Penelope – A Chorus Line

Von Julya Rabinowich

Bibliotheken sind Inseln.

Bibliotheken sind Luftschlösser. Bibliotheken sind Zuflucht und Ausgangspunkt für Weltreisen. Bibliotheken sind der Anker, ins stürmische Meer der Adoleszenz geworfen. Bibliotheken sind Lichtkegel in der Finsternis der Ahnungslosigkeit, sind ein Netz, über das Land gesponnen, ein Chor unterschiedlicher Stimmen, eine A-Capella-Band, die Bücher spricht.

Eine Bibliothek ist jener Ort, an dem man Literatur, Musik, Film begegnen kann, auch wenn man nicht viel Ressourcen besitzt, ein Ort, der Wissen zugänglich macht. Es ist ein egalitärer Ort, der allen Menschen offen steht. Ein Ort, der eine Niederschwelle legt zu dem, was Bildung ausmachen kann. Aber Bibliotheken sind noch weitaus mehr als das:

Bibliotheken sind Orte der Begegnung – der Begegnung mit sich selbst, mit anderen und mit der Geschichte der Menschheit. Hier kann man 20.000 Meilen unters Meer und in Parallelwelten von Alice im Wunderland absinken, hier kann man den Schnee am Kilimandscharo erkunden, kann den Mord im Orientexpress lösen, Quidditch spielen, in Elementarteilchen zerfallen, dem Krieg ein weibliches Gesicht geben. Eine Bibliothek ist unendlich. Unendlich im Sinne der inneren Räume, die sie öffnet. Abgesehen davon war eine Bibliothek der einzige Grund, warum ich existiere: Vor mittlerweile über 48 Jahren traf meine Mutter meinen Vater in einer Bibliothek, und er machte ihr daraufhin eine Woche später einen Antrag. Sie sehen, mein Weg war eigentlich vorgezeichnet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn sie ihn in einer Ballettschule getroffen hätte.

Bibliotheken sind Beete, in denen freie Gedanken gezogen werden.

Der freie Gedanke ist nachhaltig zu bewirtschaften, abgesehen davon ist er ein Erfolgsprodukt mit unbegrenzten Wachstumsmöglichkeiten. Er ist das Antidot zu erstickend autoritären Systemen, von denen wir dachten, dass sie nicht wiederkämen, und die gerade wieder aus dem Boden schießen wie Pilze nach einem Sonnenregen.

Die offenen unendlichen Räume aber sind ein Lackmustest für die offene Gesellschaft, die sich nicht davor fürchtet, selbständig denkende und kritische Bürgerinnen und Bürger zu haben, und wenn ich an die offene Gesellschaft dieser Art denke, dann erscheint sie mir als Gegenentwurf zu Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“, die Segregation und Determinierung noch vor Verlassen des embryonalen Stadiums predigt.

Eine Welt, die das Gegenteil dieser Segregation bildet, eine, die Grenzen öffnet und Entwicklung des Einzelnen fördert, eine solche Welt ist tatsächlich jene, die schön ist, weil sie solche Bürger (und Bürgerinnen) trägt!

Der offene, kritische Geist ist nicht immer leicht zu ertragen. Er ist widerspenstig, manchmal schmerzhaft direkt, manchmal dem Streitgespräch verschrieben. Aber er ist unerlässlich für die Weiterentwicklung der Gesellschaft, vor allem und gerade in Zeiten der großen Herausforderungen und der allzu simplen Antworten.

Ein kritischer Geist wird die Definition der Normalität hinterfragen, wenn diese Normalität Ausbeutung und sogar Tod an Europas Grenzen bedeuten kann. Ein kritischer Geist wird sich nicht abwenden, wenn die globalen Krisen nach Antworten verlangen, die nur gemeinsam gelöst werden können, wie schon Stephen Hawking eingefordert hat, bevor er nachsetzte, dass er an die Fähigkeit des Menschen nicht glauben könne, selbstlos zu Zusammenarbeit fähig zu sein und der deswegen den Untergang unseres Planeten und mit großer Wahrscheinlichkeit auch der ganzen Menschheit als die realistischere Zukunft betrachtet hat. Was für ein Armutszeugnis wäre das für eine Spezies, die sich aus der dunklen steinzeitlichen Höhle herausgearbeitet hat, und eine Entwicklung von der Malerei der Höhlen von Lascaux über Dürers Selbstportraits und Louise Bourgeois bis hin zu den Installationen von James Turrell meisterte.

