Mascha Kaléko – die Großstadtlerche | #femaleheritage

Die Schriftstellerin Mascha Kaléko beeindruckt. Sie schrieb „Gebrauchslyrik“, musste aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ins amerikanische Exil und wird allgemein als Literatin der Neuen Sachlichkeit eingestuft. Felicitas Gottschalk widmet sich in ihrem profunden Gastbeitrag zu #femaleheritage Leben und Wirken von Mascha Kaléko – wieder erfahren wir Spannendes!

Buchcover: Mascha Kaléko, Gisela Zoch-Westphal (Hrsg.) Die paar leuchtenden Jahre Mit einem Essay von Horst Krüger. dtv mit Leseprobe
Buchcover: Mascha Kaléko, Gisela Zoch-Westphal (Hrsg.) Die paar leuchtenden Jahre mit einem Essay von Horst Krüger. dtv mit Leseprobe

Berlin in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts – später die Goldenen Zwanziger genannt. Eine brodelnde Großstadt, die wächst und die die unterschiedlichsten Strömungen und Entwicklungsmöglichkeiten bietet. Großes Wachstum steht neben Massenentlassungen, jeder versucht sich irgendwie trotz des mühseligen Alltags sein kleines Glück zu schaffen. Alles ist im Aufbruch, nur wenige fragen wohin. 

Eine Reihe KünstlerInnen begleiten die fiebrige Unrast und bebende Nervosität Berlins sehr aufmerksam mit Ironie, Satire, Witz oft auch bitterem Sarkasmus. Es gibt bestimmte Orte, an denen „man“ sich trifft. Géza von Cziffra(ungarischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Schriftsteller) erinnert sich:

Berlin war damals, in den zwanziger Jahren, der Mittelpunkt Deutschlands, und das „Romanische Café“ war der Mittelpunkt Berlins. Hier trafen sich tagtäglich Künstler aller Sparten, große und kleine, solche, die sich schon mit Ruhm bekleckert hatten, und solche, die es vorhatten, ihnen gleichzutun. Das „Romanische“ war etwa so groß wie ein mittlerer Bahnhofswartesaal – ein Wartesaal des Ruhms“. Hier saß auch ich als hoffnungsbeladener junger Mann und lernte die Berühmtheiten der Zeit kennen, die hier zu Hause waren…

G.v.C. Im Wartesaal des Ruhms

Mascha Kaléko – „Gebrauchslyrik“

Aus dieser hochkreativen „Ursuppe“ taucht gegen Ende der 20er Mascha Kaléko auf und wird über Nacht bekannt: Eine junge Frau, dunkler Wuschelkopf, große dunkle Augen, die manchmal kess aber oft auch melancholisch die Welt anschauten, meist mit überschäumendem Temperament. Sie war offenbar sehr häufig dort, wahrscheinlich einmal, um die Anregungen aufzusaugen, aber auch, um gesehen zu werden. Sie berlinerte kess und so wurde sie mit einem Gedicht in Berliner Mundart erstmalig bekannt. 

Jetzt hat sie sozusagen die Rolltreppe zum Ruhm betreten. Die Presse hungert nach Gedichten, die alle LeserInnen ansprechen, nicht nur die intellektuellen. Es ist die später abgewertete „Gebrauchslyrik“, also die Lyrik zum täglichen Gebrauch, zur Unterstützung des täglichen Lebens. Erich Kästner und Kurt Tucholsky sind neben Ringelnatz wohl die bekanntesten Dichter von „Gebrauchslyrik“. Sie kennt sie beide und bezieht sich auch später noch auf sie.

Diese Dichter schreiben über das Leben der kleinen Leute, über alltägliche Kümmernisse und Freuden, Herzeleid und Liebesweh – manchmal hart an der Grenze des Kitsches, um dann mit einem jähen Schlenker der Ironie die Leser aus den Seufzern zu reißen. Kaléko schreibt auch über das Chaos der Weltwirtschaftskrise, das sie sieht und auch erlebt und den sozialen Abstieg. Daneben gibt es wunderbare Situationsbeschreibungen. 

Wer war Mascha Kaléko? 

