Exzentrische 80er: Zur Multimediakünstler*in Rabe Perplexum | #PopPunkPolitik

Rabe Perplexum steht zusammen mit zwei weiteren Künstlerinnen im Fokus von „Exzentrische 80er“ – ein Ausstellungsprojekt für 2022. Wie es dazu kam? Das schildert Burcu Dogramaci in ihrem Beitrag zur Artikel-Serie* #PopPunkPolitik. Die Kunsthistorikerin sieht Rabe Perplexum als Akteur*in einer subkulturellen Kunstgeschichte der 1980er Jahre. Im folgenden Text geht es um Identitätsfragen, Queerness, „Doing Gender“ als Akt der Selbstermächtigung und Sichtung des künstlerischen Nachlasses.

Rabe Perplexum: undatierte Zeichnung, Notizbuch, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik und Exzentrische 1980er
Rabe Perplexum: undatierte Zeichnung, Notizbuch, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik und Exzentrische 1980er

Rabe Perplexum: wertgeschätzt, vergessen und wiederentdeckt

Der Begriff „exzentrisch“ ist doppeldeutig und meint außerhalb des Zentrums geschehend, aber auch vom Üblichen abweichend. Beide Beschreibungen treffen auf Rabe Perplexum zu – eigentlich Manuela Margarete Hahn-Paula (auch Paula-Hahn, 1956–1996) – die/der seit Beginn der 1980er Jahre unter dem tierlichen Künstler*innennamen arbeitete. In den folgenden Jahren entstanden nebeneinander und simultan Malerei, Zeichnung, Texte, Video, Performances, Aktionen. Bereits vor dem Studium bei Robin Page an der Akademie der Bildenden Künste war Rabe Perplexum zur Schauspieler*in ausgebildet worden.[1] 1986 erhielt sie/er den Kulturförderpreis für „Neue Ausdrucksformen im Bereich der Bildenden Kunst“ der Stadt München. 

Obgleich die Auftritte und Aktionen von Rabe Perplexum regelmäßig in der lokalen Presse Erwähnung fanden und kontinuierlich vom Kulturreferat gefördert wurden, nahm das Interesse seit dem frühen Tod radikal ab. Freund*innen kümmerten sich um die Rettung des Nachlasses. Einer Gedächtnisausstellung in der Münchner Rathausgalerie in 1998 folgte der Ankauf des künstlerischen Nachlasses durch die Stadt München und die Überführung in die Monacencia. Erst vor wenigen Jahren wurde dort mit der Aufarbeitung des Nachlasses begonnen und Rabe Perplexum im Kontext einer Würdigung des Schaffens von Schriftstellerinnen neu entdeckt (#femaleheritage).[2]

Rabe Perplexum bei der Verleihung des Kulturförderpreis für „Neue Ausdrucksformen im Bereich der Bildenden Kunst“ der Stadt München, 1986, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik – Exzentrischer 1980er
Rabe Perplexum bei der Verleihung des Kulturförderpreis für „Neue Ausdrucksformen im Bereich der Bildenden Kunst“ der Stadt München, 1986, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik – Exzentrischer 1980er

Identitätsfragen, Queerness und künstlerische Praxis

Der Wiederentdeckung von Rabe Perplexum ging allerdings eine Auseinandersetzung des Münchner Künstlers Philipp Gufler voraus. Durch seine künstlerische Recherche bin ich erstmals auf Rabe Perplexum aufmerksam geworden. Vor allem zwei Arbeiten von Philipp Gufler waren mir Augenöffner und Einstieg für eine subkulturelle Kunstgeschichte der 1980er Jahre:

  1. „Quilt #08 (Rabe Perplexum)“ (2015)[3], Siebdruck auf Textil und Teil einer Serie, die nicht-normativ lebenden historischen Personen, queeren Räumen oder Magazinen gewidmet ist, die in der Geschichtsschreibung vergessen wurden 
  2. „Becoming-Rabe“ (2016)[4], eine Videoinstallation, für die Gufler in originalen Requisiten von Rabe Perplexum performen konnte

Obgleich ich seit vielen Jahren in der Stadt an der Isar lebe und Kunstgeschichte lehre, wusste ich kaum etwas über Rabe Perplexum: Die/der Künstler*in befasste sich früh mit Identitätsfragenfernab von rein sexuellen, geschlechtlichen, einfachen Definitionen und verweigerte sich als Rabe Perplexum einer Zuordnung zu Mann oder Frau, trans- oder intersexuell. Queer war der Rabe, weil sein/ihr Habitus und die künstlerische Arbeit nicht normativ und eben quer zu gesellschaftlichen Erwartungen und Kategorien standen. Die künstlerische Praxis nahm zudem voraus, was in der Gegenwart eine Renaissance erlebt.[5] Rabe Perplexum operierte in enger Verbindung mit anderen, die Netzwerke, Freund*innen, Kompliz*innen waren wichtige Bezüge für Produktionen und Aktionen. 

