Selma Merbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt | #femaleheritage

Selma Merbaum-Eisinger konnte die Liebe und Sehnsucht, die sie einfühlsam in ihren Gedichten beschrieb, nicht ausleben. Gerade einmal 18 Jahre alt starb sie 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka in Rumänien. Rebecca Müller schildert uns ihren ganz persönlichen Zugang zur Dichterin ausgehend von einem Brief, den sie von ihrer Großmutter mit dem Gedichtband „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ erhielt. Ein berührender Beitrag zur Blogparade #femaleheritage.

 Ich möchte leben.
Schau, das Leben ist so bunt. 

Selma Merbaum-Eisinger, Poem, 7.7.1941

Liebe Rebecca!

Selbst wenn schon eine lange Zeit vergangen ist, kann man die Gräueltaten nicht vergessen und darf sie nicht vergessen. Ich habe schon vor Jahren, auch nach einem Bericht im Radio mir das Buch von Selma Merbaum gekauft und die Gedichte von ihr sind herzzerreißend. Du bist jetzt im selben Alter und du kannst es jetzt verstehen wie grausam diese Zeit war. Vielleicht kannst du es auch mit deinen Freunden besprechen. Wir telefonieren!

Herzliche Grüße, Oma

Gedichtband von Selma Meerbaum-Eisiger und Brief an Rebecca Müller | #femaleheritage
Gedichtband von Selma Merbaum-Eisiger und Brief an Rebecca Müller | #femaleheritage

Diesen Brief hat mir meine Oma vor ein paar Jahren in ihren Gedichtband von Selma Merbaum-Eisinger „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“[1] gelegt, den sie mir vermacht hat. An das anschließende Telefonat kann ich mich auch heute noch gut erinnern. Wir sprachen über die Schrecken des Nationalsozialismus und das Schicksal dieser jungen Frau, deren Gedichte auf, wie meine Oma schrieb, herzzerreißende Art berühren. Als ich dann die Gedichte dieses Mädchens las, Wort für Wort und Seite um Seite, merkte ich, wie mir eine Träne über das Gesicht rollte. Ihre Worte sind so ergreifend, so qualvoll und zugleich so voller Hoffnung und Träume.

Wer war Selma Merbaum-Eisinger?

Selma Merbaum-Eisinger, geboren am 5. Februar 1924 in der multi-ethnisch geprägten Stadt Czernowitz, die seit 1918 zu Rumänien gehörte und Cernăuți hieß, wurde 18 Jahre alt, bevor sie am 16. Dezember 1942[2]starb. Sie war so alt, wie ich es heute bin – und doch verlief ihr Leben so anders als das meine. Selmas Gedanken drehten sich, genau wie die der meisten Jugendlichen auch, um die erste große Liebe und die damit verbundene Sehnsucht. Ihre Wünsche sollte sie nicht ausleben dürfen. Ihre Liebe war „mehr Traum als Wirklichkeit“[3] und nahm ein Ende, bevor sie überhaupt wirklich begonnen hatte.

Selma war Jüdin und so der zerstörenden Macht der Nazis bedingungslos ausgesetzt. Am 28. Juni 1942 wurde sie in das Lager „Carieră de piatră“ deportiert und anschließend in das deutsche Zwangsarbeitslager Michailowka[4], in dem sie schließlich starb. 

Dreigestirn der Bukowina-Literatur: Selma Merbau-Eisinger, Paul Celan und Rose Ausländer

Für viele ist sie nur bekannt als die Großcousine Paul Celans, der dieses Jahr 100-jähriges Jubiläum feiert. Doch auch in jedem anderen Jahr steht sie im Schatten ihres Cousins zweiten Grades. Doch ihr lyrisches Talent steht dem Celans in keinem Fall in etwas nach. Für mich ist unvergleichlich, wie sie es schaffte ihre Sehnsucht nach ihrer großen Liebe, Leiser Fichmann, niederzuschreiben und dabei all ihre Gefühle, ihre Ängste und den Herzschmerz, aber auch ihr Sehnen nach einer glücklichen Zeit auszudrücken. Ich fühle mit, mit diesem Mädchen, dem verwehrt wurde was sie doch so ersehnte, wie in keinem anderen Gedichtband, den ich bisher gelesen habe. Fraglich ist wirklich, warum Selma Merbaum so wenigen ein Begriff ist, Paul Celan jedoch beinahe jedem bekannt ist. 