Ich kann und will nicht daran glauben, dass die Zukunft der Menschheit in den kleinen Händen eines Donald Trump liegen soll, kleine Hände zwar, aber leider allzu großen Folgen seiner Handlungen. Ich kann nicht glauben, dass die Welt dem Hass eines Bolsonaro, der Kriegslist eines Putin ausgeliefert werden soll, der gut einstudierten Hetze einer Marine le Pen.

Die nationale, geschlossene, autoritäre Gesellschaft hat keine Fragen und auch keine Antworten zur Lösung der überlebenswichtigen Probleme parat, die alle Menschen auf diesem Planeten betreffen. Sie können nur in ihren kleinen, selbstbestätigenden und eigennutzigen Kreisen denken, die uns nirgendwo hin bringen werden, außer in den Untergang.

Wie, wenn nicht gemeinsam?

Ich kann und werde nicht glauben, dass dies unsere Zukunft ist: auf einem vergifteten, überhitzten fiebrigen Planeten voller einander bekämpfenden Nationalstaaten zu verrecken.
Allein die Tatsache, das wir hier überhaupt darüber diskutieren, ob diese überlebenswichtigen Fragen gemeinsam beantwortet werden können ist haarsträubend. Wie sonst sollen sie denn beantwortet werden, wenn nicht gemeinsam? Was für eine Verstiegenheit steckt hinter der Entscheidung, mia san mia zu predigen, als kleine Insel in der westlichen Welt, die von ihrer rücksichtslosen Kolonialgeschichte immer noch zehrt, und lange Jahrhunderte gezehrt hat? Als ehemalige Teilnehmende eines Vernichtungskrieges, das Millionen von Zivilisten das Leben gekostet hat? Wo bleibt unsere Bereitschaft, den erwachenden Nationalismus, der verlässlich für Tote und Katastrophen in der Geschichte der Menschheit gesorgt hat als gefährlich wahrzunehmen und die hetzerischen Tendenzen, die europaweit immer alltäglicher werden als das brandmarken, was sie sind? Neue Schritte auf dem Weg zum alten Autoritarismus, der in immergleichen Mustern wiederkehrt. Wir sehen sie in Ungarn, Schritt für Schritt, gesetzt werden. Wir sehen sie in Österreich, in Polen, in Italien. Wir kennen doch den Tanz, der mit diesen Schritten eröffnet wird, bis es die Gesellschaft in immer schnelleren Drehungen aus der gesellschaftlichen Balance kippt: Vertigo der Ethik, bis das große Kotzen kommt und der große Absturz.

Als Europa noch zehrte von den Wunden, die die Kriege in ihren Leib geschlagen, gebrannt, geätzt hatten, war man noch vorsichtiger mit dem Öl, das ins glimmende Feuer gegossen wurde. Und heute? Heute kann es schon einmal vorkommen, das jemand „Nazis rein“ titelt, und sich unglaublich intellektuell und provokant dabei vorkommt, vermutlich sogar brillant. Die eigene Positionierung am Medienmarkt geht dabei vor allem anderen: vor mir das Ranking, nach mir die Sintflut. Was tun, wenn die Hemmschwellen sinken, während der Meeresspiegel steigt?
Fremde Gezeiten erwarten uns. Die Sicherheit, die wir so gewohnt sind: Sie ist nicht garantiert. Sie ist nur ein Versprechen, das vielleicht nicht länger gehalten werden kann, wenn sich die Fronten verhärten. Wir haben nur diese eine Welt, und vorläufig ist Hawkings Empfehlung, den Weltraum zu besiedeln unerreichbare Science Fiction.

Die Wasser steigen. Die Hemmschwelle aber sinkt.

Gestatten Sie mir, dass ich noch einmal kurz auf mein eigenes Leben zurückgreife: Ich habe doch Jahre damit verbracht, Kriegsüberlebende und Folteropfer zu übersetzen. Zu Beginn dieser Tätigkeit war es mir schlicht unvorstellbar, was Menschen anderen Menschen antun können. Nach und nach begann diese Erkenntnis einzusickern, um mich ab einem bestimmten Zeitpunkt zu überfluten: der Mensch kann Bestie sein und nur eine kleine, delikate und so unendlich wertvolle Schicht der vereinbarten Ethik, der Mitmenschlichkeit, des humanistischen Übereinkommens trennt uns vor dem Abgrund darunter. Diese Schicht müssen wir hegen, pflegen und verteidigen, auch und gerade wenn manche Menschen politische Probebohrungen auf diesem Eis initiieren wollen. Sie ist schließlich alles, was wir haben.

Und hier, sehr geehrte Damen und Herren, hier kommen die Bibliotheken, diese Orte des Lernens und Erkennens, wieder ins Spiel. Und bestimmt haben Sie sich gefragt, warum denn im Titel meiner Rede Penelope, die Frau von Odysseus vorkommt, im Text aber fernbleibt.

