Lena Gorelik: „Schreib doch mal, Lena“ – ein Essay über jüdisches Leben in München | #femaleheritage

Am Jakobsplatz in München sitzend, reflektiert die Münchner Autorin Lena Gorelik in ihrem Essay „Schreib doch mal, Lena“ über (Nicht-)Stereotype im Jüdischsein. Sie schreibt über Anfragen, sich zum „jüdischen Leben“ oder zur allgegenwärtigen antisemitischen Bedrohung zu äußern. Wann fühlt sie sich jüdisch, wann nicht und warum? Der Beitrag erscheint anlässlich unseres Kulturerbeprojekts #femaleheritageeinfühlsam, bewegend und nachdenklich.

Lena Gorelik: "Schreib doch mal, Lena", ein Essay zum jüdischen Leben in München fürs Monacensia - Dossier #femaleheritage
Lena Gorelik: „Schreib doch mal, Lena“ – ein Essay, den sie am Jakobsplatz über jüdisches Leben in München verfasste.

Lena Gorelik: „Schreib doch mal, Lena“

Einmal; mit Kaffee.

Schreib doch mal, Lena. 

            Wo beginne ich, was ist das erste Wort. Was ist das Wort, das nicht zu viel Bedeutung trägt, in sich, hinter sich, auf seinen Schultern, verschreckt, nach außen gekehrt. Obwohl alles Bedeutung zu tragen scheint, wenn man das sagt, schreib doch mal, Lena, über jüdisches Leben in München. 

            Also schwinge ich mich aufs Fahrrad, also sitze ich hier, warte, bis die Johannisbeerschorle kommt, der Cappuccino auch. Ich bin nicht sicher, was die Bedeutung so schwerwiegend macht, so lautstark, so bedeutsam eben: Ist es die Verbindung der einzelnen Worte? Ist es, weil „jüdisches“ und „Leben“ hintereinander gesprochen, geschrieben, was vor dem Hintergrund der Geschichte, vor dem wir sprechen, vor dem ich schreibe, vor dem wir leben, vor dem wir erinnern und vergessen gleichermaßen, immer das Antonym mitträgt: den Tod? Den gewaltsamen, den beabsichtigten, den vieler, den unzähliger, den gezählter, den grausamsten Tod von allen. Von langer Hand geplant, von vielen Händen, von unzähligen ausgeführt, von Händen, von Menschen, von noch mehr beobachtet, geduldet, gewusst, verschwiegen, später jegliches Wissen verweigert. Ist es die Verbindung der Worte, oder ist es vielmehr der Ort, „jüdisches Leben in München“, München, wo immerhin und nicht zufällig alles begann. Oder ist es nur das eine Wort, dieses Adjektiv nur, das die Bedeutsamkeit, die Fragen, die Vorsicht, die Emotionalität sofort nach sich zieht, wie ein Gewicht, wie eine Bürde, dieses Adjektiv: „jüdisch“. Es beschreibt nicht, es spricht.   

            Schreib doch mal, Lena, die Johannisbeerschorle kommt, der Cappuccino auch. Rühre den Zucker um, denke, ich könnte den Zucker auch weglassen, es ist leichter, über Zucker als über jüdisches Leben in München zu schreiben. Trinke nicht, die Sonne scheint, brennt, endlich, der Frühling, schreibe, lösche wieder, erneut und erneut. 

            Hab mich aufs Fahrrad geschwungen, sagt man so, klingt elegant, bin mir alles andere als sicher, dass es in meinem Fall auch tatsächlich so aussieht, elegant, als würde ich mich eben aufs Fahrrad schwingen. Früher, in der Sowjetunion, muss das noch gewesen sein, wo ich aufgewachsen bin, sagten sie, ich solle nicht traurig darüber sein, dass ich so unsportlich bin, das sei so, bei uns Jüdinnen und Juden. Jüdinnen und Juden sagten sie natürlich nicht, niemand genderte damals, und über Stereotype, und ob die nicht infrage gestellt werden müssen, von wem und wann, darüber dachte man ebenfalls nicht nach. Dafür hast du einen Kopf, sagten sie zu mir, wenn sie mich trösten wollten, weil ich bei sportlichen Spielen mal wieder versagte. Hast einen Kopf, kannst denken, sagten sie, implizierten oder sprachen explizit aus, dass das die wichtigere Fähigkeit sei. Ich stellte keine Fragen, aber versuchte, erst in der Sowjetunion, später in Deutschland den Sportunterricht zu schwänzen. Und dachte nicht darüber nach.