Woher kam sie? Es schien niemanden so recht zu interessieren. Auch in späteren Jahren ließ sie große Teile ihrer persönlichen Geschichte im Dunkeln vor allem, dass ihr Geburtsort in Galizien liegt. Sie verwischte und verschleierte vieles und verwies nur auf ihre Gedichte. Aus Galizien stammte man nicht, ohne das Naserümpfen sämtlicher Westeuropäer zu riskieren – auch der jüdischen. 

Sie wurde geboren am 7.6.1907 in Schidlow, einer westgalizischen Kleinstadt. Der Vater, ein jüdischer Kaufmann, war trotz des deutschen Namens Engel russischer Staatsbürger. Die Mutter war jüdische Österreicherin. Beide waren nicht verheiratet. So hieß Mascha Kaléko bei der Geburt Golda Malka Aufen. Den ersten radikalen Einschnitt in ihrem bis dahin wohl behüteten Leben erlitt sie durch die entsetzlichen Pogrome, die 1914 die Mutter mit den beiden Töchtern ins Exil nach Marburg trieben. Der russische Vater wurde als feindlicher Ausländer interniert. 1918, nach dem Ende des I. Weltkrieges, zog die Familie von Marburg nach Berlin in das Viertel, in dem die aus dem Osten vertriebenen jüdischen Familien lebten. Dort heiraten die Eltern und sie heißt jetzt Mascha Engel. 

Mascha Kaléko geht zur Schule, die sie aber für sich und ihre Fähigkeiten zu früh beenden muss. Um selbständig zu sein, erlernt sie den in der aufstrebenden Industriegesellschaft für Frauen anerkannten Beruf der Stenotypistin. Bald ermüdet sie die stereotype Arbeit. Aus diesem Erleben entstehen ihre Gedichte, die die Gefühle ihrer begeisterten Leserinnen treffen und sie schnell zu einem Liebling der Zeitungen machen. 

Von ihrer Familie erzählt sie nichts, aber man kann ihren Gedichten Manches entnehmen. 

Screenshot der Website www.maschakaleko.com - hier erfahrt Ihr mehr über die Autorin, ihr Leben und ihre Gedichte mit wunderbaren Zitaten und Fotos von Mascha Kaléko.
Screenshot der Website www.maschakaleko.com – hier erfahrt Ihr mehr über die Autorin, ihr Leben und ihre Gedichte mit wunderbaren Zitaten und Fotos von Mascha Kaléko.

Die Leben der Mascha Kaléko

Im Romanischen Café lernt sie den Cheflektor von Rowohlt kennen: den Juden Franz Hessel. Er ist von ihren Gedichten begeistert und wird zu ihrem größten Förderer. Sie ist ihm außerordentlich zugetan bis über seinen Tod hinaus. Die 1. Auflage ihrer Gedichte ist schnell vergriffen. Es gibt noch eine zweite und den Neudruck eines 2. Buches: Kleines Lesebuch für Große, das sie mit einer Widmung an Rowohlt schmückt.

Aber dann schlägt die Reichsschrifttumskammer zu und untersagt dem Verleger Rowohlt weitere Drucke. Die Behörden haben Kalékos jüdische Abstammung herausgefunden. Ihre Leserinnen aber liebten ihre Gedichte so sehr, dass sie vielfach abgeschrieben und so weit verbreitet wurden. Mascha Kaléko glaubt nicht, wie viele Juden, dass das Hitler-Regime zur Bedrohung werden könnte, zumal sie persönlich auch mit dem Ordnen recht chaotischer Familienverhältnisse beschäftigt war. 

1928 hatte sie den Philologen Saul Kaléko geheiratet, der ein viel genutztes Lehrbuch für Hebräisch schrieb, um Juden auf die Auswanderung vorzubereiten. Sie gibt ihre ungeliebte Arbeit auf, um seine Dissertation zu tippen und lernt für sich weiter an der Humboldt Uni z. B. Philosophie. 

