Schule

Reading Challenge im Januar

Das Bildungssystem steht aktuell immer wieder unter Beschuss. Im Januar wollen wir deshalb Romane lesen, die von der Schule damals und heute erzählen. Vielleicht lernen wir dabei ja sogar etwas für die Zukunft?

In der Wikipedia steht zu lesen, dass der erste Internatsroman von einer Frau stammt – von Sarah Fielding nämlich, die mir bislang kein Begriff war und deren Buch auch nurmehr schwer zu kriegen ist (die Bayerische Staatsbibliothek hat natürlich alle von ihr). Aber es mangelt ja ohnehin nicht an Romanen zum Thema. Hier sind unsere Tipps, darunter überraschend viele Klassiker … (Ein Klick aufs Cover führt euch in unseren Onlinekatalog zum Bestellen oder Vormerken.)


Deutscher Taschenbuchverlag, 189 Seiten

Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister

Kein Roman, sondern ein Drama stellt einen der Urtexte der Schulliteratur dar – und hart im Nehmen sollte man für diesen Text auf jeden Fall sein, denn er endet zwar versöhnlich, aber erst nach einem äußerst brutalen Akt der Selbstverstümmelung. Lenz galt mal als die wilde, junge Version von Goethe, und manche halten ihn sogar für begabter. Allein, er starb jung, weshalb nur ein sehr schmales Werk von ihm vorhanden ist. „Der Hofmeister“ erzählt die Geschichte einer Lehrer-Schülerinnen-Beziehung – was ja auch heute immer wieder vorkommt und für öffentliche Erregung sorgt.

Katrin / Öffentlichkeitsarbeit

Deutscher Taschenbuchverlag, 250 Seiten

Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß

Muss man dazu wirklich noch etwas sagen? Niemand – behaupte ich mal – hat Anfang des 20. Jahrhunderts schöner, präziser und literarisch klüger geschrieben als Robert Musil. Auch deshalb ist er mit seinem Großwerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ ja nie fertig geworden. Für Anfänger*innen in Sachen Musil ist der Törleß perfekt, weil er nur 250 Seiten hat und eine lebensnahe Geschichte erzählt: Es geht, heutig gesprochen, um Mobbing unter Schülern.

Katrin / Öffentlichkeitsarbeit

Droste Verlag, 248 Seiten

Heinrich Spoerl: Die Feuerzangenbowle

Wer wollte nicht schon immer vor der Schule das Schild „Wegen Bauarbeiten ist das Gymnasium geschlossen“ anbringen? Schulstreiche, erste Liebe und Lehrer mit Macken und Eigenarten – das Buch von Heinrich Spoerl und besonders der Film mit Heinz Rühmann sind absolut Kult, wenn auch (oder gerade deswegen) die Darstellung der Schule sehr antiquiert ist und die gute alte Zeit verklärt wird – trotzdem immer wieder schön.

Helga / Musikbibliothek der Stadtbibliothek Am Gasteig

Suhrkamp Verlag, 260 Seiten

Hermann Hesse: Unterm Rad

Ich habe das Thema der Januar-Challenge zum Anlass genommen, mir Hermann Hesses „Unterm Rad“ noch einmal vorzunehmen.

Im Zentrum des 1905 erschienenen und stark autobiografisch geprägten Romans steht der etwa dreizehnjährige Hans Giebenrath. Er lebt gegen Ende des 19. Jahrhunderts in einer schwäbischen Kleinstadt, einer Umgebung, die von Hesse als beschaulich, aber auch engstirnig und einseitig materiell orientiert beschrieben wird. Hans ist ein fleißiger und ehrgeiziger, aber auch sensibler Junge, und seine Umgebung, allen voran der Vater, stachelt den Jungen zu immer noch mehr Leistung an – das Ziel: ein Stipendium im kirchlichen Internat Maulbronn, später eine sichere Stellung als Staatsdiener oder noch besser: als Pfarrer. Für Hans endet dieser Weg in einer Katastrophe …

Auch wenn der schmale Band stilistisch ein bisschen angestaubt und steif daherkommt und sich Gott sei Dank doch einiges geändert hat seit der wilhelminischen Zeit: Hesse ist ein genauer Beobachter, sein Buch ist eine psychologisch einfühlsame und fast zeitlose Studie des Versagens an einem Kind und eine wütende Anklage: gegen ein Schul- und Bildungssystem, dessen Ziel konforme Mitglieder der Gesellschaft sind und das keine Rücksicht nimmt auf individuelle Bedürfnisse und Eigenheiten, gegen eine emotionslose, gefühlskalte Erziehung in Schule und Elternhaus.