Besonders interessant ist auch das transdisziplinäre Arbeiten in Malerei, Performance, Aktion und in Textform, mit einer starken Affinität für digitale Techniken. Für sein/ihr Tape „The Unknown Artist“ erhielt Rabe Perplexum einen Preis des 10th Tokyo Video Festival.

Rabe Perplexum: undatierte Zeichnungen, Notizbuch, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik
Rabe Perplexum: undatierte Zeichnungen, Notizbuch, Nachlass Monacensia. #PopPunkPolitik

Künstlerischer Nachlass: Identität, „Doing Gender“ und Selbstermächtigung

Dennoch gehört Rabe Perplexum zu den vergessenen Positionen der 1980er Jahre, was sicherlich auch (aber nicht nur) mit der problematischen Rezeption zu erklären ist. 

  • Wie kam es zur Marginalisierung der Person?
  • Warum blieb das Werk so lange Zeit ungezeigt und wurde in keiner umfassenderen Publikation oder weiteren Ausstellung gewürdigt? 
  • Inwieweit sind genderspezifische Ausschlüsse ursächlich für die Blindheit der Kunstgeschichtsschreibung? 
  • Oder war die Praxis zu wenig nachhaltig und ephemer, sodass sie sich nicht so überliefern konnte wie Skulpturales oder Malerisches? 

Eine Auseinandersetzung mit dem künstlerischen Nachlass lässt eine/n Künstler*in sichtbar werden, die/der Arbeiten sorgfältig in Ordnern katalogisierte. Die Videoarbeiten erforderten eine genaue Planung und ein arbeitsteiliges Arbeiten. Ihre/seine Notiz- und Tagebücher und Aktionen generieren sich aus gesellschaftspolitischen Beobachtungen, die soziale, geschlechtliche und rassistische Ausschlüsse, Sexismus und Gewalt, Konformismus und Obrigkeitshörigkeit thematisieren. 

Rabe Perplexums Arbeit ist eng mit München, städtischen (subkulturellen) Orten und Institutionen verbunden: Sie/er arbeitete, gefördert durch das Kulturreferat, agierte im Kontext der Volkshochschule, wirkte in der Galerie der Künstler, in der Kunsthalle 20, Lothringer 13, Diskothek P1, den schwul-lesbischen Clubs Soul City und Pow Wow, der Alabamahalle (wo Rabe Perplexum 1987 mit Lorenza Böttner, Cora Frost und anderen auftrat). 

1984 notierte Rabe Perplexum: 

Ich bin Mann – ich bin Frau – ich bin beides nicht! Und – je häßlicher ich werde – desto schöner bin ich![6]

Programmatisch heißt es in einem Porträt des WDR aus demselben Jahr zu ihr/ihm: „Nicht Mann, nicht Frau, nur Rabe.“ (Regie: Katja Raganelli) Rabes Selbstverständnis steht quer zu der Kategorie des „Doing Gender“, wie es von Candace West und Don H. Zimmermann 1987 entwickelt wurde: Geschlecht entstehe innerhalb gesellschaftlicher Prozesse.[7] Bei Rabe Perplexum wird „Doing Gender“ zu einem Akt der Selbstermächtigung, indem Identität selbst hervorgebracht wird. 

Darüber spricht der Rabe auch in dem WDR-Porträt von 1984, das zwar sensibel gedreht ist, doch die Kunst durchweg als Ergebnis einer seelischen Empfindsamkeit versteht. In der Rezeption fällt eine starke Biografisierung des Werks auf. Bereits im Nachruf auf die/den Künstler*in in der „Süddeutsche Zeitung“ heißt es: 

Rabe Perplexum war für Manuela Paula-Hahn mehr als nur ein Künstlername, er war Versteck vor der Gegenwart, eine Tarnkappe für einen Menschen, der vor der Wirklichkeit Angst hatte.[8]

Die künstlerische Identität Rabe Perplexum wird in dieser Deutung also nicht als gestaltetes Ich, sondern als Tarnung gelesen, die Zuflucht bedeutete. Auch in den wenigen anderen Texten zu Rabe Perplexum entsteht das Bild eines/r psychisch labilen Künstler*in, deren/dessen Werk von ihrem Selbsttod rückwärts gelesen wird, also als teleologisches Fluchten in die Lebenskatastrophe.[9]

Diese Perspektive negiert aber das Künstlerische und Konzeptionelle ihrer/seiner Arbeit: In der künstlerischen Praxis des Raben war das (künstlerische) Ich Teil eines Herstellungsprozesses, bei dem Punk-Habitus, volkstümliche Tracht (und Mundart), S/M-Kleidung und -Accessoires synthetisiert werden. Diese Haltung der Selbstbestimmung verbindet Rabe Perplexum mit anderen Positionen der 1980er Jahre. 