Irgendwo, im Romanischen Café oder in der Uni lernt sie die Liebe ihres Lebens kennen: Chemjo Vinaver, einen begnadeten Musiker, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hat, traditionelle chassidische Liturgien in den Synagogen zu sammeln, um ein umfassendes Werk darüber zu schreiben. Bald erwartet sie ein Kind von ihm. Der Sohn wird 1936 geboren. Erst nach der Geburt gesteht sie dem Noch-Ehemann, dass er nicht der Vater des Kindes ist und will die Scheidung. Saul Kaléko liebt sie, will sie nicht gehen lassen, will den Sohn als seinen anerkennen, willigt dann 1938 aber in die Scheidung ein. Die politische Lage ist inzwischen äußerst schwierig geworden. 

Auch das „Romanische“ verändert sich. Es wird erzählt, dass es sogar einen „Nazitisch“ gegeben haben soll. Jedenfalls sind Razzien häufig. Der Dadaist Mehring dankt sehr viel später auf einem Festessen Mascha Kaléko dafür, dass sie durch ein Ablenkungsmanöver sein Leben gerettet hat.

Im amerikanischen Exil

Mascha entkommt nach der Heirat mit Vinaver und dem Sohn Evjatar Alexander Michael im September 1938 gerade noch eben nach Amerika. Das Leben in Deutschland war kümmerlich genug geworden, aber in den USA wird die Familie vollends von den finanziellen Schwierigkeiten überwältigt.

Mascha Kaléko, die übrigens nie diesen Namen ablegen wird, hat ihre jüdische Abstammung weder in den Gedichten noch sonst thematisiert. Durch die Kennzeichnung der Nazis wird sie erst zu einer Jüdin, d. h. es geht ihr wie so vielen Juden: sie wird durch die Verfolgung gezwungen, sich mit dieser Identität auseinander zu setzen. Sie hat es schwer damit. Bewusst zieht die Familie nicht in ein Emigrantenviertel, sondern Mascha macht wie eine Fremde Ausflüge zu den jüdischen Emigranten. 

Macha Kaléko beschreibt, was sie sieht, aber es wird eine Offenbarung ihrer jüdischen Erziehung und Identität. In einer Mischung aus Rührung und Distanz beschreibt sie die kleinen jiddischen Händler und ihr Leben mit den Begriffen und den Emotionen einer Eingeweihten. Man merkt, sie kennt sich aus, sie gehört dazu. In ihrem Tagebuch, für den Sohn geführt, benennt sie die jüdischen Festtage nach dem jüdischen Kalender! Mascha Kaléko schreibt auch im fremden Land weiter. Sie veröffentlicht in der deutschsprachigen jüdischen Zeitung „Aufbau“. Sie schreibt Werbetexte für Toilettenartikel und Unterwäsche. 

Auch ihr Mann bewegt sich in chassidischen Kreisen, er versucht, Synagogenchöre aufzubauen und Erfolge zu erringen. Er wird bekannt und hochgelobt. Daraus ergeben sich aber keine Engagements, die Geld einbringen würden. Er erlernt auch die neue Sprache nicht. Mascha muss ihn immer und überall begleiten, um zu übersetzen, zu verhandeln, zu managen. Das raubt ihr die Kraft für die Entwicklung der eigenen Kunst. 

Für ihren Sohn Steven – so heißt er zu ihrer großen Freude jetzt auf amerikanisch (er hebt sich nicht mehr ab!) reimt sie sich quer durchs Tierreich. Steven ist ihr Ein und Alles. Veröffentlicht werden die Verse erst 1961 in Deutschland. Alle Mitglieder der Familie sind inzwischen Amerikaner geworden (1944), aber das neue Land wird nicht zur Heimat der Eltern. Der Sohn dagegen integriert sich gut. 

Buchcover: Mascha Kaléko Verse für Zeitgenossen. dtv mit Leseprobe. Mascha Kalékos Exilgedichte
Buchcover: Mascha Kaléko Verse für Zeitgenossen. dtv mit Leseprobe. Mascha Kalékos Exilgedichte

Nachkriegszeit – abgelehnte Ehrung

1955 betritt Mascha Kaléko nach langem Zögern ihr einstiges Heimatland wieder. Ihr erstes Buch: „Das lyrische Stenogrammheft“ wird wieder aufgelegt. Dann die „Verse für Zeitgenossen.“ Allerdings fehlt ein Gedicht, das in der Originalausgabe auch auf Englisch zu lesen war: HOERE TEUTSCHLAND. 