In der 12. Klasse des Gymnasiums habe ich, wie vermutlich fast alle SchülerInnen, Celans Gedicht „Todesfuge“ im Unterricht behandelt und ausführlich analysiert – mit Sicherheit wohl sein bekanntestes Werk, und dies nicht zu Unrecht. Doch warum behandelt man nicht im Gleichklang auch Meerbaums Gedicht „Sehnsuchtslied“ oder „Tränenhalsband“? Wo doch Selma Merbaum-Eisinger mit Paul Celan und Rose Ausländer zum „Dreigestirn der Bukowina[5] Literatur gehört? 

An dieser Stelle werden Merbaum und ihre Lyrik mehr oder minder übergangen. Schön ist es, dass in jüngster Vergangenheit neues Licht auf Selma geworfen wurde durch die Mahnung der Schauspielerin Iris Berben, die Gedichte und das Mädchen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen – dafür verfasste sie das Vorwort in Marion Tauschwitz Band[6] und sprach den Gedichtband „Ich bin in Sehnsucht eingehüllt“ auf CD. 

Ihr wurde das Leben verwehrt, nur weil sie Jüdin war, ihr wurde das Recht genommen, ihre Liebe zu auszuleben. Ich kann nur aus ihren Gedichten herauslesen, wie sehr es an ihr zerrte und welchen Schmerz sie empfunden haben muss. 

Es tut so weh, allein zu sein. Drum komm, ich
warte ja.
Wir lachen uns ein neues Glück, so glaub es doch
und komm zurück – es ist ja so viel Lachen da.

Auszug aus dem Gedicht „Rote Nelken“[7]

Auch die Todesangst, die allgegenwärtig, wie ein Schleier über ihrem Leben gelegen haben muss, schreibt Merbaum in qualvoller Eindringlichkeit nieder. 

Du, weißt du, wie der Regen weint?
Und wie ich geh‘, erschrocken bleich,
und nicht weiß wohin zu fliehn?

Auszug aus dem Gedicht „Du, weißt du…“[8]

Das Schicksal und das Talent Selma Merbaums darf einfach nicht im Dunkel der Vergangenheit verschwinden. Meine Oma fragte mich in ihrem Brief: Vielleicht kannst du es auch mit deinen Freunden besprechen. Stattdessen habe ich gerne diesen Blog-Eintrag verfasst, um, mit den kleinen Mitteln, die ich habe, gegen das Vergessen anzukämpfen.

Autorin: Rebecca Müller

Vielen herzlichen Dank für diesen persönlichen Zugang zur Lyrikerin Selma Meerbaum-Eisinger!

Rebecca Müller
Rebecca Müller

Mein Name ist Rebecca Müller und ich bin 18 Jahre alt. Dieses Jahr habe ich erfolgreich mein Abitur absolviert und arbeite seit September als Bundesfreiwilligendienstleistende am Bukowina-Institut an der Universität Augsburg. Ich liebe es zu lesen (Gedichte aber natürlich nicht nur 😉 ), zu schreiben und mehr über Menschen und ihre Geschichten zu erfahren – deswegen war es für mich eine Freude bei der Blogparade #femaleheritage mitzumachen und die Geschichte von Selma Merbaum zu erzählen.

Bukowina-Institut

Alter Postweg 97A,
86159 Augsburg

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*Der richtige Name der Lyrikerin lautet „Merbaum“. Dennoch wird dieser leider oftmals noch falsch geschrieben. Dank Frau Tauschwitz wurde ich, wie im Kommentarfeld zu lesen, daurauf hingewiesen, worüber ich sehr dankbar bin und dies gerne geändert habe.

