Sappho – Europas erste Dichterin: Überlieferung in Schrift und Bild | #femaleheritage

Kennt ihr die erste Dichterin Europas – Sappho, die um 610 v. Chr. tätig war? Wie kommt man ihr auf die Spur? Wie hilfreich sind dabei Vasenbilder? Kenntnisreich und spannend bringt uns Dr. Astrid Fendt, Oberkonservatorin an den Staatlichen Antikensammlungen und der Glyptothek in München, diese faszinierende Lyrikerin zu #femaleheritage näher. Sappho zählte sowohl zum Kanon der neun Lyriker als auch zu jenem der neun Lyrikerinnen. Nebenher erfahren wir auch einiges über homoerotisches Begehren und über die viel diskutierten Mädchenzirkel auf Lesbos.

Sappho – berühmteste Dichterin des antiken Griechenlands. Hier abgebildet und mit Namensinschrift versehen auf einem griechischen Keramikgefäß. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling | #femaleheritage
Sappho – berühmteste Dichterin des antiken Griechenlands. Hier abgebildet und mit Namensinschrift versehen auf einem griechischen Keramikgefäß. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling | #femaleheritage

Sappho – Europas erste Dichterin

Die berühmteste Dichterin des Klassischen Altertums ist Sappho von Mytilene auf Lesbos. Obwohl nur bruchstückhaft erhalten, zeugt ihr neunbändiges Werk von einer enormen Schaffenskraft. Sappho war bereits in der Antike berühmt. Sie wurde in den Kanon der neun maßgeblichen lyrischen Dichter der archaischen und klassischen Zeit aufgenommen. Abgesehen von ihr waren das allesamt Männer. Auch heute fehlen ihre Verse in keiner Sammlung abendländischer Lyrik.

Sappho – berühmteste Dichterin des antiken Griechenlands. Hier abgebildet und mit Namensinschrift versehen auf einem griechischen Keramikgefäß.
©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling

Trotz dieser Berühmtheit bleiben Leben und Werk der Sappho schemenhaft und laden seit jeher zur Legendenbildungein. Vergleichsweise wenig ist über die konkreten Lebensumstände dieser ungewöhnlichen Frau aus einer der damals führenden Familien der Insel Lesbos bekannt. 

Wie sah Sappho aus?

In antiker Zeit waren bildliche Darstellungen der Sappho verbreitet. Heute kennen wir nur noch wenige sicher zugeschriebene. Eine der berühmtesten befindet sich in den Antikensammlungen am Münchner Königsplatz. Es handelt sich um eine Zeichnung auf einem um 480 v. Chr. in Athen entstandenen Weinkübel aus Ton. Gefunden wurde dieser in einem antiken Grab auf Sizilien. 1823 gelangte er über den Ankauf der Sammlung von Giuseppe Panitteri nach München. Die Darstellung von historischen Persönlichkeiten auf griechischen Vasen ist sehr selten. Umso bedeutender ist das Gefäß!

Dichterwettstreit zwischen Alkaios (links) und Sappho (rechts). Abgebildet auf einem um 480 v. Chr. in Athen hergestellten Weinkübel aus Ton. Staatliche Antikensammlungen München, Inv. SH 2416. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling #femaleheritage
Dichterwettstreit zwischen Alkaios (links) und Sappho (rechts). Abgebildet auf einem um 480 v. Chr. in Athen hergestellten Weinkübel aus Ton. Staatliche Antikensammlungen München, Inv. SH 2416. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling

Sappho war eine wohlhabende Frau. Das suggerieren ihre Kleidung und Frisur. Auf dem Vasenbild trägt sie einen durchsichtigen langen Chiton aus dünnem Stoff. Er ist in feine Falten gelegt. Ihren Mantel hat sie um Hüfte und Schultern geschlungen. Ein Band hält ihre langen Haare. Kleine Löckchen rahmen die Stirn. Lange gewellte Strähnen fallen auf die Brust. Roter Lippenstift betont ihren Mund. Die Dichterin hat eine Lyra in der linken Hand. In ihrer Rechten hält sie das Plektron zum Schlagen ihres Saiteninstruments. Namensbeischriften benennen sie und ihren Zeitgenossen Alkaios. Er war ebenfalls Dichter auf der Insel Lesbos. Beide befinden sich in einem Dichterwettstreit

Aber, aufgepasst! Die Darstellung auf dem Tongefäß ist kein realistisches Abbild der Sappho. Sie lebte 130 Jahre vor dessen Entstehung. Sie soll klein gewesen sein sowie einen dunklen Teint gehabt haben. Das Bild zeigt die Dichterin in der Darstellungskonvention der frühklassischen athenischen Vasenmalerei. 

Sapphos Hauptschaffenszeit war um 610 v. Chr. Historisch überliefert ist, dass sie gemeinsam mit ihrer Tochter Klais wohl aus politischen Gründen um 600 v. Chr. für einige Jahre nach Sizilien in die Verbannung gehen musste. Das war eine übliche Praxis im Herrschaftsgerangel der Adeligen im archaischen Griechenland. Ihr Ehemann war angeblich Kerkylas von Andros. 

