Theresa Seraphin: Experimentelles Schreiben und das richtige Maß an Ablenkung | #AtelierMonaco-Szene

Theresa Seraphin schreibt Theatertexte, Lyrik und Prosa. Fest in Münchens freier Szene verankert, ist sie auch dort anzutreffen, wo es in der Stadt um Text geht – im Publikum oder auf dem Podium. Ihre Themen sind Queerness, Feminismus und Traumata. Theresa Seraphin ist Mitbegründerin des Netzwerks Münchner Theatertexter*innen und arbeitet aktuell an einem gattungsübergreifenden Text über Gewalt und den weiblichen Körper. Katrin Diehl hat Theresa Seraphin für die sechste Folge der #AtelierMonaco-Szene* interviewt.

Theresa Seraphin. Foto: Priscillia Grubo
Theresa Seraphin. Foto: Priscillia Grubo

Theresa Seraphin: Bis der Text weiß, was er will ­– Experimentelles Schreiben

Man sollte sich Theresa Seraphin planend vorstellen. Wobei planen von denken so wenig zu trennen ist wie denken von planen. Man sollte sich Theresa Seraphin denkend vorstellen. Nicht grübelnd. Dafür ist der Sache eine zu genaue Recherche vorausgegangen mit einem festen Ziel vor Augen. Man sollte sich Theresa Seraphin schreibend vorstellen während extra dafür reservierter Stunden, Tagen, an extra dafür vorgesehenen Orten, etwas ab vom Schuss, in einem extra dafür angemieteten weißen Raum.

Dass sie so durchdacht vorgeht, hat auch mit einem System zu tun, demgegenüber man sich als Künstler*in schnell ausgeliefert fühlen kann, außer er*sie setzt ihm sein*ihr Souverän entgegen. Wer denkt, Künstler*innen sollten bittend auf Knien rutschen, ist eine Fehlbesetzung in den Gremien, Referaten, Ausschüssen des Kulturbetriebs. Den kennt Theresa Seraphin, kennt dessen Besetzung, die Strukturen, Termine, Fristen für diverse Anträge.

Theresa Seraphin schreibt Texte, die bestimmen, was sie sind: Theatertexte, Lyrik oder Prosa. Die genaue Ausarbeitung hat mit Logik zu tun, die verblüfft, Spaß macht, tief geht. Politisch sind sie ohnehin, mal mit großem, mal mit etwas kleinerem Ausrufungszeichen. Gelesen hat sie unter anderem

Seraphin hat Dramaturgie, Komparatistik und Kunstgeschichte an der Theaterakademie August Everding sowie an der Kyonggi Universität in Seoul (Südkorea) studiert. Bis 2022 arbeitete sie als Dramaturgin in dem Kulturzentrum ARGEkultur in Salzburg. Zusammen mit Raphaela Bardutzky gründete sie 2016 das Netzwerk Münchner Theatertexter*innen (NMT), gehört bis heute zu dessen Leitungsteam. Anfang 2023 feierte ihr Text ERIK*A an der Münchner Schauburg Premiere (eingeladen zu den Bayerischen Theatertagen 2024), und auch ihre Tanzproduktion UNISONO kam auf die Bühne (im WUK, einem Wiener Kulturhaus). Ende 2023 war im Schwere Reiter „PANZER WIESE zu sehen, Ergebnis eines kollektiven Schreibprojekts des NMT.

Theresa Seraphin. ERIK*A - Münchner Schauburg.
Theresa Seraphin. ERIK*A – Münchner Schauburg. Foto: Cordula Treml

Aktuell sitzt Seraphin, die sich thematisch immer wieder mit Queerness, Feminismus und Traumata befasst, über „so etwas wie einem Buch“.
Katrin Diehl fragte (per Mail), Theresa Seraphin antwortete (per Mail), dazwischen trafen sich die beiden immer wieder einmal.

Woran arbeitetest du gerade, Theresa?

An einem längeren, experimentellen Text, der aus verschiedenen Textformen – unter anderem aus Gedichten und Essays – bestehen wird. Es geht darin um sexualisierte Gewalterfahrung im Kindes- und Jugendalter. Um konkrete Gewalt einerseits, aber auch um die allgemeine Sexualisierung weiblicher* Körper durch gesellschaftliche Machtstrukturen und die stete Abwehr von Objektifizierung.