Sie hat großen Erfolg und wird 1960 für den Fontanepreis nominiert. Sie beginnt, sich wieder heimisch zu fühlen. Es kommt jedoch zum endgültigen Bruch:  Sie lehnt den Preis ab, weil in der Jury Hans Egon Holthusen sitzt. Der ist von 1933 – 1937 in der SS gewesen und ihr ist es nicht möglich aus seiner Hand den Preis entgegenzunehmen. Man versucht, sie umzustimmen, da Holthusen längst von den Siegermächten rehabilitiert worden sei. Vergebens. Sie wird auch nie wieder nominiert. 

Sie zieht sich verbittert zurück und das Literaturkarussell dreht sich fortan ohne sie weiter. Holthusen jedoch erlangt sehr großen Einfluss in der Literaturszene der jungen Bundesrepublik, Anerkennung für seine schriftstellerische Arbeit und später sogar das Bundesverdienstkreuz. 

In Jerusalem

Mascha Kaléko und Chemjo Vinaver ziehen nach Jerusalem. Er scheint sich wohl zu fühlen auch in seiner Arbeit jetzt zu Hause. Er hat den Status eines Residenten, sie bleibt Touristin – heimatlos. Diese Melodie zieht sich wie ein roter Faden durch ihre Gedichte

HEIMWEH, WONACH? 
Wenn ich „Heimweh“ sage, sag ich „Traum“.
Denn die alte Heimat gibt es kaum.
Wenn ich Heimweh sage, mein ich viel: 
Was uns lange drückte im Exil.
Fremde sind wir nun im Heimatort.
Nur das „Weh“, es blieb.
Das „Heim“ ist fort.[1]

Ihre Verbitterung ist so groß, dass sie die Rechte an ihren Büchern von Rowohlt zurückfordert. 1968 kommt dann die größtmögliche Katastrophe ihres Lebens über das Ehepaar: Der über alles geliebte Sohn, der in Amerika schon eine steile Karriere als Musiker und Komponist begonnen hatte, stirbt überraschend wohl an einer Bauchspeicheldrüsenentzündung. Auch Chemjo Vinaver ist schwer krank. So pendelt Mascha zwischen Amerika und Jerusalem. Ihr kranker Mann fordert ihre ganze Aufmerksamkeit, trotzdem veröffentlicht sie und schreibt, um ein wenig Erleichterung im Schmerz zu finden.  Sie wird immer misstrauischer und einzelgängerischer. 1973 stirbt Chemjo Vinaver. 

Letzte Reise

Mascha Kaléko beginnt den letzten Teil ihrer Reise voll Melancholie, Trauer und Einsamkeit. Nun bricht die Krankheit aus, die sie offenbar schon lange hatte. Nur manchmal, in den letzten Jahren verstärkt, hatte sie geschrieben, dass es ihr nicht gut ging, dass sie ohnmächtig wurde, oft den Arzt brauchte und viele Medikamente. Sie hatte Magenkrebs, wusste es offenbar aber nicht oder wurde nicht mehr grundlegend behandelt. 

1974 kommt sie aus Jerusalem zu einem letzten Besuch nach Berlin, überlegt wohl noch, ob sie wieder dorthin zieht. Will dann aber doch nach Jerusalem zurück. Der Aufzug in ihrem Haus muss repariert werden. Deshalb bleibt sie in Zürich, wo sie in den letzten Jahren Freunde gefunden hat. Dort kommt sie ins Krankenhaus und stirbt am 21. Januar 1975. 

Buchcover: Mascha Kaléko, Gisela Zoch-Westphal (Hrsg.) In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass
Buchcover: Mascha Kaléko, Gisela Zoch-Westphal (Hrsg.) In meinen Träumen läutet es Sturm. Gedichte und Epigramme aus dem Nachlass

Mascha Kaléko – Literatin der Neuen Sachlichkeit

Mascha Kaléko wird von der Literaturwissenschaft – so sie denn überhaupt erwähnt wird – den Künstlerinnen und Künstlern der Neuen Sachlichkeit zugerechnet. Das ist die kurze Periode zwischen den beiden Weltkriegen.