Mehrere weibliche Porträtbilder wurden im Nachhinein als Darstellung der Sappho bezeichnet, zumeist fälschlicherweise. So auch ein römischer Marmorkopf in der Münchner Glyptothek. Er reflektiert eine griechische Bronzestatue aus der Zeit um 330 v. Chr. Aufgrund der individuell erscheinenden Gesichtszüge wollte man in ihm eine berühmte Persönlichkeit erkennen – vielleicht Sappho. Inzwischen weiß man, dass er ursprünglich zu einer Statue der jugendlichen Heilgöttin Hygieia gehörte.

Dieser römische Marmorkopf wurde fälschlicherweise der Dichterin Sappho zugeschrieben. Glyptothek München, Inv. GL 476. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling #femaleheritage
Dieser römische Marmorkopf wurde fälschlicherweise der Dichterin Sappho zugeschrieben. Glyptothek München, Inv. GL 476. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling

Eine Welt der weiblichen Gefühle und Gedanken 

Sappho lebte in der Stadt Mytilene auf der ostgriechischen Insel Lesbos nahe der heutigen türkischen Küste. Geschrieben hat sie in ihrem heimischen aiolischen Dialekt. Sie verfasste zahlreiche Gedichte über die Liebe und die Hochzeit, dem zentralen Moment im Leben frühgriechischer Mädchen. Diese gingen in der Regel im Alter von 14 bis 18 Jahren die Ehe ein. Sapphos Gedichte nehmen oft Bezug auf Themen wie Abschied und Abwesenheit. Sie verweisen aber auch auf sinnliches Begehren. So spricht Sappho vom „bittersüßen“ Eros, vom Leid des gegenwärtigen Augenblicks, über das die Liebesgöttin Aphrodite oder die Erinnerung hinwegtrösten. 

Eros treibt mich wieder umher, der gliederlösende, 
bittersüß, ein Untier, gegen das ich nicht ankomme. 
(137 D)

Auch rituelle Handlungen beschreibt Sappho in ihren Gedichten. Es ist die Rede von heiligen Altären, Hainen und Tänzen junger Frauen. Das waren damals übliche Praktiken. Die archaischen Menschen waren in ihrem Denken und Handeln religiös und kultisch gebunden.  

Du, Dika, setz’ dir auf dein langes Haar
liebliche Blumenkränze, aus den Stengeln
von Dill geflochten mit zierlichen Händen.
Eine, die blumengeschmückt ist, mögen 
die heiligen Chariten lieber ansehen; 
von Unbekränzten wenden sie sich ab.
(80 D)

Sapphos Sprache ist klar und direkt, sinnlich und lebendig. Ihre Verse beinhalten humorvolle ebenso wie derbe Passagen. Reizvolle Landschaftsbeschreibungen und zärtliche Schilderungen von Seelenzuständen gehören zu ihrem Repertoire. Berühmt sind folgende Zeilen: 

Der Mond ist hinabgesunken, 
Hinab die Plejaden. Mitte
Der Nacht und vorbei die Stunde.
Ich liege allein im Dunkel.
(94 D)

Aufgeführt wurden ihre Lieder und Gedichte von einzelnen Vortragenden oder von einem Chor im rhythmischem Sprechgesang in Begleitung einer Lyra.

Homoerotisches Begehren und der viel diskutierte Mädchenzirkel auf Lesbos

Es waren die Töchter des lokalen und ionischen Adels, die Sappho um sich scharte und in einem literarisch-musischen Zirkel unterrichtete. In der antiken Literatur werden die Teilnehmerinnen als „Gefährtinnen“ und „Freundinnen“ bezeichnet. Die meisten schienen vor der Eheschließung bei Sappho gewesen und auch bei ihr gewohnt zu haben. Sappho selbst spricht von ihrem „Haus derjenigen, die den Musen dienen“. Die Dichterin muss eine kultische ebenso wie erzieherische Rolle ausgeübt haben. Zu ihren Lebzeiten schien dies nichts Besonderes gewesen zu sein. Es gab mehrere solcher Kreise auf der Insel Lesbos, deren Leiterinnen namens Gorgo und Andromeda Sappho als Rivalinnen empfand. 

Diese Begebenheit – ein quasi autonomer Kreis an Mädchen, unterwiesen von einer Dichterin, die auch erotische Lyrikverfasste – beschäftigt die Historiker*innen von der römischen Zeit bis heute. Frühere Gelehrte sprachen gerne im Duktus des 19. Jahrhunderts vom „höheren Töchterinstitut“ der Sappho. Von der modernen Wissenschaft – aber auch schon davor – wurde Sappho vor allem im Bereich der Sexualität in den Dienst der jeweils eigenen Ideale und Meinungen gestellt. 

