Nichts Neues in der Villa Kunterbunt?

Vom schwierigen Umgang mit Diskriminierung im Kinderbuch

Diskriminierung im Kinderbuch wird immer wieder heiß diskutiert, auch wir in der Münchner Stadtbibliothek setzen uns mit der Problematik auseinander. In dieser Blogreihe haben wir Beiträge zusammengestellt, die in die Thematik einführen.
Können wir noch Winnetou lesen? Was ist mit Pippi? Oder mit Jim Knopf? Kurz: Was ist mit den Kinderbuchklassikern? Autorin und Kulturwissenschaftlerin Olaolu Fajembola hat sich am Beispiel von Pippi Langstrumpf mit der Frage auseinandergesetzt, wie wir mit Diskriminierung in der Kinderliteratur umgehen können.

Einseitige Geschichten und prägende Bilder

Ich erinnere mich an einen Moment mit meiner damals fünfjährigen Tochter. Ich hatte von unserem Familienbesuch aus London eine englischsprachige Version des ersten Bandes von Pippi Langstrumpf mit nach Hause gebracht. Da ich mich aus meiner eigenen Kindheit an die rassistischen Begriffe der deutschen Ausgaben erinnerte, erhoffte ich mir in der englischsprachigen Version, mit weniger problematischer Sprache konfrontiert zu werden. Ich hatte Pippi Langstrumpf für ihre Eigenständigkeit, ihren Eigensinn und ihre Unabhängigkeit geliebt. Aber ich erinnerte mich auch an den dritten Teil, Pippi in Taka-Tuka-Land, der mir aus offensichtlichen rassistischen Gründen und aufgrund von abwertenden Bildern nicht gefiel, sodass ich ihn nur einmal anlas und danach nie wieder anrührte.

Ich begann also mit dem Anfang des ersten Buches, als Pippi, dieses neue Mädchen aus der Nachbarschaft, eingeführt wurde. Es lief einmal rückwärts an den beiden Nachbarskindern Tommy und Annika vorbei, dann auf den Händen balancierend. Auf ihre Rückfragen, warum sie dies täte, antwortete Pippi, weil sie diese Sitten in Hinterindien und Ägypten erlernt hätte. Die klugen Kinder entlarven Pippi bei dieser dreisten Lüge und attestieren ihr auch gleich eine Schwindlerin zu sein. Pippi gibt sich geschlagen und zur Erklärung ihrer Lügen an, zu lange bei den Menschen im Kongo verbracht zu haben. Diese würden von morgens bis abends Lügen verbreiten und diese Sitte hätte auf sie abgefärbt.

Als ich an diese Stelle beim Lesen kam, hielt ich an. Denn nun hatte die Lektüre einen kritischen Punkt erreicht. Ein zuhörendes Kind von fünf Jahren hat wenig bis kaum Wissen zu den Ländern und Menschen des Globalen Südens. Kinder diesen Alters mit solchen Aussagen zu konfrontieren, birgt die Gefahr der einseitigen Geschichten, der „Single Stories“, vor der die Autorin und Feministin Chimamanda Ngozi Adichie eindringlich warnt. Kinder in der westlichen Hemisphäre, so auch in Deutschland, lernen erschreckend einseitige und negative Geschichten über die Menschen und Realitäten des Globalen Südens. Und sehr häufig prägen diese ersten Bilder ihre Vorstellungen über die Länder und ihre Menschen. Ich wollte nicht, dass mein Kind diese einseitigen Geschichten über Menschen in Indien, Ägypten oder dem Kongo lernt. Es sollten andere, wertschätzende Bilder sein, die dem Kind erlauben, diesen Ländern und ihren Menschen auf Augenhöhe zu begegnen.

Cover von "Pippi in Taka-Tuka-Land" von Astrid Lindgren
Oetinger Verlag, 2020

Kritisches Vorlesen und die Grenzen sprachlicher Korrekturen

Pippi Langstrumpf war und ist für Generationen von Kindern, insbesondere für Mädchen, ein starkes Vorbild. In einer deutschen Kinderbuchtradition, in der starke unabhängige weibliche Rollen kaum vorkommen, Ronja Räubertochter und Momo mal als gute Beispiele ausgenommen, wundert die Pippi-Liebe kaum. Ein Mädchen, dass unabhängig und mutig ist und den Ton angibt, wem gefällt das nicht? Für Generationen von Menschen und Frauen, gilt es gar als Sakrileg, die problematischen Aspekte der Pippi-Bücher zu benennen.  

Wenn wir über Kinderbuchklassiker, so auch Pippi Langstrumpf sprechen, so müssen wir auch auf die Sprache der Bücher eingehen. Viele Kinderbuchklassiker sind durchzogen mit veralteten, problematischen Begriffen. Auch rassistischen oder sexistischen. Wie sollen wir also mit der Sprache umgehen?

