Transatlantischer Briefwechsel: Globalisierung, Seuchen und Umweltschutz | #WirinderZukunft – Tandem 1/4

Welche neuen Visionen ergeben sich angesichts der Corona-Pandemie für unsere Gesellschaft? Mit dieser und weiteren Fragen setzen sich acht Autor*innen aus verschiedenen Ländern auseinander. Sie bilden vier Tandems, ihre Perspektiven und biografischen Hintergründe sind divers. Unter dem Titel „Wir in der Zukunft treten sie in einen kreativen digitalen Dialog und Austausch. Die Ergebnisse präsentieren wir hier im Blog.

Den Auftakt machen Silke Kleemann und Gabriela Cabezón Cámara – Ein transatlantischer Briefwechsel zwischen Deutschland und Argentinien. Während in Argentinien der Herbst in den Winter übergeht, blüht in Deutschland der Frühling.

„Es ist die ideale Zeit, um hinterher anders, besser dazustehen“

Der Briefwechsel zwischen Silke Kleemann und Gabriela Cabezón Cámara führt die Unterschiede zwischen beiden Ländern vor Augen. Während Silke mehr von Wünschen und Visionen in Deutschland spricht, einem Land dem es relativ „gut“ geht, deckt Gabi schonungslos die Missstände in Argentinien auf: Korruption, Kapitalismus und die Gier der Reichen zehren das Land aus, zerstören die Umwelt und vergrößern die Kluft zwischen Reich und Arm. Vergangenheit wiederholt sich: Schon während des Kolonialismus wüteten Seuchen, und auch heute trifft das Coronavirus die Armen am härtesten.

Im Zentrum des Briefwechsels steht der Wunsch nach Gemeinschaft:

„Ich wünschte, die Eroberung würde erst anfangen, aber eine Eroberung ganz anderer Art, die Eroberung des eigenen Bewusstseins. (…)

(…) in den kleinen Dingen können wir alle etwas tun und viele positive Infektionsketten der Freundlichkeit und der Mitmenschlichkeit starten.“

Setzt ein Wandel im eigenen Tun ein? Wünschenswert. Der transatlantische Briefwechsel bietet viel Stoff zum Nachdenken.

„Wenn es hier bei uns schwierig ist, wie wird es dann erst anderswo sein?“

Liebe Gabi,

es ist ein Montagmorgen Mitte Mai, mein Sohn ist gerade zum ersten Mal seit zwei Monaten wieder mit geschultertem Ranzen in die Schule losgezogen, und ich sitze an meinem Schreibtisch und denke an die Zukunft. Hier in Deutschland lockern wir gerade stufenweise den Lockdown, es ist von einer „Rückkehr zur Normalität“ die Rede, während eigentlich auf Schritt und Tritt, im öffentlichen Raum wie im privaten, zum Himmel schreit, dass auf Monate nicht viel wie vorher sein wird und viele Gewissheiten über den tagtäglichen Umgang miteinander erschüttert sind.

Ist doch nicht schlecht, denke ich, eine Stunde Null, aus der Neues in viele guten Richtungen in die Welt wachsen kann. Das robuste „So war es immer schon“ ist aufgebrochen, das resignierte „So sind die Dinge nun einmal“ durchgeschüttelt – wir als Menschheit erleben gerade, dass durch den Zwang äußerer Umstände („ein neuartiges Virus“) doch schlagartig flächendeckende radikale Umstellungen nötig sein und auch vollzogen werden können. Und das angesichts des Todes – nicht als Einzel-, sondern als Massenvorkommen – selbst das Primat wirtschaftlicher Beweggründe ins Wanken gerät.

Wir befinden uns in einer globalen Pandemie. Und sitzen, um dieser Einhalt zu gebieten, jede konzentriert am eigenen Ort fest. In der „Auszeit“ des Lockdowns ertappe ich mich bei wenig maßvollen Wünschen und Visionen. Listenweise Probleme, die ich nun endlich angegangen und gelöst haben möchte: weniger Krieg und mehr Gerechtigkeit, Kampf gegen Armut und Hunger, fairer und nachhaltiger Handel. Schluss mit der Festung Europa, menschenwürdiger Umgang mit Flüchtlingen. Wirkliche Gleichberechtigung und wirksamer Schutz von Frauen, mehr female leadership. Der New Green Deal. In der Krise muss es doch noch der („der“ ist nicht zufällig gewählt!) Letzte begreifen: Es ist die ideale Zeit, um hinterher anders, besser dazustehen. Dann erinnere ich mich: Oh, stimmt, gerade gilt es ja erst mal noch die Pandemie zu bewältigen.