Mit dem Thema sexualisierte Gewalt bin ich – wie leider wahrscheinlich wir alle – im privaten Kontext vertraut, und es wird gerade auch im Theater und in der Literatur zum Glück immer sichtbarer. Dieses „Sichtbarmachen“ von Gewalt und das Wegnehmen von „Heimlichkeit“ ist auch eines meiner Anliegen. Gerade schreibe ich an Gedichten. Es wird aber nicht bei Gedichten bleiben. Vergangenen Sommer hatte ich die Erkenntnis, dass ich für das, was ich sagen möchte, verschiedene Text- und Denkformen brauche. Deswegen gibt es schon Skizzen für Essays und Erzählungen, aber auch für performative Texte. 

Mit 10 war ich überzeugt, auserwählt zu sein.
Ich stand jeden Sonntag nach der Kirche vor dem Spiegel
und suchte das Kreuz, das mir der Pfarrer auf die Stirn gezeichnet hatte.

Mit 11 gingen wir in die Stadt. Dort wollte uns ein Mann seine Katze zeigen
und also gingen wir nach Hause und sahen uns stattdessen unsere Muschis an.
Die waren grau und zart wie die Ohrläppchen alter Frauen.

Mit 11 trugen wir Tangas, weil man die beim Sex anlassen kann,
wusste T.s Schwester. Die wusste alles, bis sie verloren ging,
nachts, und nicht nach Hause kam, sondern getragen werden musste.

(Auszug aus dem aktuellen Projekt SCHNEEFLOCKE (AT))
Projekt SCHNEEFLOCKE (AT), Theresa Seraphin, Experimentelles Schreiben #AtelierMonaco-Szene. Maskierte weibliche Person
Projekt SCHNEEFLOCKE (AT), Theresa Seraphin, Experimentelles Schreiben #AtelierMonaco-Szene. Foto: Theresa Seraphin

Wie sehr beeinflusst die intensive literarische Arbeit und damit die intensive Beschäftigung mit einzelnen Themen deinen Alltag, der ja auch aus banalen Dingen, die erledigt sein wollen, besteht? Also, kannst du „die Sache“ auch mal kurz beiseitelegen, wenn du den Schreibtisch verlässt, oder ist da immer etwas im Hinterkopf, ist die Wahrnehmung vielleicht selektiv, oder passieren Dinge wie kopflos bei Rot über die Straße gehen …?

Ha, das sind gute Beispiele. Ich kenne das alles, sowohl die rote Ampel, die ich nicht wahrgenommen habe, als auch den selektiven Blick, der mit meinem Thema zu tun hat. Ehrlich gesagt beeinflusst mich meine literarische Arbeit, die Themen, mit denen ich mich beschäftige, sehr und auch weit über den Schreibprozess hinaus. Ich finde es vor allem extrem schwer, ständig zu switchen zwischen einem literarischen, einem kuratorischen und einem planerischen Ich.

Ich bin eine ziemlich langsame Schreiberin. Ich suche ewig nach dem richtigen Wort oder dem passenden Rhythmus. Das ist fast wie eine körperliche Suche. Und es tut der Sache nicht gut, diesen Prozess beschleunigen zu wollen. Aber wenn es ans Konzipieren und Planen von Projekten geht, kann ich nicht so in mich versinken. Es braucht Wachheit, Kommunikation, Mitdenken, Antizipieren und eine Aufmerksamkeit für die Gruppe. Also: über Rot gehen – definitiv; die Hälfte der Zutaten neben dem Topf stehen lassen – fix.

Wann und wie vollzieht sich bei dir die Entscheidung für eine bestimmte literarische Form? Begreifst du sie als ein Angebot an dich? Kann sie als Vorsatz vielleicht sogar hilfreich sein? Ist sie überbewertet, weil sie festlegt, Zwischenformen ignoriert?

