Indigene in der Kinderliteratur – über Romantisierung und Realität

Diskriminierung im Kinderbuch wird immer wieder heiß diskutiert, auch wir in der Münchner Stadtbibliothek setzen uns damit auseinander. In dieser Blogreihe haben wir Beiträge zusammengestellt, die in die Thematik einführen. Politikwissenschaftlerin Biancka Arruda Miranda spricht im Interview über die Darstellung Indigener in der Kinderliteratur.

Drei Buchcover von Ausgaben von "Yakari"
© Salleck Publications

Bis vor einigen Jahren waren Geschichten über Indigene, den sogenannten Indianern1 ein beliebtes Thema in der Kinderliteratur. Sowohl in der erzählenden Literatur als auch in Comics, vor allem aber in Sachmedien. Inzwischen scheint es ein stärkeres Bewusstsein bei den Verlagen zu geben, dass die Illustrationen und Narrative in diesen Medien problematisch sind. Wie blicken Sie auf die Darstellung Indigener in der Kinderliteratur?

Biancka Arruda Miranda: Nach Schätzung der UNO gibt es zwischen 370 und 500 Millionen Indigene auf der Welt. Sie leben in ca. 90 Ländern auf fünf Kontinenten und umfassen ca. fünf tausend unterschiedliche Kulturen.2 In der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur herrscht aber das Stereotyp von nordamerikanischen Indigenen vor. Die Autor*innen konzentrieren sich auf Ersteinwohner*innen in den Vereinigten Staaten und nicht aus anderen Teilen der Welt. Der geleistete Widerstand gegen weiße Kolonisator*innen und gegen ein politisches und wirtschaftliches System, das ihre Existenz und ihre Rechte nicht respektiert, wird kaum dargestellt und die Begegnung mit Nicht-Indigenen auch in der Gegenwart meistens harmonisch präsentiert. Auch ihre Rolle im Zusammenhang mit dem Klimawandel wird kaum beachtet. Immerhin befinden sich 80% der weltweiten Tier- und Pflanzenarten in indigenen Territorien. Indigene Völker sind die Wächter der Wälder und der weltweit verbliebenen Biodiversität.


Können Sie ein solches Beispiel aus der Kinderliteratur benennen?

Biancka Arruda Miranda: Ein Beispiel für eine solche Darstellung ist die Comicbuch-Serie Yakari, von der weltweit über fünf Millionen und allein in Deutschland über 800.000 Exemplare verkauft wurden.3 Der erste Yakari Comic erschien im Dezember 1969 in Le Crapaud à lunettes, einer Schweizer Zeitschrift für Schüler*innen. Der Cartoonist Claude de Ribaupierre (Derib) hat die Figur gemeinsam mit seiner Frau Dominique und dem Autor André Jobin (alias Job) erfunden. Bis heute erscheinen Folgen der Serie, 2020 entstand der Comicfilm Yakari – der Film. Yakari ist ein Junge aus dem Volk der Lakota. Er lebt in der Prärie in Nordamerika und ist der Einzige aus seinem Volk, der mit Tieren sprechen kann. Sein Totem-Tier ist der Adler und sein bester Freund ist das Pferd Kleiner Donner. Mit ihm und seinen menschlichen Freunden*innen erlebt er viele Abenteuer. Yakari trägt eine rotorangefarbene Hose, ein Lederhemd mit Fransen, im Haar ein blaues Stirnband und eine schwarz-weiß gemusterte Feder. Er hat eine rotbraune Hautfarbe und lebt mit seinem Volk in Tipis. Diese Darstellung von Indigenen ist in Deutschland vertraut und wird verlässlich und regelmäßig reproduziert.

Buchcover "Yakari und grosser Adler"

Wattenheim : Salleck Publications, 2009

Wie sah bzw. sieht denn die Realität von Indigenen in den USA aus?