Immerhin ist es eine Art von Katastrophe, die die Infrastruktur unangetastet lässt. Die Einrichtungen sind noch da und intakt, werden aber nicht genutzt aus Angst vor Ansteckung. Die Flugzeuge sind vorhanden, heben aber nicht ab, weil die Passagiere in anderen Ländern keine Einreiseerlaubnis bekommen. Die Fabriken können nicht fertigen, da das Personal nicht wirksam geschützt werden kann. Ist das nicht trotzdem ein Vorteil gegenüber anderen Katastrophen, die direkt materiell zerstörerisch zuschlagen wie ein Erdbeben? Oder Landstriche auf Generationen hin unbewohnbar machen wie ein Atomunglück? Oder ist eine solche Katastrophe vielleicht doch sogar für manche besonders schmerzlich und nur schwer zu erfassen und zu akzeptieren, weil die Zerstörungskraft nicht so sichtbar ist und im Raum – neben den winzigen virenhaltigen Aerosolen – auch leichter die Frage „war es wirklich nötig“ schwebt, bezogen auf das menschgemachte „Stopp“ dem Virus gegenüber durch den Lockdown?

All das frage ich mich an meinem gewohnten Arbeitsplatz, dem Schreibtisch, an dem ich auch ohne Ausgangsbeschränkungen weite Teile meines Tages verbringe, in einer komfortablen Wohnung in einem Land, wo zwar die Wirtschaft einknickt und die Menschen sich unverhofft stärker mit existenziellen Sorgen befassen müssen, als sie es in den letzten 65 Jahren gewohnt waren, das im internationalen Vergleich aber doch gut dasteht.

Wie ist die Lage in Ländern, bei denen von vornherein angenommen werden kann, dass sie nicht „reich“ sind, eine weniger stabile Ausgangsposition haben? Wie sieht es jetzt gerade bei euch in Argentinien aus? Was machen Menschen, die auch ohne Virus und Lockdown schon am Existenzminimum oder darunter lebten? Wenn es hier bei uns schwierig ist, wie wird es dann erst anderswo sein? Und wie können wir dem gemeinsam begegnen – denn globale Krise, globale Herausforderung heißt ja wohl, dass wir auch nach globalen Lösungen suchen sollten. Dass das Virus uns hoffentlich lehren kann, endlich so zusammenzustehen und einig zu handeln, wie es unser gemeinsamer Lebensraum, die Erde, schon seit Jahren von uns verlangt.

Ich will über die Zukunft nachdenken, aber die Gegenwart ist zäh, drängt sich immer wieder in den Vordergrund. Durch die Medien, eigene Sorgen und die anderer, in fast jedem Gespräch … Und die Gegenwart ist schwer, hält die Aufmerksamkeit bei sich. Dass wir uns plötzlich kollektiv in einer Situation wie aus der besten Dystopie (falls man diese beiden Wörter überhaupt kombinieren kann) wiederfinden, macht es gar nicht so leicht, die visionären Schwingen auszubreiten und sich, so stockend und stolpernd wie auch immer, in Richtung Utopie auf den Weg zu machen. Nötig ist es aber. Wie soll das Schöne, das Gute, das Bessere – für alle Menschen, und ja, für die gesamte Welt mit all ihren Wesen – je Wirklichkeit werden, wenn wir diesen Ort nicht einmal in unserer Vorstellung besuchen können?

Sei gegrüßt und umarmt, Silke

„In diesem Winter wird nicht die Kälte die Vernichtungswaffe des Finanzkapitals sein“

Gabriela Cabezón Cámara mit ihren Hunden (Foto: Grillo Váldez)

Hier hat die Kälte angefangen, Silke. Eine bescheidene Kälte. Ohne Schnee: Wenn die Regentropfen, die der Wind in scharfen Diagonalen vorbeibläst, ein wenig gefrieren, ist das schon eine Nachricht in den Zeitungen und in den gerichtlichen Leichenschauhäusern. Diese bescheidene Kälte reicht, damit Leute sterben, die auf der Straße leben. Sehr kleine Kinder, sehr alte Alte und Frauen und Männer, die aus ihren Wohnungen rausgeworfen wurden; denn in meiner Stadt stehen, wie fast überall, viele Häuser leer. Die Häuser werden von Reichen und von Investmentfonds wie Black Rock aufgekauft. Und die werfen die Bewohner raus, um die Häuser teurer an wen auch immer zu verkaufen, vielleicht an andere Investmentfonds, von denen ich nicht mal den Namen weiß. In diesem Winter wird nicht die Kälte die Vernichtungswaffe des Finanzkapitals sein. Das Coronavirus tobt sich an denen aus, die übrig sind.

