Suche nach Wegen und Worten

Wer „im Einklang“ mit der Natur lebt oder einen Beruf in ihr ausübt, verehrt oder besingt sie in der Regel nicht. Wildnis ohne Ertrag wäre uninteressant oder sogar beängstigend. So ist das schwärmerische Erleben der Natur schon immer eine Sache der Städter gewesen. Logisch, dass die Outdoorbranche in dem Maße boomt, in dem die Bevölkerung sich in Städten konzentriert.

Auch das Interesse am „Nature Writing“ ist ein Messfühler für Naturferne – im letzten Jahr war Helen MacDonald mit ihrem „Habicht“ in den Bestsellerlisten und allen Feuilletons.

Cover_Alte_WegeDie Autorin ist übrigens lose befreundet mit Robert Macfarlane, um dessen Buch „Alte Wege“ es hier eigentlich gehen sollte. „Alte Wege“ wird es nicht in die Bestsellerlisten schaffen (keine Tiere), aber in dem einen oder anderen Feuilleton ist es kurz aufgetaucht. Ein schönes Buch, in einer wunderschönen Reihe (Matthes & Seitz Naturkunden) herausgegeben.

Total mein Beuteschema, klar schreibe ich für unser Blog darüber, zugesagt. Macfarlane voriges Buch, „The Wild Places“, hatte ich gerade erst entdeckt und verschlungen. Das neue Buch gehört, gelesen, im Original. Begeistert. Aber schon beim Hören, beim Lesen überlegt: wie um Himmels willen kann man das übersetzen?

Ich will jetzt wirklich nicht die Übersetzer kritisieren, sie haben das so gut gemacht, wie man das machen kann. Und wenn ich das Original nicht kennen würde… aber dann wäre ich auch nicht so begeistert.

„…one of the earliest stories, told not in print but in footprint.“

(„..eine der ältesten Geschichten, die nicht in einem Buch abgedruckt, sondern als Fußabdrücke festgehalten ist.“)

„He picked up languages like stones and dropped them like feathers.“

(„Neue Sprachen erfasste er mühelos, wie Steine am Wegrand, die ihm nur langsam wieder entglitten, wie Federn.“)

„I was experiencing a powerful desire to walk straight out to the sea and explore the greater freedoms of this empty tidal world.“

(„Es drängte mich, geradewegs ins offene Meer zu laufen und die große Freiheit dieser leeren verebbten Welt zu erleben.“)

Macfarlanes Stil ist lyrisch in dem Sinne, dass kein Wort bloß irgendwo hingerutscht ist. Jedes ist Quintessenz. Lyrik zu übersetzen ist tausendmal schwieriger, als einen Reiseführer zu übersetzen. Aber es lässt sich ja noch nichtmal der Begriff „Nature Writing“ übersetzen, deswegen wird er auch bei uns als Gattungbegriff verwendet.

Macfarlane erkundet zu Fuß alte Verbindungswege, die Gesteine, die sie tragen, und die Geschichte, die sie geformt hat. Ein einzelner Mensch kann nur schwer einen Pfad zustandebringen. Und wie elementar Pfade in einer unkartierten und unmotorisierten Welt waren, versteht man nur beim Gehen und in Gedanken. Meines Wissens existieren im viel dichter besiedelten Deutschland solche Wege nur noch als Teilstücke markierter Fernwanderwege, deswegen wird es der „ich-will-sofort-los-und-das-auch-machen“-Impuls schwer haben.

Also: wenn ihr Macfarlane noch gar nicht kennt, lest als erstes „Karte der Wildnis“ oder, wenn möglich, das Original „The Wild Places“. Dann ergibt sich alles Weitere. Übrigens befinden sich in seinen Büchern wunderbare Literaturlisten, wahre Fundgruben.

Und macht euch auf, Orte zu suchen, an denen man keine Motoren hört. Da rollt ihr dann ganz still euren Schlafsack aus. Das sind die Nächte, die man nicht vergisst.

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