Ich bin ein großer Fan davon, dass der Text weiß, was er will. Das hat dann auch sehr schnell mit der Frage nach der Form zu tun. Egal in welcher Gattung ich unterwegs bin, am Anfang steht für mich eine Materialsammlung: Textnotizen, Zitate, Artikel, Bilder etc. Da steht erst einmal viel wild nebeneinander, und dieser Sammlung sieht man die künftige Form des Textes auch noch nicht an. Ich beschäftige mich ausführlich mit dem Material. Das kann dauern. Im besten Falle habe ich irgendwann alles so lange abgeklopft und befragt, bis ich weiß, was es will. Die Textarbeit selbst hat dann viel mit Ausdauer und Handwerk zu tun hat.  

Schau, ich hab heut’ Nacht davon geträumt,
dass du mich im Traum beäugst
mit deinen kirschkeck zuckerschleck Augen,
mit deinen pupur Augapfeltrauben.
Ich würd’ so gern an ihnen …

Schau, ich bin ganz flaumbaum,
fasst du mich im Traumsaum, werd ich
ganz lauwarm und flau, lahm und baumarm,
ganz flaum.

Ich denk, ich lass es besser bleiben.
Werd morgen einen Brief dir schreiben.

(Auszug aus ZwitscherSista aus dem Projekt ERIK*A)

Hast du Schreibrituale? Wie findet Schreiben bei dir statt?

Hm, Schreibrituale? Schreiben ist für mich auf jeden Fall ein körperlicher Akt. Der Körper reagiert auf den Text und will sich hinstellen, aus dem Fenster schauen oder ganz still liegen. Ich schreibe gerne auf dem Sofa. In einer speziellen Ecke. Und da bin ich dann mit mir und dem Text und dem Körper dazu. Der weiß oft am besten, ob eine Zeile oder ein Wort stimmt oder nicht. Ich höre da eher zu. 

Andere Rituale sind das Maß an distraction.

Also eine Form von Ablenkung.

Ja, ich habe mein Handy neben mir liegen. Nicht für Anrufe oder so, sondern zur Zerstreuung. Die Frage ist dann: Wann schau ich drauf? Wann hilft es mir für den Text, zwei Minuten (und wirklich nur zwei!), irgendeinen amazing Clip auf YouTube anzuschauen – zum Beispiel Schnipsel von Nicki Minaj, Beyoncés Outfits etc. –, und wann muss ich eigentlich beim Text bleiben. Das ist ein superfeiner Grad, aber ich glaube, wenn ich da genau bin, wird auch der Text genau. Okay, das klingt ultradiszipliniert, haha! 

Das tut es tatsächlich, und das ist cool. Doch es lässt sich ja nicht alles kontrollieren. Es kommt immer auch etwas „aus dem Bauch“ dazu, das muss/kann dann sagbar gemacht werden. Und dann gibt es diese Momente, in denen sich Nichtsprachliches und Sprachliches kurz berühren …

Ja. Klar. Dieses Zusammenfallen oder dieses kurze Berühren kenne ich natürlich auch, und es ist durch regelmäßiges Schreiben zu trainieren und leichter hervorzurufen. Aber ich frage mich – und das macht mich auch gegenüber dem „Bauch“ so skeptisch –, ob es mir überhaupt möglich ist, Dinge aus dem Bauch heraus neu zu denken, oder ob sich nicht doch erst in der langen Gestaltung einer Form etwas Neues zeigt. Wahrscheinlich ist das dann sehr classy und führt auch zu einer größeren Abgeschlossenheit im Vergleich zum „Bauchschreiben“.

Gehen wir raus in die Stadt: Wie erlebst du die Münchner Literaturszene?

Ich erlebe sie als sehr aktivistisch und selbstverantwortlich. Kultur zu veranstalten gehört hier für viele Autor*innen zum Selbstverständnis als Schreibende. Das begeistert mich sehr, weil es ein Bewusstsein dafür zeigt, dass das kulturelle Angebot eines Ortes nicht selbstverständlich ist. Dass es auf die einzelnen Akteur*innen ankommt, die sich dafür entscheiden, eigenhändig fehlende Räume aufzuzeigen und zu füllen. Bei den „drei lyrischen Ichs“ ist es die Begegnung von bildender Kunst und Lyrik, bei LIX sind es das Gattungsübergreifende und die tollen literarischen Gespräche im Anschluss.