Es ist soweit, sie ist jetzt da.

Penelope, die ihren Teppich jeden Tag knüpfte und jede Nacht wieder auflöste, um ihrem Mann treu zu bleiben, und weiterhin auf ihn warten zu können, steht hier als Aufforderung zur Hartnäckigkeit, auch angesichts eines schier ausweglosen Situation beharrlich weiter zu machen- im kleinen, aber so sehr bedeutenden. Penelope führt keine Kriege, sie droht und bedroht nicht. Sie widmet sich mit Inbrunst jener Lösung, die ihr die klügste und nachhaltigste scheint, und am Ende soll sie mit dieser Entscheidung auch recht behalten. Wenn wir die Bibliotheken als Ort der vermittelbaren Empathie betrachten, die sie sind- in jedem Buch steckt schließlich eine ganze Welt, hier lernt man Menschen und Schicksale kennen und Geschichte. Hier lernt man Mitgefühl und Mitdenken: dann muss uns klar sein, von welch immenser Wichtigkeit diese Schnittpunkte zwischen Wissen, Fühlen und Vermitteln sind. Sie sind ein Chor, verstreut durch das ganze Land, Teppichstränge, täglich zusammengewoben und weiter gewirkt, ein Teppich, der im Unterschied zu jenem Penelopes, der in stetigem Schrumpfen und Entstehen begriffen ist, wächst und wächst, sich verbreitet und ausdehnt. Lasst dies ein Teppich werden, der sich ins Unendliche ausdehnt wie der Urknall, lasst ihn wie die Verknüpfungen unserer Hirnsynapsen sich immer weiter verbinden und verstreben, um tieferes Verständnis zu ermöglichen. Dieser Teppich besteht aus Strängen von Phantasie, Empathie und Erkenntnis, und der Stoff, den er webt, könnte das Sprungtuch der Menschheit werden.

Dieser Chor ist vielstimmig und jede einzelne Stimme davon ist tragend.

Lasst uns gemeinsam wachsen und lasst uns offen bleiben.

Was nämlich der Entwicklung des Auseinenderdriftens entgegengesetzt werden kann, ist gegenseitiges Erkennen. Dieses Erkennen ist das, was zwischen uns und der Barbarei steht. Dieses Erkennen hat die Menschheit von dem Tierhaften weggeführt und in unsere Singularität geworfen, die so schwer zu ertragen und gleichzeitig ein solch einmaliges und gleichzeitig vielfältiges Wunder ist, dass es mir immer noch den Atem nimmt.

Die Fähigkeit zur Empathie ist das, was der Menschheit zum Überleben verhelfen könnte. Diese schwächelnde Empathie und die Aggression sind übrigens jene Todsünden, durch die Hawking unser Überleben als gefährdet ansieht.

Stephen Hawking ist ein genialer Wissenschaftler gewesen, der gute Gründe für seine Theorien hatte. Ich bloß Autorin unter vielen. Dennoch will ich an eine bessere Welt glauben und an eine besseren Ausgang. Ich will an die Menschheit glauben. Und an ihre Fähigkeit, sich weiter zu entwickeln. Ich will daran glauben, dass wir nicht nur Waffen entwickeln könne, die uns einen hundertfachen Tod und Auslöschung zu bringen imstande sind. Wir können auch ein Miteinander entwickeln, eine Kultur des Austausches, die uns eine andere Zukunft sichern könnte.

Bibliotheken sind nicht nur Zufluchtsort, sie sind auch Horte des Widerstands. Hier liegt für alle frei zugänglich auf, was viele Autoren und Autorinnen das Leben kostete und weltweit immer noch kostet. Wer einmal sah, wie Bücher brannten, der wusste, wie gefährlich der Gedanke und das Wort eingestuft worden waren. Ich möchte nun gerne mit einem alten Witz aus der UdSSR schließen:

Empfehlung an russische Intellektuelle: Denke nicht. Wenn du denkst, dann sprich es nicht aus. Wenn du denkst und es aussprichst, schreibe es nicht nieder. Wenn du denkst, es aussprichst und niederschreibst, dann unterschreibe es nicht. Wenn du denkst, es aussprichst, es aufschreibst und es unterschreibst: dann wundere dich nicht.“

Sorgen wir dafür, dass solche Zeiten niemals mehr wiederkehren.

© Münchner Stadtbibliothek, 2019
Dieser Text von Julya Rabinowich ist exklusiv für die Veranstaltung Public! Debatten über Öffnung und Demokratie am 21. und 22. Februar 2019 in der Münchner Stadtbibliothek Am Gasteig entstanden.

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