Biancka Arruda Miranda: In den Vereinigten Staaten werden heute ca. 574 Völker4 anerkannt, und viele davon leben aufgrund der seit der Kolonisierung betriebenen Politik der Ausrottung und Vertreibung in Reservaten. Die Ausrottung wurde unter anderem damit gerechtfertigt, dass die Indigenen der Erschließung durch Eisenbahnen und Straßen sowie der Errichtung von Monokulturen und Bergbau im Weg waren. Die verbliebene indigene Bevölkerung wurde von den US-Regierungen in zunehmend trockenere, unfruchtbare und isolierte Gebiete vertrieben. Ein Beispiel dafür ist das Volk der Dakota, das als Inspiration für die Autor*innen von Yakari dient. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden in den USA die American Indian Wars geführt. Dabei handelte es sich um Kriege zwischen den Kolonisator*innen, indigenen Völkern und den Vereinigten Staaten. Ziel war das angestammte Land der indigenen Gemeinschaften zu besetzen. Dies sind die historisch strukturellen Ursachen, die zu Entrechtung, Armut, Epidemien, Alkoholismus und anderen Übeln geführt haben, denen Indigene in den USA noch heute ausgesetzt sind. Angehörige der indigenen Völker erhielten erst im Jahr 1924 die US-amerikanische Staatsbürgerschaft. Indigene waren und werden immer noch ausgebeutet, erniedrigt und vertrieben und die Natur, in der sie leben, wird (weiter) zerstört. Die Situation der Indigenen kann also nicht ohne den Kolonialismus, seine Geschichte und seine Folgen, gedacht werden.


In Anbetracht dieser Geschichte erscheint es fragwürdig, dass das Leben indigener Menschen aus den USA überwiegend romantisiert wird. In der erzählenden Kinderliteratur sind Geschichten mit Indigenen vor allem Projektionsfläche für die Suche weißer Menschen nach Naturverbundenheit und Abenteuern. Und auch Kindersachmedien romantisieren in ihren Darstellungen häufig.

Biancka Arruda Miranda:Deswegen ist es auch schwierig zu akzeptieren, Indigene als Inspiration zu begreifen, ohne ihren Kampf ums Überleben und den permanent geleisteten Widerstand zu berücksichtigen. Die Darstellung von Yakari als junger Indigener, der im Einklang mit der Natur lebt, ist faszinierend und verführerisch. Alle Indigene eint eine Gemeinsamkeit: Das Verhältnis zu Mutter Erde, der Natur. Sie sehen sich als Teil der Natur. Die westliche Logik sieht die Natur jedoch als zu beherrschendes Objekt an. Sie hat ihre Wurzeln im Kolonialismus und der daraus resultierenden Trennung zwischen Natur und Mensch. Der Kolonialismus machte die kolonisierten Menschen und die Natur zu (kommerziellen) Objekten. Bei Yakari handelt es sich um eine sehr harmonische, romantisierte Darstellung, die kaum mit der Realität bzw. Lebenswirklichkeit d(ies)er Indigenen zu tun hat. Die Autor*innen sind weiße Europäer*innen, die von Native Americans, also den Erstbewohner*innen der USA, fasziniert waren. Doch eine etwas differenziertere Sichtweise wäre angebracht gewesen.


Uns ist aufgefallen, dass Indigene aus Lateinamerika, kaum in Kindermedien vorkommen. Wenn sie vorkommen, werden sie vor allem als alte Kulturen ohne Bezug zur Gegenwart portraitiert. Es geht um die Mayas, die Inkas und die Azteken aus der Zeit vor der Ankunft der Kolonialmächte. Allerdings leben z.B. auch heute noch ca. sechs Millionen Mayas in Lateinamerika, vor allem in Guatemala5. Und auch die Inka und die Azteken haben ihnen verwandte Nachfahren. Auch in der erzählenden Kinderliteratur treten diese Indigenen wenig in Erscheinung, und wenn, dann eher negativ. Ein Motiv ist das der bedrohlichen Bewohner*innen eines mythologisch aufgeladenen Urwalds, der die Funktion hat, die weißen Figuren zu fordern. Ein Beispiel dafür ist „Fünf Freunde und die Flugzeugentführer“ von Enid Blyton. Das Flugzeug, in dem die Fünf Freund sitzen, stürzt auf dem Weg nach Kolumbien im Urwald ab, die Kinder werden daraufhin von Indigenen in ihr Dorf verschleppt. Diese werden (zunächst) als gefährlich portraitiert. Das Motiv des gefährlichen Indigenen des Amazonasbeckens ist eines, dem man gerne auch in Comics begegnet. Wie sah die Begegnung zwischen Indigenen und weißen Menschen in Lateinamerika denn wirklich aus? Und wie ergeht es den Indigenen dort heute?

