Jenseits der Nachrichtenbilder

„Einbruch der Wirklichkeit. Auf dem Flüchtlingstreck durch Europa“ von Navid Kermani

Alles zurücklassen, alles aufgeben – um sich selbst in Sicherheit zu bringen.

Nicht erst seit die aktuellen Flüchtlinge in Deutschland ankommen, interessiert mich, was passieren muss, damit man alles hinter sich lässt, und wie es Menschen gelingt, bei Null wieder anzufangen bzw. ob das überhaupt gelingen kann.

Navid Kermani ist im Herbst 2015 mit dem Magnum-Fotografen Moises Saman die Balkanroute in umgekehrter Richtung abgefahren und berichtet von der Situation in Budapest, Belgrad, Piräus und auf Lesbos. Seit dem Türkei-Deal und dem Zurückschicken der Flüchtlinge aus Griechenland kommen über diese Route zwar kaum noch Menschen bis nach Deutschland, trotzdem behalten meiner Meinung nach die Beobachtungen des Autors und seine Schlussfolgerungen Gültigkeit.

Als fast schon prophetisch empfinde ich seine Aussage zu Beginn der Reise, als er die große Unterstützung der deutschen Helfer beschreibt:

Es war ein seltsam weichgewordenes Deutschland, das ich verließ, auch das Graue, sonst so Starre, Abweisende wie mit Puderzucker bedeckt. Gerade als ich es verließ, musste ich daran denken oder spürte bereits, wie leicht sich Puderzucker auch wegblasen ließe.

9783406692086_coverDie Subjektivität des Buchs, die vielen kleinen persönlichen Beobachtungen und Gespräche des Autors mit Helfern, Flüchtlingen und Politikern liefern uns andere Informationen, als die, die wir täglich in den Zeitungen finden.

Gerade da, wo er beispielsweise beschreibt, wie auf Lesbos Kameraleute den Booten entgegen rennen und die Helfer anschreien aus dem Bild zu gehen, bekam ich eine Ahnung davon, wie mit den Bildern, die wir in der Presse sehen, Emotionen geschürt werden. Die Aussage einer Helferin in Budapest ergänzt das noch, die sagt, dass die Regierung die Flüchtlinge auch deshalb unversorgt in den Parks und auf Bahnhöfen gelassen habe, damit sie verwahrlosen, ja, damit sie stinken und die Leute Angst vor ihnen haben.

Mich hat immer gewundert, dass unter den jungen Flüchtlingen, die in München ankommen, kaum Frauen sind. Die einfache Erklärung: am ehesten überstehen junge Männer zwischen achtzehn und fünfundzwanzig Jahren die Strapazen, die tagelangen Fußmärsche ohne Proviant und Wasser, ohne angemessene Kleidung. Dass Flüchtlinge teilweise irgendwo hängen bleiben, weil sie kein Geld mehr haben, um weiterzukommen, wird genauso eindringlich beschrieben wie die Überfälle von Schmugglern und die Anweisung der Schlepper, das Gepäck zurückzulassen, damit noch mehr Menschen in die Schlauchboote passen.

Dass alle, die es dennoch bis nach Deutschland schaffen, so ausgesprochen freundlich und dankbar auftreten, hat laut Kermani auch den Grund, dass sie nicht unangenehm auffallen, niemandem zur Last fallen wollen. Sie „wollen sich nicht auch noch selbst aufgeben“.

Bisher sind die Flüchtlinge gezwungen, illegal einzureisen, um dann in Europa Asyl zu beantragen. Navid Kermani schlägt vor, Einwanderung und politisches Asyl voneinander zu trennen. Die Einwanderung würde sich nach den Bedürfnissen der Aufnahmeländer richten, das Asyl bliebe den eindeutig Schutzbedürftigen vorbehalten. Er plädiert auch für die Unterstützung der Flüchtlinge vor Ort und in den Nachbarländern von Syrien und Irak.

Am beeindruckendsten fand ich die Schwarzweißfotos von Moises Saman, auf denen oft keine Menschen zu sehen sind, sondern beispielsweise Unmengen von weggeworfenen Schwimmwesten und -reifen am Strand von Lesbos oder zerschundene nackte Füße, die unter einer Wolldecke hervorschauen.

Das Buch eignet sich sehr gut auch als Klassenlektüre für Oberstufenschüler, weil es zum Nachdenken und zur Diskussion anregt.

Wer den Autor näher kennenlernen möchte, kann sich hier seine Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 2015 ansehen: http://www.youtube.com/watch?v=5_JAGn74-do

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