            Hab mich also aufs Fahrrad mehr gesetzt als geschwungen, bin hierher geradelt, weil ich kein erstes Wort hatte, kein gutes und viele, die zu viel aussagen wollten. Sitze jetzt hier, Cappuccino ausgetrunken, die Johannisbeerschorle nicht, an diesem Ort, symbol- wie geschichtsträchtig, genau da, wo ich nicht sitzen hatte wollen. Jakobsplatz, Stadtcafé, die Synagoge, gelbliche Mauersteine, endlose Stahltüren, die Zitate an der Glaswand des Jüdischen Museums, Kinder, die im Brunnenwasser spielen, Eltern, die vermutlich sagen, pass auf, werde nicht zu nass. 

            Meine Kinder waren mal in diesem Brunnen gewesen, erst durchnässt, dann bis auf die Unterhosen ausgezogen, und die anderen Eltern blickten pikiert zu mir, weil ich ihre Kinder auf dumme Ideen brachte, indem ich das den meinen nicht verbot. Sie waren noch nie hinter den großen, geschlossenen Stahltüren der Synagoge, zwei Mal bei Festen in der Jüdischen Schule, weil ein Kind, das sie lieben, diese besuchte, und, ich glaube, einmal waren sie im Jüdischen Museum. Wie war es, fragte ich sie. Wir haben dich gesehen, antworteten sie, zuckten mit den Schultern. Sie waren einmal an diesem Platz, als die große Chanukkijah angezündet wurde, und hatten vorher auf dem Weihnachtsmarkt Flammlachs gegessen, sie waren einmal hier nach dem Anschlag in Halle, um zu gedenken, und ihr Vater hatte mich im Vorfeld gefragt: Sollen sie mit? Sollen sie ihr Jüdischsein mit Antisemitismus verbinden, möglicherweise mit einer Angst? Sollen wir ihnen jetzt schon erzählen, alles, und was lassen wir weg? Wie machen wir das, wir müssen unseren Umgang mit dem Thema besprechen. Und ich hatte gezögert, bevor ich geantwortet hatte, hatte gedacht: dass wir das überhaupt müssen, einen Umgang finden, besprechen, dass es ein Thema sein muss. Hatte geantwortet, vielleicht ist das doch eher deine Angst, hatte vorsichtig gesprochen. Ich weiß nicht, ob die Kinder noch öfter hier an diesem Platz waren, der vor Bedeutung sonderbarerweise nicht einbricht. 

Zweites Mal; früh.

So früh am Morgen, dass niemand hier ist, nur die Polizei und ich. Und ein leerer Pizzakarton auf dem Boden, ein verlorener Haargummi und überhaupt ziemlich viel Müll, wenn man bedenkt: Sitze hier mitten in der Innenstadt von München, dieser glatt gebügelten Stadt. Am Jakobsplatz, dem Platz mit der vielen Bedeutung, nur die Polizei und ich, schreibe das so hin, weil damit ja auch schon eine Menge erzählt ist. Könnte symbolisch stehen, dieses Polizeiauto, das vor den Pollern mit den roten Lämpchen parkt, die den Platz umgeben, um vor möglichen terroristischen Anschlägen zu schützen. Könnte symbolisch stehen für die allgegenwärtige antisemitische Bedrohung, auch wenn ich das nicht so schreiben will. Hebräische Laute vor dem Gemeindehaus, Männer mit Sonnenbrillen, die ebenfalls die jüdische Gemeinde bewachen. 

            Hierher geradelt, an diesen Platz, was tue ich hier, schreiben, Stereotype bedienen. Habe mich aufgeregt vor Kurzem, als mich jemand für ein Fernsehinterview anfragte, und weil es für den Beitrag von Bedeutung war, dass ich eine jüdische Autorin bin – worüber man noch sprechen müsse, was das bedeutet, und wann das angebracht ist, mich so zu benennen –, schlugen sie vor, mich genau hier, am Jakobsplatz, zu interviewen. Vor den großen verschlossenen Stahltüren mit den großen hebräischen Buchstaben darauf. Ich empörte mich, diese Stereotype, nicht schon wieder, dann taten mir die Interviewenden leid, weil sie nun mal Bilder für den Fernsehbeitrag brauchten und ich nichts in dieser Hinsicht zu bieten hatte, keine Schläfenlocken und keinen Kerzenleuchter auf dem Esstisch. Dann empörte ich mich erneut, warum muss es sichtbar sein, das Jüdische an mir. 