Biancka Arruda Miranda: Ich würde behaupten, die Geschichte der indigenen Völker auf der Welt unterscheidet sich nicht viel. Es ist leider die Geschichte eines Genozides. Als die Kolonisator*innen kamen, nahmen sie das Land in Besitz. Sie betrachteten die Indigenen Völker als Wilde und nannten sie Indianer. Die Bezeichnung beruht auf einem Irrtum von Kolumbus, der auf seiner Reise im Jahr 1492 glaubte, mit seinen Schiffen in Indien – die „andere Welt“, wie er sie nannte – gelandet zu sein. Das Wort wird seitdem ohne Unterscheidung zur Bezeichnung einer Vielzahl indigener Gruppen verwendet.

Anders als behauptet, handelte es sich bei der Begegnung zwischen Kolumbus und den Indigenen nicht um eine Entdeckung. Es war eine Invasion, ein Prozess der Vernichtung und Unterwerfung der indigenen Bevölkerung – sowohl durch Kampf mit den Kolonisator*innen als auch durch von ihnen eingeschleppte Krankheiten wie Grippe, Tuberkulose und Syphilis. Die Geschichte der indigenen Völker ist geprägt von Brutalität, Versklavung, Gewalt, Krankheiten und Völkermord.6 Seitdem kämpfen die indigenen Völker um ihre Grundrechte, und zwar um das ursprüngliche Recht auf das Land, auf Selbstbestimmung, auf eine eigene Identität und Kultur sowie auf spezifische und differenzierte öffentliche Politiken, wie zum Beispiel indigene Gesundheits- und Bildungssysteme. Zudem setzen sie sich für den effektiven Schutz der indigenen Gebiete ein.

Hörbuchcover "Fünf Freunde und die Flugzeugentführer"
Europa Logo!, 1989

Welche Konsequenz hat es, wenn Indigene aus Lateinamerika in der Darstellung in Kindermedien fast ganz fehlen?

Biancka Arruda Miranda: Eine Folge davon ist, dass wir uns der Möglichkeit berauben, mehr über die Vielfalt der indigenen Völker zu erfahren und andere Perspektiven über die Welt zu gewinnen. Diese Vielfalt ist eine Bereicherung für uns alle, nicht nur im Hinblick auf eine Geschichte des Widerstands, sondern auch dahingehend, dass die Natur als Subjekt betrachtet wird, ohne immer romantisiert zu werden.  Als Indigene sehen wir uns als Teil der Natur, die Natur ist eine Verwandte von uns. Das heißt, dass sie genauso gut behandelt werden muss wie wir selbst. Es gibt keine Hierarchisierung. In der westlichen Gesellschaft ist das anders: Man versucht zwar auch, die Natur zu schützen. Doch das, was selbstverständlich sein sollte, geschieht hierzulande vor allem deshalb, weil man sich bedroht fühlt. Sie darf nicht ausgebeutet werden und ist nicht dazu da, uns am Leben zu erhalten. Es gibt eine Gegenseitigkeit – wir brauchen die Natur, aber die Natur braucht uns auch. Wir müssen beide leben können. Wir Menschen sind nicht so wichtig, wie wir denken. Diese Hierarchisierung muss weg – das ist das Entscheidende.


Neben den Inhalten müssen wir auch über die Sprache sprechen, die als Bezeichnung von Indigenen herangezogen wird. Beispielsweise verwenden die meisten Kindermedien Indianer als Fremdbezeichnung. Warum ist das ein Problem?

Biancka Arruda Miranda: Vereinfacht ausgedrückt berücksichtigt der Begriff Indianer nicht die Besonderheiten, die bei den Völkern bestehen, wie etwa ihre sprachliche, kulturelle, regionale, rituelle und soziale Identität, sowie den Zeitpunkt und die Dauer ihres Kontakts mit der nicht-indigenen Gesellschaft. Der Begriff Indigene dagegen hat einen lateinischen Ursprung und bedeutet „einheimisch an dem Ort, an dem sie leben“, „hervorgebracht in dem Land, das ihnen gehört“7. In diesem Sinne ist er umfassender, ohne abzuwerten, und schließt die Eigenheiten und Repräsentationen verschiedener indigener Völker mit ein.

