Reading Challenge im November: Unter Robotern

Künstliche Intelligenz fasziniert die Menschen seit der Antike. Die Frage, ob wir als Menschen untergehen werden mit den Geschöpfen und dem Know-How, das wir selber schaffen, beschäftigt nicht nur die Wissenschaft. Werden wir vielleicht sogar freier und selbstbestimmter, fragt auch die Literatur: Buchtipps mit gutem oder schlechtem Ausgang waren gefragt:

Bastei Lübbe Verlag, 429 Seiten, auch in russischer Sprache und als eBook sowie das Hörbuch als eAudio und CD und die Verfilmung auf
DVD

Sebastian Fitzek: Das Joshua-Profil

Im 21. Jahrhundert besitzt fast jede Person irgendein technisches Gerät, egal ob Computer, Tablet oder Smartphone. Viele öffentliche Plätze sind videoüberwacht, um die Sicherheit der Bürger*innen zu gewährleisten. Die Technik kann aber auch genutzt werden, um andere zu überwachen – und vielleicht sogar, um Verbrechen vorherzusagen?
Max Rhode ist Schriftsteller und mit seiner Pflegetochter Jola gerade im Auto unterwegs, als er einen Anruf von einem Unbekannten bekommt: Er soll schnell zum Krankenhaus fahren. Auf der Intensivstation erwartet ihn ein Schwerverletzter. Er erzählt Max, dass „Joshua“ ihn ausgewählt habe; Max dürfe sich nicht strafbar machen.
Wenige Wochen passiert Max aber trotz der Warnung des Unbekannten genau das, da er aus einer Kurzschlussreaktion heraus handelt. Ab hier beginnt ein gefährliches Spiel und Max bleibt nicht viel Zeit, um herauszufinden, wer oder was hinter Joshua steckt, wer seine Tochter entführt hat und vor allem, wer ihn tot sehen will.
Sebastian Fitzek zeigt uns, wie abhängig wir von der Technik geworden sind, wie sehr sie unser Leben kontrolliert und wie häufig wir Informationen über uns preisgeben müssen. Aber so sehr Entwickler sich auch bemühen, die perfekte KI zu erschaffen: Eine künstliche Intelligenz beinhaltet immer Fehler, die auch tödliche Konsequenzen nach sich ziehen können.

Sophia/Monacensia

aus dem Englischen von Heidi Zerning, Argument Verlag, 552 Seiten

Marge Piercy: Er, Sie und Es

Die Zukunft: In einem Krieg im Jahr 2017 werden Atombomben gezündet, Israel und die umliegenden Staaten komplett verwüstet, die ganze Welt verseucht. Seitdem herrschen „Multis“, transnationale Hightech-Firmen. Wer das Glück hat, an einem der Orte aufzuwachsen, wo man sich vor den Strahlen schützen kann, wird bei den Multis arbeiten. Der große Rest lebt im „Glop“, einer Art globalem Slum, gewalttätig und verstrahlt.
In dieser Welt hat sich Shira, Angestellte bei einem der Multis, gerade scheiden lassen und versucht, das Sorgerecht für ihren Sohn zu bekommen. Es gelingt ihr nicht und Shira zieht sich zu Malkah, ihrer Mutter zurück. Diese lebt in einer der freien Städte, die nicht von den Multis erobert wurden, weil sie über Spezialwissen verfügen, das die Multis nötig hatten.
Der 500-Seiten Roman, der nach seinem Erscheinen im Jahr 1991 einen Science-Fiction-Preis gewann, ist nicht deswegen spannend, weil wir Anleihen an William Gibsons Cyber-Punk-Buch „Neuromancer“ lesen oder weil sich die David-hafte freie Stadt Tikva (hebräisch „Hoffnung“) gegen den Multi in der Rolle des Goliath wehren kann – oder weil Shira sogar ihren Sohn wiederbekommt. Die Spannung kommt auch nicht aus der Parallelführung von Jod, der Maschine mit Gefühlen und sich entwickelndem Bewusstsein mit dem mittelalterlichen Golem, von dem Malkah erzählt. Die Spannung entsteht, weil Shirah sich in eine widersprüchliche Liebesgeschichte begibt – zu Jod, dem Cyborg. Und so hat der Roman seine Perspektive: Was ist ein Mensch? Was ist Menschlichkeit? Was sind Emotionen und wie entstehen sie? Shira muss sich mit diesen Fragen genauso auseinandersetzen wie Jod – und genauso wie Malkah. Und wir als Leser*innen erleben einen Blick auf die von Männern zerstörte Welt durch die technologisch „erweiterten“ Augen von Frauen – Die zwar vieles besser sehen, aber sich am Ende doch ohne Technologie entscheiden müssen.
Es war übrigens nicht der erste Roman von Marge Piercy, die 1936 in Detroit geboren wurde und seit ihrer Jugend schreibt. In den USA zählt sie seit langem zu den wichtigsten feministischen Schriftstellerinnen. Und weil sie im deutschen Sprachraum noch immer als Geheimtipp gilt, sind von ihren mittlerweile fast 20 Romanen, zahlreichen Gedichtbänden und einigen nicht-fiktionalen Werken nur die allerwenigsten zu haben.