Im Exil hatte Thomas Mann ihre Gedichte gewürdigt. Ihn wollte sie treffen, starb aber vor einem Kennenlernen. Auch Einstein gefiel vor allem ein Gedicht und ihre Kindergedichte: Papagei und Mamagei. Und Heidegger scheint ein wenig in sie verliebt gewesen zu sein. 

Ihre Selbsteinschätzung schwankte, aber sie hielt sich schon für eine der wichtigeren deutschen DichterInnen

Deutschland, ein Kindermärchen
Geschrieben auf einer Deutschlandreise im Heine-Jahr 1956

I
Nach siebzehn Jahren in „U. S.A.“ 
Ergriff mich das Reisefieber. 
Am letzten Abend des Jahres wars,
Da fuhr ich nach Deutschland hinüber.

Es winkten die Freunde noch lange am Pier. 
Die einen besorgt und beklommen. 
Doch andere wären, so schien es mir,
Am liebsten gleich mitgekommen.

Dezemberlich kühl sank – ein Dollar aus Gold -
Die Sonne am Strand von Manhattan.
Und was greifbar im Lichte des Tages mir schien, 
Entschwebte in Silhouetten…

– O Deutschland, du meiner Jugend Land, 
Wie wer ich dich wiederfinden?
Mir bangte ein wenig. Schon sah man New  York
Und die Freiheits-Statue schwinden... 

Es schwankten die bunten Laternen an Bord
Vom B-Deck erscholl ein Orchester. 
– Ich schwänzte das „Festliche Gala-Souper“
Und hatte mein eignes „Sylvester“…

Ich grüßte dies recht bedeutsame Jahr
Mit bestem französischen Weine. 
Vor einem Jahrzehnt starb das „tausendste Jahr“, 
Und vor einem Jahrhundert – starb Heine!

II
Es hat wohl seitdem kein deutscher Poet
So frei von der Freiheit geschrieben.
Wo das Blümelein „Freiheit“ im Treibhaus gedeiht,
Wird das Treiben ihm ausgetrieben…

Er liebte die Heimat, die Liebe, das Leid,
Den Geist und die feine Nüance
Und war nur ein Deutscher. Ein Deutscher, kein „Boche“.
– Es lebe „la petite différence“!

Satiriker, Lyriker und Patriot
Sans Eichenlaub und Schwerter,
Ein Rebell sans peur et sans reproche,
Ein Horaz, Aristophanes, Werther,

Aus Simsons Stamme, von Davids Geschlecht,
Worob die Philister ihn höhnten;
Denn er spießte den spießigen Goliath
Auf haarfein geschliffene Pointen.

III
Wie Heinrich Heine zu seiner Zeit
War auch ich in der Fremde oft einsam.
(Auch dass mein Verleger in Hamburg sitzt,
Hab ich mit dem Autor gemeinsam.)

Der Lump sei bescheiden: Ich sag es mit Stolz,
Daß von Urgroßvater Heine ich stamme,
Wie Tucholsky und Mann, Giraudoux und Verlaine – 
Wir lieben das Licht und die Flamme!

…Auch ich bin „ein deutscher Dichter,
Bekannt im deutschen Land“,
Und nennt man die zweitbesten Namen,
So wird auch der meine genannt.

Auch meine Lieder, sie waren einst
Im Munde des Volkes lebendig.
Doch wurden das Lied und der Sänger verbrannt.
Warn beide nicht „bodenständig“.

Ich sang einst im preußischen Dichterwald,
Abteilung für Großstadtlerchen.
Es war einmal. – Ja, so beginnt
Wohl manches Kindermärchen.

IV
„...Da kam der böse Wolf und fraß
Rotkäppchen.“- Weil sie nicht arisch.
Es heißt: Die Wölfe im deutschen Wald
Sind neuerdings streng vevetarisch.

Jeder Sturmbannführer ein Pazifist,
So lautet das liebliche Märchen,
Und wieder leben Jud und Christ
Wie Turteltaubenpärchen. 

Man feiert den Dichter der „Loreley“.
Sein Name wird langsam vertrauter.
Im Lesebuch steht „Heinrich Heine“ sogar,
Nicht : „Unbekannter Autor“.