Auch die Bezeichnung Sioux ist problematisch. Sie hat ihren Ursprung im 17. Jahrhundert. Der mit den Sioux verfeindete Stamm der Ojibwa teilte den Franzosen mit, dass dies die Bezeichnung des Stammes sei. Die Bezeichnung stammt von dem Ojibwa-Begriff Na dou esse ab, was Feind bedeutet. Die Franzosen sprachen den Begriff Nadausioux aus, und die Engländer*innen und Nordamerikaner*innen verkürzten ihn zu Sioux.

Dies wiederum bedeutet unter anderem „kleine Schlangen“ und übertragen „Lügner“ und gilt daher als Beleidigung für die Menschen dieses Volkes.8 Sie selbst benennen sich lieber nach ihren Stammesgruppen: Dakota oder Lakota. („Freunde“, „Verbündete“).

Der Begriff Amerika ist ein Begriff, der ebenfalls in Frage gestellt werden sollte, denn bei Amerika handelt es sich um eine Fremdbezeichnung seitens der (zunächst spanischen) Kolonisator*innen. Zugleich gibt es drei Amerikas: Nord-, Zentral- und Südamerika. Abya Yala ist meiner Meinung nach die angemessene Bezeichnung. Das Wort bedeutet in der Sprache der Guna im heutigen Panama „Land in voller Blüte“ und bezieht sich kritisch auf den eurozentrisch geprägten Begriff Amerika. Abya Yala wird vor allem von indigenen Gruppen verwendet, die fortwährend für ihre Anerkennung und Selbstbestimmung, für Umweltschutz und Menschenrechte eintreten. Anstelle des eurozentristischen Begriffs Amerika verwenden indigene Dachverbände wie der CONAIE in Ecuador oder APIB in Brasilien die Bezeichnung Abya Yala. Abya Yala ist also ein politischer Begriff und vermittelt eine klare Position dekolonialer Kämpfe.9


Uns ist aufgefallen, dass im Kinder- und Jugendbereich in den vergangenen fünf Jahren kaum noch Titel zu Indigenen auf dem Markt erschienen sind. Es wirkt so, als ob das Thema von Autor*innen und Verlagen gemieden wird, weil man viel falsch machen kann.

Biancka Arruda Miranda: Es stellt sich die Frage, inwieweit eine marginalisierte gesellschaftliche Gruppe wie Indigene als Hauptfiguren für Fabelgeschichten dienen sollten. Es wäre anders, wenn sie selbst entscheiden könnten, wie sie präsentiert werden möchten. Oder noch besser, dass sie sich selbst präsentieren können. Deutschland ist noch weit entfernt davon. Schön wäre es, wenn indigene Autor*innen hier ihre eigenen Bücher und Darstellungen veröffentlichen könnten.

Es gibt einige wenige Titel, vor allem aus Kanada, das 2020/21 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse war. Mit diesem Auftritt bekamen auch Kinderbücher, die das Schicksal der Cree zum Thema hatten, eine größere Sichtbarkeit. Die Cree sind die mit Abstand größte und am weitesten verbreitete Gruppe unter den indigenen Völkern in Nordamerika. Ihre 135 Stämme umfassen rund 200.000 Menschen. Ins Deutsche übersetzte Titel sind zum Beispiel das Jugendbuch Strangers des Cree-Autors David A. Robertson (Merlin Verlag 2020) und sein Kinderbuch Als wir allein waren (Little Tiger 2020). Oder die bilingualen Bilderbücher Helfen und Warten der Autorin Caitlin Dale Nicholson, die zum Stamm der Tahltan gehört. Sie sind im Rieder Verlag auf Deutsch und in der Sprache der Cree erschien. Ein weiteres Beispiel ist der Titel Die Würdigung des Bisons. Eine Legende der Plains Cree (Mons Verlag 2019). Die Legende wird von Ray Lavallee, einem Cree, erzählt und wurde von Judith Silverthorne aufgeschrieben. Illustriert wurde das Buch durch Mike Keepness, der in einem Reservat aufgewachsen ist.