Hier ist nicht meine Stadt, Silke, ich bin aus meiner Stadt weggezogen. Deshalb sehe ich, wenn ich jetzt rausschaue, das Licht in den Blättern der vom Wind geschüttelten Bäume funkeln. Vor einer Weile ist die Sonne rausgekommen. Meine Hunde laufen hierhin und dorthin: zwei spielen mit einem Ball, die Hündin kaut Zuckerrohrblätter zu Mittag. Der älteste hat seinen Körper zur Hälfte auf jeder Seite der Tür, weil er sich nicht ganz für drinnen oder draußen entscheiden kann. Noch ein anderer rennt mit seiner Freundin herum, der Hündin der Nachbarn, die meine Freunde sind.

Den Lockdown verbringe ich mit Caro und meinen Hunden und meinen Nachbarn und deren Hündin und deren Katzen. An manchen Tagen kochen wir gemeinsam, trinken Wein und sprechen über die Katzen, über die Meerschweinchen, die sich aus ihren Bauten trauen und dann mit ihren Pfötchen Dinge auf dem Feldweg machen, der uns und ihnen gehört. Über die Pferde, die den Nachbarn am anderen Ende des Dorfs weglaufen und spazieren gehen und zu Besuch kommen und einmal bei uns im Garten zum Schlafen geblieben sind. Über die Vögel, die in den Pfützen baden.

Gestern Abend hat mein Freund Grillo uns vom „Mojarrita“ Agüero erzählt, einem Herrn aus Santa Rosa in Corrientes, der seinen Spitznamen einem gleichnamigen Fisch verdankt und es zu fast landesweitem Ruhm gebracht hat mit seiner eigenartigen Schwimmweise. Mojarrita ließ sich Füße und Hände zusammenbinden und trieb dann einfach auf dem Fluss. Vor 50 Jahren holte er den seltsamen Rekord, fünf Tage lang im Wasser zu bleiben, treibend und gefesselt. Vor 20 Jahren, da war er schon 71, schwamm er eintausendzweihundert Kilometer flussabwärts, um ein der Jungfrau von Itatí gegebenes Versprechen zu halten. Fünf Jahre später starb er. Ich frage mich, ob er nicht auf dem letzten Stück dieser letzten seiner Schwimmreisen krank geworden ist; das war nämlich in den extrem verschmutzten Gewässern meiner Stadt, die nicht mehr meine Stadt ist, Buenos Aires. Laut der Zeitung aus Mojarritas Dorf kam er, bevor er „von seiner Krankheit besiegt“ wurde, in die Redaktion, zum Mate-Trinken und um den Journalisten Geschichten zu erzählen. Und in den Tagen vor seinem Tod, als er plötzlich wusste, dass der bevorstand, so wie er immer gewusst hatte, dass er unumgänglich war, machte er sich auf und lief durchs ganze Dorf: Er verabschiedete sich einen nach dem anderen von all seinen Nachbarn. Vielleicht übertreiben sie, oder vielleicht ist das ein weiterer Rekord.

Silke, ich lese, dass während dieser Krise des Coronavirus das Vermögen von Jeff Bezos, dem Geschäftsführer von Amazon, um mehr als 30% gewachsen ist, auf 147 Milliarden Dollar. Das von Mark Zuckerberg von Facebook stieg über 45%, auf 80 Milliarden. Wir anderen sind fast alle ärmer. Muss das immer so sein?

Im Gemüsegarten sind die Kohlköpfe herangewachsen, schön sehen sie aus, wie grüne, fleischige Riesenblumen. Wenn es regnet, bleiben die Tropfen stundenlang unversehrt auf ihnen liegen, ein bisschen in der Art vom Mojarrita, aus reinem Genuss, die üppige Zartheit ihrer prachtvollen Blätter zu berühren. Ich weiß nicht, ob ich sie ernten werden kann, Silke. Es tut mir leid, sie abzuschneiden.

