiter. Beides ist wahr.
Das wir in Deutschland weiterhin ein massives Problem mit Rassismus haben, ist klar! Gerade deswegen ist es so wichtig an relevanten Stellschrauben wie unseren Medien (Büchern, Filmen etc.) und auch unserer Sprache- genau und kritisch hinzuschauen. Denn diese kreiert Wirklichkeit und ist machtvoll! Wenn es zu der Frage nach „Gibt es das Problem Rassismus in Deutschland überhaupt noch“, anderen Leser*innen an Beweisführung fehlt, empfehle ich ihnen sich z.B. die Forschung des Rassismusmonitor (DeZIM) „Rassistische Realitäten“ mal zu vorzunehmen: https://www.rassismusmonitor.de/publikationen/studie-rassistische-realitaeten/. Um nur eine von VIELEN zu nennen!
Die Frage ist nicht, ob ein Buch „ganz schlecht“ oder „ganz harmlos“ ist – sondern: Wie prägt es unsere Vorstellung von Welt, Identität, Zugehörigkeit, gesellschaftlichen Machtverhältnissen usw? Und welche Bilder möchten wir unseren Kindern heute noch mitgeben, wenn wir sie einmal ehrlich kritisch durchleuchtet haben?
Der Text ist ein wertvoller Beitrag für all jene, die Kinder begleiten – sei es in Familien, Schulen, Kitas oder Bibliotheken. Denn er lädt ein, nicht nur auf Inhalte, sondern auch auf Perspektiven zu achten – und das ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer inklusiveren, gerechteren Erzählkultur.
An all diejenigen, denen es schwer fällt ihr Herz für dieses Thema aufzumachen, die sich eher in Abwehr und Widerständen widerfinden: übt euch darin, Betroffenen Stimmen zuzuhören, ihnen zu glauben und euer Herz aufzumachen für neue Perspektiven! Es gibt hier nichts zu verlieren!!! Versprochen! Es ist vergeudete Energie, sich der Angst „etwas weggenommen zu bekommen“ zu widmen!
Herzlichen Dank für die wichtige Arbeit an die Redaktion!
Ein paar lose Gedanken zum Thema:
Künstlerische Werke durch „Übermalen“ mit „modernen“ Auffassungen kompatibel zu machen, hat eine lange Tradition. Ein prominentes Beispiel ist die freizügige Darstellung der Figuren in den Deckenfreskos der Sixtinischen Kapelle von Michelangelo im 16. Jahrhundert, die schon bald mit Übermalungen im Hüftbereich „entschärft“ wurden. Würden wir heute diese Übermalungen noch befürworten? Ist es sinnvoll, den künstlerischen Ausdruck einer vergangenen Zeit an die jeweils aktuellen Ansichten anzupassen? Geht dabei nicht ein interessanter Aspekt des Kunstwerks verloren?
Ab welchem Alter soll man es wagen, ein Kind mit der Andersartigkeit der Auffassungen anderer Zeiten oder Kulturen in Kontakt kommen zu lassen? Ist es für die Ausbildung einer eigenen Haltung nicht auch wichtig, mit anderen Haltungen konfrontiert zu werden? Überschärft formuliert: Wie lange soll man Kinder in einer „Echokammer“ isoliert halten?
Wie genau kann und will man es beim Ausbügeln von „Ecken und Kanten“ nehmen, um Material kindgerecht aufzuarbeiten? Wieviel Ungereimtheit und Nicht-Konfirmität ist tragbar oder sogar förderlich?
Wenn ich die Darstellung von Jims Gesicht durch schmale Lippen „korrigiere“, bedeutet das irgendwie eine Abwertung der originalen Lippenform? Oder im Kontext als Kinderbuch: Sollte Jim ganz selbstverständlich breite Lippen haben dürfen, so wie grüne oder braune oder blaue Augen? Machen erst wir Erwachsene daraus eine „koloniale Stereotype“?
Ich freue mich das endlich eine mutige Frau und Aktivistin das in Worte fasst was viele von uns spüren und erfahren, aber es nicht in Worte fassen können. Danke dafür!
Herzlichen Dank für diesen so wichtigen und fundierten Artikel! Für mich als weiß positionierte Person ist es so wichtig, auch die vermeintlichen „Schätze meiner Kindheit“ (in meinem Fall eher Pippi) kritisch zu hinterfragen und nicht stur an die nächste Generation weiterzugeben und damit Stereotype zu füttern. Ich danke Ihnen herzlich, Modupe Laja!
Die Gegenkommentare sind für mich klassische Beispiele für weiße Fragilität – dieses Konzept hilft mir immer wieder, meine Reaktionen kritisch zu hinterfragen (Herzliche Leseempfehlung: Exit racism von Tupoka Ogette).
Ich habe Michael Endes Bücher erst als Erwachsene gelesen, als ich sie meinen Kindern vorgelesen habe. Sowohl ich als auch meine Kinder haben sich sehr auf das nächste Kapitel gefreut, weil es einfach tolle Bücher sind, voller Fantasie und für ein Kinderbuch auf hohem literarischem Niveau. So manche Kritik verstehe ich, manche nicht. Daher würde ich das Buch im Original vorziehen und Stereotype besprechen. So muss man es ja eigentlich mit allen Büchern machen. Zum Beispiel „Die wilden Kerle“. Hier verabscheue ich die stereotype Darstellungsweise vom Dicken Michi und seinen „Unbesiegbaren Siegern“, die auf abscheuliche Weise das Arbeiterkindmillieu repräsentieren und ihre Gegenspieler aus gutbetuchtem Kleinbürgermillieu, die intelligent, witzig, symphatisch und solidarisch sind. „Moderne“ Kinderliteratur“ und trotzdem fürchterlich rassistisch. Trotzdem haben wir es gelesen und besprochen.
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