Wir reden hier von Belletristik. Sachbücher bieten noch einmal ganz andere Möglichkeiten, indigenes Leben zu zeigen, aber auch hier erscheint auf dem deutschen Buchmarkt wenig, was schade ist, denn die Geschichte Indigener Völker sollte nicht unsichtbar sein. Ein Kinderbuch, das versucht, Indigene aus den USA in ihrer Vielfalt und ihre leidvolle Geschichte ungeschönt darzustellen, ist „Indianer. Die Ureinwohner Nordamerikas“ aus der Reihe „Was ist Was“ (Tessloff 2014). Zwar wird leider immer wieder die Fremdbezeichnung Indianer für die Menschen verwendet, aber der Titel bemüht sich, gegen Stereotype anzugehen und den Widerstand der Indigenen abzubilden. Es gab in den vergangenen Jahren also durchaus den ein oder anderen guten Ansatz. Gibt es Sachmedien, die Sie in Bezug auf die Darstellung Indigener empfehlen können?

Biancka Arruda Miranda: Es gibt einige wenige Bücher, die auch Indigene Vertreter*innen präsentieren, wenn auch weiter aus einer westlichen Perspektive. Zum Beispiel das Buch Origins von Nat Cardozo (Magellan 2024). Es geht darin um die Verbundenheit Indigener mit der Natur, ein Buch mit Darstellungen von 22 indigenen Völkern der insgesamt ca. 5000 auf der Erde lebenden Völker. Es trägt dazu bei, die Vielfalt der Indigenen etwas angemessener zu präsentieren, wenn auch nicht durch sie selbst. Der Titel Indigene Menschen aus Nordamerika erzählen von Eldon Yellowhorn und Kathy Lowinger (Carlsen Verlag 2024) dagegen ist aus Indigener Perspektive geschrieben. Eldon Yellowhorn ist Mitglied der der Piikani Nation in Kanada.


Über Biancka Arruda Miranda

Biancka Arruda Miranda, geboren in Brasilien, lebt seit 2017 in Deutschland. Sie ist Politikwissenschaftlerin (M.A.), Umwelt- und Menschenrechtsaktivistin sowie zertifizierte Trainerin für Social Justice und Diversity. Biancka ist Vorstandsmitglied bei KoBra – Kooperation Brasilien e.V. und Commit e.V.. Im Bereich Medien ist sie auch unterwegs und publiziert vor allem über Indigene und Ent/Dekolonisierung. Bei Radio Lora München moderiert sie die Sendung „In Brasilien unterwegs“. Sie arbeitet eng mit indigenen Völkern zusammen und stammt aus dem indigenen Volk der Guató. Außerdem ist sie als Bildungsreferentin zu Themen wie Dekolonialismus, Klimakolonialismus und Klimagerechtigkeit, Empowerment und Antirassismusarbeit tätig. Sie setzte sich für die Rechte der Natur auch in Deutschland ein und ist Mitgründerin der Initiative Mubuka.


Indigene Stimmen

Shirley Krenak:
Wir sind indigene Völker, wir sind jahrtausendalte Völker, wir sind Wächtervölker, wir sind fürsorgliche Völker, wir sind spiritualisierte Völker innerhalb des vielfältigen Lebens auf der Mutter Erde. Wir sind keine Indianer, wir sind Indigene, im Wortsinne „Eingeborene“. Ein Indianer, „Inder“, ist jemand, der aus Indien kommt. Wir (aber) sind einheimisch, wir sind ursprünglich, wir sind Hüter der Artenvielfalt und des Gleichgewichts zwischen Himmel und Erde (…) Allein in Brasilien sind wir mehr als 300 indigene Völker, mit mehr als 200 gesprochenen Sprachen, verteilt auf sechs Biome. Und jedes Volk hat seine Identität, Kultur, traditionelle Sprache, eigene Kommunikationsformen. Viele denken, wir alle sprechen die gleiche Sprache… aber nein, jedes Volk hat seine Besonderheiten. (…) Bücher erzählen meist nicht die Wahrheit über die indigenen Völker, weil sie nicht von uns geschrieben wurden, sondern von Leuten, die die wahre Geschichte der indigenen Völker – sowohl in Brasilien als auch außerhalb Brasiliens – nicht kennen.

Shirley Djukurnã Krenak gehört zum Volk der Krenak und ist in Brasilien und vielen anderen Ländern unterwegs. Sie hat Moderationen und Workshops sowie Projekte für verschiedene Bildungseinrichtung in Deutschland und Europa durchgeführt.