„Wie können wir aktiv träumen?“

Liebe Gabi,

deine Antwort hat mich daran erinnert, dass bei euch Herbst ist. Die vertauschten Jahreszeiten auf der Südhalbkugel – eine der vielen Offensichtlichkeiten, die leicht in Vergessenheit geraten. In den letzten Wochen habe ich oft gedacht, dass wenigstens Frühling ist. Dass wenigstens von draußen Licht und Wärme hereindringen, dass das Sprießen, Grünen, Blühen, dass Jungpflanzen und Jungtiere unweigerlich Optimismus mit sich bringen. Auch in dieser Zeit.

Herbst ist Erntezeit – deine Kohlköpfe, die ihr vielleicht zu in Gemeinschaft genossenen Eintöpfen machen werdet. Die vielleicht aber auch weiter einfach nur für sich selbst stehen werden, als Kohl-Poesie. Verständlicherweise steht niemand seiner eigenen Auslöschung gleichgültig gegenüber. Herbst ist auch Vergänglichkeit – die momentan so spürbar ist, auch in deinem Brief. Wie wunderbar, wenn es wie beim Mojarrita Agüero gelingt, den eigenen Abschied begrüßen und zelebrieren zu können!

Die Geschichte vom Fluss lässt mich an die Stadt denken, aus der ich komme, Köln. Am Ufer des Rheins. Als kleines Mädchen hörte ich die Geschichten meiner alteingesessenen Kinderfrau, die in meinem Alter im Rhein geschwommen war, sich von der Strömung von einer Bucht zur nächsten tragen ließ (allerdings ohne an Händen und Füßen gefesselt zu sein). In meiner Kindheit war das unvorstellbar, das Wasser des Rheins war viel zu verschmutzt. Doch zum Ende meiner Jugend änderte sich das, man konnte wieder schwimmen, Umweltschutzmaßnahmen hatten Wirkung gezeigt. Wie es jetzt gerade ist, kann ich gar nicht sicher sagen, weil ich seit über zehn Jahren in dieser anderen Stadt hier wohne, mit einem Fluss, der so anderer Natur ist, dass er für mich kaum als solcher zählt. Die Geschichten meiner Kinderfrau klingen weiter in mir nach.

So vieles besteht aus Zyklen, aufeinanderfolgendem, sich oft gegenseitig bedingendem Wandel. Geschehnissen, der Reaktion darauf, und einer womöglichen Änderung des Verlaufs, bestenfalls in die Richtung, die frau sich wünscht.

Es ist vielleicht nicht genug, die Ungleichgewichte zu sehen und zu benennen. Wie können wir aktiv träumen, Gabi? Wie sieht dein Traum aus?

„Die Globalisierung begann mit Seuchen. Und wer weiß, ob sie nicht aus demselben Grund enden wird“

Ich träume davon, dass die Conquista aufhört, Silke. Denn wenn der Kapitalismus irgendwo seinen Anfang genommen hat, wenn er irgendwo das Gold, das Silber und das Kupfer gefunden hat, die es ihm erlaubt haben, so richtig durchzustarten, dann war das hier. Hast du die Tagebücher von Kolumbus gelesen? Schau dir das an: „Ich beobachtete alles mit größter Aufmerksamkeit und trachtete, herauszubekommen, ob in dieser Gegend Gold vorkomme. Dabei bemerkte ich, dass einige von diesen Männern die Nase durchlöchert und durch die Öffnung ein Stück Gold geschoben hatten. Mithilfe der Zeichensprache erfuhr ich, dass man gegen Süden fahren müsse, um zu einem König zu gelangen, der große, goldene Gefäße und viele Goldstücke besaß … und die Bewohner sind sehr fügsam.“

Und der Admiral suchte weiter nach Gold und suchte die Insel Cipango. Japan fand er nicht. Das Gold aber schon. 90 Prozent der sehr fügsamen Bewohner der Karibikinseln starben in den 20 Jahren, die auf die Ankunft der spanischen Armada folgten. Und nach Kolumbus kamen andere und später noch mal andere und dann wieder andere. Trachteten herauszubekommen, ob in dieser Gegend Gold vorkomme. Und sie bekamen es heraus und sie fanden es und entrissen es der Erde und töteten diese sehr fügsamen Leute und auch die, die nicht so fügsam waren. Sie nutzten die Überlegenheit ihrer Waffen, das Schießpulver, die Pferde, die Hunde und die Rivalitäten zwischen den verschiedenen Völkern, auf die sie stießen, zum Niedermetzeln und Beherrschen. Und die Seuchen. Sprechen wir von Seuchen, in dieser Zeit der Seuche. Die Pocken waren die erste. Ihnen kam die Starrolle bei der Eroberung Mexikos zu. Das war zwischen 1518 und 1520. In nur wenigen Monaten töteten die Pocken etwa 85.000 der 250.000 Bewohnern. So kam es, dass die Stadt, nachdem sie der Belagerung durch ein tausende Mann starkes Heer ein Jahr lang widerstanden hatte, von Kolombus eingenommen wurde: die von den Spaniern mitgebrachte Seuche half ihm. Darauf folgten weitere Seuchen. Masern, Keuchhusten, Durchfälle, Fleckfieber, Typhus, Malaria und Gelbfieber. Die Seuchen waren vielleicht die wichtigste Waffe, die Waffe, von der die Eroberer gar nicht wussten, dass sie sie besaßen. Die Globalisierung begann mit Seuchen. Und wer weiß, ob sie nicht aus demselben Grund enden wird.