Eine Möglichkeit des Vorlesens besteht darin, einzelne Begriffe und Ausdrücke, sowie auch rassistische Fremdbezeichnungen, durch zeitgenössische Alternativen zu ergänzen. Durch diese Neuschreibung wurde zum Beispiel aus Pippis Vater ein Südseekönig. Doch können neue Begriffe rassistische Motive ohne weiteres ausradieren? Denn neue Wörter verändern ja nicht das der Geschichte zugrunde liegende Weltbild.

Insbesondere im dritten Band lebt Pippi als Südseeprinzessin gemeinsam mit ihrem Vater auf einer Südseeinsel und herrscht in kolonialrassistischer Logik. Die indigenen Menschen könnten sich nicht selbst regieren, und bedürften der weißen Retter*innen, so Pippi. Gemeinsam mit Tommy, Annika und ihrem Vater herrschen sie also über die Schwarzen Untergebenen. Diese wiederum sind in klassischem kolonialem Duktus als harmlose, fröhlich-devote Untergebenen gezeichnet, die sich ihnen freudig zu Füßen werfen. Genau jene Passagen verunmöglichen ein Korrektiv auf der Wortebene. Das Bild der sich unterwerfenden Schwarzen Kinder bleibt insbesondere für Schwarze Lesende eine Zumutung, die von keinem der positiven Aspekte von Pippi aufgewogen werden kann. Einzelne Wörter können geändert werden, nicht so ganze Abschnitte oder komplette Bücher, die auf diesem Weltbild aufgebaut sind. Eine Änderung würde einer Neuschreibung der Geschichte gleichkommen.  


Also nie wieder Pippi  lesen?

Wie gehen wir nun mit liebgewonnenen alten Büchern um? Dürfen wir sie den Kindern vorlesen oder sollen wir es lieber sein lassen?

Lest die Bücher im Stillen nochmal durch. Huldigt eurer Nostalgie und schwelgt in den Erinnerungen. Und überlegt euch nach der Lektüre, ob und wie ihr das (kritische) Vorlesen gestalten wollt. Müsst ihr einzelne Worte ersetzen, ganze Passagen überspringen oder merkt ihr nach der Lektüre, dass das Buch in eurer Erinnerung doch sehr viel schöner und literarisch wertvoller war, als es nun erscheint? Denn, die Zeit schreitet voran, so auch unsere Seh- und Lesegewohnheiten. Nicht alle Bücher altern ähnlich gut.

Also nie wieder Pippi lesen? fragen sich nun besorgte Pippi-Fans. Diese Frage lässt sich nicht für alle gleich beantworten. Menschen of Color, insbesondre Kinder of Color, sollen durch das Vorlesen und Lesen die Freude am Buch, an der Sprache, an der Geschichte per se erfahren. Sich durch ein Buch beschämt oder verletzt zu fühlen, fördert nicht die Liebe zum Buch. Hier ist achtsames Vorlesen, wenn es erforderlich ist, ratsam. Andere Vorlesende, die mit der Lektüre kein Problem haben, sollten sich bewusst machen, dass sie mit einer unkritischen Lektüre der Pippi-Bücher einer neuen Generation von Kindern einseitige Geschichten vermittelt. Und sie sollten sich der Gefahr bewusst sein, dass diese Kinder als Konsequenz womöglich Kindern of Color nicht auf Augenhöhe gegenübertreten können.


Über die Autorin

Porträtfoto Olaolu Fajembola

Olaolu Fajembola ist Kulturwissenschaftlerin und hat zusammen mit Tebogo Nimindé-Dundadengar den Onlineshop Tebalou gegründet, um Kindern Bücher anbieten zu können, die ihnen in ihrer Kindheit gefehlt haben.

Olaolou hat den Traum, „dass jedes Kind, unabhängig von Hautfarbe, Konfession, Familienkonstellation, Körperbau, Vorlieben, Wünschen und Träumen sich selbst erkennen kann und positive Bilder findet, in denen es sich spiegeln kann“. 2021 haben Olaolou Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar das Buch „Gib mir mal die Hautfarbe. Mit Kindern über Rassismus sprechen“ verfasst, das auch bei der Münchner Stadtbibliothek ausgeliehen werden kann.

Cover von "Gib mir mal die Hautfarbe. Mit Kindern über Rassismus sprechen" von Olaolou Fajembola und Tebogo Nimindé-Dundadengar



2 Kommentare zu “Nichts Neues in der Villa Kunterbunt?

  1. Danke für den wichtigen Beitrag!

  2. Isabel on 02/05/2024 at 4:01 pm sagt:

    Vielen Dank für den wichtigen Input. Differenziert und gleichzeitig gut zu verstehen.

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