Shirley Krenak
Shirley Djukurnã Krenak, © Equipe de comunicação Nalimo

Isabel Tukano:
Vor der Invasion Brasiliens bewahrten die indigenen Völker ihre Kultur, ihre Sprache, ihr Verständnis und ihre Harmonie mit der Natur, mit Tieren und Pflanzen. Sie verfügten also über das Wissen eines (…) Arztes oder eines „Umweltingenieurs“. Vor der Invasion wussten wir alles über die Gesundheit der Natur. Wenn ich sage, der Indigene ist Ingenieur oder Arzt (…) Warum? Weil er aus der Ferne sehen konnte, dass ein Baum nicht gesund war. Oder durch den Wind, durch die Brise.  (…) Durch die Bewegung der Pflanzen, die grüne Farbe der Pflanzen, die Farbe des Wassers (…) Tiere kamen und blieben bei uns. Wir wussten also, was sie trinken konnten, was sie essen konnten und wohin sie gehen konnten. Mit anderen Worten, die Verbindung zu den Tieren war etwas Genuines der indigenen Bevölkerung (…) Ich erinnere mich sehr gut an meine Kindheit. Damals war es für uns sehr schwierig, Hunde oder Katzen zu begegnen, denn unsere Freund*innen oder Partner*innen waren die Tiere im Wald und Wasser. Es war die Schildkröte, es war der Marara, es war ein Hirsch (…) Wir waren exzellente Ärzte und Tierärzte, weil wir alles wussten. Die Nicht-Indigenen mussten es uns nicht zeigen, wir wussten es schon. Als der Nicht-Indigene zu unseren Gemeinschaften kam, brachte er Dinge mit, die wir wirklich nicht wussten, mit denen wir aber auch nicht einverstanden waren.

Isabel Tukano, Aktivistin, hat die große Protestmobilisierung Levante pela Terra mitkonzipiert und mitorganisiert. Die Mobilisierung fordert ein Ende der Verletzungen der Rechte der Indigenen in Brasilien. Isabel kommt aus dem bekanntesten Biom in Brasilien, dem Amazonas. Der Begriff Biom beschreibt das vorherrschende Ökosystem in einem größeren geografischen Gebiet.


Fußnoten

  1. Die Begriffe Indianer und Sioux werden im Text durchgestrichen, um die Diskriminierung, die in ihnen enthalten ist, nicht zu reproduzieren. Auf die Problematik der Begriffe wird weiter unten im Text eingegangen. ↩︎
  2. Bundesministerium für Zusammenarbeit: Indigene Völker, https://www.bmz.de/de/service/lexikon/indigene-voelker-57208 ↩︎
  3. Die Zeit (26.10.20): Unsere Sehnsucht nach dem tapferen „Indianer“: https://www.zeit.de/kultur/film/2020-10/yakari-kinofilm-kinderfilm-animationsfilm-kulturelle-aneignung-sioux ↩︎
  4. USAGov: Federally recognized Indian tribes and resources for Native Americans: https://www.usa.gov/tribes ↩︎
  5. Planet Wissen.de: https://www.planet-wissen.de/kultur/voelker/maya_ein_ewiges_raetsel/index.html#Maya-heute ↩︎
  6. Freie Universität Berlin: Caminos – Eine Reise durch die Geschichte Lateinamerikas. Demografische Katastrophe: https://www.lai.fu-berlin.de/e-learning/projekte/caminos/lexikon/demografische_katastrophe.html ↩︎
  7. OPIERJ (02.06.22), Índio ou indígena? Eintenda a diferença entre os dois termos: https://opierj.org/indio-ou-indigena-entenda-a-diferenca-entre-os-dois-termos ↩︎
  8. Wikipedia, Sioux: https://de.wikipedia.org/wiki/Sioux ↩︎
  9. LateinAmerikaNachrichten (September 2021): Nachrichten aus Abya Yala – Die Redaktion: https://lateinamerika-nachrichten.de/artikel/nachrichten-aus-abya-yala ↩︎



Kommentar zu “Indigene in der Kinderliteratur – über Romantisierung und Realität

  1. Dorinha Andrade on 11/12/2025 at 9:29 a.m. sagt:

    Que maravilha! És ist nötig die Menschheit als Menschen zusammenzuleben. Wir sind alle Menschen! Die Indigenen sind Menschen mit so vielen Kenntnissen , die wir auch lernen sollten.

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