Zwar gibts die Gesamtausgabe nicht mehr,
Auch zum Denkmal scheints nirgends zu reichen.
Man verewigt den Dichter in Miniatur
– Vermittels Postwertzeichen. 

( Was die Marke dem Spottvogel Heine wohl
Für ein leckeres Thema böte…!
Ja, der Deutsche, er kennt seine Klassiker nicht,
Das Zitat aus dem Götz stammt von Goethe.)

Wie gesagt, es soll ein erfrischender Wind
In neudeutschen Landen wehen.
Und wenn sie nicht gestorben sind…
Das mußte ich unbedingt sehen![2]

Sie hat keine deutlich politischen Gedichte geschrieben, aber sie bewies eine große Wandlungsfähigkeit und Wachheit gegenüber sozialen Ungerechtigkeiten. Vielleicht ist sie in Vergessenheit geraten, weil sie eine Frau „ohne Schatten“ war (Adalbert von Chamisso). Sie verschleierte ihre Herkunft und verwischte Spuren. So erzog sie auch ihren Sohn und ihre Freude ist groß, als er nur noch unter seinem amerikanischen Vornamen Steven bekannt wird und seine bevorzugte Sprache amerikanisch ist. Sie nimmt auch ihm in der zweiten Generation die Herkunft.  

Ihr Leben bleibt überschattet von einer tiefen Melancholie und Heimatlosigkeit. Nie hat sie ihre jüdische Herkunft, ihre Kindheit und Jugend anerkannt – es schien ihr politisch und sozial unmöglich. Herausgerissen durch das erzwungene Exil fand sie auch in ihre Wahlheimat nicht wieder zurück. So starb sie, wie sie lebte – irgendwo auf Reisen ohne rechtes Ziel.

Autorin: Felicitas Gottschalk

Vielen herzlichen Dank für diese umfassende Einführung in Leben und Werk der Literatin Mascha Kaléko!

Felicitas Gottschalk
Felicitas Gottschalk

Felicitas Gottschalk, promovierte Erziehungswissenschaftlerin
Die Gedichte der Lyrikerin Mascha Kaléko begleiten mich schon mein turbulentes Leben lang. Meine Erfahrungen einer durch zweimalige Flucht heimatlos Gewordenen fand ich bei ihr wieder. In meinem Berufsleben in der Bildungsarbeit für und mit Frauen versuchte ich, ihr Leben und Werk auch als Zeugnis deutscher Geschichte lebendig zu halten, sei es in Schule und Universität als auch im Auslandsdienst an der deutschen Schule in Peru.
In meinem Unruhestand begann ich, mir meinen jetzigen Wohnort durch historische Dokumentarromane als Heimat zu erschreiben.