Preis des 10th Tokyo Video Festival für Rabe Perplexum, Mappe im Nachlass, Monacensia. #PopPunkPolitik – Exzentrische 1980er
Preis des 10th Tokyo Video Festival für Rabe Perplexum, Mappe im Nachlass, Monacensia. #PopPunkPolitik – Exzentrische 1980er

„Exzentrische 80er“ – Ausstellungsprojekt für 2022

Über die Auseinandersetzung mit Rabe Perplexum entstand die Idee zu einem Ausstellungs- und Publikationsprojekt, in dem drei zeitgenössische Künstler*innen drei historische Positionen perspektivieren: „Exzentrische 80er: Tabea Blumenschein, Hilka Nordhausen, Rabe Perplexum und Kompliz*innen aus dem Jetzt“.

„Exzentrische 80er“ widmet sich Tabea Blumenschein (1952–2020), Hilka Nordhausen (1949–1993) und Rabe Perplexum erstmals als wichtige Protagonistin*innen der westdeutschen Kunstszene der 1980er Jahre. Das Projekt stellt ihr Wirken in den Kontext von Underground, Aktivismus und Queerness. Alle drei Künstler*innen entwickelten ihre Arbeit in Konstellationen. Mit ihren Standorten Berlin (Blumenschein), Hamburg (Nordhausen) und München (Rabe Perplexum) wird zugleich eine urbane Topografie der Kunst der 1980er Jahre entworfen. 

„Exzentrische 80er” wird – auch in Zusammenarbeit mit der Monacensia – in der Lothringer 13 in München (Sept. 2022), dem Kunstverein Tiergarten/Galerie Nord in Berlin (2022/23) und im Kunsthaus Hamburg (2023) zu sehen sein. Das Projekt erarbeite ich gemeinsam mit den Künstler*innen Ergül Cengiz, Philipp Gufler und Angela Stiegler und den Kunsthistoriker*innen Mareike Schwarz und Julia Wittmann. 

Autorin: Burcu Dogramaci

Burcu Dogramaci. Foto: Simone Scardovelli.
Burcu Dogramaci. Foto: Simone Scardovelli.

Burcu Dogramaci ist Professorin für Kunstgeschichte an der LMU München.

[1] Einen kurzen Auftritt hatte Manuela Hahn in der Folge „Das sechste Streichholz“ (1981) der Krimi-Serie „Derrick“.[2] https://blog.muenchner-stadtbibliothek.de/faszination-rabe-perplexum-ein-werkstattbericht-femaleheritage/. Abruf: 15.11.2021.
[3] Philipp Gufler, Quilt #01–#30, Hammann Von Mier Verlag, München, 2020, S. 68-72.
[4] http://philippgufler.blogspot.com/2016/06/setze-dein-ich-in-anfuhrungsstriche.html. Abruf: 15.11.2021.
[5] Siehe etwa die kollektive Leitung der documenta 2022 durch Ruangrupa oder aber die Leitung der Kunsthalle Wien durch das Kuratorinnenkollektiv WHW.
[6] Siehe Notiz (Erkenntnis 19), 8.3.84, im Nachlass Rabe Perplexum, Monacensia.
[7] Candace West und Don H. Zimmermann: Doing Gender, in: Gender & Society, Jg. 1, H. 1, 1987, S. 125-151.
[8] Nachruf der Süddeutschen Zeitung in der Studierendenakte von Rabe Perplexum im Archiv der Akademie der Bildenden Künste. Ich danke Mareike Schwarz für die Recherche und das Teilen der Materialien.
[9] Siehe Fips Fischer: Chronik einer Begegnung mit Rabe Perplexum, München 1998; Frank Schmitter: Der Nachlass von Rabe Perplexum in der Monacensia, in: Erich Conradi (Hg.): Es bleibt die Kunst: Symposium und Ausstellung „Halbwertzeiten – Langwertzeiten“ zum Thema Vor- und Nachlässe von Künstlerinnen und Künstlern, München 2018, S. 70-73.

Der Beitrag wird gefördert im Programm:

Logo der Ludwig Delp Stiftung, die diesen Beitrag zu #PopPunkPolitik gefördert hat


Die Artikel-Serie zu #PopPunkPolitik verlängert die Ausstellung in den digitalen Raum hinein. Sie vertieft Themen der 1980er Jahre aus literarischer und heutiger Perspektive.

Bisher erschienen sind:

#PopPunkPolitik Vol. 2
#PopPunkPolitik Vol. 2

Der Beitrag ist Teil von #PopPunkPolitik Vol. 2 – unserem digitalen Programm, das wir auf der Microsite zur Ausstellung in der Übersicht spiegeln. Schaut rein!

Lese- und Sehtipps zu Rabe Perplexum

Zu Rabe Perplexum entstanden für die Blogparade #femaleheritage zwei Artikel:

Zu #femaleheritage entstand auch der Bericht des BRs: Wiederentdeckung der Künstlerin Rabe Perplexum (online bis zum 1.7.2022)


Monacensia im Hildebrandhaus
Maria-Theresia-Str. 23
81675 München

Öffnungszeiten: Mo – Mi, Fr 9.30 – 17.30, Do 12.00 – 19.00 | Ausstellungen auch Sa, So 11.00 – 18.00 | Eintritt frei

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