            Was tue ich hier, schreiben. Hatte vorgehabt, mir drei Orte zu suchen, die mich ans Jüdische erinnern, hatte zwei Orte im Kopf, auch schon mindestens vier Sätze, nun sitze ich hier, auf kaltem Stein. Die Sonne geht in meinem Rücken auf, über dem Stadtmuseum, und Kaffee wird noch nirgendwo verkauft, und die Schmalznudel hatte ärgerlicherweise auch noch zu. Sitze hier, die Sonne im Rücken, und das Hebräisch wird von den Straßenreinigungsautos verschluckt. 

Schreib doch mal, Lena. 

            Vor Kurzem eine Anfrage bekommen, ob ich nicht bei einer Tagung sprechen wolle, darüber, wie ich mein Jüdischsein lebe, überhaupt über Jüdinnen und Juden, überhaupt ein wenig über mich in dieser meiner Funktion als Jüdin. 100 Euro hätten sie dafür bezahlt, dass ich mein Leben offenbare, was haben sie sich vorgestellt, dass ich vom Kerzenanzünden am Shabbat berichte (sie hätten sicher „Sabbat“ gesagt), dass ich antisemitische Vorfälle mit ihnen teile (sie hätten sicher sehr empathisch genickt oder entrüstet die Köpfe geschüttelt, wir müssen aufstehen gegen Antisemitismus), hätten sie mich gefragt, ob meine Söhne beschnitten sind, für 100 Euro hat man ein Anrecht, auch das zu erfahren. 

            Vor zwei Tagen gebeten worden, einen Song für eine Radiosendung zu nennen, der – im Entferntesten – mit dem Thema Judentum zu tun hat, hab gezögert. „Famous Blue Raincoat“ von Leonard Cohen gesagt, nicht, weil der Song etwas mit dem Thema Judentum zu tun hat, sondern, weil ich ihn gerade gerne höre, unter anderem des Textes wegen. Hab das so abgeschickt und dann noch mal kurz nachgesehen, wie Leonard Cohen das eigentlich handhabte mit seinem Jüdischsein.

            Eine Frau hat sich auf die Bank neben mich gesetzt: pinkfarbene Schuhe, pinkfarbenes Top, pinkfarbener Stift, mit dem sie zeichnet. Zeichnet den Platz ab, die Synagoge, die großen Türen, hat einen Pappbecher Kaffee mitgebracht, die Kluge. Blickt auf, zeichnet wieder, blickt auf. So sitzen wir da, ich schreibe über, worüber eigentlich, sie zeichnet, und wenn ich gesprächiger wäre, so würde ich sie fragen, warum. Kinder, die an die Jüdische Schule gehen: stolpern müde, verspielt, zu spät hinein, müssen erst einmal durch die Sicherheitskontrolle. Würde ich langsam vorlesen, bedeutungsschwer: Kinder, die auf dem Weg zur Schule durch eine Sicherheitskontrolle müssen. Weil ihre Sicherheit bedroht ist, weil sie eine jüdische Schule besuchen. Meine jüdischen Kinder stolpern einfach in ihre nicht-jüdische Schule hinein, ohne das Wort Sicherheit zu denken.

Ich hätte auch antworten können: Nein, ich schreibe nicht.                                

Drittes Mal; wieder früh, wieder ohne Kaffee.

            Ein Zufallsmorgen, vielleicht. Gestern ein Interview zum Thema Antisemitismus gegeben, gefragt worden: Wie jüdisch fühlen Sie sich im Alltag? Dann nach der Verbindung zu Israel gefragt worden. Müde gewesen, nicht genug Schlaf, und auch müde gewesen, um immer wieder dasselbe zu erklären. Es kommt auf den Tag an, sagte ich. Es kommt auf Zuschreibungen an. Heute ist ein Zufallstag, heute sitze ich wieder auf dem Jakobsplatz, und das Brunnenwasser plätschert sehr laut und sehr fröhlich vor sich hin, weiß nicht, dass es auf dem Jakobsplatz plätschert, und in einer Stunde steige ich in den Zug, um nach Berlin zu fahren, wo ich an einer Podiumsdiskussion beim Bundesbeauftragten für Antisemitismus teilnehme. Und im Zug werde ich an einem Brief feilen, der die Antisemitismus-Vorwürfe der Springer-Presse auf die Publizistin Carolin Emcke zurückweist, und würde man mich heute fragen, so bliebe mir nichts anderes übrig als zu sagen, heute, ja, heute fühle ich mich jüdisch. Ich habe Entscheidungen getroffen, hier zu sitzen, zu schreiben, zu sprechen, zu kritisieren. Und ich weiß, es gibt sie auch, die anderen Tage, die, an denen ich keine Entscheidung treffe, und es gibt sie auch, die anderen Tage, an denen ich einfach vergesse, dass ich eben – auch – jüdisch bin.

