Reading Challenge 2018, Oktober-Aufgabe: Gedichtbände

Das war wirklich eine überraschende Nachricht: Zum ersten Mal in seiner zehnjährigen Geschichte wird das forum:autoren des Münchner Literaturfests in diesem Jahr von einem Lyriker kuratiert. Und Jan Wagner hatte nur kurz zuvor den renommierten Büchner-Preis gewonnen, was Dichterinnen und Dichtern auch nicht gerade oft passiert. Erfreut sich die Lyrik also neuer Beliebtheit? Ist sie gar die Gattung der Stunde, weil die großen Erzählungen unserer fragmentierten Gegenwart gar nicht mehr gerecht werden? Fragen über Fragen, die wir alle nicht beantworten können. Wir wissen nur: Lyrik ist nicht zu kompliziert und unverständlich, sondern im Gegenteil ein Genre, das offener als jedes andere für die Lesarten der unterschiedlichsten Menschen ist. Hier sind unsere Empfehlungen zur Oktober-Aufgabe unserer Reading Challenge „Lesen verbindet“.

Ein Klick aufs Cover bringt euch in unseren Onlinekatalog zum Ausleihen oder Vormerken (oder, wenn wir es nicht im Bestand haben, auf die Website des Verlags).


Kurt Tucholsky: Gedichte

Mit Gedichten habe ich so meine Schwierigkeiten. Klar kann ich den Rhythmus nachempfinden und finde manche Bilder und Metaphern eindrucksvoll, aber letztlich bevorzuge ich Prosa. Aber Tucholskys Gedichte mag ich, weil er die menschlichen Schwächen so gut und pointiert beschreibt. Die Gedichte sind witzig und meist etwas boshaft. Besonders gefällt mir „Das Ideal“: „Ja, das möchste: Eine Villa im Grünen mit großer Terrasse, vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße…“. Und „Der Pfau“: „Ich bin ein Pfau. In meinen weißen Schwingen fängt sich das Schleierlicht der Sonne ein. Und alle Frauen, die vorübergingen, liebkosten mit dem Blick den Silberschein…“ Es endet mit „Und eine schöne Lehre: Wer dumm und schön ist, setzt sich. Siegt. Und schweigt.“ Klasse, oder? Annette / Stadtbibliothek Maxvorstadt

S. Fischer Verlag, 269 Seiten


Tobias Roth

Tobias Roth war 2010 und 2012 Nachwuchsautor der Literaturstiftung Bayern und wurde bereits mehrfach für seine Lyrik, Essays und Erzählprosa ausgezeichnet. 2015 wurde er mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. Im Verlagshaus Berlin erschien 2013 der Gedichtband „Aus Waben“. Sein zweiter Gedichtband „Grabungsplan“ (Verlagshaus Berlin) erschien 2018. Man könnte Roth als Kultur-Archäologen oder lyrischen Historiker bezeichnen: Er gräbt faszinierende und irritierende Relikte aus vergangenen Zeiten aus aus (zum Beispiel die Speisekarte des Papstes), holt längst Vergessenes wieder ans Licht, sammelt wunderschön-skurile Mosaiksteinchen der europäischen Geschichte ein und fügt sie neu zusammen. Sehr klug, sehr skurril und einfach gut!

Im Herbst erscheint übrigens „Die Erfindung des Russn“ (Aphaia Verlag) – ein Poem über die Geburtsstunde des Weißbier-Zitronenlimonaden-Mischgetränks während der Münchner Räterepublik von Tobias Roh und Daniel Bayerstorfer. Am 21. Februar 2019 sind Roth und Bayerstorfer damit in der Monacensia zu Gast. Lisa / Monacensia im Hildebrandhaus

Verlagshaus Berlin, 184 Seiten


Nora Zapf: Rost und Kaffeesatz

Poesie zum Frühstück? 2018 erschien der Band „Rost und Kaffeesatz“ (Parasitenpresse) der Münchner Lyrikerin und Übersetzerin Nora Zapf. In elf Gedichte wird hier aus dem Lesen des Kaffeesatz heraus versucht die Welt zu deuten. Elf Tage, die beim Kaffee beginnen – oder wie es an einer Stelle heißt: „vom gähnen zieht s. / mund hoch, backen s. gerundet sind, rosten ein, wie / sagt man augurenlächeln?“ Im Herbst erscheint jetzt auch der zweite Lyrik-Band von Nora Zapf: „Homogloben“ (gutleut). Hier geht es um Mischwesen verschiedenster Art – Mensch, Tier, Gottheit oder Monstrum. Am 31.10. ist hier Premiere im Lyrik Kabinett München. Lisa / Monacensia im Hildebrandhaus

Parasitenpresse, 14 Seiten


Martina Hefter: Es könnte auch schön werden

Bücher, die man von guten Freundinnen geschenkt bekommt, fasst man natürlich immer etwas lieber an. Dennoch war ich überrascht, dass ich mich in diesem Gedichtband wirklich richtiggehend festgelesen habe – was mir tatsächlich eher selten passiert. Und das liegt nicht nur am Thema, das für die Lyrik erstmal nicht geeignet scheint: Die Autorin reflektiert und erzählt in Versen von ihren Besuchen bei der Schwiegermutter im Pflegeheim. Es ist, wie könnte es auch anders sein, vor allem die Sprache, die mich da nicht loslässt: wie sie läuft, stockt, denkt und lenkt. Eine ausführliche Rezension gibt es in der ZEIT.

