Liebe im Wendekreis des Hummers

„The Lobster“ von Giorgos Lanthimos (Film)

Ist „The Lobster“ ein Liebesfilm? Es fällt schwer, diesen Film in eine Kategorie einzuordnen. Krimi? Thriller? Horror? Komödie? Science-Fiction? Fantasy? Nichts passt so richtig. Auf jeden Fall ist es nicht die Art Film, die man sich ausleiht, wenn man nach einem langen Arbeitstag einfach nur entspannen möchte. Wer allerdings vor Dystopien nicht zurück schreckt, schwarzen Humor aushält und anspruchsvolle Kost mag, der wird den Wert dieses besonderen Films zu schätzen wissen. „The Lobster“ ist mit Top-Schauspielern besetzt; allein, um Hollywood-Beau Colin Farrell als dicklichen, angepassten schnäuzbärtiger Spießer zu sehen, lohnt es sich ihn anzuschauen.

Dieser ziemlich bizarre Film spielt in einer düsteren Gesellschaftsform, in der Paarbeziehungen obligatorisch sind. Singles sind verpönt, werden in Dating-Hotelanlagen gesteckt und, sollten sie nicht vermittelbar sein, in Tiere verwandelt und ausgesetzt. Schicksalsergeben und tapsig versucht der traurige und frisch verlassene David eine neue Partnerin zu finden, immer an seiner Seite sein in einen Hund verwandelter Bruder. Einen Plan B hat er schon in der Tasche: sollte er scheitern, will er sich in einen Hummer verwandeln lassen.

Anhand merkwürdiger didaktischer Theaterstücke, grausamer Bestrafungen und irrwitziger Belehrungen sollen die Erwachsenen zu systemkonformen, ehe-zertifizierten Mitbürgern gedrillt werden. Die Atmosphäre des Films ist bedrückend, kalt und bürokratisch. Die Menschen sind fast schon rührend ungeschickt im Umgang miteinander. Gibt es doch einmal the lobster-bildspontane Zuneigung oder altruistische Gesten, werden sie seltsam verschämt ausgeführt. Auch die revolutionäre Gegenbewegung, die sogenannten „Loner“, die das Single-Dasein zu einer Art Kunstform stilisieren, sind nicht weniger grausam und inhuman im Umgang miteinander.

Die Erzählstimme aus dem Off und die Hintergrundmusik verstärken die absurde Atmosphäre weiter. Die in Schlammfarben gehaltenen Schauplätze wie Hotelllobbys, Wartesäle und sumpfige Wälder wirken vertraut und gleichzeitig alptraumhaft verzerrt. Sie erzeugen ein panikartiges Gefühl der Verlorenheit in einem System, das kaum Menschlichkeit zulässt.

The_Lobster_5Trotz aller rigiden Bestimmungen entwickeln sich zwischen den Protagonisten echte Beziehungen. Schwer kalkulierbare Gefühle, wie Freundschaften zwischen den verängstigten Singles oder Trauer um den Verlust geliebter Menschen, lassen sich eben so wenig kanalisieren wie sich nicht zweckdienliche Erotik und romantische Liebe verbieten lassen.

Der Film hält unserer Gesellschaft einen (Zerr-)Spiegel vor, ohne zu moralisieren. Er irritiert und verunsichert und lässt den Zuschauer nicht nur durch sein offenes Ende mit einer Menge Fragen zurück. Bestimmt bleibt der „Jury Prize“ in Cannes nicht der letzte Preis für dieses außergewöhnliche Filmerlebnis.

The Lobster im Bestand der Münchner Stadtbibliothek

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