            Dass ich das festhalte, in Buchstaben, dass ich meine, das erklären zu müssen. Warte, lösche nicht. Mädchen, die Donuts essen, sich gegenseitig irgendwas auf ihren Handys zeigen, die Zeit hinauszögern, bevor sie die Jüdische Schule betreten. Wenn mir keine Worte einfallen, starre ich einfach ins springende Wasser, warte, bis die Eingebung kommt. Was ich schade finde: dass der Stein, aus dem die Synagoge gebaut ist, mich nicht an Jerusalem denken lässt. Obwohl der Stein doch an die Klagemauer denken lassen soll, so der Gedanke der Architekt:innen. Haben sie Jerusalem besucht, haben sie den Staub, die Hitze, den Granatapfel, die sich ineinander verhäkelnden Sprachen, dieses eigene Tempo, in dem die Jerusalemer Altstadt lebt, geatmet? Steine lassen sich von Land zu Land transportieren, aber was sie atmen, nicht. Tippe das, tippe Sehnsucht nach dem Nahen Osten, betone, dass die Sehnsucht nicht die nach Israel ist. Für wen betone ich, wogegen sichere ich mich ab?

Letztes Mal; Ingwer-Getränk, Regen. 

            Draußen regnet es, ein sommerlicher Regen. Das Wasser rinnt zwischen den Pflastersteinen, ich hoffe, dass der Regen die Schwüle mitnimmt. Im Stadtcafé ist es erstaunlich laut, obwohl es erstaunlich leer ist. Die Gleichzeitigkeit von Widersprüchen, ich nippe an meinem gesunden Ingwer-Getränk. Heute ist ein Tag, an dem ich viel fühle, aber nicht, dass ich jüdisch bin. Stelle ich fest, stelle ich nur fest, weil ich hier sitze, um diesen Text zu schreiben. 

            Schreib doch mal, Lena; aber ich bin es, die Ja dazu sagt. Schreibe Gleichzeitigkeiten auf, Nichtwissen, wogegen ich mich wehre, es ist immer einfacher zu wissen, was man nicht will. Gestern wollte ich zum Beispiel nicht, dass ein humorvoller Text von mir zum Thema Judentum, den ich vor zwölf, dreizehn Jahren geschrieben habe, noch einmal abgedruckt wird. Humorvoll, kam mir unstimmig vor an der Stelle, an der wir uns als Gesellschaft, als Menschen, befinden. Die Schaufenster des israelischen Cafés in meinem Stadtteil, in dem es mit den besten Hummus dieser Stadt bin, wurde mit antisemitischen Hetzsprüchen besprüht. Es ist schon eine Weile her, aber es bleibt hängen, weil immer das hängen bleibt, was uns selbst berührt; es geschieht immer noch zu selten und zu wenig, dass wir uns von weiter weg berühren lassen. Den Abdruck des Textes abgelehnt, ihn nicht einmal zu Ende gelesen. Wie so ein altes Kleidungsstück, das man hinten im Schrank findet, und bei dem man schon beim In-die-Hand-Nehmen merkt, dass es nicht passt. Beinahe schämt man sich, es jemals getragen zu haben. Bestelle einen Rhabarberkuchen, das Ingwer-Getränke alleine, zu gesund. Draußen auf dem Jakobsplatz klatscht der Regen auf die Pflastersteine, rote Schulbusse holen Kinder aus der Jüdischen Schule ab. 

            Schreib doch mal, Lena. 

Autorin: Lena Gorelik

Lena Gorelik. Foto: Charlotte Troll
Lena Gorelik. Foto: Charlotte Troll

1981 in St. Petersburg geboren, kam Lena Gorelik 1992 mit ihrer Familie nach Deutschland. Mit ihrem Debütroman „Meine weißen Nächte“ wurde sie als Entdeckung gefeiert. Sie hat seitdem sieben weitere preisgekrönte Romane, Theaterstücke und zahlreiche Essays veröffentlicht. Im Mai 2021 erschien ihr neuestes Werk „Wer wir sind“.

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* Das Monacensia-Dossier „Jüdische Schriftstellerinnen in München“ macht anlässlich „#2021JLID – Jüdisches Leben in Deutschland“ Leben und Wirken jüdischer Schriftstellerinnen in München sichtbar. Es dokumentiert literarische Stimmen aus Vergangenheit und Gegenwart. Ein Projekt im Rahmen von #femaleheritage.

Bisher erschienen:


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei


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