Anzunehmen ist, dass eine subtile erotische Atmosphäre die Ausbildung dieser aristokratischen jungen Frauen begleitete. Homoerotik ist für viele Regionen im alten Griechenland für die Bildung pubertärer Knaben überliefert, bevor sie durch Eheschließung ihre eigene Familie gründeten. Durch die enge Beziehung zwischen älterem Liebhaber und jüngerem Geliebten wurden gesellschaftliche Werte überliefert und soziale Beziehungen zwischen den führenden Familien gefestigt. Zahlreiche Vasenbilder belegen homoerotische Begegnungen zwischen älteren Männern und Knaben an der Schwelle zum Erwachsenendasein. Sie sind meist verbunden mit Liebesgeschenken wie einem Hahn oder einem Hasen. Die Grenze zwischen ‚Mentorship’ und körperlichem Begehren ist hier nur unscharf zu ziehen.

Homoerotisches Begehren im antiken Griechenland: zwei Männer bemühen sich um einen Jüngling. Dieser hat bereits das Geschenk des einen, einen Hasen, angenommen. Trinkschale aus Athen, Ton, 480 v. Chr. Staatliche Antikensammlungen München, Inv. SH 2658. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling
Homoerotisches Begehren im antiken Griechenland: zwei Männer bemühen sich um einen Jüngling. Dieser hat bereits das Geschenk des einen, einen Hasen, angenommen. Trinkschale aus Athen, Ton, 480 v. Chr. Staatliche Antikensammlungen München, Inv. SH 2658. ©Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek München, fotografiert von Renate Kühling

Schreibende Frauen in der Antike

Übrigens war Sappho bei weitem nicht die einzige schreibende Frau in der griechischen und römischen Antike. Vor allem in der Dichtkunst konnten Frauen in der griechischen Zeit Ruhm und Einfluss erlangen. Allerdings sind von ihrem Schaffen meist nur wenige Textfragmente überliefert.

Analog zum eingangs genannten Kanons der neun Lyriker gab es im Altertum auch einen Kanon der neun Lyrikerinnen. Wir kennen ihre Namen: es waren 

  • Praxilla von Sikyon, 
  • Moiro, 
  • Anyte von Tegea, 
  • Sappho, 
  • Erinna von Telos, 
  • Telesilla von Argos, 
  • Korinna aus Tanagra, 
  • Nossis aus Lokroi 
  • und Myrtis. 

Sappho ist in beiden Listen aufgeführt. Sie zählte damals schon zum Kreis der ausgewählten Lyriker ebenso wie zu dem der Lyrikerinnen. Was wiederum anzeigt, dass dem Kanon der Männer ein höherer Rang zugebilligt wurde.

Die wohl bedeutendste Dichterin nach Sappho war Korinna aus der Stadt Tanagra im griechischen Böotien. Sie lebte frühen 5. Jahrhundert v. Chr. und schrieb im Wettstreit mit dem bekannten Dichter Pindar. Korinna hat Chorlyrik verfasst. Dadurch wissen wir, welche Bedeutung der Chor der jungen Mädchen für eine Stadt in der Antike hatte.

Zeugnisse weiblicher Gedanken 

Für uns ist Sappho eine der ersten überlieferten weiblichen Stimmen. Als Frau schrieb sie über Gefühle und Situationen in der damaligen Welt der Frauen und Mädchen. Ihre Gedichte gehören zu den wenigen Zeugnissen weiblicher Gedankenin der männlich geprägten Welt der griechischen Antike. 

Übrigens: Unser Begriff der lesbischen Liebe geht – ohne dass es dafür inhaltliche Belege gäbe – zurück auf den literarischen Mädchenkreis der Sappho. Bereits die Römer brachten Frauen, die Frauen lieben, mit der Dichterin der Insel Lesbos in Verbindung. Im 17. Jahrhundert tauchten in Frankreich die Bezeichnungen „Lesbe“ und „Sapphistin“ auf. 

Autorin: Dr. Astrid Fendt

Wir danken sehr herzlich für diese spannenden Einsichten über den literarischen Mädchenkreis, den Kanon der neun lyrischen Dichter und der Vorstellung der neun Lyrikerinnen.


Literatur:
  • Marion Giebel, Sappho in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Hamburg 1980) 
  • Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 7 (Stuttgart 1999) 335-338 s. v. Literaturschaffende Frauen (Bella Zweig Vivante), 586-592 s. v. Lyrik (Emmet Robbins) und Bd. 11 (2001) 46-49 s. v. Sappho (Emmet Robbins).

Dr. Astrid Fendt
Dr. Astrid Fendt

Dr. Astrid Fendt ist Oberkonservatorin an den Staatlichen Antikensammlungen und der Glyptothek in München. Als Klassische Archäologin und Kunsthistorikerin kuratiert sie Ausstellungen und leitet die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Sie interessiert sich besonders für antike Skulpturen und Schmuck, für Restaurierung und Gender Studies.

Staatliche Antikensammlungen und Glyptothek

Dr. Astrid Fendt
Kunstareal
Katharina-von-Bora-Straße 10
D-80333 München

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