Die Versklavung, die Verarmung, die Massaker und die Seuchen waren so enorm, das sie zu einer geologischen Kraft wurden: bei Ankunft der Spanier lebten auf meinem Kontinent etwa 60 Millionen Menschen. Hundert Jahre später waren es gerade noch 5 Millionen.

„Das Massaker an den indigenen Völkern Amerikas führte dazu, dass ausreichend kultiviertes Land aufgegeben wurde, so dass die daraus resultierende terrestrische Kohlenstoffaufnahme eine nachweisbare Wirkung sowohl auf die CO2-Konzentration in der Atmospäre wie auf die globale Oberflächentemperatur hatte„, bekräftigen Alexander Koch und seine Kollegen in einem in Quaternary Science Reviews veröffentlichten Artikel, den die BBC in einem Bericht vom Januar letzten Jahres zitiert. Rund 56 Millionen Hektar, ein Gebiet in etwa von der Größe Frankreichs, wurden nicht länger bewirtschaftet, dort wuchsen Wälder und Savannen. Das trug mit zu dem bei, was im 17. Jahrhundert „kleine Eiszeit“ genannt wurde. Von da an begann das Kapitalozän, oder Anthropozän.

In einem bolivianischen Zeitungsartikel aus Los Tiempos wird der Historiker Eduardo Arze Quiroga mit den Worten zitiert, dass „Potosí [die ehemals größte Silbermine des spanischen Imperiums] einer objektiven Schätzung nach mehr als die Hälfte des Silbervermögens beitrug, das von verschiedenen Orten Amerikas aus die europäische und spanische Ökonomie der goldenen Tage der Rennaissance alimentierte und in der Alten Welt den Prozess hervorrief, den Hamilton die ,Revolution der Preise und Gehälter‘ im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts genannt hat, mit sichtbarem Einfluss auf die Konsolidierung der großen zentralistischen Staaten der Moderne und die Entwicklung der westlichen kapitalistischen Gesellschaft“.

Die Eroberung und ihr Toben in unserem Land haben nie aufgehört, auch nicht nach den Taten, oder nur der bloßen Anwesenheit, der Spanier. Es folgte unsere Bourgeoisie. Gerade jetzt, Silke, wird der Gran Chaco abgeholzt. Das ist der zweitgrößte Urwald Südamerikas, nach dem Amazonas. Was im Amazonas los ist, erzähle ich dir nicht, weil ich sicher bin, du weißt das. Vom Gran Chaco hast du vielleicht noch nicht gehört. Ein Teil dieses Urwalds liegt in meinem Land. Er wird abgeholzt, um Soja zu pflanzen, Silke. Alles Lebendige wird umgebracht, um Soja zu pflanzen, Silke. Alles Lebendige in einem der größten Urwälder der Welt. Alles Lebendige. Und auch die Menschen dort. Ohne den Wald, den man ihnen abholzt. Und mit dem Fluss, den man ihnen verschmutzt. Ohne den Wald und ohne den Fluss sterben sie, Silke, sie werden umgebracht. Im Januar und Februar dieses Jahres sind 25 Kinder an Unterernährung gestorben. Die, die den Wald abholzen, sind namentlich bekannt, sie stehen in diesem Bericht von Greenpeace.

