Held? Voyeur? Fotograf!

Sabine Gruber: Daldossi oder das Leben des Augenblicks (Roman)

Ich habe diesen Roman auf meine Leseliste gesetzt, weil ich fasziniert war von den Fragen, die die Autorin aufwirft: Was macht es mit uns, dem Leid anderer tatenlos gegenüberzustehen? Was macht es mit den Reportern und Fotografen, die in Krisen- und Kriegsgebieten unterwegs sind? Erfüllen diese ihre Aufgabe, indem sie dokumentieren und beschreiben, oder müsste da nicht noch mehr sein? Mehr Hilfsbereitschaft? Mehr Empathie? Einfach mehr – Taten.

Aber halt. Um was geht es eigentlich? Daldossi ist ein Fotograf, der seit Jahrzehnten in Kriegsgebieten für ein berühmtes Journal unterwegs ist und schon viel Schlimmes gesehen und dokumentiert hat. Er hat es in seinem Berufsleben leider nie geschafft dieses EINE Foto zu schießen, dieses eine perfekte – das Kunstwerk. Er liebt seine Frau Marlis, entfernt sich von ihr aber zusehends durch seinen Zynismus, seine Alkoholsucht und sein notorisches Fremdgehen. Er kann das Elend einfach nicht abschütteln und versucht es einfach wegzuvögeln, wegzusaufen, wegzudrücken. Marlis wiederum hat ihre Liebe und ihr Mitgefühl über die ständigen Sorgen über ihn aufgebraucht, kann seine Eskapaden nicht mehr ertragen und verlässt ihn schließlich. Nicht nur die Liebe zwischen den beiden schwindet, sondern auch der Respekt. Er findet ihre Tierauffangsstation eigentlich nur noch lächerlich, sie empfindet seine Kriegsfotografien zunehmend als voyeuristisch.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass der Roman keine einfache Antworten gibt, sondern die Beteiligten, die alle auf je eigene Weise mitgenommen, traumatisiert und erschöpft wirken, straucheln und hadern lässt. Im ganzen Roman sind immer wieder kurze Bildbeschreibungen von Fotos eingefügt, auf denen Szenen aus verschiednenen Kriegs- und Krisengebieten beschrieben werden, der Leser muss sie sich also quasi vorstellen, wegschauen geht nicht.

Besonders eindrücklich wird das Thema Kriegstrauma, wenn Daldossi Flashbacks hat. Er hört, riecht oder sieht irgendetwas Harmloses, sieht etwa die Hände des Sitznachbarn im Flugzeug neben sich – und zack – schon ist er wieder in Tschetschenien und hat die Beerdigung eines Mannes im Kopf, von dem nur die abgerissenen Hände gefunden wurden.

Mir hat sich während des Lesens die Frage aufgedrängt, wie es wohl den abgebildeten Personen auf den Fotos ergangen ist, wie die Familien der Toten weiterleben. Jedes dieser Fotos erzählt ja eine eigene Geschichte, ein Drama, von einen Verlust. Versöhnlich wird der Roman ganz am Schluss, mit der letzten Bildbeschreibung. Daldossi scheint seine Sinnkrise überwunden zu haben und für sich selbst eine Antwort auf die quälende Frage gefunden zu haben: Reicht es aus auf Missstände hinzuweisen oder hat nicht jeder von uns ein stückweit die Verantwortung selbst etwas zu tun?

Gruber selbst sagt zum Thema Kriegsfotografie:

Mich stört, dass man Kriegsfotografen oft unterstellt, sie seien sensationsgeile Typen, Abenteurer, labile Actionjunkies. Die gibt es auch, in der Mehrzahl sind es aber Menschen, die das Unrecht festhalten wollen, die unzählige Entbehrungen auf sich nehmen, um uns Vorfälle in Krisen- und Kriegsregionen näherzubringen.

Sabine Gruber: Daldossi oder das Leben des Augenblicks. 315 Seiten, C.H. Beck

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Wen das Thema jetzt nicht mehr loslässt, der kann hier weiterlesen und schauen:

Susan Sontag: Das Leiden anderer betrachten (Essay)

Christoph Bangert: War Porn (Bildband)

The Bang Bang Club (Spielfilm)

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