Der Band ist im Verlag kookbooks erschienen, der in einer Auswahl lesenswerter Lyrik keinesfalls fehlen darf: Dort erscheinen Bücher, die nicht nur schön, sondern auch klug sind (und umgekehrt). Aktuell geht es dem Verlag nicht besonders gut, mehr darüber weiß die FAZ. Katrin / Digitale Kommunikation

kookbooks, 94 Seiten


Das Buch vom klassischen Haiku: Japanische Dreizeiler

In seinem Glase
Der Goldfisch baß erstaunt blickt,
Daß heute Herbst ist
Buson (1715-1783)

Diese Reading-Challenge-Aufgabe eine echte Challenge für mich, doch zu meinem Glück haben wir in der Bibliothek einen sehr gut sortierten Lyrikbestand. Hier habe ich auch die Haiku-Anthologie mit dem Gedicht von Buson entdeckt.

Was genau ist ein Haiku? Das kundige Nachwort von Jan Ulenbrook (1909-2000) gibt darauf eine erschöpfende Antwort: Haikus sind japanische Gedichte, die mit 3 Zeilen und 17 Silben einen flüchtigen Augenblick, ein Naturerlebnis poetisch schildern. Das schön gestaltete Bändchen aus dem Reclam-Verlag sammelt, nach Jahreszeiten geordnet, knapp 1000 Haikus die das Herz erfreuen! Waltraud /Stadtbibliothek Am Gasteig

Reclam Verlag, 319 Seiten


Nele Holdack: Alle Tage ein Gedicht

Heute schon ein Gedicht gelesen? Vertraute Namen und Zeilen finde ich neben Unbekanntem vor. Vor allem die Vielfalt ist es, die mich anspricht und bisweilen spiegelt sich auch wunderbar passend der Tag wieder. Silke / Stadtbibliothek Ramersdorf

Aufbau Verlag, 416 Seiten


Mascha Kaléko: Verse für Zeitgenossen

Ein Buch, das man gern in die Hand nimmt: neu aufgelegt mit schönem herbstlich gestimmtem Cover und einem Umfang, der in die Handtasche passt als auch für die kurze Lektüre zwischendurch. Und tatsächlich taucht das Thema Herbst auf den gut 100 Seiten mehrmals auf. In bunten Farben, Tönen und Stimmungen leuchtet der Herbst noch ein mal auf und ist doch nur der Vorbote auf den eiskalten Winter. Lebensklug und wehmütig dichtet die 1938 nach New York emigrierte Autorin über traurige persönliche Erlebnisse wir Holocaust und Vertreibung, aber auch die alltäglichen Sorgen einer Mutter. Mit einem Augenzwinkern nimmt sie die New Yorker High Society aufs Korn. Sie selbst bezeichnet ihre Gedichte als „lyrisch“ und „satirisch“.

Mich hat besonders beeindruckt, wie sie es schafft, hoch auflösende Bilder und Stimmungen zu komplexen Themen entstehen zu lassen, und das mit einer klaren und ungekünstelten Sprache. Auch fast 80 Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen sind diese Verse mit Vergnügen und Leichtigkeit zu lesen. Susanne / Stadtbibliothek Neuhausen

dtv, 109 Seiten


Albert Ostermaier: fremdkörper hautnah

Dieser schmale Gedichtband ist schon 1997 im Suhrkamp Verlag erschienen. Ich habe eins der Gedichte in der Stuttgarter U-Bahn gelesen und mir das Buch daraufhin gekauft. Die Texte sprechen für sich selbst:

glücklichsein das schaff ich
nie ich kann damit leben aber
frag mich nicht wie ab & an
lieb ich sogar & zahl dafür bar
mit träumen die gehn bevor sie
entstehn na und ich geh dran
zugrund leg ich mein herz auf
ein andres schlägt es mich
wund…

Kai / Stadtbibliothek Am Gasteig

Suhrkamp Verlag, 96 Seiten


Alle Blogbeiträge zur Reading Challenge 2018 findet ihr hier.

Featured Image: Zeynep Emecikli / Unsplash

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