Dann gibt es noch die Mega-Minenprojekte, die Tod und Zerstörung verbreiten. Sie machen so weiter, wie Kolumbus angefangen hat, sie suchen nach Gold, oder welchem Mineral auch immer, um jeden Preis. Hier geschieht es unter freiem Himmel. Ich zitiere die Erklärungen aus einem Artikel aus La Izquierda Diario: „Es werden ,riesige Mengen Erde weggeräumt‘ durch ,kontrollierte Explosionen‘. Riesige Krater, die bis zu 1000 Meter in die Tiefe reichen können, werden in den Boden gesprengt. Durch chemische Prozesse werden die Mineralien aus der Erde herausgewaschen, und in dem Maß, wie diese nach und nach weniger werden, werden die Krater immer mehr vergrößert, und immer so weiter, bis es nicht mehr rentabel ist. Zum Abbau von Metallen wie Gold oder Silber wird Cyanid verwendet, eine hoch giftige Verbindung, die vielfältig in der Industrie eingesetzt wird (zum Beispiel zur Herstellung von Pflanzenschutzmitteln). Für den Metallabbau wird es in Wasser aufgelöst, das zuvor aus Flüssen oder Bächen aus den Bergen abgeleitet wurde. Nach diesem Prozess ist das Wasser unbrauchbar. Die Wassermengen, die bei diesem Verfahren verschwendet werden, sind nur schwer zu bemessen, aber wir können sagen, dass der Abbau von jedem Gramm Gold mindestens 1000 Liter Wasser erfordert.“

Zudem verschmutzt das Abwasser aus den Minen die umliegenden Gewässer.

Und was am meisten Territorium einnimmt: die Landwirtschaft, Silke. Mit transgenen Pflanzen, die den Einsatz von giftigen Pestiziden in industriellen Mengen erforderlich machen, wie Glyphosat des Unternehmens Bayer Monsanto, das sich schon mehreren Gerichtsverfahren wegen der Toxizität seines Produkts stellen musste und keins davon gewonnen hat. Doch uns ergeht es noch schlimmer: In Argentinien regnet es Glyphosat. Ich hänge dir diesen Forschungsbericht von der Universität La Plata an.

Und einen, der die Beziehung zwischen Krebs und Pflanzenschutzmitteln erklärt; wegen dieser Forschungsarbeit wurden die beteiligten Wissenschaftler verfolgt.

Was ich dir hier erzähle, sind nur einige der Dinge, die in meinem Land passieren. In ganz Lateinamerika passiert Ähnliches und Schlimmeres. Es ist wie ein Krieg: Die Umweltaktivisten, die vor Ort kämpfen, werden umgebracht.

Und in der Stadt, die meine war und nicht mehr ist, in Buenos Aires, haben sie die Menschen in einem der dortigen Armenviertel, einem der am dichtesten bevölkerten, dem Barrio 31, mitten in der Coronavirus-Epidemie ohne Wasser sitzen lassen. Ja genau, während der Seuche, gegen die man mit Händewaschen vorbeugen kann. Es starben unter anderem die Aktivisten von Basisorganisationen, die die fehlende Wasserversorgung und die kriminelle staatliche Nachlässigkeit an die Öffentlichkeit gebracht hatten. Ramona Medina, Mitglied von La Garganta Poderosa [argentinische Monatszeitschrift de cultura villera, Kultur aus den Armenvierteln]. Und Víctor Giracoy. Beide starben wegen des fehlenden Wassers. Und weil sie sich für Solidaritätsaktionen eingesetzt haben, wie die Organisation von gemeinschaftlichen Essensausgaben.

Ich träume davon, dass all das aufhört, Silke. Dass mein Land und mein Kontinent, Lateinamerika, nicht länger der Ort sind, von wo das Gold abgebaut wird zum Preis des Massakers an den Bewohnern. Der Ort der größten Ungleichheit in der Welt. Der Ort der Umweltverwüstung. Natürlich bin ich nicht die Einzige. Aber ich weiß nicht, wie wir es schaffen werden, diesen Traum zu verwirklichen.

„Wir müssen unsere Stimmen erheben“

Ja, die Gegenwart ist zäh, sie ist schwer, macht nicht geneigt zu hoffnungsvollem Denken. Und dein Text, Gabi, zeigt es – darin verwoben steckt die Vergangenheit. Klebrig, gierig, hartnäckig, blutig, bleiern durchwirkt sie unseren fliegenden Teppich, mit dem wir uns gern aufschwingen würden, um unsere Träume Wirklichkeit werden zu lassen, hält ihn am Boden. Ich stelle mir diesen Teppich bunt vor, zusammengesetzt aus vielstimmiger Vielfalt, den Interessen, Sehnsüchten und Bedürfnissen vieler, gelenkt nicht nur von denen, die ohnehin schon das Meiste und darüber hinaus meist das Sagen haben. Die Vergangenheit – und Vergangenheit heißt auch Machtstrukturen, Geld – zerrt an unserem Teppich, lässt die Leinen nicht los, denn klar: wer Veränderung nicht wünscht sind die, die Profit aus dem Status quo schlagen. Die, die weiter auf der Suche nach „Gold“ in all seinen Spielarten sind, mit Blick überwiegend auf möglichst hohen kurzfristigen persönlichen Gewinn.

