Reading Challenge 2018: Ein Buch aus einem Kleinverlag

Im Januar haben wir zur Reading Challenge “Lesen verbindet!” aufgerufen. Die neunte Aufgabe, die wir euch und uns stellen, lautet: ein Buch aus einem Kleinverlag lesen. Wobei „Kleinverlag“ vielleicht ein wenig umgangssprachlich formuliert ist: Gemeint sind Verlage, die jenseits großer Konzerne, meist mit schmalem Budget, aber großem persönlichem Engagement besondere verlegerische Leistungen vollbringen – damit der Buchmarkt bunt und vielfältig bleibt, es auch anderes zu lesen gibt als bloß Bestseller und für jeden literarischen Geschmack gesorgt ist.

Im Januar hatten wir freilich nicht ahnen können, wie aktuell unser Einsatz für Bibliodiversität heute ist. Die Meldungen klingen dramatisch: „Die Lage ist ernst“ titelt eine Pressemeldung der Kurt-Wolff-Stiftung und zählt die Gefahren auf, die den kleinen Verlagen gerade das Leben schwer machen. So schwer, dass manche von ihnen bereits aufgegeben haben. Da auch wir keinesfalls auf die Publikationen der unabhängigen Verlage verzichten wollen, kommt uns das September-Thema der Reading Challenge also gerade recht – unsere Tipps findet ihr gleich hier unten. Doch damit nicht genug: In der Münchner Stadtbibliothek könnt ihr euch alle nominierten Bücher der Hot List, des Literaturpreises der unabhängigen Verlage, ausleihen. Und ab Oktober wird unsere Belletristik-Lektorin Doris jeden Monat drei besondere Publikationen hier im Blog vorstellen, um für mehr Aufmerksamkeit für die un- und außergewöhnlichen Bücher zu sorgen.

Doch jetzt erst einmal unsere aktuellen Tipps für die September-Aufgabe der Reading Challenge! Ein Klick aufs Cover führt euch in unseren Online-Katalog zum Ausleihen oder Vormerken. (Und wer von euch dann noch Zeit für eine zweite Reading Challenge hat, dem sei natürlich die Indiebook-Challenge empfohlen…)


Liebeskind-Verlag!

Alles fing vor Jahren mit dem „Finsteren Tal“ von Thomas Willmann an – ein super fesselndes Buch und euch bis heute gerne empfohlen. Dann kam in diesem Jahr „Eileen“ von Ottessa Moshfegh dazu – düster, makaber, aber ebenso faszinierend (meine Rezension gibt’s hier im Blog).

Anschließend „White Tears“ von Hari Kunzru: eine Geschichte rund um den Blues, die immer mehr ins Absurde und Irreale abdriftet. Und mein zunächst letztes Lesevergnügen: „Glorreiche Ketzereien“ von Lisa McInerney, eine ebenso schräge wie liebenswerte Geschichte um Morde und Liebe. Wow, Liebeskind-Verlag, ihr habt ein tolles Programm! Birgit D. / Stadtbibliothek Neuhausen


Claudia Rankine: Citizen (Spector Books)

Claudia Rankine, US-Amerikanerin mit jamaikanischen Wurzeln, erzählt von Rassismus im Alltag. Manchmal äußert sich der beiläufig und unbedacht (auch das tut weh!), sehr oft aber auch in bewussten verbalen Angriffen.

Ihr Artikel über Serena Williams und deren Darstellung in den US-Print-Medien ist ein Augenöffner! Nur ein kurzes Zitat, um eure Neugier anzuregen: „There is a belief among some African-Americans that to defeat racism, they have to work harder, be smarter, be better. Only after they give 150 percent will white Americans recognize black excellence for what it is. But of course, once recognized, black excellence is then supposed to perform with good manners and forgiveness in the face of any racist slights or attacks. Black excellence is not supposed to be emotional as it pulls itself together to win after questionable calls.“ Waltraud / Stadtbibliothek Am Gasteig


Florian F. Scherzer: Neubayern (Hirschkäfer-Verlag)