Es besteht eine außergewöhnliche Breite an Formaten, die einem auch als Veranstalterin viel Spielraum lässt. Zusammen mit Jan Geiger habe ich 2023 als Kooperation zwischen dem NMT und dem PATHOS theater eine neue Lesereihe gegründet: Bei GLITSH geht es ausschließlich um performative Texte, und es findet stets eine kleine Inszenierung statt. Dass wir das so machen konnten und können, hängt direkt damit zusammen, dass es schon so viel anderes Tolles gibt. Fürs eigene Schreiben ist dieses lebendige stadtweite Angebot ebenfalls bereichernd. Es bringt ein Bewusstsein für Formvielfalt. Für Abwegiges.

Jetzt darfst du kritisieren, Theresa. Denn was als Letztes im Raum stehen bleibt, wirkt vielleicht am nachdrücklichsten … Was könnte in München für die freie Künstler*innen-Szene, die Schreibenden besser laufen? Wo hakt es?

Einmal gibt es in München also eine wirklich tolle, vielfältige Literaturszene. Es ist auf Stadt- wie Landesebene in den vergangenen Jahren auch einiges passiert, um die Fördersituation zu verbessern. Was leider weiterhin und immer mehr die Schwierigkeit ist, sind die extrem hohen Lebenskosten und Mieten in dieser Stadt. Ich kenne so viele Künstler*innen, die weggezogen sind. Gar nicht, weil sie keine Lust mehr auf München hatten, sondern weil sie sich das Leben hier schlicht nicht mehr leisten konnten. Das ist tragisch. München macht sich dadurch selbst arm, weil die Stadt damit auf viele tolle Künstler*innen verzichtet. Etwas, was auch in der Zusammensetzung der Szene sichtbar wird. Im Vergleich zu Berlin – aber ich würde auch sagen zu Hamburg oder Leipzig – ist die Münchner Szene leider immer noch weniger heterogen und sehr bürgerlich.

PANZER WIESE - kollektives Schreibprojekt des Netzwerks Münchner Theatertexter*innen mit Texten von Theresa Seraphin. Aufgeführt Ende 2023 im Schwere Reiter. experimentelles Schreiben #AtelierMonaco-Szene. Foto: Judith Buss.
PANZER WIESE – kollektives Schreibprojekt des Netzwerks Münchner Theatertexter*innen mit Texten von Theresa Seraphin. Aufgeführt Ende 2023 im Schwere Reiter.
Kröte und die Bockplage

Erst der Nachbar. Der kennt mich noch als Quappe. Kaum tret ich aus der Mulde, zack. Zack auf den Rücken. Ich fauch: Du allerletzter spermastreuender Klammerflex. Du willenloser blindgeeichter Laichbestäuber! Du Reagenzglas, du Zyklus auf vier Pranken! Ich schlag deinen Körper an die Wurzel. Schlag schlag schlag, bis du abfällst. Dann, drei Bäume weiter ruft einer: K·o·o·o·m z·u·u·u m·i·i·i·i·r! D·u·u·u w·i·i·i·llst e·e·e·e·e·s a·a·a·u·u·u·ch! Ich mach einen Bogen. Nehm den Pfad über den Hügel. Plötzlich Bockblock. Ei, zwei, drei Böcke, Klammer an Klammer, direkt vor mir. Ich wieder: Ihr Spermabeutel! Ihr Fortpflanzungsfaschisten! Ihr Reproduktionspfützen! Ihr In-vitro-Scheißer! Aber nix zu machen. Böcke nehmen Anlauf, krallen sich an Bein, Kopf, Bauch. Ich werd zum Krötenball. Roll den Hang runter. Immerhin schneller als Laufen. Immerhin mit Böcken als Polster.

(Auszug aus PANZER WIESE)

Interview: Katrin Diehl


Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber
Katrin Diehl. Foto: Frank Zuber

Dr. Katrin Diehl, geboren in Mannheim, studierte zunächst an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, bevor sie an die Deutsche Journalistenschule in München wechselte. Seitdem arbeitet sie als freie Journalistin sowie Autorin und ist Mitglied des NMT*.


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 22.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

Besucht auch gerne die Cafébar Mona.

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