Du hast nach meinem Traum gefragt, Gabi, und der hat mit Gemeinschaft zu tun, und einer Kraft, die sich von vielen einzelnen Orten und Menschen allmählich rund um den ganzen Erdball vernetzt. Ich wünschte, die Eroberung würde erst anfangen, aber eine Eroberung ganz anderer Art, die Eroberung des eigenen Bewusstseins. Raus aus den Notprogrammen des menschlichen Gehirns, dem Überlebensmodus, den billigsten (und fürs Allgemeinwohl kostspieligsten) Impulsen – ich wünschte, das, was im Buddhismus „Interdependenz“ oder „Verwobenheit allen Seins“ genannt wird, würde zur erkannten und gelebten Wirklichkeit der Menschen. Dass es dauerhaft nur allen besser gehen kann, wenn niemand unterdrückt und ausgebeutet wird und der Wohlstand der einen nicht länger auf die Kosten der anderen geht. Unruhen, Flucht, Klimaveränderungen, die Endlichkeit der Ressourcen … die Probleme sind offensichtlich, längst ist klar, dass der momentane Zustand nicht mehr tragbar ist und auch nicht mehr trägt. Die auf all diese Grundprobleme draufgesetzte (oder von ihnen mit beförderte?) Pandemie macht es überdeutlich, lässt die großen Notwendigkeiten und Ziele noch klarer hervortreten. Wir können, sollen, müssen unsere Stimmen erheben, doch der Eindruck, nicht direkt auf diese großen Dinge einwirken zu können, mag leicht zu Ohnmachtsgefühlen führen. Aber in den kleinen Dingen können wir alle etwas tun und viele positive Infektionsketten der Freundlichkeit und Mitmenschlichkeit starten.

Ich setze darauf, dass etwas – hoffentlich viel – von der Freundlichkeit überdauern wird, die auch symptomatisch für diese Corona-Zeit ist, von der Rücksichtnahme aufeinander, das Schauen nach den anderen, die gemeinsam übernommene Verantwortung. Dass das Näherrücken des Leids an die eigene Lebensrealität auch hier bei uns, die Möglichkeit oder sogar Erfahrung eigener existentieller Bedrohung, allerorten mehr Mitgefühl weckt und erkennen lässt, dass es den Beitrag jedes Einzelnen braucht, in jedem Moment und jeder Situation, um die Welt für alle zu einem besseren Ort zu machen und nicht die Hauptlast, den Hauptschaden wieder bei denen zu lassen, die es schon bisher am schwersten hatten.

Aus dem Kleinen – so mein Wunsch, meine Vision – kann sich Stück für Stück das Große zusammensetzen. Der bunte Teppich, der sich unbemerkt ausbreitet, immer größere Bereiche mit Bewusstsein durchwebt, das verändert, was als „normal“ betrachtet wird. Bis wir gar nicht mehr abheben müssen, sondern selbst der Wandel sind, den wir in der Welt sehen wollen – Leben und Zusammenleben als eigentliches Kunstwerk. Die Strukturen, in denen wir leben, sind menschengemacht. Wir Menschen haben also das Potential, sie zu ändern. Diese Wahl kann jede von uns Tag für Tag treffen, in jeder einzelnen Entscheidung. Und so betrachtet ist es vielleicht gar nicht nur schlecht, dass die Gegenwart zäh ist, uns immer wieder zurückruft, denn in ihr legen wir die Samen für unser Morgen. Breiten wir uns vom Kleinen ins Große aus, mit voller Ansteckungskraft voraus – freundlich, beharrlich, friedlich, mit Blick auf eine Zukunft für alle.

Wäre es nicht eine großartige Auswirkung des Virus, wenn das Eingestehen, die Erkenntnis unserer Endlichkeit – als einzelne und kollektiv – auch das Bewusstsein für die Verwobenheit aller Dinge und die liebevolle Sorge dafür mit sich bringen würde? Und wir das zum Maß unseres Handelns machen würden, beherzt und unerschrocken, mit allem, was daraus folgt.