Oberpfaffing, ein trostloses Kaff weit ab vom Schuss, irgendwann während der Regierungszeit von König Ludwig: Die Menschen schuften hart für ein kärgliches Auskommen, sie sind engstirnig und abergläubisch, kaum einer war je im weit entfernten „München“, um das sich seltsame Gerüchte ranken. Der Kienerjoseph, genannt „das Wallermaul“, ist in der dörflichen Gemeinschaft ein Außenseiter, einer, der genau hinschaut und die Dinge hinterfragt. Als ein kleiner Bub unter merkwürdigen Umständen verschwindet, geht der Kiener der Sache nach …

Bis dahin liest Scherzers Roman sich wie eine – durchaus gelungene – Mischung aus Oskar Maria Graf und Andrea Maria Schenkel. Aber dann wird die Welt, in die der Kienerjoseph gerät, immer fremder und rätselhafter … noch mehr zu erzählen, wäre übles Spoilern … nur so viel: Scherzers Debüt als Romanautor ist eine wirklich originelle Geschichte voller überraschender Wendungen.

Die aufwändig und liebevoll aufgemachte Ausgabe (Scherzer ist Grafikdesigner) ist im kleinen Münchner Hirschkäfer-Verlag erschienen, der im Jahr nur wenige, sozusagen handverlesene Bücher herausgibt. Das Verlagsmotto: „Mit Liebe gemacht.“ Stefanie Z. / Stadtbibliothek Laim


Liv Strömquist: Der Ursprung der Welt (Avant Verlag)

In dieser Graphic Novel wird auf sehr unterhaltsame Weise auf den Ursprung der Welt, also die Geschlechtsorgane der Frau, insbesondere die Vulva eingegangen. Man lernt sehr viel, z.B. keine Kellogg’s mehr zu kaufen, über den Mythos des vaginalen Orgasmus oder Aberglauben rund um die Menstruation.

Zudem werden interessante Fragen aufgeworfen: Warum ist eigentlich bisher niemand zu dem Ergebnis gekommen, dass Frauen aufgrund ihrer hormonellen Schwankungen nicht geeignet sind, Kinder zu betreuen?

Frau schwankt beim Lesen zwischen Lachen und Kopfschütteln. Birgit W. / Stadtbibliothek Am Gasteig


Manja Präkels: Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß (Verbrecher Verlag)

Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist für mich eines der wesentlichsten Bücher, die ich in der letzten Zeit gelesen habe. Die Autorin beschreibt mit bestechender Präzision und Empathie das Aufwachsen in der Provinz. Sie thematisiert das Aufsichgeworfensein von Heranwachsenden, die die stetig größer werdende Distanz zu Eltern, Freund*innen und Nachbar*innen immer deutlicher spüren, ohne das Gefühl für sich richtig klären zu können. Sie lässt dabei die Leser*innen das wachsende Unbehagen der Protagonistin Mimi an den politischen Positionen in der eigenen Familie und der Dorfgesellschaft nachvollziehen, ohne den Bezug zum Milieu zu verlieren, in dem sie entstehen.

Nicht zuletzt durch den lakonischen, regional eingefärbten Sprachduktus gelingt es ihr, Verständnis für die Entwicklung ihres Personals zu zeigen, das alle Generationen umfasst. Gleichzeitig formuliert sie eine starke Haltung zu Faschismus, Rassismus und Mitläufertum, die weit über den Roman hinausgeht und nie bemüht oder anbiedernd wirkt. „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ ist eine sehr persönliche Geschichte über die Vor- und Nachwendezeit und es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die im besten Sinne für Leser*innen jedes Alters fesselnd ist. Anke / Programm- und Öffentlichkeitsarbeit


Ernest van der Kwast: Fünf Viertelstunden bis zum Meer (Mare Verlag)