Zeittafel zu Mascha Kaléko

  • 1907 Am 7. Juni wird Mascha Kaléko in Galizien – damals noch Teil der k. und k. Monarchie – in Chrzanów (Schidlow) geboren. Das ist ein Städtchen zwischen Kraków und Katowice in der Nähe einer anderen Kleinstadt, die 35 Jahre später brüchtigt wird: Ausschwitz. Sie heißt Golda Malka Engel und ist das 1.Kind von Rozalia Chaja Reisel Aufen und Fischel Engel. Später sind weitere Kinder geboren.
  • 1914 Beim Ausbruch des 1. Weltkrieges Verlassen der Auseinanderbrechenden Habsburger Monarchie und Übersiedlung nach Deutschland. Sie lebt mit Mutter u. Schwester Lea in Frankfurt a. Main  Verlust der Heimat schon in frühen Jahren. Vater als Russe und damit feindl. Ausländer verhaftet. $ Jahre lang müssen sie in einem fremden Land ohne ihn auskommen.
  • 1916 Umzug nach Marburg a. der Lahn
  • 1918 Die Familie Engel/Aufen zieht nach Berlin Grenadierstr.17
  • 1922 Am 28.April heiraten die Eltern. Aus Golda Malka Aufen wird Mascha Engel
  • 1925 Mascha wird im Büro der „Arbeiterfürsorge der jüdischen Organisationen Deutschlands“ in Berlin, Auguststr.17 angestellt
  • 1928 Am 31. Juli Heirat mit Saul Aaron Kaléko
  • 1930 Erste Veröffentlichungen von Gedichten in der „Vossischen Zeitung“
  • 1933 Beim Rowohlt-Verlag erscheint im Januar „das lyrische Stenogrammheft“
  • 1935 Das „Kleine Lesebuch für Große“ erscheint bei Rowohlt
  • 1936 Am 28. Dez. wird Maschas Sohn Evjatar Alexander Michael geboren. Der Vater ist Chemjo Vinaver. Zweite Auflage „Lyrisches Stenogrammheft“ Danach Drohung an Rowohlt und Ausschluss aus der „Reichsschrifttumskammer“
  • 1938 Am 22. Januar wird die Ehe von Mascha und Saul Kaléko geschieden. Den Namen Kaléko behält sie zeitlebens als Künstlerlernamen bei
    Am 28. Januar heiraten Mascha Kaléko und Chemjo Vinaver
    Im September verlässt sie mit Mann und Kind Deutschland
    Am 23. Oktober kommt die Familie in New York an
  • 1939 Mascha Kaléko veröffentlicht in der deutschsprachigen jüdischen Exilzeitung „Aufbau“
    Sie schreibt Werbetexte für Toilettenartikel und Unterwäsche
  • 1940 Die Familie zieht nach Hollywood
  • 1941 Rückkehr nach New York
  • 1942 Neue Adresse in N.Y.: Greenwich Village, 1Minetta Street
  • 1944 Die Familie erhält die amerikanische Staatsbürgerschaft 
  • 1945 Im Schoenhof-Verlag Cambridge. Massachusetts erscheinen die „Verse für Zeitgenossen“ 
  • 1947 Mascha Kaléko übernimmt die PR für den Vinaver Chor
  • 1948 Alfred Polgar stellt die Verbindung zu Rowohlt wieder her 
  • 1955 Am 31. Dez. tritt Mascha Kaléko ihre erste Europareise nach dem Krieg an
  • 1956 Im Februar Neuauflage des „Lyrischen Stenogrammheftes“
  • 1958 „Verse für Zeitgenossen“ bei Rowohlt
  • 1960 Mascha Kaléko wird für den Fontane-Preis nominiert, den sie zurückweist
    Am 10.Oktober trifft das Ehepaar in Israel ein. Sie wohnen in Jerusalem Gaza Road
  • 1961 „Der Papagei, der Mamagei und andere komische Tiere“ erscheint beim Fackelträger-Verlag
  • 1962 Umzug in eine Eigentumswohnung 33, King George Street, in Jerusalem
  • 1963 Kaléko lässt sich die Rechte für das „Lyrische Stenogrammheft“ und die „Verse für Zeitgenossen“ zurückgeben
  • 1967 „Verse in Dur und Moll“ erscheinen beim Walter-Verlag
  • 1968 Tod des Sohnes
    „Das himmelgraue Poesie-Album“ erscheint im Blanvalet-Verlag
  • 1971 „Wie’s auf dem Mond zugeht. Verse für Kinder und ihre Eltern. Blanvalet-Verlag
  • 1973 „Hat alles seine zwei Schattenseiten“ Sinn-und Unsinnsgedichte, Eremiten-Presse
    Im Dez. stirbt Chemjo Vinaver
  • 1974 Im Sommer letzte Europareise. Krankenhausaufenthalt nach Operation im Waidspital, Zürich
    Im September Lesung in der Amerika-Gedenkbibliothek Berlin zusammen mit Horst Krüger
    Anfang Dez. Klinik Hirslanden, Zürich
  • 1975 21. Januar. In den ersten Morgenstunden stirbt Mascha Kaléko 

[1] aus: In meinen Träumen läutet es Sturm. © 1977 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München.
[2] aus: Verse für Zeitgenossen. Erstveröffentlichung dieser Ausgabe: 1958 Rowohlt Verlag, Hamburg. © 2015 dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München.

Wir danken der Erbin Gisela Zoch-Westphal und der dtv Verlagsgesellschaft für die Genehmigung zur Wiedergabe der beiden Gedichte von Mascha Kaléko.


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