Stefanie / Stadtbibliothek Laim

Suhrkamp Verlag, 199 Seiten

Bußmann, Zeh und Schalansky

Und während in den früheren Jahrhunderten die Männer die Schulgeschichten prägten, sind es im 21. Jahrhundert offenbar die Frauen. Zu den Klassikern von heute darf man in jedem Fall Juli Zehs „Spieltrieb“ und Judith Schalanskys „Der Hals der Giraffe“ zählen. Beide erzählen – wie viele vor ihnen – von Macht und Abhängigkeiten zwischen Schüler*innen und Lehrer*innen. Ein drittes sei hier noch ergänzt und empfohlen, das weniger Taten als vielmehr das Gerede darüber in den Blick nimmt: „Große Ferien“ von Nina Bußmann.

Katrin / Öffentlichkeitsarbeit

Rowohlt Verlag, 266 Seiten

Roald Dahl: Matilda

Matilda Wurmwald ist ein besonderes kleines Mädchen: Schon mit fünf Jahren kann sie lesen und rechnen. Dass ihr Kind außergewöhnlich klug ist, bekommen Matildas Eltern jedoch kaum mit, ignorant und oftmals sogar gemein sind sie mit ihrem eigenen Kram beschäftigt. Das Leben ändert sich schlagartig für das Mädchen, als es in die Schule kommt: Ihre Lehrerin Fräulein Honig schenkt der hochbegabten Matilda endlich die Aufmerksamkeit, die sie braucht. Der Unterricht könnte so schön sein – wäre da nicht die Rektorin der Schule, Fräulein Knüppelkuh, die regelmäßig Lehrer und Schüler drangsaliert. Aber auch hier weiß sich die kluge Matilda zu helfen…

Eva / Stadtbibliothek Maxvorstadt

Kiepenheuer und Witsch, 288 Seiten, übersetzt von Eveline Passet

Daniel Pennac: Schulkummer

In Frankreichs öffentlichem Schulsystem, das sich betont „republikanisch“ versteht, heißen die schlechten Schüler*innen, die in der letzten Bank sitzen, „cancre“ – Krebs. Ihnen gehört die Liebe von Daniel Pennac, u.a. Autor hinreißender Krimis und selbst viele Jahre Lehrer – und davor auch einer von denen, die sich im Krebsgang durch die Erziehungsanstalten bewegt haben. Er erzählt davon, dass und warum eine Lehrkraft jede*n ihrer Schüler*innen bedingungslos ernst nehmen aber nicht verhätscheln sollte. Und es ist zum Niederknien, wenn Pennac schreibt, warum sich das lohnt. Dafür gab es in Frankreich 2007 den Prix Renaudot. Pflichtlektüre für alle, die mit Bildung für und von Kindern zu tun haben!

Klaus / Presse

Zsolnay Verlag, 912 Seiten, aus dem Rumänischen von Ernest Wichner

Mircea Cartarescu: Solenoid

Ich lese leider viel zu selten Buchrezensionen, aber in diesem Fall habe ich nach welchen gesucht – einfach weil ich wissen wollte, wie Profis dieses Wahnsinnswunderwerk in Worte fassen. Ich versuche es mal ganz nüchtern: Erzähler ist ein Lehrer, der lieber Schriftsteller geworden wäre, nun aber in einem Vorort von Bukarest unterrichtet.

Klingt unspannend, ist es aber ganz und gar nicht, denn unter seinem Haus befindet sich ein „Solenoid“, der per Knopfdruck die Dinge und Menschen in die Höhe lüpft. Und dieser Solenoid ist nicht der einzige im Umkreis der rumänischen Hauptstadt… Überhaupt die Topografie: Bukarest ist keine Stadt, sondern eine soziale Landschaft, und auch jedes Gebäude hat einen eigenen Willen; wo vorher nichts war, eröffnen sich neue Räume – alles ist im Fluss. Kurz gesagt: Lest das! Denn eine perfektere Mischung aus Franz Kafka und John Irving und eine perfektere Übersetzung von Cartarescu werdet ihr nicht finden.

Katrin / Öffentlichkeitsarbeit

Aufmacherfoto: Feliphe Schiarolli on Unsplash

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Redaktion

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Kommentar zu “Schule

  1. Brigitte on 23/02/2020 at 2:54 pm sagt:

    Vielen Dank für die Empfehlungen ! Nach Jahren habe ich deshalb wieder mal Hermann Hesse gelesen- mit großem Gewinn !

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