Das Buch beginnt mit dem Satz: „Es war der schönste Tag im Leben des Postboten.“ Klar musste ich da weiterlesen, denn ich wollte ja wissen, warum! Der Postbote bekommt einen Anruf von seiner Frau, die Geburt der Zwillinge beginnt. Er wirft noch einen letzten Brief ein und eilt danach ins Krankenhaus. Weg von seiner Arbeit, und damit auch weg aus dem Buch. In der Folge geht es nur noch um diesen letzten Brief, der ein sehr wichtiger Brief ist. Und es wird eine völlig andere Geschichte erzählt, nämlich die einer verpassten Liebe. Ezio und Giovanna lernen sich im Juli 1945 am Strand von San Cataldo kennen und als Leserin wird man zunächst zu der Annahme verführt, dass nun eine Liebesgeschichte beginnt. Aber mitnichten …Obwohl: so viel Sehnsucht… eigentlich ist es doch eine Liebesgeschichte! Als Ezio den Brief erhält, ist er ein alter Mann, sein Leben liegt hinter ihm. Kann nun noch eine Wendung passieren? Das Buch hat nur 96 Seiten, aber es steckt so viel darin! Die sinnliche Sprache hat mich verzaubert. Ein schönes Buch für einen entspannten Nachmittag. Annette / Stadtbibliothek Maxvorstadt


Oğuz Atay: Die Haltlosen (Binooki Verlag)

Es gibt eine Reihe von Schriftstellerinnen und Schriftstellern, die als eigentlich unübersetzbar gelten – meist weil sie besonders präzise und kreativ mit der eigenen Sprache umgehen. Einer der eher unbekannteren in dieser Riege ist der türkische Autor Oğuz Atay (1934-77), den in seiner Heimat beinahe jeder, hierzulande aber (noch) kaum jemand kennt.

Umso großartiger finde ich es, dass der Binooki Verlag, der sich der türkischen Literatur auf Deutsch verschrieben hat, den tollen Wahnsinn einer deutschen Übersetzung von Atays irrwitzigem Debütroman „Die Haltlosen“ gewagt hat – allen Fans von dicken verrückten Büchern sei er unbedingt empfohlen!

Aya Cissoko: Ma (Verlag Das Wunderhorn)

Es gibt Bücher, denen man sofort anmerkt, dass sie keine erfundenen Geschichten erzählen, sondern erst allererstz versuchen, die erlebte Realität in Worte zu fassen. „Ma“ von Aya Cissoko ist solch ein Roman: Cissoko wurde 1978 als Tochter eines magischen Einwandererpaars in Frankreich geboren; ihr Bruder und ihr Vater kamen bei einem Brandanschlag ums Leben, fortan war die Mutter auf sich allein gestellt. Und genau davon handelt „Ma“: vom Aufwachsen unter widrigen Bedingungen, von großen Worten und kleinen Menschen, von dem, was man so leichtfertig Leben nennt.

Der Verlag Das Wunderhorn macht sich seit Jahren für die Literatur des afrikanischen Kontinents verdient. Was die großen Verlage erst vor kurzem entdeckten, weiß er längst: Wo man einst das „Herz der Finsternis“ verortete, gibt es längst die spannendste Prosa unserer Zeit zu entdecken.

Matthias Senkel: Dunkle Zahlen (Matthes & Seitz)

Als ich diesen Roman, durchaus begeistert, zur Hälfte gelesen hatte, musste ich aus irgendwelchen Gründen pausieren – und drei Wochen später war klar: Entweder nochmal alles von vorne oder du lässt es ganz. Ich habe, ihr ahnt es, noch einmal von der ersten Seite begonnen und war sofort wieder ganz beglückt. Senkel erzählt vom Russland der 1980er Jahre und von einer Programmierer-Spartakiade, der plötzlich die kubanische Mannschaft aus mysteriösen Gründen abhanden kommt. Und geschrieben hat dieses Buch natürlich nicht Matthias Senkel, sondern die GLM, eine automatische Literaturmaschine, die da womöglich von ihrer eigenen Geburt berichtet. Schon wieder: für Fans von David Foster Wallace unbedingt empfohlen!

Und bei den Programmen der Verlage Aviva, Bilger, Dörlemann, kooksbooks, Lilienfeld, Luftschacht, Voland & Quist … müsst ihr auch unbedingt auch mal vorbeischauen! Katrin / Digitale Kommunikation


Links

Website der Hotlist

Indiebookchallenge

Pressemeldung Kurt Wolff Stiftung: Die Lage ist ernst

Bibliodiversität (Wikipedia)

Woche der unabhängigen Buchhandlungen (3.-10. November)


Featured Foto: Alex on Unsplash

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