[1] Merbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg, 1980.
[2] Vgl. Merbaum, Selma: ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben; Biographie und Gedichte; Marion Tauschwitz. Mit einem Vorw. von Iris Berben. Zu Klampen, Springe, 2014.
[3] Merbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. von Jürgen Serke. Hamburg, 1980.
[4] https://www.bukowina-portal.de/de/ct/131-SelmaMerbaum  – Marion Tauschwitz(zuletzt aufgerufen am: 03.12.2020).
[5] Merbaum, Selma: ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben; Biographie und Gedichte; Marion Tauschwitz. Mit einem Vorw. von Iris Berben. Zu Klampen, Springe, 2014.
[6]Merbaum, Selma: ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben; Biographie und Gedichte; Marion Tauschwitz. Mit einem Vorw. von Iris Berben. Zu Klampen, Springe, 2014.
[7] Meerbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg, 1980.
[8] Merbaum-Eisinger, Selma: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt. Gedichte eines jüdischen Mädchens an seinen Freund. Hrsg. von Jürgen Serke, Hamburg, 1980.


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5 Kommentare zu “Selma Merbaum-Eisinger: Ich bin in Sehnsucht eingehüllt | #femaleheritage

  1. Carstanjen, Renate on 09/12/2020 at 2:35 pm sagt:

    Liebe Rebecca, von Jutta bekam ich den Hinweis auf deinen Blog. Ich bin von deiner Begleitung dieser jungen vergessenen Lyrikerin so beeindruckt, wie von den kurzen Auszügen aus den Gedichten. Auch ich habe noch nie von ihr gehört. Wie schön, dass du durch deinen Betrag mithilfst, sie in die selbe Reihe zu stellen, wie Celan und Rose Ausländer. Was hast du für eine wunderbare Arbeit gefunden als Bufdi. Deine wahrscheinlich erste Veröffentlichung eines selbstgeschriebenen Textes führt dich wohl schon Richtung Berufs-Wahl.
    Ich wünsche dir viel, viel Gutes und vielleicht sehen wir uns ja eines Tages in Ulm wieder.
    Herzlich grüsst dich, Renate, Ama deiner beiden Cousins.

    • Rebecca Müller on 09/12/2020 at 3:24 pm sagt:

      Liebe Renate,
      wie schön von dir zu hören und wie toll, dass du meinen Beitrag gelesen hast! Das freut mich wirklich sehr! Vielleicht kannst du ja jetzt in ein paar Gedichte von ihr schnuppern. Es gibt auch ganz tolle Bücher über sie – in meinen Quellen kannst du ein paar sehen.
      Alles, alles Liebe an dich und hoffentlich bis bald in Ulm!
      Mit den besten Wünschen,
      Rebecca

  2. Sehr berührend, wie du, liebe Rebecca, zu Selma Merbaum geleitet worden bist und ihre Lyrik entdeckt hast.
    Wäre es nicht schön, mitzuhelfen, dass Selmas richtiger Name in die Welt getragen wird? SELMA MERBAUM. Sie hatte bis 1940 nie einen anderen Namen.
    So erfuhr ich bei meinem Recherchen in der Ukraine, aus den Archiven und aus den jüdischen Geburtsregistern.
    Erst die Nazi-Schergen verpassten ihr den Doppelnamen…
    Geben wir Selma Merbaum ihren Namen zurück! Vielleicht kannst du es ja auch im femaleheritage verifizieren?
    Herzlich
    Marion Tauschwitz
    Biografin von Selma Merbaum
    https://zuklampen.de/buecher/belletristik/autobiografien-biografien/bk/441-selma-merbaum-ich-habe-keine-zeit-gehabt-zuende-zu-schreiben-9783866744042.html

    • Tanja Praske on 04/01/2021 at 1:07 pm sagt:

      Liebe Marion Tauschwitz,

      vielen herzlichen Dank für diesen wichtigen Kommentar. Wir haben ihn an Rebecca Müller weitergeleitet. Sie wird noch antworten.

      Spannend, welche Verknüpfungen #femaleheritage hier bewirkt – danke dafür!

      Beste Grüße
      Tanja Praske

    • Rebecca Müller on 07/01/2021 at 8:36 am sagt:

      Liebe Frau Tauschwitz,
      ich danke Ihnen von Herzen für diesen Kommentar! Es wird so schnell wie möglich zu Selmas richtigem Namen geändert werden – danke für diese wichtige Anmerkung. Ich freue mich auch sehr, dass Sie zu dem Beitrag gefunden haben !
      Mit den besten Grüßen,
      Rebecca Müller

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