„Ich möchte weg in den Urwald und jedes Blatt mit Liebe überschütten“

Argentinien, Winter (Foto: Gabriela Cabezón Cámara)

Liebe Silke,

der Winter ist da. Gestern hat der Nebel alles eingenommen, es waren gerade noch ein paar immer schwächer werdende Lichter zu sehen. Sonst nichts. Heute Morgen hat die Sonne den Nebel aufgelöst und jeder Grashalm, jedes Blatt und jede Blüte und das Auto und die Häuser waren mit Wassertröpfchen bedeckt. Manchmal habe ich Lust, in die Stadt zurückzukehren, die nicht mehr meine ist, in Bars zu gehen, zu Freunden nach Hause, zu Lesungen mit Wein. Aber das gibt es nicht: Hier geht der Lockdown weiter, wir sind schon bei drei Monaten, und die Coronavirus-Fallzahlen steigen, und was für eine Stadt ist die, die meine war, ohne Bars und ohne Besuche bei Freunden? Nur die Buchhandlungen sind offen und sie fehlen mir, aber ich habe Angst mich anzustecken und gehe deshalb nicht hin. Ich bestelle die Bücher per Telefon.

Ich lese, was du schreibst und möchte auf deinen magischen Teppich steigen: Wie schön wäre es, Silke, wenn dieses Virus, das die Fragilität unserer ganzen Existenz, unsere tiefe Verwundbarkeit, offenbart hat, uns mehr der Seite der gegenseitigen Fürsorge zuneigen würde. Wie schön wäre es, wenn wir annehmen würden, dass die Erde uns allen gegeben ist, allem Lebendigen, unserer artenübergreifenden Gesellschaft, zum gemeinsamen Leben. Wie wunderbar wäre es, wenn sie aufhören würden, alles Lebendige zu töten. Wie schön, wenn die brutalste Ausbeutung für immer ein Ende hätte, wenn die Konzentration des Reichtums verdünnt werden würde, bis alle und jeder Einzelne von uns das Nötige für ein Leben in Würde hätten. Ich vermisse meine Freunde, Silke, seit drei Monaten sehe ich fast niemanden. Und zugleich möchte ich weg in den Urwald und die Welt neu lernen, von der Erde und dem gesammelten Wissen der Völker aus, die seit 500 Jahren das endlose Töten überleben. Silke, ich möchte weg in den Urwald und jedes Blatt mit Liebe überschütten.


Übersetzung ins Deutsche der Texte von Gabriela Cabezón Cámara: Silke Kleemann

Hier geht es zum Original-Briefwechsel in spanischer Sprache.

Ein Projekt im Rahmen des 360°-Fonds für Kulturen der neuen Stadtgesellschaft.

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Silke Kleemann (Foto: Ellen Bornkessel)

Silke Kleemann (*1976 in Köln) arbeitet seit 2000 als Übersetzerin spanischsprachiger Literatur, Lektorin und Autorin. Unter anderem übersetzte sie Juan Filloy, Sergio Olguín, Diana Bellessi, Alberto Fuguet und Marina Perezagua. 2015 erhielt sie für ihre Übersetzungen von Ariel Magnus den Bayerischen Kunstförderpreis für Literatur und ein Literaturstipendium der Stadt München für ihr Jugendbuchprojekt „Manic Road Movie“. Zuletzt erschien im Nachgang zur Münchner Veranstaltungsreihe Meet your Neighbours die Anthologie „Wir sind hier. Geschichten über das Ankommen“ (Hrsg. zusammen mit Katja Huber und Fridolin Schley). 

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Gabriela Cabezón Cámara (Foto: Grillo Valdez)

Gabriela Cabezón Cámara (*1968 in Buenos Aires, Argentinien) wurde mit ihrer Romantrilogie rund um „La virgen cabeza“ bekannt. Ihr letzter Roman „Las aventuras de la China Iron“, eine queere Variante des argentinischen Nationalepos „Martín Fierro“steht in der englischen Übersetzung aktuell auf der Shortlist für den diesjährigen International Booker Prize. Auf Deutsch liegt bisher ein Romanauszug vor, in der Wagenbach-Anthologie „Buenos Aires. Eine literarische Einladung“. Cabezón Cámara lebt in Abasto, La Plata, unterrichtet kreatives Schreiben und ist eine der führenden feministischen Stimmen in der lateinamerikanischen Literatur.

Wir wünschen uns den Austausch mit Euch. Kommentiert gerne, welche Gedanken der Briefwechsel bei Euch auslöst!

Das nächste Tandem zu #WirinderZukunft erscheint hier im Blog am 26. Juni.

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