Klaus/ Programm und Öffentlichkeitsarbeit

aus dem Englischen von Barbara Schaden, Blessing Verlag, 349 Seiten, auch in englischer und türkischer Sprache sowie als Hörbuch auf CD

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne

Eine extrem klassenbezogene Gesellschaft in einer wohl nicht allzu weit entfernten Zukunft: Die wirtschaftlich erfolgreichen Familien der gehobenen Schichten kaufen für ihre heranwachsenden Kinder künstliche Gefährt*innen. Echte Freunde haben diese Kinder kaum. Sie gehen auch nicht zur Schule, sondern werden online unterrichtet. Materiell fehlt es ihnen an nichts, und sie haben die Aussicht, einmal an erstklassigen Universitäten ausgebildet und beruflich erfolgreich zu werden. Doch dafür zahlen sie einen hohen Preis.
Erzählt wird konsequent aus der Perspektive von Klara, einer (solarbetriebenen) „künstlichen Freundin“. Sie ist unglaublich lernfähig, beobachtet alles genau und zieht ihre Schlüsse. Manchmal versteht sie Zusammenhänge völlig falsch und trifft erstaunliche Entscheidungen, was teilweise zu komischen Situationen führt.
Klara führt in ihrem Inneren stete Zwiesprache mit der Sonne, von der sie in schwierigen Lagen Unterstützung erwartet. Das lässt eine Parallele erkennen zu dem, was wir bei Menschen als Religiosität oder Spiritualität bezeichnen würden. Den Menschen ist in ihrem materialistischen Streben nach Erfolg und Wohlstand jegliche Spiritualität längst abhanden gekommen. Wer denkt und handelt also menschlicher? Ein interessantes Gedankenspiel …

Rosmarie/Neuaubing

aus dem Englischen von Bernhard Robben, Diogenes Verlag, 404 Seiten, auch als eBook und in englischer Sprache sowie als Hörspiel auf CD in deutscher und englischer Sprache

Ian McEwan: Maschinen wie ich

Androiden, diese künstlichen Menschen, haben mich immer fasziniert. Ob „Blade Runner“ (das Buch erschien schon 1968, Ridley Scotts viel bekannterer Film 1982), Steven Spielbergs „AI“ oder die Figur Bishop in den „Alien“-Filmen: In all diesen Geschichten geht es um den Konflikt, ob diese künstlich erschaffenen bzw. konstruierten Wesen Maschinen sind, die man nach Bedarf benutzen und entsorgen kann, oder nicht doch auf ihre ganz eigene Weise fühlende Lebewesen mit eigenen Rechten.
Der bekannte britische Autor Ian McEwan hat einen spannenden, intelligenten und nicht zuletzt originellen Roman zum Thema veröffentlicht.
In einem dem unseren sehr ähnlichen Paralleluniversum (schon das ein herrlicher erzählerischer Kniff) ist die digitale Entwicklung so weit fortgeschritten, dass Charlie, ein charmanter Lebenskünstler Anfang 30, sich den Androiden Adam(!) anschaffen kann: gut aussehend, hoch intelligent, äußerst lernfähig und stets auf die eigene Optimierung bedacht. Adams klare Logik, die Unbestechlichkeit, mit der er von ihm einmal durchdrungene philosophische und moralische Prämissen auch in seinem persönlichen Umfeld umsetzt, bringen Charlie und seine Freundin Miranda schon bald bös in die Klemme – und ein Techtelmechtel zwischen Adam und Miranda (ja, das geht!) macht die Dinge auch nicht eben einfacher.

McEwans Antwort auf die Frage nach dem, was uns von einem künstlichen „Adam“ unterscheidet, fällt denn auch eher desillusioniert aus: Den spezifischen „menschlichen Faktor“ sieht er in der moralische Unschärfe und Inkonsequenz, dem Taktieren und Kompromisse-Suchen, mit dem der Mensch den Herausforderungen und Widersprüchlichkeiten des Lebens begegnet. Ich finde das Buch so gut, dass ich es gerne gerade jetzt, wo es nicht mehr neu und damit nicht mehr so im Blick ist, nochmal empfehle, obwohl ich das in einer früheren Reading Challenge bereits getan habe.
Übrigens: Eine Variante zum Thema Androiden bietet auch Maria Schraders preisgekrönter Film „Ich bin dein Mensch“, der derzeit in Münchner Kinos läuft und auch schon bei uns in der Münchner Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann.

Stefanie/ Laim

Heyne Verlag, 444 Seiten

Jens Lubbadeh: Unsterblich

Unsterblichkeit ist der ewige Traum des Menschen. Im Jahr 2044, in dem der utopische Roman des Journalisten Jens Lubbadeh spielt, ist dies durch die Erfindungen des HighTech-Weltkonzerns „Immortality“ Realität geworden. Mit den von ihm entwickelten Virtual-Reality-Implantaten können die Menschen in der Tat als perfekte Kopien für immer weiterleben. Und auch längst verstorbene Stars werden zum Leben erweckt. Marlene Dietrich ist als „Ewige“ wieder auferstanden und feiert ihr Comeback auf der ganzen Welt. Als ihr Klon plötzlich verschwindet, ein Ereignis, welches das ganze Konzept in Frage stellt, wird der Versicherungsagent Benjamin Kari auf ihre Spur gesetzt. Eine atemberaubende Suche beginnt und fördert Erschreckendes zutage. Karis Wertesystem wird auf eine harte Probe gestellt.
Lubbadehs Erstlingswerk ist Science Fiction und Krimi zugleich. Gerade diese gelungene Kombination sowie die spannungsgeladene Handlung machen das Buch zum Lesevergnügen. Ein Science-Thriller, der fesselt und zugleich zum Nachdenken anregt. Möchte man wirklich ewig leben?

Josef/Hadern

Weitere Buchtipps zum Thema in englischer Sprache findet ihr hier auf Overdrive.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Beitragsnavigation: